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SUMMARIUM  :  
"Die Erfindung der Götter" * (S. 220 ff.)

Die Erfindung der Götter männlichen Geschlechts ist eine kulturelle Errungenschaft neolithischer Zeit, beginnt also erst  vor etwa  10.000 Jahren, d.h.  im letzten Zehntel unserer  Kulturgeschichte, die vor mehr als  100.000 Jahren mit der Totenbestattung in Jebel Qafzeh ihren Anfang nahm.

Da  die   Erfindung der Götter   primär  kein religiöses , sondern  ein   soziales Phänomen ist, kommt es darauf an, die sozialen Verhältnisse genau zu analysieren und zu verstehen, welche die  Voraussetzung  bildeten für  das Erdenken von Götter- Familien und für  die Entwicklung  und  Durchsetzung  einer mythologisch verfassten  Politischen Theologie , die das angebliche  Wollen  und Wirken,  die Macht und die Herrschaft  der von den Priester-Königen  erfundenen Gottheiten  beschreibt  und  von den Gläubigen Gehorsam einfordert.

Im Paläolithikum wird das All repräsentiert durch die weibliche Ur-Göttin, die „Große Mutter“ allen Lebens und des Todes, die alles Lebendige hervorbringt und in deren Schoß alles zurückkehrt.

Ihr  kommt  in  der   Vorstellung   der  Menschen   Aseität zu,  d.h.  ein   reines „Aus-sich-selbst-Bestehen“; sie ist eine  „Selbstentstandene“, deren Herkunft nicht weiter hinterfragt wird.

Dieser zur Monogenesis fähigen Großen Mutter  wird im Verlauf des Neolithikums der männliche Fruchtbarkeitsgott als Begatter an die Seite gestellt,  der,  wie alle anderen Lebewesen, zunächst nur als ihr Sohn gedacht werden kann.  Damit wird die Große Mutter als Mutter des Sohngottes zur „Muttergöttin“, wie  es  - nach Hesiod-  selbst noch die griechische  GAIA war,  die selbstentstandene Göttin, die weder Mutter noch Vater hatte; sie war die Mutter ihres späteren Gatten, des Himmelsgottes Uranos , und  wurde zur  „Mutter aller Götter“.

Der männliche „Urgott“ ist kein „Schöpfer-Gott“, sondern ein Fruchtbarkeits-Gott, der als Befruchter, als " Stier seiner Mutter" dieser nunmehr im  mythologischen Ritual der  Heiligen  Hochzeit als Bräutigam und Begatter an die Seite gestellt wird.

Die neolithische „Muttergöttin“ wird  zur  Göttin der „Heiligen Hochzeit“, dem Ritual der bilinearen Fruchtbarkeit, degradiert, d.h. sie verliert ihre  monogenetische, unilineare Qualität .   In diesem Kult erreicht der Mann erstmals die Ebene des Göttlichen.  Aus diesem ithyphallischen Fruchtbarkeitsgott, dem männlichen Ur-Gott, werden im historischen Verlauf alle anderen männlichen Götter als Vegetations-, Regen-, Fluß-, Donner-, Wetter-  Götter entwickelt bis hin zum Sonnen- Himmels- und Schöpfer-Gott.

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Auf die selbstentstandene unilineare  Ur-Mutter des Paläolithikums folgt das neolithische  bilineare Ur-Eltern-Paar , im Mythos so wie auf Erden.

Die sich anschließende mythographische Theologisierung eines Götter-Pantheons hierarchischer Ordnung dient der Politischen Theologie und deren Zweck, die im Neolithikum von den Männern auf Erden errungene und etablierte Herrschaft numinos zu überhöhen, ihr einen göttlichen Ursprung zu verschaffen, d.h., Herrschaft und Heil als gottgewollt zu verbinden.  Das zeigt , neben anderen Belegen,  noch  der babylonische Mythos  „Als das Königtum vom Himmel kam“.

Herrschaft wird also als etwas Heiliges verschönert, wie es das Wort Hier-Archie trefflich ausdrückt.

„Heilige Herrschaft“ und „Heilige Hochzeit“, hieros gamos, etablieren die Herrschaft des Mannes, zunächst auf Erden, danach im Himmel.

Die älteren, vorgriechischen, mythologischen Überlieferungen der Heiligen Hochzeit (besonders aus Sumer) zeigen, wie schwer es dem Mann - in der gesellschaftlichen Wirklichkeit - fiel, aus der paläolithischen Herrschaftsfreiheit, der Akephalität und Egalität, aufzusteigen und sich vom untergeordneten Sohn der „Mutter aller Götter“ hochzuarbeiten zu deren gleichberechtigtem Gatten und schließlich zum übergeordneten   Vatergott  und  „paterfamilias“.

Die Frühgeschichte läßt uns erkennen, wie der  HERR als „Priester-König“, d.h., als Fürst mit Priesterfunktion, seine hierarchische Spitzenstellung mit Hilfe der Politischen Theologie als gottgewollt legitimiert, seinen Herrschaftsanspruch in der “ Paarungsfamilie“, wie in der Gesellschaft, vom Himmel herleitet und sich auf diese Weise selbst überhöht.

Der historische Blick macht es offensichtlich, daß es der Mann war, der ein vitales ökonomisches und politisches Interesse hatte an der Heiligung der Sexualität, die ja identisch ist mit der Heiligung der männlichen Fruchtbarkeit, wie diese in der „Heiligen Hochzeit“ ihren Ausdruck fand.  Damit verbunden war die soziale Institutionalisierung der Vaterschaft in der ehelichen Paarungsfamilie und die Vorherrschaft  des   „paterfamilias“.

Es ging schließlich darum, den „Samen-Kult“ zur Geltung zu bringen, d.h., die seit Urzeiten erkannte und adorierte lebensspendende Fruchtbarkeit der Frau zurückzuführen auf die männliche  Sexualität.

Mit  der Durchsetzung der ehelichen Paarungsfamilie durch die Heilige Hochzeit wurde nicht nur die vormalige Blutsfamilie, die konsanguineale Familie des Paläolithikums, ersetzt und zersetzt, sondern zugleich die bisherige genossenschaftliche Arbeit der Frau privatisiert und domestiziert.

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Nachdem der neolithische Mann die herrschaftliche Dominanz auf Erden errungen ,  es bis zum König gebracht hatte,  usurpierte er im Himmel  auch den Thron der  „Mutter aller Götter“.

Die sozio- und psychohistorische Analyse erweist  -  den religions-historisch gewonnenen Einsichten entsprechend - daß die neuzeitliche von Darwin  und Freud entwickelte und immer noch vertretene, aber unzutreffende, Annahme eines  „seine Horde“, oder seine polygyne Familie, nicht zuletzt auch sexuell , dominierenden  „Ur-Vaters,  eine Schöpfung der Phantasie ist, das der theologischen Idee eines omnipotenten Vater-Gottes nachgebildet wurde:   Nach  dem,  oft auch unbewußten ,  Credo  „Wie im Himmel, so  auf Erden“  wird häufig - wenn auch irrig - eine soziale Organisation angenommen und postuliert, die genau jenem Vater-Glauben der monotheistischen Theologie entspricht, obwohl es im Paläolithikum einen solchen irdischen „Ur-Vater“ ebensowenig gegeben hat wie einen männlichen Gott, geschweige denn einen Vatergott.

Die Aufwertung des spätgeborenen  Sohn-Fruchtbarkeitsgottes zum Vatergott und die Abwertung der „Mutter aller Götter“ zur Tochter des Vatergottes, den die Priester durch normative Inversion zum alleinigen, monogenetisch-unilinearen Schöpfer  mythographieren , ein omnipotenter  männlicher Gott , der ohne die Göttin  alles allein macht, sogar  allein zeugt,  wird in den elf Kapiteln dieser Abhandlung ausgeführt und vertieft durch  weitere  Essays   als  Anmerkungen  im Anhang  .

Gerhard Bott *

*Die Erfindung der Götter. Essays zur politischen Theologie.

ISBN 978-3-8370-3272-7

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