logo

Kommentar zu -

THE HORSE, THE WHEEL AND LANGUAGE -

How Bronze-Age-Riders from the Eurasian Steppes shaped the Modern World (2007) von D.W. ANTHONY

"HARNESSING HORSE POWER" (2007) Website-Essay von David W. Anthony and Dorcas A. Brown

Anthony's linguistisch-archäologischen Ansatz finde ich ausgezeichnet, wie Cavalli-Sforzas linguistisch-genetischen. Das Buch ist sehr gründlich gearbeitet und enthält eine Fülle wertvollen Materials. Dennoch sehe ich eine Reihe anfechtbarer Hypothesen, Schwachstellen und innerer Widersprüche.

Da Anthony sein Material kasuistisch aufbereitet und darlegt, wird der kultur-historische Überblick oft erschwert, weil viele zum Verständnis wichtige Befunde an verschiedenen Stellen und nicht im Zusammenhang angegeben werden.

Ich werde deshalb in dieser Stellungnahme einer anderen, und zwar einer kultur-geschichtlich weniger kasuistischen, sondern universaleren Gliederung folgen, um die Themenkreise zu kommentieren, die für mich und mein Buch von besonderem Interesse sind, und zwar:

 I. Äneolithische Rinderzüchter der Proto-Indoeuropäischen Grundsprache domestizieren das Pferd in der pontisch-kaspischen Region 

 II. Wann und wie ist die Domestikation des Pferdes nachgewiesen ?

III. Rad und Wagen und das Pferd (The Horse AND the Wheel).

IV. Raub-Überfälle und Krieg - Erst Streitwagen- danach Reiter-Krieger

V. Patriarchat 

VI. Anthony zu Marija Gimbutas:

Göttin (1), Steppenheimat der Indoeuropäer und Alt Europa (2), 

Invasion einer "horse-riding" Kurgan-Kultur (3).

- 2 -

ZUSAMMENFASSUNG:

(1) Der Haupttitel : "The Horse, the Wheel and Language" weist zutreffend auf PFERD und WAGEN hin, auf das GESPANN, das die verschiedenen Sprachgruppen der INDO-EUROPÄER kennzeichnete.

Der Untertitel hingegen "Bronze-Age-Riders shaped the Modern World" ist für Englisch-Leser missverständlich, für deutsche Leser in gefährlicher Weise irreführend. Aus zwei Gründen:

(a) Anthony verwendet die Wörter "ride" und "rider" nicht nur im Sinne von Reiter und Reiten, sondern auch im Sinne von FAHREN und FAHRER, wie es ja im englischen mit "bus-ride" üblich ist. Daneben verwendet er es aber auch synonym mit dem unmissverständlichen "horseback-riding", was zu erheblichen und schwerwiegenden Missverständnissen führen kann und führt.

Die Tatsache, dass Anthony das Proto-Indoeuropäische (P.I.E.) - Wort

*wégheti-, d.h. "go in a vehicle" (S.36), im Deutschen also fahren bedeutet, nicht mit "drive", sondern mit "ride" übersetzt ( S. 35), und auch an anderen Stellen schreibt :

" Near Eastern monarchs had by than ridden in wheeled vehicles for more than 1000 years. (S. 418).

zeigt also, dass wir Anthony's "Bronze-Age-RIDERS" durchaus auch mit "Bronzezeit-FAHRERN" ins Deutsche übersetzen können.

(b) Dass eine solche deutsche Übersetzung den von Anthony beschriebenen historischen Sachverhalt genauer treffen würde, folgt aus der Tatsache, dass er den Untertitel speziell auf die "GESTALTUNG der MODERNEN WELT" (" shaped the Modern World" ) bezieht. Er führt in seinem Buch eingehend und zutreffend aus, dass historisch "DRIVING BEFORE RIDING" das Kennzeichen der indoeuropäischen Migranten war. Er weiss, dass REITER-Krieger erst in der Zeit nach 1.000 v. Chr. militärisch auf den Plan traten und dass länger als zwei Jahrtausende davor die schwer bewaffneten Equiden-Krieger mit ihren STREITWAGEN auffuhren, um sich neue Weideflächen für ihre Rinderherden mit Gewalt anzueignen. Er warnt deshalb seine LeserINNEN: 

" It would be grossely inappropriate to apply that later model of mounted warfare to the Eneoloithic". (S. 224), eben weil dies eine Errungenschaft der Eisenzeit ist.

3 -

Da die "Bronze-Age-RIDERS", die durch ihre Immigrationen " die Moderne Welt gestalteten", also Wagen-FAHRER waren, und die indoeuropäischen REITER erst in der EISENZEIT die "Gestaltung der modernen Welt" weiter voran trieben, hätte Anthony entweder von "Bronze-Age-Drivers" oder von "Iron-Age-Riders" sprechen müssen, um genau zu sein und um einen Selbstwiderspruch zu vermeiden.

(vgl. hierzu im einzelnen die folgenden Abschnitte III und IV.)

(2) Anthony bestätigt zutreffend den Befund, dass Rinder zuerst um 7.000 v. Chr. in Anatolien domestiziert worden sind, und dass von dort aus die Rinderzüchter (die auch Caproviden hielten) auch nach Westen, und zwar über Thessalien, den Balkan, Südost-Europa und das Donautal bis in die pontisch-kaspische Region immigrierten. Im "Alten Europa" hatten sie bereits ab 6.700 v. Chr. gesiedelt und eine blühende Rinder-Bauern-Kultur entwickelt und von dort, waren die Rinderzüchter aus dem Donaubereich kommend, in die pontisch-kaspischen Steppen eingewandert, wo sie ab 5.800 v. Chr. nachgewiesen sind.

Zur Zeit ihrer Einwanderung lebten in den pontisch-kaspischen Steppen Wildbeuter, deren Männer sich auf die Jagd von Wildpferden spezialisiert hatten.

Diese eingewanderten Rinderzüchter liessen sich im Gebiet der Pferde jagenden Wildbeuter nieder, einige als sesshafte Rinder-Bauern, andere als nomadisierende Rinder-Hirten. Das Zusammenleben mit den Pferdejägern führte dazu, dass sich immer mehr von ihnen als Rinderzüchter akkulturierten, auch wenn sie die Pferdejagd zum Fleischgewinn noch fortsetzten.

Aus dieser neuen ökonomischen Kultur entwickelte sich um 4.200 v. Chr. in den pontisch-kaspischen Steppen die Proto-Indo-Europäische Ursprache (P.I.E.), zu deren Entstehen sowohl die dort lebenden Pferde jagenden Wildbeuter, als auch die eingewanderten Rinderzüchter ihren Beitrag leisteten.

Überzeugend begründet Anthony, dass die Proto-Indoeuropäische Ursprache, P.I.E., sich um 4.200 v. Chr., frühestens ab 4.500 v. Chr. herausbildete, entwickelte, und zwar in den pontisch-kaspischen Steppen nördlich des Schwarzen Meeres, zwischen Don, Wolga und Ural, also der heutigen Ukraine und Russland. (S. 99, 306), die er damit als "Urheimat" der Indoeuropäischen Sprachfamilien beschreibt.

- 4 -

 Auch seine Annahmen über die glotto-chronologischen Abspaltungen der vielen indoeuropäischen Einzelsprachen und ihrer Differenzierung vom P.I.E. (S. 12,57, 100 ) die er eingehend beschreibt, erscheinen mir gut belegt und plausibel.

Anthony legt überzeugende linguistische Belege dafür vor, dass P.I.E. erst zu dieser Zeit und in jener Region entstanden ist. Er wendet sich mit guten Argumenten gegen die sogen. "Anatolien-These", die von C. Renfrew u.a. vertreten wird. Jene Schule vertritt die These, dass P.I.E. lange vorher, bereits um 7.000 v. Chr., in Anatolien entstanden sei und von dort aus mit den migrierenden Rinderzüchtern über Thessalien, Balkan, Donautal bis in die pontisch-kaspische Region gelangt sei.

Anthony räumt ein, dass es in der P.I.E.-Sprache durchaus Lehnwörter der immigrierten Rinderzüchter gibt, wie z.B. das Wort für "STIER" *tawr-.

Festzuhalten ist, dass Anthony sich der Erkenntnis von Marija Gimbutas anschliesst und stringent die These untermauert, dass die Immigration der P.I.E.-Populationen in das " Alte Europa" von den pontisch-kaspischen Steppen ausging. (vgl. im einzelnen unten Abschnitt I. )

Nach Anthony waren es auch diese ersten P.I.E.-Populationen, die in den pontisch-kaspischen Steppen bereits ab 4.200 v. Chr. die ersten Kurgane errichteten und ihren darunter bestatteten Elite-Toten reichlich Waffen ins Grab mitgaben. (VI).

(3) Um 4.000 v. Chr. drangen solche bewaffneten P.I.E.-Rinderzüchter, auf der Suche nach gutem Weideland für ihre Herden, zunächst in das Donau-Delta und in das Alte Euroopa ein. Sie brandschatzten die Häuser der dort seit mehr als 2.000 Jahren siedelnden Rinder-Bauern. Die gewalttätigen Eindringlinge kamen ohne Pferde; denn es gibt aus dieser Zeit ausserhalb der pontisch-kaspischen Steppen keine archäologischen Spuren von Pferden. ( I., II.). 

(4) Es waren P.I.E.-Rinderzüchter in den pontisch-kaspischen Steppen, denen es, nach über zehn Jahrhunderten Erfahrungen mit der Rinderhaltung, schliesslich gelang, auch Pferde zu domestizieren. 

 "They applied cattle management techniques to wild horses."

- 5 -

Sichere Nachweise für eine Domestizierung von Pferden, und zwar durch den Beleg ihrer ZÜGELUNG, zuverlässig nachgewiesen durch die archäologisch-zoologischen Befunde der Gebiss-Abnutzung (bit-wear), kann Anthony frühestens für 3.500 v. Chr. vorlegen. Seine Versuche, eine Domestikation in der Zeit davor glaubhaft zu machen, sind nicht überzeugend und werden deshalb von der übrigen Fachwelt auch nicht anerkannt. ( s. II.)

Erst zur Zeit der Nutzung des WAGENS ist auch die Domestizierung der Pferde durch deren Zügelung stringent nachgewiesen.( III.)

Auch wenn er eine frühere Hypothese aufstellt, so sprechen die von Anthony vorgelegten Fakten doch dafür, dass das Pferd, zuerst, sozusagen "nach Ochsenart" als Zugtier eingespannt und alsbald am Wagen/Karren angeschirrt, abgerichtet worden ist. 

Mit seiner Annahme, dass Pferde zuerst als REIT-Tiere abgerichtet worden seien, eine Hypothese, in die Anthony sich von Seite zu Seite mehr verrennt und dabei in Selbst-Widersprüche gerät, steht er also in der Fachwelt allein. 

Natürlich wird niemand ausschliessen, dass Pferde vereinzelt auch bestiegen und zu Reiter-Spielen erprobt worden sind, ähnlich den uns bekannten Stier-Spielen im minoischen Kreta. Dass es aber vor der Kunst des Fahrens schon eine entwickelte Kunst des Reitens gegeben hätte, die ökonomisch und sozial von Bedeutung gewesen sei, kann Anthony weder nachweisen, noch plausibel machen, und es ist auch nicht wahrscheinlich, wie sich aus den Befunden folgern lässt, und wie ich im einzelnen zeigen werde. ( II. und III. ).

Die Möglichkeit, dass die Zügelung, und dies mit sehr viel grösserer Wahrscheinlichkeit, auf das Anspannen und Anschirren (harnessing) zurück zu führen ist, hat der Autor dann am Ende seines Buches (S. 458) völlig aus dem Blick verloren. So sehr ist er von seiner frühen Reiter-These besessen.

(5) Nach der Einführung des Wagens und seiner Bespannung mit Pferden machen sich um 3.300 v. Chr. massenhaft P.I.E.-Gruppen, die kulturell zum sogen. Yamnaya-Horizont gehören, auf den Weg und dringen in das Alte Europa der Rinder-Bauern ein, um sich dort, zulasten der Einheimischen, Weideflächen für ihre Rinderherden und ihre Pferde anzueignen.

Zum ersten Mal gibt es jetzt im Alten Europa archäologische Nachweise von Pferden. Vor 3.300 oder 3.500 v.Chr. fehlt ausserhalb der der pontisch-kaspischen Steppen,ihrem Ursprungsgebiet, jede Spur von Pferden.

Die P.I.E.-Eindringlinge, Kurgan-Leute, sind schwer bewaffnet, verfügen über mit Pferden bespannte Wagen zum Transport ihrer Habseligkeiten und über schnellere zweirädrige Karren als "battle carts", als Streitwagen.

Wo immer sie auftauchen, errichten sie auch Kurgane, um ihren Ansprüchen auf das angeeignete Weideland sichtbaren Nachdruck zu verleihen. (s. IV. und VI.). 

- 6 -

Natürlich diversifizieren sich die originären P.I.E.-Pferdezüchter im Laufe der Zeit in einzelne indo-europäische Sprachgruppen und Kulturen. Allen gemeinsam waren aber die Entwicklung aus der P.I.E--Grundsprache und ihre Kurgane, die sie über den Gräbern ihrer Führer, des *weikpotis oder *reg-, errichteten. (IV. ; VI.).

(6) Jene indoeuropäischen Wagen-Fahrer traten also etwa zur gleichen Zeit im Alten Europa auf wie die SUMERER mit ihren Streitwagen,"battle carts", die sie mit Onagern bespannt hatten, in Mesopotamien, wo sie die Städte der Rinderbauern-Kulturen von EL UBAID unter ihre Herrschaft brachten.

Wie die Sumerer waren auch die Indo-Europäer, die mit ihren von Pferden gezogenen Kampf-Wagen nach Europa eindrangen eine, " stark bewaffnete Militärmacht" (S. 356, 358 ), charakterisiert von Anthony als "military power, warriors, warrior-brotherhoods, geführt von einer warrior-aristocracy und warrior-chiefs (S. 259 f., 264, 342, 344, 349, 355, 357, 359, 364, 365)., chiefs with formally instituded warrior-bands, who drove wagons. ( 15 f.). ( Einzelheiten im Abschnitt IV. ).

Die mit schnellen Pferden bespannten Kampf-Wagen begründeten die militärische Schlagkraft und Überlegenheit der Indoeuropäer gegenüber den europäischen Rinderbauern, in deren Land sie eindrangen und deren Ländereien sie jetzt für sich und ihre Herden in Anspruch nahmen. Ab 2.000 v. Chr. hatten sie zudem ihre Kampfwagen (battle carts) technisch verbessert durch SPEICHENRÄDER, und mit diesen schnelleren Streitwagen (chariots) rückten die Hethiter, mykenischen Griechen und Arier in die Gebiete der Rinder-Bauern ein.

Über einen Zeitraum von mehr als 2.500 Jahren blieben Streitwagen die beherrschende Kriegsausrüstung aller Eroberer; denn erst nach 1.000 v. Chr., historisch fassbar ab 800 v. Chr., folgen den Streitwagen-Fahrern Reiter-Krieger. (s. oben Ziff. 1 und IV.). 

Jene "Gestaltung der Modernen Welt" (shaped the Modern World"), die Anthony den Indoeuropäern zuschreibt, begannen diese also ab 3.500 v. Chr. unbestreitbar, und auch von Anthony in seinem Buch unbestritten, als bronze-zeitliche Streitwagen-Fahrer und gaben jener, von ihren Vor-FAHREN eingerichteten "modernen Welt" als Reiter-Krieger erst in der Eisenzeit, ab 800 v. Chr., den letzten Schliff, um es ironisch zu formulieren.

Mit seiner Erkenntnis "Fahren vor Reiten" korrigiert Anthony zutreffend Gimbutas, die, irrtümlich, schon die ersten indoeuropäischen Eindringlinge nach Alt Europa als Reiter-Krieger beschrieben hatte. 

- 7 -

Da es, wie oben zu Ziff. (5) erwähnt, jeweils einzelne Sprach-Stämme und Stämme der Indoeuropäer waren, die nach Alt-Europa, Anatolien und ins Indus-Tal mit ihren Streitwagen einrückten, um dort die ansässigen Rinder-Bauern entweder zu vertreiben oder zu überlagern, legt Anthony, recht verharmlosend, Wert auf die Feststellung :

"There was no Indoeuropean invasion of Europe". (S. 369).

 eine überraschende Feststellung, die er umgehend einschränkt :

"The migration was not a COORDINATED military invasion" (S. 369) (Hervorhebung von mir). (IV.). 

Dass Anthony eine "Invasion" nicht eine "Invasion" nennen möchte, nur weil diese nicht "koordiniert" gewesen sei, und er die, auch von ihm selbst beschriebene reale Überlagerung als eine Art von "franchising operation" zu verharmlosen sich bemüht, wird nur jemand verstehen, der sich daran erinnert, dass Anthony 1995 Marija Gimbutas vorgeworfen hatte:

" Gimbutas macht das genaue Gegenteil der Nazis: Während die Nazis die 

indo-europäischen Arier zu Kulturheroen stilisierten, so dämonisiert 

Gimbutas sie umgekehrt zu patriarchalen Gewalttätern. Das eine ist so 

falsch wie das andere". 

Seit diesem Ausfall in seinem beschämenden Aufsatz "Nazi- and Ecofeminist prehistoric ideology and empiricism in Indo-European archaeology"

ist Anthony bemüht, mit seiner Verharmlosung sein Gesicht zu wahren und sucht einen "Mittelweg" zwischen der "Nazi-Heroisierung" und der "Gimbutas-Verteufelung" der Indoeuropäer. obwohl für eine derart freundliche Interpretation die von ihm präsentierten Fakten untauglich sind.( IV. ; VI.). 

Dass er sich damit der Nazi-Heroisierung der von ihm so sehr in Schutz genommenen Indoeuropäer gefährlich nähert, scheint dem Autor entgangen zu sein.

Auf die Ungereimtheiten, Selbstwidersprüche und Ungenauigkeiten werde ich im folgenden detailliert und mit genauen Quellenangaben eingehen.

- 8 -

 I. Äneolithische Rinderzüchter domestizieren das Pferd 

(1) Rinderzüchter, die auch Caproviden (Schafe und Ziegen) hielten, waren bereits ab 5.800 v. Chr. in jene pontisch-kaspische Region eingewandert, wo sich einige der Immigranten als Rinder-BAUERN niederliessen, andere als Rinder-HIRTEN nomadisierten. (S. 135) Ab 5.200 v. Chr. hatte sich die Rinderhaltung in der Region ausgebreitet. (S. 119). 

Die Urheimat der eingewanderten Rinderzüchter war ANATOLIEN, wo Menschen erstmals die Domestizierung von Rindern gelang. Archäologisch und durch Analysen des Rinder- Genoms ist nachgewiesen, dass es aus Anatolien emigrierte Rinderzüchter waren, die zwischen 6.700 und 6.500 v.Chr. ihre Herden, kontrolliert mithilfe ihrer Hirten-Hunde, bis nach Thessalien, Griechenland und die Ägäis getrieben hatten (S. 77), und dass einige der Hirten weiter zogen nach Südost-Europa, ins Donautal, wo sie sich ab 6.500 v. Chr. als Rinder-Bauern ansiedelten. (S. 61, 132, 135, 138, 146f.) Dort begründeten sie die hohe Kultur des "Alten Europa". In dieser Erkenntnis folgt Anthony Marija Gimbutas und schreibt : " The agricultural towns of Old Europe were thw most technologically advanced and aesthetically sophisticated.... between 6.000 and 4.000 v.Chr. (S. 132). 

Dort, im Alten Europa begründeten jene immigrierten Rinderbauern ab 5.200 v. Chr. das Äneolithikum (Chalkolithikum) (S. 162), und Anthony bestätigt Gimbutas auch insofern, als er seinen Befund darlegt, dass in allen Häusern jener Kulturen Alteuropas ein "Kult der Göttin" zelebriert wurde. (S.162, 227f.).

Die Hochblüte erreichte diese, mit einer hoch entwickelten Metallurugie und einträglichem Seehandel über das Schwarze Meer, bereits reich und hierarchisch gewordene Rinderbauern-Kultur um 4.400 - 4.200 v. Chr., wie uns das berühmte, mit Goldschmuck und Waffen versehene, Fürstengrab auf dem Varna-Friedhof erkennen lässt. (S.225) Diese Kultur Alt Europas war die reichste jener Zeit: sie übertraf alles, was es bis dahin im Nahen Osten und andernorts gegeben hatte. (S. 225).

Aus jener alteuropäischen Kultur hatten dann einige Gruppen von Rinderzüchtern ihre Herden weiter nach Norden getrieben bis in die pontisch-kspische Region und die dortigen Steppen,wo sie ihre Rinder- und Caproviden- Zucht seit 5.800 v. Chr. betrieben und bis 5.200 v. Chr. ausbreiteten (S. 119, 135).

- 9 - 

(2) Anthony wendet sich gegen die Auffassung anderer prominenter Archäologen und Linguisten, wie Collin RENFREW, Russel GREY und Quentin ATKINSON, eine Schule, die auch die Urheimat des P.I.E. in Anatolien sieht, also im Ursprungsland der Rinderzucht. (S. 75 - 81). Das Hauptargument Anthony 's ist die Linguistik: P.I.E. könne danach als Ursprache nicht schon um 7.000 v. Chr. entstanden sein, weil aufgrund des Vokabulars nachzuweisen sei, dass sich P.I.E. frühestens um 4.500 v. Chr. herausgebildet habe.

Ich lasse hier diesen Streitpunkt offen, weil ich nicht sachkundig genug bin und weil die Frage für das mich interessierende Thema der Erst-Domestikation der Rinder (Modus III) und der Erst-Domestikation der Pferde (Modus IV) nur von zweitrangiger Bedeutung ist. ist.

Bemerkenswert : Anthony erklärt, dass er Gimbutas auch in einer weiteren Annahme folgt : Sie habe schon seit 30 Jahren mit überzeugenden Argumenten die von ihm ( Anthony) jetzt untersuchte, und als zutreffend erkannte, Auffassung vertreten, dass die Ausbreitung des P.I.E. aus den pontisch-kaspischen Steppen erfolgt sei. (S. 83). 

Hier ist hinzu zu fügen, dass jene vom Gimbutas vertretene Ausbreitungs-These durchaus vereinbar ist mit der Anatolien- Ursprungs-These der Renfrew-Schule, wie Cavalli-Sforza überzeugend klar gestellt hat. (vgl. zu diesem Thema meinen Website-Essay : INDOEUROPÄER und KURGAN- POPULATIONEN Equiden-Domestikation und Equiden-Krieger.) 

(3) Mehrere Gruppen der in den pontisch.kaspischen Steppen lebenden Wildbeuter, die Pferde-JÄGER waren (S. 126, 136, 161, 197 ) und eine Prä-P.I.E.-Sprache sprachen, übernahmen also ab 5.800 v.Chr. durch Akkulturation von den Immigranten die Rinderzüchter-Ökonomie, und bereits um 5.200 v.Chr. hatten auch Wilbeuter am Dnieper sich mit der Rinder- (Caproviden)-Zucht angefreundet, und diese breitete sich in der Steppe aus bis an die Wolga, den Samsara-Fluss und um 4.800 v.Chr. sogar bis an den Ural (S. 91, 98, 119, 132, 135, 154f., 159, 174, 201, 259, 463, 492 n.5). Alle diese akkulturierten Rinderzüchter kontrollierten ihre Herden mithilfe ihrer Hirten-HUNDE. (S. 91), wie es die Einwanderer seit je getan hatten.Ihre Jagd auf Wild-Pferde betrieben die Akkulturierten weiter. (S. 197).

(4) Jene aus Südost-Europa in die pontisch-kaspische Region eingewanderten Rinderzüchter (ob Bauern oder Nomaden) breiteten ihre mitgebrachten Sprachen und Dialekte natürlich in den Steppen, ihrer neuen Heimat, aus. Durch die Kontakte mit den akkulturierten wildbeuterischen Pferdejägern entwickelte sich dort jenes Sprachgemisch, das Anthony als späteres P.I.E identifiziert. (S. 119, 155, 255, 487 n. 23).

- 10 -

Anthony lässt hier die wünschenswerte Klarheit vermissen:

Einerseits behauptet er, es seien nicht die Einwanderer gewesen, die das Prä- P.I.E. mitgebracht hätten, sondern diese Sprache sei jene der akkukturierten Wildbeuter am Dnieper gewesen, die sich dann mit der neuen Hirtenökonomie ausgebreitet hätte bis an Wolga und Ural. (S. 119).

Andererseits aber schreibt er, dass die von den einwandernden Rinderzüchtern mitgebrachten Sprachen und Dialekte ebenfalls in das P.I.E. eingeflossen seien. (S. 120). 

Das P.I.E.-Wort für den domestizierten STIER *tawr- (taurus) beschreibt er als ein semitisches Lehnwort, das von den Einwanderern übernommenes wurde (S. 98, 147, 305).

Auf jeden Fall aber hätten in der P.I.E.-Sprache die Wörter für RIND, KUH, STIER und HUND von Anfang an eine hohe Bedeutung gehabt. (S. 91).

(5) Wichtig ist ferner die Feststellung, dass jene immigrierenden Rinderzüchter bereits grosse Erfahrungen in der Metallurgie aaus ihrer Heimat mitbrachten. Das Äneolithikum (Chalkolithikum oder "Kupfer-Steinzeit) hatte nämlich bereits zwischen 5.200 und 5.000 v.Chr. im Zentrum des Alten Europa, auf dem Balkan (im heutigen Bulgarien), begonnen. (S. 162). Um 5.000 v.Chr. war diese Metallurgie bereits in die Maikop-Kultur im Norden des Kaukasus gelangt (S. 285), und nachgewiesen ist ferner, dass bereits ab 4.600 v.Chr. spezialisierte Metallurgen, u.a. in Khvalynsk, den Kupfer-Guss beherrschen und Waffen und Werkzeuge produzieren. (S. 285).

Seit dieser Zeit betreiben auch die Rinderzüchter der pontisch-kaspischen Region bereits einen regen Handel mit ihren Kupfer-Erzeugnissen, der Wohlstand begründete. (S. 162 f.)

Als archäologisch gesichert beschreibt Anthony auch, dass die Züchter ihre Rinder als Zugtiere für ihre Land-Schlitten und andere Lasten einspannten (S. 65,73) und dass die Bauern sie sogar vor primitive Pflüge spannten (S. 163, 482 n.5). Auch dass sie ihre Herden mit ihren Hirten-Hunden kontrollierten, erwähnt Anthony zutreffend (S. 91, 356, 362 ).

(6) Besonders durch die Metallurgie begann in den Sozialverbänden dieser Rinderzüchter eine soziale Arbeitsteilung, die durch den Metall-Handel bei einigen zu privatem Reichtum, grösseren Herden und damit zu einer hierarchischen Sozialstruktur führten. (S. 43, 132 f., 134 ff., 137 f., 155, 160, 191 ).

- 11

Von einer solchen hierarchischen Sozialordnung äneolithischer Rinderzüchter bin ich in meinem Buch ausgegangen. Es gibt dafür eine Reihe von Beispielen : Bereits 4.500 v.Chr. hatten äneolithische, hierarchisch organisierte, Rinderbauern im Land HATTI (in Anatolien), in das sie eingedrungen waren, stadtartige Königtümer gegründet, die Anthony eingehend beschreibt. (S. 43 ff.). Ferner : Das bereits erwähnte, mit Gold und Waffen reich ausgestattete, Fürstengrab jener Rinderbauern-Kultur Kultur an der Wesrküste des Schwarzen Meeres, in VARNA um 4.200 v.Chr., die reich geworden war durch ihren Seehandel und Exporte von Kupfer-Waffen und -erzeugnissen (S. 257).

In diesem Zusammenhang ist auch hinzuweisen auf die ersten zentral verwalteten Städte in Mesopotamien, gegründet von der rinderbäuerlichen UBAID-Kultur um 4.500 v.Chr., sowie auf die Zitadellenstädte der Rinderbauern-Kultur im Indus-Tal (HARAPPA etc.), ferner auf die nordafrikanischen, prä-pharaonischen Stadtkulturen am Nil, der NAQADA-Kultur, die um 4.500 v.Chr. begründet wurde von eingewanderten anatolisch-asiatischen Rinderzüchtern, die zuvor neben dem Niltal auch in die arabische Halbinsel und die Sahara mit ihren Herden eingewandert waren. Es waren jene "ASIATEN", die ihre asiatischen Sprachen nach Afrika einführten und dort etablierten, z.B. die SEMITISCHE Sprachfamilie,, die heute als "Afro-ASIATISCHE " Sprachen bezeichnet werden, weil ihre Sprecher ASIATEN und keine Afrikaner waren. Es waren jene kriegerischen, äneolithisch-rinderbäuerlichen Stadtfürsten der Naqada-Kultur, die um 3.200 v.Chr. dann mit kriegerischer Gewalt das Pharaonenreich gründeten. Schliesslich ist auch noch hinzuweisen auf die ebenfalls hierarchische, wenn auch fröhliche Rinderbauern-Kultur des minoischen Kreta.

Dass auch jene ihre Herden und Metallhandel treibenden hierarchischen Rinderzüchter nicht alle Konflikte auf friedliche Weise lösten, ist uns ja seit dem Talheim-Massaker bekannt, das die Rinderbauern der LBK-Kultr 5.000 v.Chr. anrichteten und durch die zunehmende Befestigung ihrer Siedlungen.

Jene Rinderbauern-Kultur der Linearband-Keramiker, die in Polen im Gebiet der Hochebene der Ostkarpaten siedelten, waren um 5.500 v. Chr. von dort in das noch von Wildbeutern besiedelte Westeuropa vorgestossen (S. 154, 166)  

(vgl. zum komplexen Thema der gesellschaftsverändernden Rolle der Rinderzüchter meinen online- Aufsatz: "Zur sozialen Organisation der Bovidenzüchter", Catal Höyük, Die Bandkeramiker, Die Städte der Ubaid-Kultur.) www.gerhardbott.de

- 12 -

(7) Zurück in die pontisch-kaspischen Steppen: 

Die P.I.E. Populationen, denen die historische Gross-Tat der Domestizierung der Pferde gelang, waren also erfahrene Rinderzüchter. (S. 200).

Anthony beschreibt einfühlsam im einzelnen, warum gerade jene vormaligen Pferde-JÄGER, die sich zu Rinder-Züchtern akkulturiert hatten, nach einem guten Jahrtausend des Umganges mit Rinderherden und Hirten-Hunden, mit Kühen, Stieren und Ochsen als Zugtiere im Joch vor Lasten und Land-Schlitten (S. 91) die Fähigkeit erlernt hatten, auch Pferde zu domestizieren.

Vom Verhalten einer Leit-Kuh konnten sie auf die Leit-Stute und vom Stier-Verhalten auf den Hengst schliessen. "They applied cattle management techniques to wild horses." (S. 201).

- 13 -

II. Wann und wie ist die Domestikation des Pferdes nachgewiesen 

Mit seiner Annahme einer Domestizierung bereits vor 3.500 bis 3.700 v.Chr. geht Anthony, und dies das gesamte Buch hindurch, sehr spekulativ vor ; denn stringente Belege gibt aus dieser Zeit vor 3.500 v. Chr. nicht.

Noch willkürlicher und ungenauer bearbeitet er die Frage des "Reitens" und gerade bei diesem, seinem Lieblingsthema, ist schon seine alternativ verwendete Terminologie, "riding" oder "horseback riding", so ungenau und verschwommen, wie ich zeigen werde, dass sie wissenschaftlich unbrauchbar ist ; denn er verwendet den Terminus "riding" sowohl für für "Fahren" als auch für "Reiten", so dass er sich immer bedeckt hält.

(1) Anthony möchte die archäologischen Funde von Pferdeknochen in Gräbern des Friedhofes von KHVALYNSK, die auf etwa 4.200 v.Chr. datiert werden, als wahrscheinlichen Beleg dafür interpretieren. (S. 182 ff.), dass Pferde bereits zwischen 4.200 und 3.800 v. Chr. domestiziert worden wären. (S. 201, 460 ).

Aber die archäologischen Belege lassen eine solche Schlussfolgerung nicht zu : In 158 Gräbern von Khvalynsk wurden, als Grabbeigaben, Knochen gefunden von 52 Caproviden, 23 Rindern und 11 Pferden. (S. 184). 

Da Caproviden und Rinder zu jener Zeit mit Sicherheit domestiziert waren, möchte Anthony schliessen, dass "folglich" auch die Pferde domestiziert gewesen seien. (S. 184). Er steht allerdings vor dem Problem, dass es keinen paläo-zoologischen Nachweis für seine Vermutung gibt, denn danach können die Knochen eher von erjagten Wildpferden stammen. (S. 192, 201, 205).

Da Anthony ja selbst ausführt, dass jene akkulturierten Rinderzüchter die gewohnte Jagd auf Wildpferde fortsetzten (vgl. oben Ziff.I.), können also auch jene "Head and Hoof"-Rituale von stolzen Pferdejägern zelebriert worden sein. Diese Auffassung wird überzeugend von der britischen Archäologin Marsha Levine vertreten, deren Argumente Anthony zu widerlegen sich vergeblich bemüht. (S. 202 -205). Da die Wildpferd-These, aufgrund der Knochen, zumindest ebenso plausibel ist, müsste Anthony weitere Belege für seine so frühe Domestikations-Hypothese beibringen, was er nicht kann, wie wir sehen werden.

Vor allem aber ist seine völlig übereilte weitere Schlussfolgerung unhaltbar, dass jene, nur von ihm für domestiziert gehaltenen, Khvalynsk-Pferde "PROBABLY" bereits zwischen 4.200 und 4.000 v. Chr. auch als REIT-Tiere genutzt worden seien, und zwar zur Begehung von Raubüberfällen und Viehdiebstählen (S. 460) ; denn er kann dafür nicht einen einzigen Beleg anführen.

- 14 -

(2) Als weiteren "Beleg" für seine Dometikations-Hypothese um 4.200 v. Chr. führt Anthony an, dass eben ab 4.200 v.Chr. die traditionellen STEIN-KEULEN (stone-maces) der rinderzüchtenden Pferdejäger mit Pferde-Köpfen dekoriert wurden (S. 259, 460, 462 ). Aus diesem Befund auf Domestikation zu schliessen, ist ebenfalls reine Spekulation : Anthony führt selbst aus, dass schon zwischen 5.200 und 4.800 v. Chr. Steinkeulen mit polierten Köpfen (stone-maces with polished heads) als "STATUS-WAFFE, die das Einschlagen von Schädeln glorifizierte" (S. 259, 460, 462 ), bei den Pferde-Jägern nachgewiesen sind. Die Tatsache, dass jene rinderzüchtenden Pferde-Jäger ab 4.200 v. Chr. den polierten Köpfen die Form eines Pferdekopfes (horse-head-maces) gaben, ist ebenso plausibel damit zu erklären, dass die erfolgreiche Pferde-Jagd für einen Hirten zahmer Rinder das höhere Prestige darstellte; denn die Jagd wird ja noch lange prestigeträchtiges Privileg der Könige bleiben. 

(3) Ebenso wenig überzeugend sind die Schlüsse, die Anthony aus der "Age-at-Death"-Statistik oder dem "Age + Sex-Profile" der untersuchten Knochen ziehen will. (S. 204 f.) Den Befund, dass unter den untersuchten Knochen geschlachteter Pferde auffallend viele junge Hengste waren, möchte Anthony als Beleg für Domestikation interpretieren, weil dies zeige, dass Stuten der Fohlen wegen eher geschont wurden. (S. 204). Was der Autor übersieht: Es gibt absolut keinen Grund, die Annahme auszuschliessen, dass waidmännische Pferde-Jäger (die kulturgeschichtlich ja bereits seit dem Magdalénien nachgewiesen sind), nicht ebenfalls die weiblichen Tiere des Nachwuchses wegen geschont hätten. Die von Anthony gestellte, von ihm als Beweis für Domestikation gedachte, Frage : "Why should hunters kill only prime stallions ?" (S. 209 ) lässt sich also damit beantworten: Weil waidmännische Jäger so intelligent sind, die Mutter-Tiere zu schonen.

Auch das von ihm herangezogene "Age-and-Sex-Profile" von 1:1 für die Pferdeknochen, das er als Beweis für Domestikation interpretieren möchte, weil Jäger beim Bejagen von "stallion with harem bands" mehr Stuten als Hengste erlegen würden, (S. 205), ist untauglich ; denn für intelligente waidmännische Jäger ist auch dies unzutreffend ; denn waidmännische Jäger würden vorzugsweise die nur aus Junghengsten (ohne Harem) bestehenden "bachelor-bands" bejagen. 

Die Jäger wendeten im wesentlichen zwei Pferde-Jagd-Methoden an: 

(a) Sie lauerten den Pferdeherden an der Tränke auf, um ihre Beute, aus dem Hinterhalt zu erlegen. Wenn sich eine sogen. "Hengst-Harem-Band" näherte, in der Stuten und Fohlen natürlich in der Überzahl waren, würden sie zwar statistisch mehr weibliche Tiere erlegen können, aber als waidmännische Jäger würden sie trächtige Stuten schonen.

- 15 -

Näherte sich eine sogen. "Bachelor Band", in der sich die vom Harem-Hengst verstossenen Junghengste zusammenschliessen, würden sie natürlich vor allem männliche Tiere erlegen, ohne dass sie an Schonung denken mussten ; wenige gute Hengste genügen.

(b) Die Jäger veranstalteten auch Treib- und Hetz-Jagden, wie es seit dem Paläolithikum üblich war, und trieben die Herden in eine Falle, in der sie ebenso nach waidmännischen Gesichtspunkten Tiere erlegen konnten.

Diese Jagdmethoden lassen erkennen, dass aus einer aus den archäologischen Knochenfunden hergeleiteten "Age-to-Death"-Statistik oder aus dem sogen. "Age-and-Sex"-Profil keine Schlüsse gezogen werden können, ob es sich um erlegte Wildpferde oder um geschlachtete domestizierte Pferde gehandelt hat, wie Anthony es -erfolglos- versucht.

Weder das eine noch das andere Argument ist also geeignet als Beleg für Domestikation. So hält denn auch Anthony 's prominenteste Gegnerin Marsha Levine die von ihm bemühten, auf 4.200 - 3.700 v. Chr. datierten, Dereivka-Knochen für die Knochen von Wild-Pferden (S. 205) und sie, wie auch die Mehrzahl der Archäologen, halten Anthony 's vorgenannte Annahmen für unhaltbar. (S.219, 487 n. 28).

Anthony weiss auch selbst, dass rituelle Pferde-Opfer erst in den Kurgan-Gräbern der Sintashta-Kultur sicher nachzuweisen sind, also erst nach 2.000 v. Chr., wie er später selbst einräumt. (S. 406, 409). Wohl deshalb formuliert er seine Domestikations-Hypothese für die Zeit zwischen 4.200 und 3.700 v. Chr. mit may oder could, was ihn leider nicht daran hindert, diese Hypothese im Verlaufe des Buches als gesicherten Befund darzustellen..

(4) Ernst zu nehmende Nachweise für eine Domestizierung des Pferdes legt auch Anthony frühestens ab 3.700 v. Chr. vor, und zwar in der BOTAI-TERSEK- Kultur, die nur zwischen 3.700 und 3.000 v. Chr. archäologisch greifbar ist (S, 216, 237 ), womit wir wohl erst von 3.300 v. Chr. ausgehen können, wie er selbst später einräumt (S. 298 f. ) Die Gesamtdauer jener Botai-Kultur gibt er in seinem Website-Essay zwischen 3.600 bis 3000 v. Chr. an.

Wir sollten demnach wohl davon ausgehen, dass die von ihm vorgelegten Belege im besten Fall frühestens auf 3.500 v. Chr. zu datieren sind. 

Bemerkenswert ist auch, dass Anthony, der ja -ohne überzeugende Belege oder Argumente- Domestizierung immer mit "riding" gleichsetzt, an anderer Stelle selber schreibt, dass Pferde zuerst in der Zeit von 3.700 bis 3.500 v. Chr. geritten wurden, und zwar von den Botai-Pferde-Jägern, um Pferde zu jagen.(S.237). An 4.200 v. Chr. glaubt er also offenbar selbst nicht.

- 16 -

Für beachtlich halte ich die eigenen Feldforschungen von Anthony an Pferdezähnen über die Gebissabnutzung durch Zaumzeug : "bit-wear"

 (S.193). die ich als Beleg für Domestizierung akzeptiere, wie auch den Nachweis des Konsums von Stuten-MILCH, den er allerdings nur in seinem Website-Aufsatz anführt und auf etwa 3.000 v. Chr. und sicher nicht vor 3.600 v. Chr. datiert. (Website: "Harnessing Horsepower")

Ich gehe also davon aus, dass mit den Spuren der ZÜGELUNG, die jene Abnutzungs-Spuren an den Pferdezähnen hinterlässt, ein sicherer Beleg für die Domestikation des Pferdes vorgelegt worden ist, so dass wir die Domestikation auf frühestens 3.500 bis 3.300 v. Chr. ansetzen können und müssen.

Fehlerhaft und deshalb zu kritisieren, ist allerdings, dass Anthony praktisch das gesamte Buch hindurch die unhaltbare These vertritt. Zügelung = Reiten, und dies, obwohl er die Unzulässigkeit einer solchen Gleichsetzung durchaus selbst erkannt hat : Nachdem er zunächst, recht versteckt und kleinlaut einmal die Frage stellt : "Is the action of the bit different, when a horse is ridden from when it pulls a chariot ? " (S. 195) Die, íhm sicher äusserst unangenehme, Antwort verbirgt er an zwei Stellen des Buches sehr viel später in dem Satz : " Riding creates the same wear as driving" (S. 207) und "Bit wear, as we have defined it, indicates that a horse has been ridden or driven" ( S. 213). Leider trägt diese wichtige Erkenntnis bei ihm nicht weit.

Äusserst anfechtbar, weil es Voreingenommenheit zeigt, erscheint mir, dass Anthony an keiner einzigen Stelle seines Buches auch nur in Erwägung zieht, dass die Zügelung zum Zwecke des Einsatzes als ZUG-TIER vorgenommen wurde. Um dies auszuschliessen, greift er sogar zu einem, wie ich finde, unzulässigen Trick : Er verlegt die Zügelung bei den BOTAI um 3.300 v. Chr. (s.oben) zeitlich so weit nach vorn, wie es die Radiokarbondaten kaum noch zulassen, nämlich auf 3.700/3.600 v. Chr., und zwar um dann aus der Tatsache, dass zu jener Zeit Rad und Wagen noch nicht erdunden waren, zu schliessen : Also könne es sich nur um eine Zügelung als Reit-Pferd handeln. Eine solche Methode erscheint mir inakzeptabel.

Zudem müsste er dies Argument eigentlich selbst als unschlüssig, ja untauglich, erkennen : Es gibt keinen plausiblen Grund, auszuschliessen, dass Rinderzüchter ein domestiziertes Pferd zunächst in gleicher Weise vor ihre Landschlitten oder andere Lasten spannen, wie sie es mit ihren Ochsen gewohnt waren, also, "nach Rinderart " mit den Pferden zu verfahren.

Die übliche Nutzung der Landschlitten ist Anthony schliesslich bestens bekannt (S. 65 ff., 67, 74, 475 n. 12). 

- 17 -

Was sollen die Leser davon halten, dass der Autor diese Möglichkeit so gründlich verdrängt hat, dass er sie weder in seinem Kapitel "The Domestication of the Horse and the Origin of Riding" (S. 193 ff), noch in dem Abschnitt "The Origin of Horseback Riding (S. 221) auch nur ein einziges Mal in Erwägung zieht ? Den Lesern wird das Reiten ständig als selbstverständlich eingebläut : "When the rider pulls the rains" (S. 194) und vom driver ist hier niemals die Rede (S. 216 - 224 ).

Was die Sache noch zusätzlich verwirrt, ist der Umstand, dass Anthony "ride" und "rider" an einigen Stellen des Buches auch für FAHREN und FAHRER verwendet. (s.oben, und dazu unten IV. (5) und (6). 

(5) Halten wir fest: Die frühestens ab 3.500, eher 3.300 v.Chr., an archäologischen Pferdezähnen nachgewiesene "bit-wear" kann auch durch die Nutzung eines Pferdes als Zugtier eines Landschlittens, eines Wagens oder anderer Lasten verursacht worden sein, und auf keinen Fall kann dadurch eine Nutzung als REIT-Tier bewiesen werden, wie Anthony es versucht. Dieser Einwand wird deshalb auch mit Recht geltend gemacht von Marsha LEVINE, die als schlüssigen Beweis für eine so frühe Nutzung der Pferde als Reit-Tier nur pathologische Verformungen an der Wirbelsäule des Pferdes gelten lassen will, die indessen bisher archäo-zoologisch nirgendwo nachgewiesen werden konnten, wie auch Anthony einräumt (S. 201 f., 485 n. 8, 218 f. 487 n. 28). Auch die Archäozoologin Sandra OLSEN wendet sich gegen die frühe Reiter-These und führt die bit-wear auf die Zügelung als Zugtier zurück. (S. 218, 219. 487 n. 29). Ebenso hält Alan OUTRAM ( Exeter University), auf den Anthony allerdings nur in seinem Website-Essay Bezug nimmt, die Reiter-These, besonders in der auch von ihm untersuchten Botai-Kultur, für unzutreffend, also gerade für jene Kultur, auf die Anthony seine Annahme stützt. Auch Colin RENFREW bestreitet ein so frühes, bronzezeitliches, REITEN. (S. 488 n. 38). Bemerkenswert ist ja auch die Tatsache, dass es bereits vor 3.000 v. Chr. Abbildungen von Equiden als Zugtiere vor einem Wagen gibt, Bilder hingegen, auf denen ein Mann auf dem Rücken eines Equiden sitzt, erst ein Jahrtausend später. (S. 404, 415).

(6) Anthony's Hypothese, dass Pferde zu so früher Zeit, und dies gleich zu Beginn de Domestikation, geritten worden wären, stösst also weitgehend auf Ablehnung und ist schon deshalb mit grosser Skepsis zu betrachten, weil seine Argumente für die REITER-These, wie ich gezeigt habe, nicht stichhaltig sind. Es gelingt ihm nicht, die Einwände zu widerlegen.

Nicht ausser Acht lassen, können wir zudem, dass auch seine Radiokarbon-Daten, mit denen er die Domestikation an Knochen und Zähnen zu beweisen sucht, mit Vorsicht zu nehmen sind. 

- 18 -

Wir sind gewarnt durch das spektakuläre Scheitern seiner "KULT-HENGST"- These : An den Zähnen jenes "Kult-Hengstes" in einem Kurgan-Grab der Sredni-Stog-Kultur in DEREIVKA hatte Anthony 1989 eine sehr erhebliche Gebiss-Abnutzung (bit-wear) von 3,5 bis 4 mm festgestellt und aus diesem Befund geschlossen, dass Pferde "also" bereits zwischen 4.200 und 3.700 v.Chr. domestiziert gewesen seien. (S. 214). Auch damals hatte Anthony unbedacht sofort auf Reiten (horseback riding) geschlossen, weil zu jener Zeit der Wagen noch nicht erfunden worden war. Eine Verwendung als Zugtier für Lasten oder nach Rinderart für den Landschlitten, hatte er auch damals einfach nicht in Erwägung gezogen. (S. 215). Schon dies war äusserst anfechtbar.

Mit seiner Annahme hatte Anthony aber in jeder Beziehung auf das falsche Pferd gesetzt : Spätere Überprüfungen der Radiokarbon-Daten ergaben nämlich, dass jener hochgejubelte "Kult-Hengst" frühestens um 800 v. Chr. gestorben und in einem Kurgangrab aus der Zeit der reiter-kriegerischen Skythen beigesetzt worden war (S. 215).

(7) Es ist also davon auszugehen, dass, nach den heute gegebenen Befunden, die durch Zügelung nachgewiesene Domestizierung des Pferdes mit Sicherheit frühestens auf 3.400 v. Chr. anzusetzen ist, wenn wir das Mittel zwischen 3.500 und 3.300 v. Chr. zugrunde legen (s. oben Ziff. 4 ). Dies bedeutet, dass Zügelung und die Nutzung des Wagen historisch zur gleichen Zeit in Erscheinung treten ; denn bereits um 3.400 v. Chr. war der Wagen in der pontisch-kaspischen Region "weit verbreitet". (S. 63, 66 f,) 

Diese zeitliche Nähe weist eindeutig darauf hin, dass unter keinen Umständen ausgeschlossen werden kann, dass Pferde nach der Domestizierung zunächst als Zug-Tiere des Proto-Wagens oder des Wagens an die Zügel genommen wurden. 

Dass es einer Gruppe starker Männer, die den Umgang mit dem Stier gewohnt sind und das Ochsen-Joch kennen, leichter fällt, ein Pferd einzuspannen und anzuschirren, als es zum Reiten zu domestizieren, liegt ja auf der Hand.

Hier hat Anthony einen entscheidenden Denkfehler begangen 

(8) Dass stärkste Argument gegen seine immer wiederholte frühe REITER-These wird aber von Anthony selbst vorgebracht, und dies ohne, dass er sich seines Selbst-Widerspruches bewusst wird :

Er führt nämlich bemerkenswerter Weise aus, dass die angeblich reitenden Pferdezüchter sich dennoch aus ihren bewaldeten Flusstälern am Rande der Steppe kaum hinaus gewagt hätten, solange sie noch nicht über den Wagen verfügten. ( S.73) Erst durch den Wagen hätten sie ihre Mobilität erheblich verbessern und ihre Reichweite bis auf 50 km in die Steppen hinein ausweiten können. (S. 73, 300, 461). 

- 19 -

Hier bleibt Anthony die Erklärung schuldig, warum die angeblichen REITER-Hirten sich nicht in die Steppen hinaus wagten, warum sie ihre Reit-Pferde nicht zugleich auch als Lasttiere abrichten konnten, um ihre Habseligkeiten und Vorräte zu transportieren, und warum sie die Pferde zu diesem Zweck nicht als Zugtiere vor ihre Landschlitten spannen konnten. All dies weiss Antony nicht zu erklären. 

Aus den von ihm vorgelegten Befunden kann ich nur den Schluss ziehen, dass diese eindeutig gegen eine frühe wirtschaftliche und soziale Bedeutung des Reitens und viel eherfür den Vorrang des Fahrens sprechen.

Dass Anthony die Zügelung zum Zwecke einer Anschirrung grundsätzlich nie in Erwägung zieht, sondern hartnäckig allein auf das Reiten setzt, betrachte ich als erheblichen Mangel des Buches. Besonders deshalb, weil er genau weiss, dass die späteren Pferdezüchter Jahrhunderte lang zuvor gewohnt waren, ihre Rinder vor Lasten und Landschlitten zu spannen. Da er selbst beschreibt, dass sie auch die Pferde nach Art der Rinder domestizierten (s. oben I.), bleibt es befremdlich, wie er diesen Gedanken so vollständig verdrängen konnte. Er ist offensichtlich so blind verliebt in seine Reiter-These, dass er sie an einigen wenigen Stellen des Buches sogar bis 4.200 v. Chr. zurück verlegen möchte, ohne dass er auch nur einen einzigen Beleg für so frühe Domestikation vorgelegt hat.

Sein Argument, nur das Reiten habe die Rinderzüchter befähigt, ihre Herden zu kontrollieren (S. 460) ist ebenfalls ein Scheinargument und daher untauglich..

Dass nomadisierende Rinder-Hirten ihre Herden perfekt mit ihren Hirten-Hunden kontrollieren und sogar über weite Entfernungen von aberhunderten von Kilometern treiben konnten, hätte ihm ja die von ihm selbst vorgetragene Tatsache klar machen müssen, dass die Hirten von Anatolien nach Griechenland und von dort nach Südosteuropa, ins Donautal und bis in die pontisch-kaspische Region gelangt sind; und all dies ohne Pferde.

 Bei der gegebene Sachlage kann die von Anthony als Begründung für das Reiten angeführte Binsenweisheit :

 "The horsebackriding shortens distance, so riders travell faster than walkers" (S. 341)  

von kritischen Lesern nur als Affront aufgefasst werden. Es sei denn, er verwendet auch hier wieder einmal das Wort rider, sowohl für den Fahrer als auch für den Reiter. Hier erweist sich seine Ungenauigkeit wiederum als erheblicher Mangel; denn woher sollen seine Leser wissen, was er damit sagen will. Die Qual der Wahl ist ebenfalls ein Affront.

- 20 -

III. RAD UND WAGEN

(1) Anthony weiss, dass der Wagen aus dem Land-Schlitten der Rinderzüchter entwickelt wurde, nachdem das Rad erfunden worden war; denn die

"ox-drawn sledges" waren zuvor überall, auch in den pontisch-kaspischen Steppen, das übliche Transportmittel. (S. 65 ff.)

RAD und WAGEN, die wahrscheinlich zuerst, und zwar vor 3.500 v. Chr. in URUK erfunden wurden (S. 66), sind nämlich schon ab 3.500 v.Chr. auch in Europa nachgewiesen (S. 69 f.), z.B. in der TRB-Kultur im heutigen Polen. (S. 67, 295, 299). Auf jeden Fall hält Anthony es für unwahrscheinlich, dass das Rad von P.I.E--Angehörigen erfunden wurde. (S. 34). Fest stünde allerdings, dass alsbald nach 4.000 v. Chr. im P.I.E. über Fahrzeuge und Räder gesprochen worden sei. (S. 36, 59) und bereits um 3.500 v. Chr. war den P.I.E.-Leuten in der Steppe das FAHREN bekannt. (S. 300). Diesen Befund bekräftigt Anthony dann nochmals: Mindesten 200 Jahre vor 3.300 v.Chr. (also 3.500 v. Chr.) wurde dort der Wagen genutzt. (S. 312).

Jedenfalls sei um 3.400 v. Chr. der Wagen bereits weit verbreitet und üblich gewesen (S. 63, 66). Auch die Angehörigen der Novosvobodnaya-Kurgan-Kultur fuhren bereits 3.400 v. Chr. in "carts", damit meint Anthony zwei-rädrige Wagen. (S. 297).

(2) Ungeachtet der Tatsache also, dass der Wagen um 3.500 v. Chr, bei den Proto-Indoeuropäern in Gebrauch war, und es auch erst aus dieser Zeit die ersten sicheren Belege einer Domestikation des Pferdes gibt, und zwar durch Zügelung und den Konsum von Stutenmilch, setzt Anthony, wie dargelegt, in seiner Abhandlung durchgehend Domestikation/Zügelung unbedenklich und unbedacht mit "horseback riding" gleich, ohne das Anschirren an den Wagen (oder zuvor den Landschlitten) jemals in Erwägung zu ziehen.

Anthony's Reiter-Besessenheit erscheint mir befremdlich, weil sie zudem in krassem Widerspruch steht zu einem von ihm selbst dargelegten Befund : 

Er führt ja aus, dass erst der Wagen und das Fahren den P.I.E.-Pferdezüchtern Mobilität verschafft hätte. In der Zeit davor nämlich haben sie sich kaum aus ihren Flusstälern hinaus in die Steppen gewagt. (S. 73). Erst nach der Nutzung des Pferde-Wagens hätten sie sich weiter, und zwar bis zu 50 km in die Steppe hinaus gewagt. (S. 461). Da Anthony diese Feststellung auf die archäologischen Befunde stützt, ist daraus zwingend der Schluss zu ziehen, dass jenes von ihm behauptete "horseback-riding", bereits vor der Nutzung des Wagens, keine ökonomische oder soziale Rolle gespielt haben kann, sondern dass allenfalls spielerische Versuche mit dem Aufsitzen gemacht wurden, vielleicht ähnlich den Stier-Spielen in Kreta. 

- 21 -  

Um 3.300 v. Chr. waren Wagen technisch bereits so hoch entwickelt, dass die zum sogen. YAMNAYA-Horizont gehörenden nomadischen P.I.E.-Rinder- und Pferde-Züchter damit grosse Wanderungen unternahmen. (S. 302). 

Diesen hierarchisch organisierten, Wagen-fahrenden Hirten-Nomaden, die ihre Anführer, "chiefs", in Kurgan-Gräbern bestatteten, schreibt Anthony Raubüberfälle und Viehdiebstähle zu. (S. 302). (Näheres hierzu vgl. unten, Abschnitt IV. : KRIEG ). 

(3) Sehr verwirrend verfährt Anthony mit seiner Fahrzeug-Terminologie: Er wechselt zwischen "wagon", "cart" und "chariot".

So übersetzt er z.B. ganz zu Anfang (S.36) das P.I.E.-Wort *rot-en mit "chariot", und dies, obwohl aus seiner sehr viel später dargelegten Definition hervorgeht, dass es zu jener P.I.E.-Zeit noch gar kein "chariot" gab. Denn ein solch schneller Kampfwagen mit SPEICHEN-Rädern (früher in der Forschung "syrischer Rennwagen" genannt), wurde erst um 2000 v. Chr. von der SINTASHTA-Kultur in der Steppe erfunden. (S. 402).

Auch auf S. 6, 18 f., 63 ff. ist von "chariot" die Rede, ohne dass sachunkundige Leser verstehen können, was Anthony damit meint ; denn erst gegen Ende seines Buches (S. 397) überrascht er mit seiner spezifischen, und äusserst engen, DEFINITION für "chariot" :

TWO-wheeled vehicle, with SPOKED wheels, pulled by HORSES, driven in GALLOP by a STANDING driver. ( S. 397). (Grossbuchstaben von mir).

Jeder Streitwagen, der (a) KEINE Speichenräder hat, der (b) nicht von Pferden gezogen und (c) nicht von einem aufrecht stehenden Kutscher gelenkt wird, ist also für Anthony kein "chariot". Dies ist deshalb irreführend, weil, wenn auch nicht von Anthony selbst, aber ansonsten "chariot" oft gleichgesetzt wird mit STREITWAGEN. 

Anthony selbst weiss allerdings genau, dass STREITWAGEN mit Scheibenrädern, gezogen von Onagern und gelenkt von einem aufrecht stehenden Wagenlenker, bereits um 3.000 v. Chr. von den SUMERERN im Krieg eingesetzt wurden : Deren "militärische Fahrzeuge", eingesetzt "zur Kriegführung". nennt er " battle carts" (S. 403, 417).

Es ist also, was die kriegerische Nutzung des Streitwagens ( "battle cart") angeht, historisch nur von zweitrangiger Bedeutung und eher verwirrend, wenn Anthony detailliert ausführt :

"In the Near East the oldest image of a TRUE chariot-vehicle with two SPOKED wheels, pulled by HORSES, rather than onagrs, controlled with bits rather than lip- or nose-rings and guided by a standing warrior, not a seated driver, first appeared about 1.900 v. Chr. " (S. 402 f.). 

- 22 -  

Die wenigen Unterschiede zu den Sumerern: 

Scheibenräder statt Speichen und Onager an Stelle von Pferden.

Seine eingeengte Definition für "chariot", wählt Anthony wohl allein mit der Absicht, den Indoeuropäern die Erfindung des "modernen" Streitwagens mit SPEICHENRÄDERN zuzuschreiben.

Auch schreibt er zutreffend :

" Near Eastern monarchs had by then ridden in wheeled vehicles of other kinds for more than a thousand years ( S. 418). (by then heisst: ein Jahrtausend vor 1.900 v. Chr. )

Dass Anthony hier "ridden", also "ride", wieder einmal für FAHREN, und nicht etwa für "horseback-riding" verwendet, ist angesichts seiner "Reiterphantasien" eine grobe Ungenauigkeit, die ich für inakzeptabel halte. Auf diesen verwirrenden und äusserst irreführenden Sprachgebrauch des Autors komme ich unten im Abschnitt IV. Krieg, zurück.

(4) Die mit ihren Pferdewagen und ihren Rinder- nnd Caproviden-Herden (S. 324) nomadisieren Hirten- des Yamnaya-Horizonts, sind Experten im Wagenbau (vier-rädrige "wagons" oder zwei-rädrige "carts"), verfügen über eine hoch entwickelte Metallurgie (Beginn der BRONZE-Zeit) (S. 334) und betreiben zuweilen etwas Hortikultur (S. 322). Mit ihren Pferde-Fahrzeugen breiten sie sich zwischen 3.400 und 3.200 v. Chr. "rasant schnell" aus (S. 321) und allerorten, wo sie erscheinen, errichten sie für ihre Eliten imposante KURGAN-Gräber, um Besitzansprüche auf Weideland zu demonstrieren (S. 323). Mit diesen Pferde-Wagen-Nomaden des YAMNAYA-Horizonts erscheinen erstmals nachweislich Steppen-Pferde im Donautal und in Zentral-Europa. (S. 341 f.).

Wenn Anthony auch in diesem Zusammenhang wiederholt von "riding" spricht (S. 341), meint er damit in vielen Fällen auch "horseback-riding". Wann er damit "Fahren" meint, können seine Leser, angesichts der ungenauen Terminologie des Autors oft nicht wissen. Ich habe den Eindruck, dass er diese Mehrdeutigkeit bewusst einsetzt, um seine Reiter-Phantasien zu bedienen. (s. unten Abschnitt IV : Krieg).

- 23 -

IV. RAUB-ÜBERFÄLLE UND KRIEG

Erst Streitwagen- danach Reiter-Krieger  

(1) Schon jene pontisch-kaspischen Pferde-Jäger, die auch Rinder (und z.T. Caproviden) züchteten, waren seit ca. 5.000 v.Chr. nachweislich auch mit STEIN-KEULEN (stone maces) bewaffnet, die ihnen dazu dienten, Tieren und Menschen die Schädel einzuschlagen und die diese Gewalttaten "glorifizierten ", wie Anthony schreibt. (S. 234 f., 241, 289). Ab 4.200 v. Chr. wurde der polierte Keulen-Kopf dann häufiger auch als Pferdekopf gestaltet (S. 259, 460, 462 ), woraus Anthony leichtfertig auf eine Domestikation des Pferdes schliessen will (S. 259, 460, 462 ), was mir unhaltbar erscheint. (s. oben Ziff. II, 2 ).

Nach seiner Auffassung haben schon jene frühen P.I.E.- Rinderzüchter RAUBZÜGE (raidings) zum Zwecke des Rinder-Diebstahls unternommen, und es seien diese Raubzüge gewesen, die dann zu regelrechten KRIEGEN geführt hätten (S. 239, 364, 464 ).

(2) Alt-Europa war um 4.500 v. Chr. eine verlockend hohe äneolithische Rinder-Bauern-Kultur. Sichtbarer Höhepunkt dieser auch im Donaudelta siedelnden Kultur ist das oben (I, 6 ). erwähnte Fürstengrab der VARNA-Kultur an der Westküste des Schwarzen Meeres, datiert auf 4.400 bis 4.200 v. Chr. (S. 223, 257 ; ebenso die Homepage des Warna-Museums). Der Reichtum, der das Elite-Grab auszeichnet, ist wohl ein Ergebnis des Seehandels mit Kupfer-Erzeugnissen, also der hoch entwickelten Metallurgie. Jenes männliche Elite-Grab mit Waffen und viel Gold belegt zugleich eine hierarchische, arbeitsteilige, aber dennoch reine Rinderbauern- Kultur, in welcher es noch keine Spur von Pferden gibt (S. 221, 253, 256, 341 ; ebenso homepage Warna-Museum) und in der noch der herkömmliche Kult einer GÖTTIN gepflegt wurde, wie das Fürstengrab ebenfalls erkennen lässt.

Erst nachdem jener Rinderzüchter-Fürst in Varna längst bestattet war, drangen zwischen 4.100 und 3.900 v. Chr. aus den pontisch-kaspischen Steppen migrierende Rinder-Hirten ins Donau-Tal ein, auf der Suche nach guten Weidegründen für ihre Herden (S. 254 f., 258 f., 268, 364,460, 464 ); denn in den Steppen gab es, besonders im Winter, nicht genug Futter für die Tiere, eine "shortage of pasture" (S. 364). Von diesen eindringenden bewaffneten Rinderhirten wurden die im Alten Europa ansässigen Rinderbauern mit KRIEG überzogen (S. 250). "Chronic warfare displaced te tell dwellers" (S. 260). Mehr als 600 Tell-Siedlungen wurden zu dieser Zeit niedergebrannt (S. 227). In den abgebrannten Häusern wurden menschliche Skelette gefunden (S.228). " Es war eine Katastrophe eingetreten, die einen kompletten kulturellen Wandel zur Folge hatte." (S. 228).

- 24 -

Eine alte Kultur von Rinderbauern im Alten Europa, die seit 6.200 v. Chr. im Verlaufe von 2000 Jahren zu hoher Blüte gelangt war, verschwand jetzt fast vollständig (S. 227). Die wahrscheinlichste Erklärung dafür ist nach Anthony's Befunden KRIEG ( S.228, 239, 489 n. 9 ). Die schwer bewaffneten Eindringlinge verfügten mit ihren Rinder-Herden über eine unerschöpfliche Nahrungsquelle (S. 259, 492 n. 58). 

Die eingedrungenen kriegerischen Rinder-Hirten waren Angehörige des SUVOROVO-NOVODANILOVKA-Horizonts, die Anthony als der SREDNI-STOG-Kultur zugehörig ansieht (S. 251). Diese schwer bewaffneten indoeuropäischen P.I.E- Immigranten (S. 251) überfielen auch die im nördlichen Donau-Delta ansässige Bolgrad-Kultur, sie brannten die Häuser dr Rinderbauern nieder (S. 255) und trieben die Sesshaften in die Flucht. (S. 258). Die P.I.E. - Eindringlinge ergriffen Besitz vom Land und errichteten überall KURGANE für ihre Eliten-Gräber (S 251, Die Waffen-starrenden Gräber unter den Kurganen lassen auch Anthony erkennen, dass sie " den Krieg glorifizierten " (S. 259). 

Diese ersten äneolithischen P.I.E.- Eindringlinge errichteten auch im Alten Europa um diese Zeit, zwischen 4.100 und 3.900 v. Chr., ihre ersten KURGAN-Gräber (S. 245), und bemerkenswerter Weise fanden sich zu jener Zeit in den Gräbern der Eliten nur die Knochen von Rindern und Caproviden, aber "NIEMALS VON PFERDEN", wie Anthony mitteilt (S. 253, 256) Das ist ja nicht verwunderlich, weil Pferde nach den archäologischen Befunden frühestens um 3.300 v. Chr. und 3.000 v.Chr. dort nachgewiesen worden sind. (S. 341, 221 ).

Aus diesen beiden Befunden folgt logisch, dass zur Zeit des Äneolithikums jene ersten Eindringlinge mit Kurgan-Grab-Kultur schwer bewaffnete kriegerische Rinderzüchter waren, die zu jener Zeit das Pferd noch nicht domestiziert hatten. (vgl. auch oben II. ).

Den Beginn der späteren Emigration der indoeuropäischen Pferdezüchter aus den pontisch-kaspischen Steppen datiert Anthony selbst auf frühestens 3.500 v. Chr. (S.221 ff.), und für das Donautal datiert er eine Immigration mit Pferden erst um 3.000 v.Chr. frühestens 3.300 v. Chr. (S. 341), und das heisst, er datiert die Immigration in die Zeit, zu der die Indoeuropäer bereits über Pferd und WAGEN verfügten, der ja schon ab 3.400 v. Chr. allgemein in der Region verbreitet war. (S. 66). s. oben Ziff. III.). Anthony sieht also im unteren Donautal ( und Varna zur Gräberzeit ein Jahrtausend zuvor : 4.300 v. Chr.) keine Spur von Pferden.

- 25 -

Unverständlich bleibt deshalb, dass die vorgenannten äusserst wichtigen, Befunde (a) in den Gräbern der Eliten gab es nur die Knochen von Rindern und Caproviden, aber "NIEMALS VON PFERDEN", (b) Pferde sind nach den archäologischen Befunden im Alten Europa erstmals um 3.000 v.Chr., frühesten um 3.300 v. Chr. nachgewiesen worden (S. 341, 221 ) 

Anthony keineswegs an seiner frühen REITER-These zweifeln lassen.

Er geht vielmehr unverständlicher Weise davon aus, dass Raubüberfälle und Viehdiebstähle bereits um 4.000 v. Chr. auch von Reitern begangen wurden, die keine Rinder-Nomaden, sondern sesshafte Rinder-Bauern gewesen seien (S. 237). Eine schwer nachvollziehbare Feststellung. Noch verwirrender ist, dass Anthony dann plötzlich anführt, dass seine frühen "Räuber-Reiter" über HUNDERTE VON KILOMETERN hätten ausschwärmen können um ihre Viehdiebstähle zu begehen und gleichzeitig ihre nächsten Nachbarn hätten schonen können. (S. 239).

Da wundert sich der aufmerksame Leser doch sehr: Denn zuvor hatte er von Anthony gelernt, dass die angeblich reitenden Pferdezüchter sich dennoch aus ihren bewaldeten Flusstälern am Rande der Steppe kaum hinaus gewagt hätten, solange sie noch nicht über den Wagen verfügten. ( S.73).

Erst durch den Wagen, so erläutert Anthony, hätten sie ihre Mobilität erheblich verbessern und ihre Reichweite bis auf 50 km in die Steppen hinein ausweiten können. (S. 73, 300, 461). 

Im Klartext heisst das : Bis zur Erfindung des Wagens war die angebliche Reiter-Mobilität auf weniger als 50 km beschränkt. Nun können die tüchtigen Reiter urplötzlich und unvermittelt bereits 500 Jahre früher "Hunderte von Kilometern" und dies auch noch "fairly quickly" zurück legen (S 239). 

Diese Aussage betrachte ich nicht nur als befremdlichen Selbst-Widerspruch, sondern auch als unsinnig und damit unhaltbar. 

(3) Zu jener Zeit zwischen 4.200 und 4.000 v. Chr. gerieten auch die sesshaften Rinderbauern der europäischen CUCUTENI-TRIPOLYE. Kultur unter den Druck der P.I.E.- Steppen-Hirten ; denn es ist eine starke Zunahme der Befestigungen den sehr grossen Siedlungen, in denen sich hunderte von Bauern verschanzt hatten, nachzuweisen. (S. 230 ff.). 

Mehrere Jahrhunderte konnten diese grossen Bauerngemeinschaften offenbar die P.I.E.-Gruppen abwehren, aber ab 3.300 v. Chr. unter dem Ansturm der, mit ihren Pferde-Wagen anrückenden P.I.E.-Hirten des YAMNAYA-Horizonts, verliessen jene Bauern ihre Langhäuser und die grossen Siedlungen (S. 208 f., 493 n. 20). Auch dafür sieht Anthony KRIEG als Ursache an (S. 493 n. 19 ).

- 26 -

Auf den Ruinen einer der "Tripolye-Superstädte" errichteten die Sieger des Yamnaya-Horizontes einen Kurgan als weit sichtbares Zeichen (S. 346).

Jene "Stammes-Kriege" (tribal warfare) der durch ihre PFERDE-WAGEN gekennzeichneten Yamnaya-Krieger beschreibt Anthony als allgegenwärtig in der BRONZE-ZEIT (S. 237) (also ab 3.300 v. Chr.). Aber auch hier schreibt er -und dies wiederum ohne Beleg- "mounted raiding", also die Raubüberfälle, unbeirrt seinen "Reitern" zu (S. 237), obwohl er zuvor den entscheidenden Mobilitäts-Gewinn gerade der Nutzung des Wagens zugeschrieben hatte (S. 73). 

Zeitgleich mit der Nutzung des Pferde-Wagens als schnelles und in jeder Beziehung effektives Transportmittel war aus der Kupfer-Metallurgie in der pontisch-kaspischen Region, zuerst im Norden des Kaukasus, die Herstellung von BRONZE gelungen (S.125). Als Erfinder dieser neuen und epochalen Metallurgie bereits um 3.700 v. Chr. sieht Anthoby die MAIKOP-Kultur im Norden des Kaukasus an (S. 263, 287). Die Maikop-Chiefs führten alsbald einen schwunghaften Handel mit Bronze-Erzeugnissen, und zwar bis in den Nahen Osten, was ihren sagenhaften Reichtum begründete. Über diese Händler kam, so Anthony, schon bald nach 3.700 v. Chr. der Wagen in die pontisch-kaspische Region. (S. 263, 284, 289, 290, 295, 299). Es war diese Bronze-Metallurgie, die neben dem Pferde-Wagen auch bei den bei den P.I.E.-Angehörigen zu einer Steigerung von Macht und Reichtum führten. Um 3.300 v.Chr. war die Bronze-Metallurgie dann schon bis in das untere Donautal gelangt. (S. 125).

(4) Mit dem Übergang vom Äneolithikum zur BRONZEZEIT beginnt auch im Nahen Osten der Einsatz von Equiden-Streitwagen, wie das Eindringen der SUMERER-Streitwagen-Krieger um 3.200 v. Chr. nach Mesopotamien und deren Eroberung der Städte der UBAID-Kultur der dort ansässigen Rinderbauern zeigt.

Ab 3.300 v. Chr., also zu jener Zeit, als im Alten Europa nicht nur der WAGEN, sondern erstmals auch PFERDE aus den Steppen archäologisch nachgewiesen sind (S. 341, 221 : s. oben Ziff. 2 ), hatten P.I.E.-Populationen des sogen. YAMNAYA-Horizontes mit ihren Pferde-Wagen und Rinderherden eine massenhafte Emigration aus den pontisch-kaspischen Steppen begonnen (S. 343). Diese bewaffneten Hirten-Nomaden drangen mit ihren Herden und als geschickte Fahrer ihrer Pferdewagen alsbald auch in das untere Donautal und das Karpatenvorland ein (S. 344). Dies führte immer wieder zu "militärischen Konfrontationen" (S. 343).

- 27 -

Wo immer diese hoch-mobilen Pferdezüchter und Wagen-Fahrer auftauchen, ist eine Zunahme von "KRIEG" und "Zerstörung" festzustellen (S. 342), so dass im "Alten Europa" die traditionelle Bedeutung des Ackerbaus, den die dort ansässigen Rinder-Bauern sehr kultiviert hatten, stark zurück ging und die Bauern ihre Ökonomie auf diejenige von Rinder-Hirten umstellten (S. 342).

Jene Hirten-Krieger der zum YAMNAYA-Horizont gehörigen USATOVO-Kutur beschreibt Anthony als stark bewaffnete Militärmacht (S. 356, 358 ), die u.a. auch über die Spät-TRIPOLYE-Siedlungen die "militärische Dominanz" ausübten. (S. 344,347, 349). 

Jene kriegerischen YAMNAYA- und USATOVO-Pferde- und Rinder-Züchter (mit KURGAN-Gräbern) charakterisiert Anthony an vielen Stellen seines Buches als

military power, als warriors und warrior-brotherhoods geführt von einer warrior-aristocracy und warrior-chiefs (S. 259 f., 264, 342, 344, 349, 355, 357, 359, 364, 365)., chiefs with formally instituted warrior-bands, who drove wagons. ( 15 f.). 

Nach einer derartig eindeutigen Beschreibung von Kriegern, formell institutionalisierten Truppen, Krieg und militärischer Dominanz, überrascht Anthony seine LeserINNEN dann aber mit dem bemerkenswerten Satz: 

"There was no Indoeuropean invasion of Europe". (S. 369).

Erstaunt fragt man sich: Wie ist ein solcher salto mortale zu verstehen ?

Die Einschränkungen folgen auf dem Fusse:

"The migration was not a COORDINATED military invasion" (S. 369) (Hervorhebung von mir).

Das hatte ja nie jemand behauptet.

Was waren und wollten die Eindringlinge ?

"Tribal segments fissioned from clans to APPROPRIATE places with good pastures and opportunities for ACQUIRING CLIENTS (S. S, 369 f.). 

(Hervorhebung von mir).

Aha ! : Nach der "unbefugten Aneignung" von Land wollten die Eindringlinge dann "Klienten akquirieren".

Ach so. Wie ging solche "Akquisition" vor sich ? 

"Yamnaya-chiefs organized ISLANDS OF AUTHORITY and used their ritual and POLITICAL INSTITUTIONS to establish CONTROL over the LANDS they APPROPRIATED for their herds. (S. 370).

(Hervorhebung von mir).

- 28 -

Machen wir uns klar, was der Autor uns hier an Apologetik vorsetzt: 

* Es gab nie eine "koordinierte militärische Invasion",

 weil es ja einzelne Stämme, geführt von ihren "chiefs", also warlords, waren, welche in Europa die Bauern überfielen und sich widerrechtlich ihr Land aneigneten, um dort ihre eigenen Herden weiden zu lassen.

* Die " politische Kontrolle", die sich jene bewaffneten Landbesetzer dann von einer "Autoritäts-Insel" aus über die ansässigen Bauern verschafften, um sie von den annektierten Ländereien fern zu halten, ist schliesslich nichts anderes als eine "franchising operation", in der die vorher freien Bauern also zu einer Art "Lizenznehmern" werden.

So wagt Anthony, die Tributpflicht zu verharmlosen.

Warum unterlässt Anthony im Zusammenhang mit dieser Apologetik jeden Hinweis darauf, das jene P.I.E. Populationen, die sich ür ihre mitgeführten Herden unbefugt die Ländereien der dort Ansässigen aneigneten und die Enteigneten unter ihre politische Kontrolle brachten, schwer bewaffnete Krieger waren und mit zum Kampf geeigneten Pferdewagen anrückten ? Warum verharmlost er eine solch offensichtliche Überlagerung durch Equiden-Krieger als eine Art "franchising operation" (S. 343 f.), nachdem er zuvor eingehend beschrieben hat,wie sie den "Krieg glorifizierten ?(S. 259 und die vorstehenden Zitate).

Eine Erklärung für solche Apologetik der Indoeuropäer legen die folgenden bemerkenswerten Sätze des Autors nahe : Zunächst:

"Bewaffnete Raubüberfälle sind ja etwas ganz anderes als eine organisierte militärische Invasion" (S. 464). 

und dann plötzlich auch das Abrücken von den Raubüberfällen : 

"Plündernde Hirten-Nomaden sind für jene "Bronze-Age-Riders" ein irriges Stereotyp, für das auch Marija GImbutas verantwortlich ist ". (S. 236, 489 n. 22).

Anthony hat hier unverkennbar das Problem, seinen peinlichen Ausfall gegen Marija Gimbutas im Jahre 1995 noch halbwegs zu rechtfertigen:

Er hatte ihr damals in seinem Aufsatz "From Nazi and eco-feminist prehistoric ideology and empiricism in Indo-European archaeology"  

vorgeworfen : 

" Gimbutas macht das genaue Gegenteil der Nazis: Während die Nazis die 

indo-europäischen Arier zu Kulturheroen stilisierten, so dämonisiert 

Gimbutas sie umgekehrt zu patriarchalen Gewalttätern. Das eine ist so 

falsch wie das andere".

(vgl. hierzu meinen Essay : Die Anti-Gimbutas-Kampagne: Der Kampf gegen die Göttin - :www. gerhardbott.de ).

- 29 -

Anthony's Indoeuropäer-Apologetik ist also offensichtlich darauf zurück zu führen : denn sie widerspricht ja eklatant seinen dargelegten Erkenntnissen. 

Da er sich aber Verharmlosung auferlegt hat, ist er auch bemüht, den Befund von Collin RENFREW abzuschwächen, der die Überlagerung durch die Indoeuropäer als "elite domination" bezeichnet. Anthony will weg von dem bösen Wort "domination", HERRSCHAFT und möchte das ersetzen durch " elite recruitment" (S. 118). 

Hier lernen wir wiederum etwas sehr Bemerkenswertes :

Die Indoeuropäer glorifizieren zwar den Krieg, haben eine "warrior-aristocracy" und auch "warrior-chiefs", die "warrior-brotherhoods" befehligen und sie üben auch eine "militärische Dominanz" aus ( S. 344,347,349 - oben S. 27), aber sie HERRSCHTEN nicht etwa über die von ihnen kontrollierten Bauern, sondern sie "REKRUTIERTEN" diese nur. "Rekrutieren" scheint also für Anthony etwas ähnlich Freiwilliges zu sein, wie "franchising"

Dies alles erscheint mir äusserst suspekt für einen Autor, der so eindeutig immer wieder auf den kriegerischen Charakter der Indoeuropäer hingewiesen hat (S. 259, 393 ff., 383, 410, 421, 433, 437, 443, 447, 454), und auch auf ein Massengrab der bronzezeitlichen SINTASHTA-ABASCHEVO-Kultur um 2.200 v. Chr., in welchem 28 verstümmelte Krieger gefunden wurden, 18 von ihnen enthauptet. (S. 383).

Nach Anthony's anfechtbarer Definition von "Invasion" gibt es erst in der Zeit zwischen 2.300 und 2.000 v. Chr., also nach der Weiterentwicklung der alten "battle carts" zum schnellen Streitwagen mit Speichenrädern, den "chariots", wirkliche " CONQUESTS", Eroberungen durch die Indoeuropäer, die die Welt verändern. (S. 412).

(5) Was die KRIEG-FÜHRUNG, warfare, betrifft, schliesst sich Anthony den historisch gesicherten Befunden an, d.h. es gilt: "DRIVING BEFORE RIDING" (S. 503 n. 7 ). Im einzelnen beschreibt er ausführlich die Nachteile und die Unterlegenheit, die zunächst Reiter gegenüber Streitwagen-Kriegern hatten ( S. 18 f., 399 f., 403 f. 417, 503 n. 7 ; so auch im Website-Essay). 

Ich sehe mich also in dieser Sache in vollständiger Übereinstimmung mit Anthony. : In meinem Buch und im Website-Essay "Indoeuropäer und Kurganpopulationen: Streitwagen- Krieger 2"

habe ich die Kultur-Chronologie : Erst Fahren, dann Reiten vertreten,; es ging dabei um die historisch bedeutsame Frage des Einsatzes domestizierter Equiden für die KRIEG-Führung und die Überlagerung von Rinderbauern durch Equidenkrieger.

Kritik habe ich geübt an der von Gimbutas für das Eindringen von "Kurgan I" vertretenen REITER-Krieger-These : 

- 30 -

Die nicht nur von Gimbutas vertretene Annahme, dass die Erst-Überlagerung, durch die Indoeuropäer (" Kurgan I " ) durch REITER erfolgt sei, ist, wie auch Anthony anerkennt, unhaltbar. Auch er führt aus, dass in der Kriegführung Streitwagen-Krieger den Reiter-Kriegern vorausgingen, weil Reiter-Krieger erst ab 800 v.Chr. auf den Plan traten. (S. 18 f ; 222 ff. und ebenso in seiner Website-Abhandlung : "Harnessing Horsepower"). (Benerkenswert: Harnessing = Anschirren, Anspannen ). 

Diese Kultur-Chronologie erklärt Anthony -wie ich - mit militärischen Gründen, z.B. : 

" The adequate short recurved "cupid" bow was only invented 1.200 BC and that bow could be used by a horseback rider. Therefore a warfare from horseback emerged only by 800 BC - 1.000 BC" (vgl. Website und Buch S. 379 ff.).. 

Anthony kommt zu der zutreffenden Schlussfolgerung : 

" It would be grossly inappropriate to apply that later model of mounted warfare to the Eneolithic. 

In der Zeit davor (und zwar seit den Sumerern) war der Streitwagen die von allen Equiden-Kriegern eingesetzte Kriegswaffe (S. 18 f ; 404).  Ich sehe mich also in dieser Sache in vollständiger Übereinstimmung mit Anthony.

Er weiss ferner, dass Abbildungen mit Streitwagen-Kriegern ein Jahrtausend früher auftreten, als jene Bilder, die Männer auf dem Rücken von Equiden sitzend zeigen.(S, 404, 415) und dass das "Aufsitzen", "Reiten", auf Equiden bis in die Zeit der MARI-Kultur für einen König als "pöbelhaft" galt, weil ein aristokratischer Krieger vom Streitwagen aus kämpfte und nicht vom Pferderücken. (S. 418 ). 

Bemerkenswert ist, dass Anthony, bezogen auf die Mari-Zeit um 1.770 v. Chr. schreibt: :

"Near Eastern monarchs had by then RIDDEN in wheeled vehicles of other kinds for more than a thousand years (S. 418).

Hervorhebung von mir).

Nicht nur an dieser Stelle, sondern wiederholt, verwendet Anthony für "FAHREN", das er manchmal auch mit " DRIVE " beschreibt, seinen Lieblings-Terminus "RIDE".

Das ist in höchstem Masse verwirrend, wie ich im folgenden zeigen werde.

- 31 -

(6) Im Haupttitel seines Buches : "The Horse, The Wheel and Language" bringt Anthony zutreffend den unbestreitbaren historischen Befund zum Ausdruck, dass es "PFERD UND WAGEN " waren, die die Indoeuropäer in die Lage versetzten, in den rinderbäuerlichen Kulturen ihren gesellschaftsverändernden Einfluss zur Geltung zu bringen und damit "die moderne Welt zu gestalten". Auch der Titel seines Website-Textes "HARNESSING Horse Power" weist auf das Pferd als Zugtier hin und nicht als Reittier.

Diese Kultur-Chronologie erklärt Anthony -wie ich - mit militärischen Gründen, z.B. : 

" The adequate short recurved "cupid" bow was only invented 1.200 BC and that bow could be used by a horseback rider. Therefore a warfare from horseback emerged only by 800 BC - 1.000 BC" (vgl Website und Buch S. 379 ff.)..

Irreführend ist deshalb der von ihm gewählten Untertitel : "Bronze-Age-RIDERS" : Im Englischen ist er missverständlich, im Deutschen sogar gefährlich irreführend, und zwar deshalb, weil Anthony vielfach unter "RIDE" auch FAHREN versteht, wie bereits oben, zu Ziff. 5 kurz erwähnt und belegt : 

Das P.I.E.-Wort *wégheti-, das "in einem Wagen fahren" bedeutet (S. 36), übersetzt Anthony auf Seite 35 mit "ride ", also im S. v. Bus-RIDE, was mit dem deutschen Terminus "Reiten" nicht übersetzt werden kann. 

Es wäre mithin ein grober Fehler, jenes "ride" auf Seite 35 mit "reiten" zu übersetzen ; denn *wègheti- bedeutet mit Sicherheit im Deutschen nicht REITEN, sondern FAHREN. 

Bronze-Age-Riders könnte deshalb nach Anthony's Terminologie,( in der "ride" und "ridden" wiederholt auch für "Fahren" verwendet wird), auch mit Bronzezeit-Fahrer übersetzt werden. Eine Übersetzung jenes Untertitels ins Deutsche mit "Bronzezeit-Reiter" wäre sogar grob fehlerhaft, weil sie Anthony eine Auffassung unterstellen würde, die er nicht vertritt; denn er schreibt ja ausdrücklich :

 " It would be grossly inappropeiate to apply that later model of mounted warfare to the Eneolithic, und auch die bronzezeitlichen Indoeuropäer haben ihre gesellschaftsverändernde Macht ("shaped the Modern World" ) noch nicht als Reiter-, sondern als Streitwagen-Krieger begründet ; denn als wirkliche "REITER-Krieger" traten die Indoeuropäer erst in der EISENZEIT ( um 800 v. Chr. ) in Erscheinung, wie Anthony selbst darlegt und nicht bereits in der "Bronzezeit".

- 32 -

Wenn Anhtony "Reiter" meint, spricht er im übrigen in vielen Fällen präzise von "horseback-riders" (S. 221).

Hier ist die Frage zu stellen, warum Anthony *wègheti- nicht, wie es richtig wäre, mit "drive" übersetzt, sondern irreführend mit "ride"

Meine Erklärung ist folgende :

(a) Anthony hat das Problem, dass er kein P.I.E.-Wort für "AUF DEM PFERD SITZEN", also "horseback-riding", anführen kann. !

Deshalb kann er seine gewagte Hypothese, dass die REIT-Kunst bereits vor dem Anschirren ( harnessing) und Fahren, entwickelt worden sei, glottochronologisch nicht belegen.

 

 (b) Gegen den, aus seinen bit-wear-Studien gezogenen (äusserst anfechtbaren) Schluss, die ZÜGELLUNG könne nur durch Reiten (d.h. nicht durch Anschirrung) erklärt werden, wird der berechtigte Einwand vorgebracht ( oben II. 5 ), dass archäologisch und paläo-zoologisch nur Wirbelsäulen-Pathologien ein sicherer Nachweis für das Reiten von Pferden sei. Unter dem Druck dieser Einwände scheint Anthony, vom Wunschdenken getrieben, auf den Trick verfallen zu sein, "to drive (in) a wagon", ( *wègheti-) mit "ride"  zu übersetzen, und seine Terminologie zu verwirren, weil er eine unheilbare Schwachstelle seines Buches zu verwischen versucht.

Dieser Ungenauigkeit des Untertitels wegen sehe ich leider voraus, dass Anthony von oberflächlichen Lesern als Verfechter der Reiter-Krieger-These vereinnahmt wird, wie sie von Gimbutas (unzutreffend) schon für Kurgan I etc. postuliert worden ist, obwohl er sich ausdrücklich dagegen positioniert.

 - 33 -

V. PATRIARCHAT:

(1) Dass eine solche KRIEGER-Gesellschaft, wie die P.I.E.-Angehörigen patriarchalisch organisiert war, ist kein Wunder. 

Ferner hatten sich aber bereits um 4.200 v.Chr. bei äneolithischen Rinderzüchtern hierarchisch-patriarchale (male-centered) Gesellschafts-Strukturen entwickelt. ( s. oben Ziff. I.).

Wir können deshalb mit guten Gründen davon ausgehen, dass auch die akkulturierten Rinderzüchter in den pontisch-kaspischen Steppen bereits patriarchale Strukturen vor der Domestikation des Pferdes durchgesetzt hatten.

Die P.I.E.-Sprachanalyse, die Anthony vorlegt, gibt von Anbeginn deutliche Hinweise auf eine etablierte hierarchische Sozialordnung mit männlichen "chiefs", die über "formell institutionalisierte Krieger-Truppen geboten und Wagen fuhren" (S. 15 f.). Dass solche patriarchalischen Kriegs-Herren und Krieger, die auch Kampfwagen fuhren, einen männlichen Himmelsgott, einen Himmels-Vater (Sky Father), verehrten (S. 134, 479 n. 1) überrascht nicht.

(2) Es war bei den Indoeuropäern üblich, dass Männer für ihre Ehe-Frauen einen Brautpreis an deren Herkunft-Familie zahlten (S. 239, 110 f., 117, 317, 364 ) und dass die Frauen ihre Residenz patrilokal bei ihrem Ehemann zu nehmen hatten (S. 92). Ältere matrilineare soziale Strukturen waren ersetzt durch patrilineares Verwandtschaftsdenken (S. 138) und alle lineage-chiefs waren Männer (S. 329). 

Es ist leicht verständlich, dass in einer solchen patriarchalen Gesellschaftsordnung, in der die Elite-Männer mit grossem Pomp unter Kurganen bestattet werden, ein göttlicher Himmels-Vater verehrt und die von Anthony sorgfältig so benannten "female figurines", sowie ein daran gebundener "Frauen-zentrierter Kult" weitgehend verschwunden ist. (S. 134, 165).

Immerhin wird von Anthony zutreffend bestätigt, dass jener patriarchalen Gesellschaft mit Patrilinearität und Patrilokalität, andere, nämlich, "matrilineale" Sozialverbände mit Matrilokalität vorausgingen. Auch hinsichtlich dieses Befundes stimmt er also mit Gimbutas überein, wenn auch nur klammheimlich, ohne es klar zu bekennen.

Zu diesem Thema vgl. Ziff. VI.

- 34 -

VI. ANTHONY zu GIMBUTAS :

Göttin (1), Steppenheimat der Indoeuropäer und Alt Europa (2), 

Invasion einer "horse-riding" Kurgan-Kultur (3).

Wem bekannt ist, mit welch unsäglichen Argumenten Anthony in der Vergangenheit gegen Marija Gimbutas zu Felde gezogen ist, wird mit Spannung erwartet haben, wie er sich jetzt, nachdem er seine Auffassung geändert hat, aus der Affaire zieht. Im Register (S. 549) gibt es 22 Verweise auf Gimbutas, aber ein Wort der Entschuldigung sucht man vergebens. 

(1) Zur "GÖTTIN".

1.1. Gleich zu Beginn seines Buches (S.10) fühlt sich der Autor bemüssigt, seine früheren Ausfälle gegen Gimbutas, diese, nunmehr durch sein Buch, weitgehend rehabilitierte Archäologin, trickreich zu verschleiern, weil er sie ja nicht einfach unterschlagen kann. er schreibt:

"In the world of the Goddess movement (Marija Gimbuta's >Civilization of the Goddess<, Rian Eisler's > The Chalice and the Blade> ) the ancient "Indo-Europeans" are cast in archaeologic dramas not as blonde heroes but as patriarchal warlike invaders, who destroyed a utopian prehistoric world of feminine peace and beauty (S.10, 471 n. 9). 

Worauf hier die Aufmerksamkeit zu lenken ist, sind die Termini : 

 Goddess movement, invaders und a utopian prehistoric world of feminine peace and beauty ; denn nur daran hat Anthony etwas auszusetzen, wie ich zeigen werde.

Mit der Fussnote verweist Anthony auf seinen (wie ich andernorts kritisiert habe mehr als peinlichen Aufsatz von 1995, der bereits durch seinen verleumderischen Titel abstösst : "Nazi- and Ecofeminist prehistoric ideology and empiricism in Indo-European archaeology" (Lit. Verz. S. 506).

In jenem Aufsatz hatte Anthony seinem Hass gegen den "Ecofeminismus" freien Lauf gelassen und wissenschaftliche Genauigkeit vermissen lassen und Gimbutas vorgeworfen::

" Gimbutas macht das genaue Gegenteil der Nazis: Während die Nazis die 

indo-europäischen Arier zu Kulturheroen stilisierten, so dämonisiert 

Gimbutas sie umgekehrt zu patriarchalen Gewalttätern. Das eine ist so 

falsch wie das andere". 

(vgl. dazu meinen Website-Aufsatz "Die Anti-Gimbutas-Kampagne: Der Kampf gegen die Göttin" (S. 16).

- 35 -

Anthony's Satz 

"In the world of the Goddess movement... the ancient "Indo-Europeans" are cast in archaeologic dramas not as blonde heroes but as patriarchal warlike invaders, who destroyed a utopian prehistoric world of feminine peace and beauty (S.10, 471 n. 9).

ist wiederum eine seiner bewusst vieldeutigen, unklaren Formulierungen, mit denen er vor sachunkundigen LeserINNEN das Wesentliche verbergen kann :

Dass die Indoeuropäer patriarchalische Krieger waren, die die bäuerliche Welt des Alten Euroopa zerstörten, wird ja von Anthony heute keineswegs mehr bestritten, sondern in vielen Details eingehend beschrieben und belegt, wie ich es zuvor wiedergegeben habe, z.B. mit seinem Befund: 

"P.I.E.-chiefs had formally instituted warrior-bands and drove wagons."

 (S. 15). etc.

Bemerkenswert ist ja, ich wiederhole es hier, dass Anthony in seinem Buch keineswegs leugnet, dass indoeuropäische Krieger ab 3.500 v.Chr,, in der BRONZE-Zeit, zunächst mit Streitwagen (battle carts und wagons) und nach 1.000 v.Chr., in der EISEN-ZEIT, auch als Reiter-Krieger nach Europa eingedrungen sind und dort ihre "politische Kontrolle" etablierten.

Der Dissens zwischen ihm und Gimbutas schrumpft also darauf zusammen, dass er negiert, (a) das die Eindringlinge "INVASOREN" waren und (b) dass jenes von den Eindringlingen zerstörte Alte Europa eine "Welt femininen Friedens und der Schönheit" gewesen sei. (vgl. dazu oben Ziff. IV ). 

Auch wenn man seine Beschreibungen der rinderbäuerlichen Kulturen des Alten Europa liest, entdeckt man, dass er nicht weit von Gimbutas entfernt ist; denn er beschreibt jene Welt so: "The richly ornamented and colorful decorated people of Old Europe" (S. 162, 482 n. 3 ), die einen "female centered cult" zelebrierten (S. 134).

Ausser dem Thalheim-Massaker der bandkeramischen Rinderbauern um 5.000 v. Chr. kann aber auch Anthony mit keiner konkreten Friedens-Störung im Alten Europa aufwarten, und eben dieses Massaker hatte auch Gimbutas in ihrer "Civilization of the Goddess" 1991, also bereits VIER Jahre vor Anthony's inkriminierendem Aufsatz, eingehend behandelt.

Es ist also unübersehbar, wie peinlich Anthony vorgeht, um seinen Fehler zu bemänteln.

Ein Zeichen von Schwäche.  

- 36 -

1.2.: Sein Seitenhieb gegen das "eco-feministic Goddess-movement" erklärt auch seine nahezu strikte Observanz des von mir sogen. "Interpretations-Verbotes" der "female figurines" als "Goddess" oder "Göttin". Nur an zwei Stellen wagt Anthony dieses verbotene Wort zu schreiben. "GODDESS in a ritual dress" (S. 426) oder "female deity" or "Goddess with a flounced skirt" (S. 456, 5o5 n. 42).

Ansonsten spricht er, wie es sich gehört, immer nur von "female figurines", u.a. in Anatolien und Thessalien (S. 146), im unteren Donautal, wo sie in "domestic female centered rituals" Verwendung gefunden hätten (S. 165). Auch in Haus- ALTÄREN in TRIPOLYE sind solche Figurinen gefunden worden (S. 171 f., 305), und sogar die von Gimbutas beschriebenen "Figurinen" mit Vogelmaske bestätigt er (S. 170 f.) Ebenso, dass in bis 30 m langen Langhäusern in Tripolye besonders viele solcher "Figurinen" gefunden wurden (S. 281, 305). Schliesslich bestätigt er auch, dass nach dem Eindringen der P.I.E.-Hirten-Krieger des YAMNAYA-Horizonts die Zahl solcher "Figurinen" stark zurückging. (S. 346) und dass damit auch jener "female centered cult" verschwand. (S. 134).  

Bei einer derartig gehorsamen Observanz des Interpretations-Verbots, wundere ich mich nicht, dass Anthony nicht erwähnt ( es vielleicht nicht einmal weiss), dass die höchste REICHS-GÖTTIN der indoeuropäischen HETHITER (noch zu Zeiten von Hattusili I. ) die SONNEN-GÖTTIN VON ARINNA war; denn statt ihrer erwähnt er nur, dass die Hethiter einen "Sun-God of Heaven" mit Namen SIUS (= ZEUS) verehrt hätten (S. 262), womit er seine Unkenntnis der hethitischen Geschichte dokumentiert, 

(2) P.I.E.-STEPPENHEIMAT und OLD EUROPE 

2,1: Was die Auswanderungsregion der P.I.E-Populationen angeht, zollt Anthony Gimbutas Anerkennung : 

"Seit 35 Jahren ist Marija Gimbutas dafür eingetreten, dass die P.I.E.-Gruppen, die in das Alte Europa immigrierten aus den pontisch-kaspischen Steppen emigriert waren", (S. 83, 475 n. 2, 458 ).

In den 8oger Jahren wurde diese Annahme von der Fachwissenschaft weitgehend abgelehnt und als diskrediteirt angesehen. (S. 214). 1989 aber bestätigte J.P. MALLORY durch seine "meisterhafte Revision der indo-europäischen Archäologie " ( "A Europoean perspective of East- Central-Asia" (Lit.Vz, S. 528) die Auffassung von Gimbutas von der Steppenheimat der Indoeuropäer und auch deren drei Migrationswellen. Allerdings war er skeptisch, ob diese Wellen mit spezifischen Zweigen der I.E.-Sprachfamilien und mit spezifischen archäölogischen Kulturen verbunden werden könnten. (S.214). 

- 37 -

Was die Ausgangsregion der Indoeuropäer-Migrationen betrifft, hat sich Anthony der Gimbutas- Erkenntnis jetzt vollständig angeschlossen. Seine Abweichungen beschränken sich auf folgende Punkte:

(a) Die Chronologie der Migrationen nach Alt Europa,

(b) Annahme einer einheitlichen "Kurgan-Kultur".

(c) die Beweggründe der P.I.E.-Migrationen

(S. 475, 214).

Bei genauer Betrachtung erweisen sich diese Auffassungsunterschiede unter historischen Gesichtspunkten als eher unbedeutend:

 

2.2.: Den von Gimbutas geprägten Terminus "OLD EUROPE" macht Anthony sich ebenfalls vollständig zu eigen. (S.482 n. 3, und Index S. 551 mit 16 Hinweisen).

Anthony schreibt über die Kultur des Alten Europa:

"The richly ornamented and colorfully decorated people of Old Europe" (S. 162, 482 n. 3) verehrten in ihren Häusern "female figurines", und zelebrierten dort einen "female-centered cult". (S. 134).

Genau so hatte ja Gimbutas das Alte Europa beschrieben.

 " The agricultural towns of Old Europe were the most technologically advanced and aesthetically sophisticated.... between 6.000 and 4.000 v.Chr. (S. 132).

(3) Zu Gimbutas ' KURGAN-These schreibt Anthony:

"Gimbutas hatte bereits 1956 die Auffassung veröffentlicht ( S. 518: Lit.Vz.)

dass eine "Kurgan-Kultur" an der unteren Wolga begonnen habe. (S. 306, 319). Diese Auffassung war 1974 von Merpert's Synthese des Yamnaya-Horizonts bestätigt und ist auch durch neueste Ausgrabungen erhärtet worden". (S. 319). Auch in dieser Erkenntnis stimmt Anthony Gimbutas zu.

3.1.; Er wendet sich jedoch gegen ihre Annahme, dass die Indoeuropäer, die zwischen 4.200 und 3.200 v. Chr. in das Alte Europa eingedrungen seien, (a) einer einheitlichen "Kurgan-Kultur" angehört hätten,

(b) dass sie REITER-Krieger gewesen wären und

(c) dass sie im Alten Europa eine "Welt egalitären Friedens und der Schönheit" zerstört hätten. (S. 214). Diese These sei bereits in den 80ger Jahren weitgehend als diskreditiert abgelehnt worden, insbesondere die These der " bronzezeitlichen Kurgan-Kultur als Reiter-Krieger" wurde von Marsha Levine als unhaltbar erwiesen. Die "Horse-Riding-Kurgan-Culture "-Hypothese sei damit endgültig tot. (S. 240).

- 38 -

Mit Recht kritisiert Anthony, dass Gimbutas seit 1977,wie manche andere, das "Stereotyp der eisenzeitlichen REITER-Krieger" ( cavalry), historisch rückübertragen hat auf die Bronze-Zeit. Für diesen verbreiteten Irrtum ist Gimbutas mit verantwortlich." (S. 489, n. 22)

Dies ist ja auch die von mir vertreten Auffassung.

Dass Indoeuropäer der Bronzezeit als Streitwagen-Krieger und erst nach 1.000 v. Chr., in der Eisenzeit als Reiter-Krieger immigrieren; siehe oben Ziff. IV.

3.2.: Anthony stimmt Gimbutas auch darin zu, dass die ältesten KURGANE zwischen 4.200 und 3.700 v. Chr. von den P.I.E.-Steppemvölkern errichtet wurden. (S. 244), und zwar von der "Herrenschicht der SREDNI STOG-Kultur" (DEREIVKA), einer Herren-Elite, die zum sogen. SUVOROWO-NOVODANILOVKA-Komplex gehörte (S. 245 ).  

Solche SUVOROVO- KURGANE in den Steppen waren die ersten (S.252).

Als die Angehörigen des genannten Kultur-Komplexes nach Alt Europa eindrangen (S. 249 ff.), flohen die Ansässigen vor diesen P.I.E.-Gruppen, die Rinderzüchter waren und denen eine Kurgan-Kultur eigen war (S. 251). 

Einige Jahrhunderte später, in der frühen BRONZE-Zeit, (E.B.A.), nach 3.500 v. Chr., drangen dann andere Indoeuropäer mit einer Kurgan-Kultur nach Alt Europa ein:

Die schwer bewaffneten und mit Pferde-Wagen ausgerüsteten Rinderzüchter des YAMNAYA-Horizonts, die, wo immer sie erschienen, ihre Kurgane errichteten (S. 323, 330, 361), im Alten Europa, in das sie in grosser Zahl eindrangen, sogar TAUSENDE von KURGANEN (S. 362). 

In der Bronzezeit bestatten dann ALLE zur indo-europäischen Sprachfamilie gehörenden Migranten ihre Elite-Toten unter Kurganen. ( s. u.a. S 443).

All diese Feststellungen Anthony's stimmen ja vollständig mit den Befunden von Marija Gimbutas überein. Was also hat er auszusetzen ?

In seinem Kapitel "Why not a Kurgan-Culture" (S. 306 ff.) führt er aus, dass er nicht EINE einheitliche "Kurgan-Kultur" gelten lassen will.

Sein Einwand: Es seien mehrere P.I.E.-Kulturen gewesen, die Kurgane errichtet hätten. (S. 307, 214, 475).

Schon Gorodsow habe die Kurgan-Kultur in zwei Kulturen unterteilt. (S. 306). Es habe unter den Kurganen drei chronologische Gruppen von Gräbern gegeben:

(a) Pit-Gräber, (b) Catacomb-Gräber, (c) Timber-Gräber (S. 306) 

- 39 -

Und selbst die eingehend beschriebenen Rinderzüchter, die mit ihren Herden und mit Pferde-Wagen immigrierten und zum sogen. YAMNAYA-Horizont gehörten, seien ja nicht EINE KULTUR gewesen, sondern ein "HORIZONT", und das bedeute : "A horizon is more a populaar fashion than a culture" (S. 131), und wird betrachtet als "cultural-historical community" (S.307). Damit ist gemeint, "that there was a thread of cultural identity or shared ethnic origin running through the Yamnaya social world, allthough one that diversified and evolved with the passage of time. - I agree that this propably was true in this case. (S.307).

Ich gebe diesen Text deshalb im englischen Original wieder, um zu zeigen, wie viel gedrechselte Worte gemacht werden müssen, um eine "Kurgan-Kultur" zu negieren. 

Besonders nichtssagend, ja geradezu widersinnig, ist das Argument : Da der soziale Lebensstil innerhalb des Yamnaya-HORIZONTES im Laufe der Zeit evolvierte und sich diversifizierte, sei dies eben keine "Kultur", sondern ein "Horizont". 

Würde man diese Definition zugrunde legen, dann gäbe es überhaupt keine "Kultur", weder eine sumerische, noch eine minoische, indo-arische oder pharaonische ; denn sie alle haben sich ja im Laufe der Jahrhunderte gewandelt.

Der Zweck dieser Wortklauberei ist wohl nur, Gimbutas doch noch etwas am Zeug zu flicken.

(4) Erst ganz zum Schluss seines Buches, und auch dies nur versteckt in einer Fussnote, kann Anthony sich zu dem Bekenntnis durchringen, wie viele Erkenntnisse er Marija Gimbutas zu verdanken hat. 

In den Anmerkungen (Notes) auf Seite 495, n. 5 steht geschrieben:

GIMBUTAS 1956 : 70 ff - I would never have thought it possible to penetrate the archaeology of Eastern Europe had it not been for this pioneering English language synthesis, which opened the door. Nevertheless, I soon disagreed with her. I was very pleased to spend a few days with her in 1991 at the National Endowment for the Humanities conference in Austin".

Ich will nicht vergessen, dass Anthony vier Jahre nach diesem Treffen, das er jetzt als für ihn denkwürdig bezeichnet, in seinem Aufsatz:

"Nazi- and Ecofeminist prehistoric ideology and empiricism in Indo-European archaeology" massgeblichen Anteil an der widerwärtig verlogenen "Anti-Gimbutas-Kampagne" hatte.

gerd_bott_die_erfindung_der_goetter_th_180

 

Im Buchhandel erhältlich und bei

Books on Demand (BOD)

Amazon.de

Google Books