logo

Das Thron-Erbrecht der Hethiter

Mit seiner falschen Übersetzung , oder fehlerhaften Interpretation, HATTUSILI I. habe sich "NEFFE DER FRAU SEINES VORGÄNGERS" tituliert, hat der "Altorientalist" Wolfram von Soden grosse Missverständnisse verursacht und Verwirrung gestiftet: Er hat dadurch u.a. den Irrtümern Vorschub geleistet, 

(a) Hattusili habe sein Königtum, den Thron, der Tawananna zu verdanken, die ihn zu König ernannt habe, 

(b) deshalb habe bei den Hethitern ein "matrilineares" Thron-Erbrecht gegolten.

Beide Annahmen sind unzutreffend.

Da Ungenauigkeiten und Fehlschlüsse nicht nur bei von Soden, sondern auch bei Gerda Lerner aufzudecken sind, liegt mir sehr viel an einer grundsätzlichen Klärung dieses Themas, weil dies für das Verständnis des archaischen Königtums im allgemeinen von wesentlicher Bedeutung ist. 

I. Die königliche Geschwister-Ehe und das Thron-Erbrecht:

1) Ich weiss nicht, ob die neuere Forschung von der Annahme einer Gechwister-Ehe abgerückt ist .Brandau/Schickert (2002), auf deren sachkundige Darstellung des Forschungsstandes der "Hethitologie" ich mich im wesentlichen beziehe, erwähnen die Geschwisterehe nicht.

Gerda LERNER schreibt (1986) : "The Hethite Royal House practized brother-sister-marriage: The brother became king , his sister became tawananna, High-Priestress" (aaO. S. 155). D.h. dass in der Frühzeit, vor Hattusili I. , die Abstammung des Königs-Paares aus einer Geschwister-EHE die Voraussetzung für das Königtum und den Zugang zu den beiden höchsten Staats-Ämtern war. Wir fühlen uns damit erinnert an das sogen. "Sakral-Königtum" des afrikanisch-erythräischen Kulturkreises , das Frobenius beschrieben hat. (Vgl. in diesem Blog : "Sakrales" Königtum in Afrika? ).
Eine solche endogame Ehe, die so eklatant gegen das urgeschichtliche Exogamie-Gebot verstösst, wurde sicherlich von den Beteiligten, vor allem aber von der unterworfenen Bevölkerung, als "Sakrale Heirat" angesehen: Die Könige hatten , wie die Götter, Privilegien, die den normalen Menschen nicht zustanden. Analysieren wir, auf welchen Regeln ein solches Königtum beruht.

 2) Die priester-königliche Geschwister-EHE ist ja das Kennzeichen der Paarungsfamilie und damit der Bilinearität des Verwandtschaftsdenkens, das die urgeschichtliche unilineare Matrilinearität ergänzt. Diese Geschwister-EHE ist bei einem bilinearen Thronerbrecht die Voraussetzung dafür, dass ein 

- 2 -

König oder (Priester)-Fürst, seinen Sohn zu seinem Thronfolger bestimmen kann: Der Thron-Erbe kann damit seine Abstammung und königliche Blutslinie nicht allein (unilinear-matrilinear) von seiner Mutter, der Königs-Tochter, herleiten, (die ja selbst auch einer königlichen geschwister-ehelichen Paarungsfamilie entstammt) , sondern er muss , neben einer Königs-Tochter als Mutter , auch einen Königs-Sohn als Vater haben. Es ist also wie beim Maya-Adel, dessen Angehörige sich selbst titulieren: " Diejenigen, die Vater und Mutter haben". Erforderlich ist also Bilinearität der königlichen, der adligen Herkunft. Mit dieser Bilinearität hat der König die erste Etappe erreicht zu seinem Ziel einer unilinear-patrilinearen Thronfolge.

Das Wesentliche, das der König durch die Institutionalisierung der Geschwister-EHE erreicht , ist ja nicht : " The Tawananna's brother shall be king" (Lerner S.155) , denn dass der Bruder der Königs-Tochter König werden soll, hätte sich ja auch ohne Ehe der Geschwister erreichen lassen. Worauf es den Königen mit dieser Regel ankam, war also nicht ihr eigenes , ohnehin gesichertes, Königtum, sondern es ging um die Regelung der Erbfolge. Die Geschwister-EHE hat also , logisch offensichtlich, allein den Zweck, sicher zu stellen, dass der SOHN des königlichen Geschwisterpaares Thronfolger ist und nach dem Tode seines Vaters König wird.

Durch die Geschwister-EHE gelingt es also den Königen, folgendes zu institutionalisieren:

2.1. Nicht irgendein beliebiger, vielleicht vor-ehelicher , Sohn der ehelich geborenen Königs-Tochter wird König, sondern nur ein Sohn , welcher der königlichen Geschwister-EHE entstammt, und das bedeutet: 

König wird der Sohn des Königs, der ja zur Zeit der Geschwister-Ehe immer der Bruder der Königin ist, oder was dasselbe ist: Der Sohn des Bruders der Königin wird König , weil sein Vater der König war. Der ergänzende Rechtssatz :"The tawananna's brother's son shall be king" (Lerner, S. 155) beschreibt also eindeutig die Rechtslage zur Zeit der Geschwister-Ehe. 

Diese Regelung wird mithin ganz offensichtlich nicht erst später eingeführt, wie Lerner irrig annimmt: "Later, when brother-sister-marriage was outlawed....the tawananna's brother's son would succeed to the throne."(S.155); denn Thronerbe war ja schon immer derjenige Sohn, den sie von ihrem , ihr durch die Ehe verbundenen, Bruder empfangen hatte.

Was Lerner wohl meint, ist, dass dieser , von Anfang an geltende, Rechtssatz nach Abschaffung der Geschwister-Ehe anders interpretiert werden konnte und wurde, als zu Zeiten der Geschwister-Ehe.

  - 3 - 

 Zur Zeit der Geschwister-Ehe bedeutete die Regelung: Der Sohn des Bruders der Königin wird König, weil er ja selbstverständlich auch der Sohn der Königin , der königlichen Schwester des Königs ist. Vollständig bedeutete die Regel: 

"König wird der Sohn des Königs, des Bruders der Tawananna", der Ehefrau des Königs und Mutter des Thronfolgers.. Sobald die Könige die Geschwister-Ehe, und damit die Bilinearität des Thronfolgers , abschaffen, kann die alte Regel anders interpretiert werden.

2.2. Sinn machte diese Regel aber vor allem unter folgendem Gesichtspunkt: Sie bestimmt, dass beim Tode des Königs, des Bruders der Tawananna, deren/dessen SOHN den Thron erben sollte, und nicht etwa deren BRUDER, d.h. ein Bruder des geschwister-ehelichen Königspaares. Gegen das ältere , kollaterale Erbrecht, nach welchem vorrangig in der Seitenlinie geerbt wurde ( d.h. der jüngere Bruder folgt seinem verstorbenen Bruder auf den Thron) wurde damit das Erbrecht in absteigender Linie, das "Erbrecht nach Stämmen" durchgesetzt: Die Söhne eines Königs haben das Erb-Vorrecht vor dessen Brüdern. Die Hethiter trafen mit dieser Regelung die gleiche Entscheidung, die lange zuvor auch die ägyptischen Könige getroffen hatten und die uns ja im berühmten "Thronfolgeprozess zwischen Horus und Seth" überliefert ist: Nicht Seth erbt kollateral den Thron seines Bruders Osiris, sondern der Sohn des Osiris, Horus, hat das Erbvorrecht vor seinem Vater- und Mutter-Bruder Seth. Der älteren Erbfolge in der Seitenlinie wird damit das Erbrecht in absteigender Linie vorgeordnet. 

Dies ist historisch eine bemerkenswerte Regelung: Das ältere kollaterale Erbrecht ist verbunden mit der Blutsfamilie , als die Brüder eines Mannes als seine engsten Blutsverwandten angesehen wurden. Erst mit der Ehe und Paarungsfamilie mit Patrilinearität , gilt ein Sohn auch mit seinem Vater als verwandt. Erst jetzt hat ein Mann das Interesse, seinem Sohn den Vorrang vor seinem Bruder zu verschaffen. Deshalb verschafft der König der absteigenden Linie den Vorrang vor der Seitenlinie. 

Dass wir bei den Hethitern von Anbeginn auch mit Patrilinearität des Verwandtschaftsdenkens zu rechnen haben, zeigt uns die grosse Bedeutung , die sie bereits in frühester Zeit der EHE beimessen , und die Ehe ist ja immer ein Merkmal für Patrilinearität . 

3) Im Geschwister-Königtum wird alo der SOHN des königlichen Ehepaares jeweils Thronfolger und TABARNA, Gross-König, mit allen irdischen Befugnissen, besonders Oberbefehlshaber über die Streitkräfte, die TOCHTER 

- 4 -

wird seine schwesterliche Ehefrau , Gross-Königin und TAWANANNA , die die pontifikale Oberhoheit über das gesamte Tempelwesen ausübt und die Verbindung zur grossen "Göttin des Himmels und der Erde", der "Sonnengöttin von Arinna" , pflegt und die als Hohepriesterin fungiert. 3.1 . Wenn Gerda LERNER zu dieser Regelung schreibt: "The Tawanannas brother shall be king" (S. 155) so ist das richtig. Wenn sie daraus allerdings den Schluss zieht: The tawananna's male child inherited the ricght of sucession, not because his father was the king, but because the right of succession was lodged in the tawanna (S. 155), so will sie damit hervorhebn, dass hier nicht etwa eine patrilineare, sondern eine rein matrilineare Erbfolge gegeben war. 

Diese Auffassung ist die Folge eines Denkfehlers :

Der Irrtum beruht darauf, dass die Historikerin Gerda Lerner Bilinearität für unilineare Matrilinearität hält und zudem den juristischen Unterschied übersieht zwischen einer "Erben-Gemeinschaft" und einer "Allein-Erbin" mit Legat.

Die Königs-Tochter, oder Tawananna, ist nicht "Allein-Erbin" des Königtums, hat also absolut kein Recht, über den Thron zu verfügen und den König zu ernennen. Tochter und Sohn eines Königspaares erben gemeinschaftlich, als "Erben-Gemeinschaft", das Königtum . Die Geschwister erben das Königtum als Erbengemeinschaft mit einer "Teilungsanordnung": Der Bruder erbt kraft seiner Geburt den Thron und die Position des "Gross-Konigs" , die Schwester erbt kraft ihrer Geburt die Position der Gross-Königin und die Position der Tawananna, allerdings nur dann, wenn dieses hohe Amt frei ist. (zur Tawananna vgl. II).

Da die königlichen Geschwister nicht nur von ihrer Mutter, sondern auch von ihrem Vater erben, handelt es sich eindeutig um ein bilineares Erbrecht , und Bruder und Schwester sind , zu Zeiten der Geschwister-Ehe, gleichberechtigte Miterben: der Bruder verdankt seiner Schwester ebenso wenig den Thron und sein Gross-Königtum, wie die Schwester ihre Position als Gross--Königin ihrem Bruder verdankt. Beide erben aus eigenem Recht.

Dies scheint Lerner dann, teilweise, doch richtig zu verstehen; denn sie schreibt später: "She inherited as important a position as did her brother" (S. 155). Eine richtige Feststellung, die allerdings im Widerspruch steht zu Lerners vorheriger Behauptung, die Schwester sei die Alleinerbin.

Allerdings , wenn Lerner dann hinzufügt, dies sei ein Hinweis auf "a strong matrilineal tradition" (S. 155) dann ist dieser Hinweis irreführend. Er ist nur 

- 5 -

insofern richtig, dass die strikte Bilinearität des königlichen Erbrechts neben der darin geltenden Patrilinearität auch die Matrilinearität in sich birgt und nur insofern ein Beleg für die urgeschichtlche Bedeutung der matrilinearen Verwandtschaft ist. 

Alsbald werden ja die patriarchalen Könige die Bilinearität aufheben und das Thronerbrecht nur unilinear-patrilinear herleiten.

Was hingegen aus Lerners Hinweis nicht geschlossen werden kann, ist, dass es sich um ein unilinear-matrilineares Erbrecht gehandelt habe, in welchem sich alle Rechte, auch die des Bruders, von der Königs-Tochter (oder Tawananna) herleiten. Eine solche Annahme wäre selbst dann ein Trugschluss, wenn die Tochter Allein-Erbin wäre (was ja nicht der Fall ist): Auch dann hätten wir kein "matrilineares", sondern ein bilineares Erbrecht vor uns, weil sie das Königtum ja nicht allein von ihrer Mutter, sondern von ihren Eltern erbt.

3.2. Fazit: Auch der Königs-Sohn erbt den Thron seines Vaters kraft Geburt aus eigenem Recht, weil er Miterbe ist. Da die Schwester ihren Bruder nicht auswählen kann, hat sie auch nicht das Königs-Wahlrecht. Ihr Bruder verdankt den Thron also unmittelbar seinen Eltern unabhängig davon, ob er eine Schwester hat oder nicht. Selbst wenn eine Königs-Tochter die Ehe mit ihrem Bruder ablehnen würde, erbt dieser den Thron seines Vaters; denn die Rechtsvorschrift lautet nicht: The Tawananna's HUSBAND shall be king", sondern BROTHER. 

4) Wenn Lerner weiter schreibt, gegolten habe ferner ein " old matrilineal custom of accepting a 'marrying-in-man' to the royal successor , IN THE ABSENCE OF AN HEIR" (S. 155) so ist es fehlerhaft, darin ein matrilineares Königtum zu sehen, sondern gerade dies widerlegt Lerners Auffassung : Richtig erkennt sie zwar , dass eine Königs-Tochter einen Mann durch die Ehe mit ihr nur in jenem Ausnahmefall zum König machen kann, dass es keinen männlichen Thron-Erben gibt. Lerner lässt aber unerwähnt, dass auch dann . wenn kein erbberechtigter Bruder vorhanden war, die Wahl nicht völlig im Belieben der Königstochter stand,, sondern dass sie ihren Ehemann aus der Gruppe erbberechtigter Kandidaten der Königssippe wählen musste , z.B. ihren Onkel oder Cousin..

Es ist ja, so sollte man/frau denken, eigentlich unübersehbar, dass dies "marrying-in" nichts mit einer "matrilinearen Thronfolge " zu tun hat, wie Lerner irrig schreibt. (S.155). Das lehren die folgenden Beispiele:

Echnatons Tochter Meritaton erbte den Pharaonenthron ihres Vaters, weil der keinen Sohn hatte ; und Meritaton erbte rein patrilinear; denn ihre Mutter (Nofretete) war nicht aus königlichem Blut. Durch ihre (Zwangs)Ehe mit dem 

 - 6 -

blutsverwandten Prinzen Semenchkare verschaffte sie diesem den Pharaonenthron. Dennoch galt im Neuen Reich kein "matrilneares" Erbrecht.

Auch die Tatsache dass die bruderlose Elisabeth selbst Königin von England wurde, und zwar ohne den Thron an den von ihr frei gewählten Ehemann abtreten zu müssen, lässt ja nicht den Schluss zu, dass Gross Britannien deshalb ein "mutterrechtliches Thronerbrecht", oder ein "matrizentrisches Königtum" sei, und dies auch noch im Gegensatz zu Hattusa oder Ägypten, wo die Königstöchter ein solches Recht eindeutig nicht hatten.

5) In Hattusa war andererseits auch ein Königs-Sohn und Thronerbe , der keine Schwester hatte, in der Frühzeit, als noch die strikte Bilinearität galt, in der Wahl seiner Ehefrau, der Königin und Tawananna, nicht völlig frei: Auch er musste die Regeln der Königs-Sippe einhalten und seine Gemahlin aus der Gruppe erbberechtigter hochadliger Frauen wählen, z.B. eine Tante, Cousine oder sonstige Blutsverwandte zur Ehefrau nehmen und zur Königin machen.

6) Im übrigen aber hatte ein Thronfolger nach der urtümlichen Regel "Der Sohn des Bruders der Tawananna (d.h. des Königs!) wird König" auch schon zu Zeiten der Geschwister-Ehe die Möglichkeit, seine königliche Schwester nur formal als Hauptfrau zu ehelichen, ihr damit das Amt der Tawananna zu verschaffen, aber seine Söhne mit einer Nebenfrau 2. Ranges zu zeugen. Da auch ein solcher Sohn "Sohn des Bruders der Tawananna" war, war er damit gesetzlicher Thronerbe seines Vaters, ohne dass die Tawananna darauf irgend einen Einfluss gehabt hätte.

Dies zeigt uns wiederum , wie hoch das erbrechtliche, familienrechtliche und, wie wir noch sehen werden, auch das prozessrechtliche Denken bei den Hethitern entwickelt war.

II. Die Tawananna :

Da das Amt der Tawananna von grosser Bedeutung und vielen historischen Wandlungen unterworfen war, ein kurzer Abriss: 

Die Tawananna übte die pontifikale Oberhoheit im hethitischen Staat aus und hatte damit Zugang zu den Tempeleinkünften. Neben ökonomischer Macht genoss sie höchstes Ansehen als Hohepriesterin der Hauptgottheit der Hethiter, der "Sonnengöttin von Arinna", jener grossen "Göttin des Himmels und der Erde". Sie verfügte über einen Sitz im Kronrat, dem Panku, und ihr Wort hatte damit grosses Gewicht in allen dynastischen Fragen, die die Königssippe betrafen. Wie wurde eine Frau Tawananna ?

- 7 -

1) Tawananna konnte nur eine Prinzessin werden, die die EHE-Frau eines Gross-Königs, des Tabarna , war . Das bedeutet: Es gab keine Tawananna, die nicht Ehefrau des Königs und damit "Gross-Königin" geworden war. Aber nicht jede Gross-Königin war oder wurde Tawananna. Das lag an der Regel: Eine Königin, die einmal das Amt der Tawananna erhalten hatte, behielt es bis zum Tode. So wie das Amt des Königs allein mit dessen Tod erlosch, verhielt es sich auch mit dem Amt der Tawananna.

Es ist also wie im erythräischen Königtum: Nur eine WAHOSI ( Erste Königsgemahlin) kann das Amt der MAZARRA erhalten, aber nicht jede Wahosi wird Mazarra. (vgl. in diesem Blog: "Sakrales" Königtum in Afrika?)

2) Schon zur Zeit der Geschwister-Ehe war das Amt der Tawananna-Hohepriesterin lebenslänglich. Deshalb trat häufiger der Fall ein, dass die Tawananna die "Mutter des Königs" war und nicht dessen Schwester und Ehefrau. In solchen Fällen musste sich die Ehefrau des Königs, die "Gross-Königin" , gedulden, bis ihre Mutter/Schwiegermutter starb, bevor sie die Machtposition der Tawananna erhielt. Häufig aber starb die Aspirantin schon vorher.

Daraus folgt: Die Tawananna war manchmal die Ehefrau des Königs, manchmal seine Mutter oder seine Stiefmutter oder Tante, nicht regelmässig seine Schwester.

3) Wenn Gerda Lerner schreibt: " The Tawananna's daughter, who inherited her office" (S. 155) so ist dies als Regel auch nicht zutreffend. Zwar konnte manchmal eine Tochter der Tawananna ihrer Mutter im Amt nachfolgen. Doch für den Erbanspruch reichte es nicht aus, die Tochter der Tawananna zu sein. Erben konnte dies Amt nur die jeweilige Gross-Königin, also die Ehefrau des regierenden Königs, und die war selbst zu Zeiten der Geschwister-Ehe nicht immer die Tochter der Tawananna., sondern konnte, je nach den Umständen, ihre Schwester, Cousine oder Nichte sein. Die Regelung, dass zwar das Amt der Gross-Königin mit dem Tode ihres Ehemannes, des Königs, erlosch, das Amt der Tawananna hingegen der Amtsinhaberin lebenslänglich verblieb, führte dazu, dass es nicht regelmässig die Tochter war, die das Amt ihrer Mutter erbte. Auch in diesem Punkt ist Lerner ungenau.

4) Aus diesem Sachverhalt lassen sich auch Erkenntnisse gewinnen, wie der Königstitel "Sohn des Bruders der Tawananna" zu verstehen war:

Wenn zu Zeiten der Geschwister-Ehe ein König, der leibhaftiger Bruder der Tawananna war, starb , dann wurde beider Sohn König. Der König ist dann nicht mehr der BRUDER der Tawananna , sondern SOHN der Tawananna. Wenn auch dieser Königs-Sohn der Tawananna starb , wurde dessen Sohn Thronfolger, d.h. der Enkel-Sohn der Tawananna . 

- 8 -

Fortan sitzt also der "SOHN DES SOHNES DER TAWANANNA" auf dem Eisenthron und nicht, wie es die Regel vorschreibt, der "Sohn des Bruders der Tawananna ." Dies lässt uns erkennen: Der Titel "Sohn des Bruders der Tawananna" ist einer der Königstitel und wurde nicht wortwörtlich verstanden. So wie in Ägypten sich jeder König "Sohn der Isis" nannte, konnte sich ein hethitischer König "Sohn des Bruders der Tawananna" titulieren, weil "SOHN" sich nicht nur auf die leiblichen Eltern bezog , sondern engere Blutsverwandte einschloss, in der Weise, wie auch der biblische Laban seinen Schwesternsohn Jakob seinen "BRUDER" nennt. Auch andere Blutsverwandte , die der grossen Königssippe , der auch die Tawananna entstammte , angehörten , konnten sich deshalb "Bruder" nennen.

5) Ferner konnte ein König infolge des ihm zustehenden Rechtes der Polygynie die vorgeschriebene Bilinearität der Abstammung seines Thronfolgers auch schon zu Zeiten der Geschwister-Ehe umgehen und sie de facto zu einer unilinearen Patrilinearität umwandeln: Wenn er seine Schwester nur formal als Hauptgemahlin ehelichte, sie zur Tawananna machte , aber die Ehe nicht vollzog, sondern seinen Sohn mit einer seiner adligen Nebenfrauen aus der Königssippe zeugte, wurde dieser Sohn Thronfolger, weil er das Kriterium "Sohn des Bruders der Tawananna" erfüllte. Auf diese Weise konnte der König seine Schwester de facto aus der dynastischen Blutslinie ausschliessen.

6) Dass es sich beim Amt der Tawananna um ein lebenslanges Amt handelte, wie beim König, sollte sich für die Könige und auch für die ehefraulichen Königinnen noch als eines der grossen Probleme herausstellen: Bei dieser Rechtslage wurden von der Tawananna einerseits und von der ehefraulichen Gross-Königin andererseits, häufig eine unvereinbare dynastische Politik verfolgt. Einer Tawananna war oft daran gelegen, die Gross-Königin als ihre Nachfolgerin auszuschliessen und deren Abkömmlinge zu benachteiligen, eine Gross-Königin konnte ihrerseits das Ziel verfolgen, die Tawananna zu beseitigen, um das hohe Amt für sich selbst zu gewinnen, sowie die Abkömmlinge ihrer Konkurrentinnen, der Nebenfrauen des Königs, zu beseitigen.

Die eine, wie die andere der beiden Frauen konnten das Interesse verfolgen, den König selbst zu beseitigen, um ihre Söhne auf den Thron zu bringen oder ihre Töchter zur Ehefrau des Königs und damit zur Gross-Königin zu machen. Wir können davon ausgehen, dass die ständigen Königsmorde nicht nur von den Prinzen der Königssippe begangen wurden, sondern dass auch unter den Prinzessinen so manche "Lady Macbeth" war. Auch hier fühlen wir uns erinnert an das erythräische Königtum, obgleich Frobenius diese dynastisch motivierten Morde , unter Frazers Einfluss , recht naiv als "Sakrales Königsopfer" bezeichnet.

- 9 -

Selbst wenn die königlichen Mörder die Beseitigung des Königs ihren Untertanen als "Sakrales Königs-Opfer" erklärten, das für alle Segen brächte, so müssen wir ja eine solche durchsichtige Beschönigung nicht glauben, genau so wenig , wie die machtgierigen Täter, die es besser wussten.

III. HATTUSILI I. : (1565 - 1540 v. Chr. )

Als HATTUSILI I. 1565 v. Chr. den Eisenthron erbt, tituliert er sich:

"Der Gross-König, der TABARNA, Hattusili, König des Landes Hattusa,... Sohn des Bruders der Tawananna" (Brandau/Schickert , S. 38 f.). 

Hattusili leitet also sein Königtum her als "SOHN" des Königs und Bruders der Tawananna. 

Deutlicher kann der Hinweis auf die PATRILINEARITÄT nicht ausgedrückt werden, als dadurch, dass er sich für sein Thron-Erbrecht auf seine Abstammung als "SOHN" seines Vaters beruft. Sein Vater, der König, galt -nach alter Regel- als "Bruder der Tawananna".

Entweder Hattusilis Vater, der König, war wirklich ein leiblicher "Bruder der Tawananna" , und diese damit Hattusilis Tante, vielleicht war sie aber auch nur seine Gross-Tante, die Tante seines Vaters , oder dessen Cousine. Auch dies hätte Hattusili nicht daran gehindert, sich als "Sohn des Bruders der Tawananna" zu titulieren, (s. oben II.).

Immerhin spricht Hattusilis Berufung darauf , dass sein Vorgänger "Bruder der Tawananna" gewesen sei, dafür , dass das Königtum in der Frühzeit auf der Geschwister-Ehe beruhte, was zur zeit Hattuslis nicht mehr der Fall war.

1) Allerdings führte Hattusili gravierende Änderungen ein: "Hattusili abolished the office of Tawananna and proclaimed himself Chief Priest" schreibt Gerda Lerner (S. 155). Das macht deutlich, welche Vormachtstellung der Gross-König zu jener Zeit der Tawananna gegenüber schon gewonnen hatte, auch wenn spätere Könige die Entscheidung revidierten und das Amt der Tawnanna wieder herstellten. Auch verfügte Hattusili selbstherrlich über das Thronfolgerecht: Er überging seinen eigenen Sohn und setzte dessen Sohn, seinen Enkel-Sohn , als Thronerben ein. (Lerner, S. 155).

Wenn Lerner schreibt: "But the decree of Hattusili I. did not abolish the strong matrilineal tradition, and the rule of succession, that the tawanannas brother's son shall be king persisted." (S. 155), so habe ich unter I.,3.1. nachgewiesen, dass dies ein Denkfehler Lerners ist: Es handelt sich nicht um eine "matrilineare", sondern um eine bilineare Tradition.

- 10 -

Dass der Reformer Hattusili diese Rechtsvorschrift bestehen liess, hat also nichts mit einem besonderen Respekt vor "Matrilineariät" zu tun, sondern lässt und folgendes erkennen:

1.1. Entweder war Hattusili wirklich ein leiblicher Sohn eines Bruders der Tawananna, so dass sich eine Abschaffung der Regel für ihn als unnötig erwies.

1.2. Oder die Bezeichnung "Bruder" wurde auch für entferntere Blutsverwandte verwendet. ( s. oben II, 4.).

1.3. Oder jeder König nannte sich , der urtümlichen Tradition folgend, "Bruder der Tawananna" , so wie sich jeder Pharao "Sohn der Isis" nannte.

Fest steht auf jeden Fall, dass Hattusili in der Beibehaltung dieser Titulatur kein Problem für sich selbst sah und dass Lerners Schlussfolgerungen unzutreffend sind.

2) Wenn von Soden den von Hattusili geführten Titel "Sohn des Bruders der Tawananna" übersetzt mit " NEFFE DER FRAU SEINES VORGÄNGERS" , dann ist das hanebüchen falsch. Dass mit beiden Versionen dasselbe ausgedrückt werde, kann ja nur jemand annehmen, der unfähig ist, differenziert zu denken. 

2.1. Aus Sodens Übersetzung "Neffe der Frau" ist nicht ersichtlich, dass Hattusili nicht einfach von der (Ehe)-"Frau" des Königs , sondern von der Tawananna sprach. Dass die Rede von der Tawananna ist, geht in Sodens "Übersetzung" also verloren.

Wie ich dargelegt habe, waren Ehe-Frau des Königs und Tawananna in vielen Fällen nicht identisch. 

2.2. Hattusili hat ferner in seinem Titel nicht erwähnt, dass die Tawananna die (Ehe)-"FRAU" des Königs gewesen wäre; dies hat Soden in seiner Übersetzung frei hinzu erfunden.

2.3. "Neffe der Frau" lässt offen und nicht erkennen, ob es sich um einen Schwestern-Sohn oder Bruder-Sohn der "Frau" handelt (beide sind ja ihre "Neffen") , während Hattusili sich eindeutig als "Bruder-Sohn" bezeichnet. Wiederum der Verlust eines wesentlichen Inhaltes.

2.4. Die Soden-Übersetzung erweckt den Eindruck, die (Ehe)- FRAU des verstorbenen Königs (des "Vorgängers") könne nach ihrem Belieben jeden ihrer Schwestern-Söhne , also einen Sohn einer Schwägerin des Königs , zum 

- 11 -


Thronfolger und König ernennen, und zwar unabhängig davon, wer der Vater ihres "Neffen" ist, oder , nach ihrem freien Belieben, auch jeden ihrer Bruder-Söhne, also einen Sohn eines Schwagers des Königs zum Thronfolger und König ernennen, und zwar unabhängig davon, wer die Mutter dieses "Neffen" ist. 

Nichts könnte verfehlter sein. als eine solche Annahme.

2.5. Mit der falschen Übersetzung des Titels "Neffe" der Königin wird der Eindruck erweckt, es habe sich um ein "matrilineares Erbrecht" gehandelt, weil der "Schwestern-Sohn" von seinem "Mutter-Bruder" geerbt habe. 

Auch eine solche Annahme wäre ein gravierender Irrtum: Hattusili ist nicht ein "Schwestern-Sohn" der von seinem "Mutter-Bruder" erbt, dessen "Neffe" er ist, sondern er erbt als SOHN seines Vaters und nicht als "Neffe" von seinem Onkel; denn er nennt sich ausdrücklich "Sohn" und nicht "Neffe".

Nur wenn Hattusili einer Geschwister-Ehe entstammte, wäre er als "Sohn" seines Vaters gleichzeitig "Sohn" und "Neffe" seiner Mutter. 

Alle diese unverzichtbaren vorgenannten fünf Differenzierungen hat von Soden durch den Wolf gedreht und damit einen wissenschaftlich unbrauchbaren Brei erzeugt.

3) Ein (auch von Lerner) immer wieder erwähntes "matrilineares" Erbrecht im Sinne von "mutterrechtlichem" Erbrecht, in welchem der Schwestern-Sohn von seinem Mutter-Bruder erbt (eine Version des kollateralen Erbrechts) , setzt ein Verwandtschaftssystem voraus, in welchen es keine ehelichen Paarungsfamilien gibt. Diese (kollaterale) "avunkulare" Erbfolge ist das Kennzeichen eines unilinear-matrilinearen Verwandtschaftssystems, in dem ein Mann keine Blutsverwandten in absteigender Linie hat, sondern nur Verwandte entweder 

(a) in aufsteigender Linie , z.B. seine Mutter, matrilineare Grossmutter etc, oder 

(b) in der matrilinearen Seitenlinie, z.B. seine Schwestern, Brüder , Cousinen , sowie die Abkömmlinge seiner weiblichen Blutsverwandten, nicht hingegen die Abkömmlinge seiner Brüder.

Geerbt wird hingegen meist geschlechtsspezifisch: Mütter und Töchter erben in absteigender oder aufsteigender Linie von einander , Brüder erben ebenfalls geschlechtsspezifisch , aber in der Seitenlinie von einander (1.Ordnung) oder es erben deren Schwestern-Söhne in der Seitenlinie 2. Ordnung.

- 12 -

Bei den Hethitern haben wir aber ein Sozialsystem mit EHEN und PAARUNGSFAMILIEN vor uns, also ein BILINEARES Verwandtschaftssystem, das nicht verwechselt werden darf mit einem

unilinear-matrilinearen Verwandtschaftssystem. Für Juristen ist schwer nachvollziehbar, warum dieser Unterschied so oft übersehen wird.


IV. TELIPINU ( 1525 v. Chr.)

Nach Hattusilis Tod , 1540 v. Chr. , herrscht für 10 Jahre noch sein Enkel-Sohn MURSILI I. (bis 1530 ) und danach begann in der Königssippe ein mörderischer Konflikt um den Thron: In fünf Jahren wurden fünf Könige ermordet. 

Deshalb erliess König TELIPINU im Jahre 1525 ein Edikt (Lerner, S. 155) , in welchem er das bisher noch nicht kodifizierte Thron-Erbrecht verankerte , wie folgt:

"König werden soll nur ein SOHN, der eines Königs Sohn ERSTEN Ranges ist. (D.h. ein ehelicher Sohn mit der Hauptgemahlin, der Gross-Königin).

Wenn ein erstrangiger Königs-Sohn nicht vorhanden ist, soll jener König werden, der ein Sohn ZWEITEN Ranges ist (d.h. mit einer der Nebenfrauen).

Falls aber ein Königs-Sohn, ein Erbsohn, nicht vorhanden ist, dann sollen sie für die Königs-Tochter , die ERSTEN Ranges ist (d.h. Tochter des Königs und seiner Hauptgemahlin) einen Ehemann, einen Schwieger-Sohn nehmen und jener soll König werden. " (Brandau/Schickert S. 101).

Damit hatte Telipinu jetzt schriftlich verankert, was den Königen genügend Bewegungsfreiheit verschaffte. Da sie auch zuvor schon Nebenfrauen aus der Aristokratie nehmen konnten, durften sie jetzt so viele Nebenfrauen nehmen, bis eine von ihnen dem König den ersehnten Sohn, oder besser, die ersehnten Söhne , gebar. 

V. SUPPILULIUMA und seine Nachfolger:

1) SUPPILULIUMA (1355 - 1320 v. Chr.)

König Suppiluliuma, dieser Zeitgenosse Echnatons, der auch dadurch in die Geschichte einging, weil er jener König war, der für einen seiner Söhne den schriftlichen Heiratsantrag von Echnatons verwaister Tochter MERITATON (oder ANCHESENATON) erhielt (Brandau/Schickert S. 177), hatte in der

- 13 -

Wahl der Königsgemahlin bereits völlig freie Hand: Als seine Hauptgemahlin hatte er eine Tochter des Königs von Babylonien geehelicht und jene Prinzessin MALNIGAL (aaO. S. 219 f.) zur Gross-Königin HENTI gemacht. Aber nicht nur das: Er hatte ihr auch das lebenslängliche Amt der TAWANANNA übertragen. (aaO. S. 165). Die Babylonierin hatte damit die pontifikale Oberhoheit inne, war die Hohepriesterin des hethitischen Staates auf Lebenszeit und verfügte über einen lebenslangen Sitz im Panku, dem Kronrat. (aaO. S. 219). Damit hatte der König für seine Nachfolger ein Problem geschaffen:

2) MURSILI II. (1318 - 1290 v,.Chr.)

MURSILI II. war der jüngste Sohn des Suppiluliuma, der als Streitwagen-Krieger im Alter von nur 20 Jahren den Eisenthron erbte, weil sein älterer Bruder und Vorgänger, König ARNUWANDA II. schon nach zweijähriger Regierungszeit gestorben war. Weil Arnuwanda keinen Sohn hatte, kam es in diesem Falle zur kollateralen Erbfolge.

MURSILI II. war ebenfalls kein " Sohn des Bruders der Tawananna", denn sein Vater Suppiluliuma war zwar der Ehemann der Tawananna , aber nicht deren "Bruder". 

Mursilis Hauptfrau GASSULAWIJA (aaO. S. 219 ff.) war durch die Ehe mit dem König zwar "GROSS-KÖNIGIN" geworden, aber nicht Tawananna, weil diese pontifikale Machtposition noch von der sogen. "Babylonierin", der Königs-Witwe, Henti, besetzt war. (aaO. S. 165, 219 ff.). Die Gross-Königin Gassulawija gebar König Mursili zwei erstrangige männliche Thron-Erben: die späteren Könige MUWATALLI II. und HATTUSILI III. Beide sind also ebenfalls nicht "Sohn des Bruders der Tawananna", sondern die Tawananna war ihre Stiefmutter.

Nachdem Mursilis Hauptgemahlin, die Gross-Königin Gassulawija , im 9. Regierungsjahr gestorben war, ohne je Tawananna geworden zu sein, machte König Mursili der Tawananna, seiner Stiefmutter, der "Babylonierin", den Prozess wegen Hexerei, weil sie den Tod seiner Frau herbeigeführt habe. Das Oberste Gericht verurteilte die Tawananna ; sie verlor alle ihre Ämter und wurde vom König in einen "Goldenen Käfig" gesperrt.

Mursili ehelichte eine neue Hauptgemahlin, und zwar eine ISHTAR-Priesterin, die er zur Gross-Königin TANUHEPA und auch zur Tawananna machte, nachdem er der Babylonierin dies Amt entwunden hatte. Mit der Tawananna TANUHEPA hatte jetzt wieder eine königliche Ehefrau jenes hohe Amt inne , und zwar für 30 Jahre . (aaO. S. 223). Auch dies wurde den Nachfolgern zum Problem. 

- 14 -

3) MUWATALLI II. ( 1290 - 1272 v. Chr.) 

Thronfolger des Mursili II. wird dessen Sohn Muwatalli II. Auch er ist kein "Sohn des Bruders der Tawananna". Wie zuvor sein Vater Mursili der Tawananna Henti , so machte jetzt König Muwatalli der Tawananna Tanuhepu, wiederum seiner Stiefmutter, den Prozess, wegen religiöser Verstösse, die sie , wohl als ehemalige Ishtar-Priesterin, begangen hatte. Auch sie wurde vom Obersten Gericht ihres Amtes enthoben und in einen Goldenen Käfig abgeschoben. Von seinem Sohn und Thronfolger Mursili III wird sie später rehabilitiert werden. (aaO.. S. 259).

MUWATALLI II. war jener König, der 1247 v. Chr. gegen Ramses II bei Kadesh in die Schlacht zog mit 3.500 Streitwagengespannen und 37.000 Soldaten. (aaO. . S. 23 ).

4) MURSILI III. ( 1272 - 1266 v. Chr. )

Muwatallis Sohn URHITESUB erbte den Eisenthron von seinem Vater und nannte sich , nach seinem Grossvater, MURSILI III. Da er nur der Sohn einer Nebenfrau war, sah der Bruder des verstorbenen Königs Mutawalli, Hattusili III, dies mit Widerwillen, denn schliesslich war er selbst ein erstrangiger Sohn des Königs Muwatalli II. gewesen. So gab es zwischen dem Onkel, Vater-Bruder aus königlichem Geblüt, und dem jungen König Mursili III. ständig Konflikte.

5) HATTUSALLI III. ( 1266 - 1236 v. Chr.)

Schliesslich reichte es dem 40 Jahre alte HATTUSILI III. und er setzte seinen Neffen mit Gewalt ab. Er machte es wie folgt aktenkundig:

"Als aber mein Bruder (Muwatalli II.) GOTT geworden und für ihn kein legitimer Sohn vorhanden war, nahm ich den Sohn einer Nebenfrau (des Muwatalli) und setzte ihn zur Herrschaft ein." ( Hattusilli beschreibt dann, wie Urhitesub die Gnade der Ishtar verlor.) ..... Entsprechend der Hochachtung für meinen Bruder tat ich keinesfalls Böses, sondern marschierte gegen Urhitesub und führte ihn wie einen Gefangenen ab. Ich gab ihm im Lande Nuhassa befestigte Städte und dort verblieb er. Und Istar, meine Herrin, gab mir das Königtum über das Land Hattussa. Und ich wurde Grosskönig". (aaO. S 263 f.).

Hattusilli setzte also gegen das bereits etablierte Erbrecht nach Stämmen das alte kollaterale Erbrecht gegen seinen Neffen durch. ( Das war so, als hätte Seth Horus vom Thron vertrieben).

- 15 -

Dieser Abriss mag zeigen, dass die Könige die Pontifikale Oberhoheit und das Amt der Hohepriesterin zwar noch den königlichen Frauen überliessen, aber nur unter der Bedingung, dass die Amtsinhaberinnen sich auf ihre theologischen Aufgaben beschränkten und nicht in die Politik eingriffen, auch nicht in die dynastische Politik. Die eigentliche Staatsmacht, vor allem das Gewaltmonopol und die Erbfolge lagen in der Hand des Königs.

HETHITER und das LAND HATTI

I. Das Land HATTI

Urbane Zentren von Boviden-Bauern-Kulturen gab es in Anatolien seit 7.000 v. Chr. : Catal Höyük, Hacilar etc.

1) Ab 2.500 v.Chr. , also zur Zeit der sumerischen Königsgräber von Ur und des Pyramidenbaus in Ägypten, fand eine Immigration statt von "Rinder-Hirten mit Ochsenkarren"; Einwanderer, die sich in Anatolien niederliessen. (Brandau/Schickert S. 16). Einige Sozialverbände dieser multi-tribalen Rinderbauern besiedelten den Südwesten Anatoliens, die Küstenregionen, andere den Norden und einige das uns interessierende Gebiet in Zentral- und Ost-Anatolien, wo bereits die sogen. HATTIER vor ihnen sesshaft geworden waren und lebten. Die eingewanderten Überschichter waren chalkolithische Rinderhirten, die alsbald eine bronzezeitlche urbane Oberschicht bildeten , und ihre Fürstengräber zeigen, dass diese fremdstämmige Oberschicht in grossem Luxus lebte. (aaO Brandau/Schicker , S. 17 , 19).

2) Jene Immigranten nennen sich genau so wie die Einheimischen : "Menschen von Hatti" (B/S. S. 19). Die neue Oberschicht residiert und herrscht in vielen von einander unabhängigen Stadt-Fürsten(König)-Tümern mit Herrensitzen und Tempeln (B/S. S. 17), in denen ein Kult der Muttergöttin verbunden mit Stierkult zelebriert wird. (B/S. S. 18). Wir finden , was den Kult angeht, also das vor, was uns aus Catal Höyük und Hacilar bekannt ist; aber jetzt in hierarchisch strukturierten urbanen Zentren mit sozialer Arbeitsteilung und voll entwickelter Metallurgie. 

Einige der hattischen Stadtstaaten hatten eine besondere kultische Bedeutung. ( aaO. S. 23). Wir haben hier also ähnliche Tempel/Palast-Stadtstaaten einer hoch entwickelten Bovidenkultur vor uns , wie in der Ubaid-Kultur vor dem Einmarsch der Sumerer. 

- 16 -

3) Der Reichtum der Herren der neuen Plutokratie beruhte nicht nur auf der Ausbeutung der überschichteten einheimischen Bevölkerung des Landes Hatti, sondern auch auf Gewinnen, die der Adel durch die Kontrolle des Fernhandels erzielte, wobei nachgewiesen ist, dass auch assyrische Kaufleute dort tätig waren. (aaO. S. 23). HATTUSA ist bereits vor der Invasion der Hethiter eine bedeutende Handelsstadt.

II. DIE HETHITER:

1) Um 1.800 v.Chr. rücken aus dem Osten, wohl vom Schwarzen oder Kaspischen Meer kommend, fremdstämmige Equidenkrieger mit ihren Pferde-bespannten Streitwagen an, um sich die blühenden Städte des anatolischen Landes Hatti entweder untertan und tributpflichtig, oder sie dem Erdboden gleich zu machen. Die Eroberer gehören einer fremden, der indo-europäischen , Sprachfamilie an und sie waren Rinderbauern, denen zudem die Domestikation des Pferdes gelungen war. Etwa zur gleichen Zeit überfielen die indoeuropäischen Arier mit ihren Streitwagen die Rinderbauern im Elam und in Indien.

2) Als der erste "Gross-König" der Hethiter, der um 1.700 v. Chr. bereits mehrere der hattischen Stadt-Königtümer erobert und unter seine Herrschaft gebracht hatte, ist ANITA nachgewiesen. Die von ihm geführten Hethiter waren damals mit 40 Streitwagen-Gespannen und 1.400 Kriegern angerückt. (aaO. B/S. S. 23). Dies war zu jener Zeit in Anatolien eine ausreichend grosse Streitmacht, um die rinderbäuerlichen Stadt-Königtümer der Hattier zu erobern. Daraus können wir schliessen , dass die Hattier eine nur gering militarisierte Bovidenkultur entwickelt hatten, und sie dem Militär-Potential der Hethiter nichts entgegen zu setzen hatten. Die blühende Stadt Hattusa machten Anitas Truppen dem Erdboden gleich.(B/S. S. 24).

Die Equidenkrieger schlugen also gleich mit äusserster Brutalität zu. ANITA, der Gross-König auf dem "Eisenthron" , setzt seine imperiale Kriegspolitik mit immer stärkeren militärischen Mitteln fort. 

Erinnern wir uns: Dies war zu einer Zeit, als der Gross-König semitisch-amoritischer Streitwagen-Krieger, HAMMURABI , sein Weltreich in Babylonien aufgerichtet hatte und in Ägypten gerade die asiatischen HYKSOS mit ihren Streitwagen eingefallen waren.

- 17 -

Es beginnt ein Wettrüsten unter den Grossmächten und einige Jahrhunderte später, als 1.274 v. Chr. der Hethiter-König MUWATALLI II. gegen RAMSES II in der Schlacht bei Kadesch antritt, verfügen die Hetehiter bereits über 3.500 Streitwagen-Gespanne und 35.000 Soldaten. (B/S. S. 23), d.h. die Streitwagen-Kavallerie ist seit Anita auf das 90fache, die Fusstruppen sind auf das 20fache angewachsen.

vgl. in diesem BLOG auch: 

 Das  Thronerbrecht der Pharaonen

Zur sozialen Organisation der Boviden-Züchter:
Catal Höyük, Bandkeramiker, Städte-Gründer von  El Ubaid

Sumerer, Semiten , Indoeuropäer :  Streitwagen-Krieger

Indoeuropäer und Kurganpopulationen:  Streitwagen-Krieger

Hyksos, Hurriter, Mitanni :  Streitwagen-Krieger

 

gerd_bott_die_erfindung_der_goetter_th_180

 

Im Buchhandel erhältlich und bei

Books on Demand (BOD)

Amazon.de

Google Books