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Kontaminierter "Schöpfungs-Mythos" der MAYA

(Anmerkungen zu  "Monumente Grosser Kulturen:  MAYA "  mit Texten von Pierre Ivanoff   (1970/1974)  ISBN  3-921195-12-8  )

(1) Im "POPOL VUH", dem "BUCH DES RATES", ist  ein "Schöpfungs -mythos"  der  QUICHÉ, eines der über 20 Priester-Fürstentümer der Maya, aufgezeichnet. (S. 88).

Dieser Mythos wurde bereits um 1530, also nach der Invasion der Spanier, in der Maya-Sprache aufgezeichnet , aber nicht in deren Glyphen, sondern  in  lateinischer Schrift. (S. 190). Wer jener der lateinischen Schrift mächtige und zugleich der Maya-Glyphen  kundige   "Transskriptor"  war,  und wie man die  Maya-Sprache statt mit  Glyphen auch mit  dem lateinischen Alphabet schreiben kann,  wird in dem Buch bemerkenswerter Weise nicht mitgeteilt.

(2) Zum ersten Male veröffentlicht wurde das  "Popol Vuh"  im Jahre 1861. Die Übersetzung besorgte Abbè  Brasseur de Bourbourg, und zwar nicht aus der zuvor genannten Aufzeichnung , sondern  aus einer  " späteren Quiché- Handschrift". (S. 190).

Aus welcher Zeit diese  "spätere" Handschrift stammte und ob diese etwa auf der Grundlage der lateinischen Transskription von 1530  erstellt wurde, wird wiederum nicht klargestellt. Aus vorkolumbischer Zeit jedenfalls stammt  diese Handschrift nicht, wie sich aus folgendem ergibt:

Im Jahre  1549 , bereits  sieben Jahre nach der vollständigen und endgültigen Unterwerfung der Maya durch die Spanier, hatte  Pater Diego de Landa alle Maya-Bücher, d.h. Schriften auf meterlangen schmalen Streifen von weichgeschlagener Feigenrinde, imprägniert mit Harz und beschrieben mit Farben, als  "teuflische Bücher" in einem grossen Autodafé verbrennen lassen.

Unter den vorkolumbischen Handschriften, die  dieser Verbrennung entgingen, war das  "Popol Vuh"  jedenfalls  nicht. (S. 88).

Kritische Leser werden also Übersetzungen von  sogen. Maya-SCHÖPFUNGS-MYTHEN mit der gehörigen Skepsis  betrachten, insbesondere wenn sie aus der Feder von Patres und Missionaren stammen, die ja die Vorhut aller  "Ethnographen"   bildeten, die sich  -oft zu Unrecht, für Ethnologen hielten.

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(3) In der Popol Vuh-Übersetzung lesen wir:

Es gab nur Himmel und Gewässer, sonst nichts.  Einzig und allein die  Erbauerin   und der  Schöpfer, ,  Die Mächtige  und  Cucumutz ,  sie,  die Gebärerin  und der Söhnezeuger ,  waren da in den unendlichen Gewässern.   (S. 23 ).

Wie im obigen Zitat wird durchgehend im gesamten Text  an erster Stelle immer  Die ERBAUERIN,  Die MÄCHTIGE,  Die GEBÄRERIN genannt, und erst   nach und neben ihr   CUCUMATZ  der SÖHNEZEUGER, der angebliche   "SCHÖPFER".

Wie ist es zu erklären, fragt sich der skeptische Leser, dass der Übersetzer  des Popol Vuh den an zweiter Stelle genannten Cucumatz, den   "Söhnezeuger" , als   SCHÖPFER bezeichnet ?

Der Begriff des  "SCHÖPFERS"  ist ja in der Vorstellung abendländischer Leser immer mit dem   " Allmächtigen"  verbunden. Welches Wort haben die Maya benutzt ? Kannten die überhaupt die Vorstellung eines allmächtigen Schöpfergottes ?

Falls der  "Schöpfer ",  in den theologischen Vorstellungen  der Maya , der "Erbauerin " vorgesetzt und übergeordnet war , warum wird dann der Mann, der Vater,  erst  an zweiter Stelle, immer  nach der Mutter genannt ? Warum wird  die Mutter,  als  "DIE MÄCHTIGE" bezeichnet und nicht der Vater,  der   "Söhnezeuger" ?

Im Mythentext heisst es weiter,  dass das von der Erbauerin  "GEBAUTE" auch das "GESCHÖPF" ist.  (S.  24, 28) .

Also würde  sie dann nach  unserem Begriffen die  "Schöpferin" sein. Jene  Mächtige Erbauerin ist  "Die Mutter",  "die Gebärerin" .  Der Vater  ist das  "Himmelsherz (S. 27).

Wir  haben in diesem Mythos also  ein  Ur-Elternpaar vor uns , wie in den Mythen patriarchalischer  Krieger-Gesellschaften nicht anders zu erwarten. Dennoch ist es aufgrund des Zusammenhanges  unwahrscheinlich, dass die Maya den Vater und Söhnezeuger Cucumatz  der  "Erbauerin"  als "Schöpfer" übergeordnet haben: Was war für die Maya-Priester-Mythographen der theologische Unterschied zwischen den schöpferischen Fähigkeiten der ERBAUERIN und des in der Übersetzung  sogenannten SCHÖPFERS ?

Ohne den Maya-Text selbst nachprüfen zu können, glaube ich nicht, dass der "Söhnezeuger" dort als  "Schöpfer" in unserem Sinne bezeichnet worden ist. Welches war für die Maya der Unterschied zwischen jener " Erbauerin der   Geschöpfe" , der "Mächtigen" , einer Art Architektin der Welt , und einem   "Schöpfer" ?

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Es ist zu offensichtlich, dass in der Wortwahl eine Manipulation zugunsten eines männlichen "Schöpfers" vorliegt, die entweder  bereits von den spanischen Patres vorgenommen wurde, die 1530 den Maya-Mythos in lateinischer Schrift transskribierten oder durch den Übersetzer Abbé Brasseur im Jahre 1861.

Deshalb gehe ich davon aus , dass auch bei diesem schöpferischen Ur-Eltern-Paar der Maya der "Söhnezeuger" der  "Gebärerin" , jener "Mächtigen", ebenso nachgeordnet  und damit zweitrangig war, wie  wir es aus den Mythen der "Alten Welt" kennen, in denen der männliche Befruchter, der "Stier seiner Mutter", stets der gebärenden Grossen Göttin nachgeordnet ist.

(4) Die Maya-Gesellschaftten waren ja kriegerisch-patriarchale Überlagerungs-Gesellschaften von höchster Brutalität, die die von ihnen unterworfenen und vom priesterfürstlichen Adel beherrschten  Bauern und Sklaven durch ständige Menschen-Opfer in Angst und Schrecken hielten. An der Spitze der Hierarchie von etwa 20 yukatekischen Maya-Fürsten stand ein Monarch, der  AHAU (S. 138,140).  Hier sei nur noch auf den bemerkenswerten Sachverhalt hingewiesen,  dass  der Adel sich  Almehenoob nannte, was übersetzt wird mit     " DIE VATER UND MUTTER HATTEN". (S. 138).

Da ja jeder, auch die unterworfenen Bauern, ja sogar die Sklaven,  eine MUTTER hatten, kann logischerweise diese Titulatur nur bedeuten : Ein Adliger hatte nicht nur eine Mutter, sondern auch einen VATER.   Angehörige des Adels  zeichneten sich demnach gegenüber dem Volk dadurch aus, dass sie diejenigen waren   " DIE AUCH EINEN VATER HATTEN" .

Die reine, unilineare,  MATRILINEARITÄT  des Verwandtschaftsdenkens , die offenbar beim unterworfenen Volk die Regel war, (vergleichbar  den AYLLU , den matrilinearen Blutsfamilien, der von den Inka unterworfenen Bauern) , galt demnach als etwas "Niederes", weil der  Adel sein Verwandtschaftssystem  um die  PATRILINEARITÄT  ergänzt hatte , d.h. ein Adliger führte seine Herkunft auf ein  bilineares Verwandtschaftssystem zurück. Es ist keine Überraschung , dass eine solch patriarchale  Kriegergesellschaft den göttlichen Vater als  "SÖHNEZEUGER" verherrlicht, denn was taugen minderwertige  Töchter schon für den Krieg.

(5) Die Skepsis  gegenüber  diesem, durch katholische  "Übersetzer" verfassten Schöpfungsmythos, wird  schliesslich verstärkt, wenn wir einen "Vaterunser"-ähnlichen Text vorgesetzt erhalten, der lautet:

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"Dies war ihr Gebet vor ihrem Gott: Du Huracan, Du Herz des Himmels und der Erde, der Du Fülle und Überfluss spendest, der Du Töchter und Söhne schenkst, lass ausströmen Deinen Überfluss und Deine Fülle. Gib Leben und Gedeihen meinen Untertanen, dass sie fruchtbar seien, dass sie sich vermehren mögen, aber dass sie nicht Unzucht trieben."  (S. 42 )

Plötzlich ist  nur noch  der  ER-GOTT   übrig geblieben und die  "MÄCHTIGE ERBAUERIN" ist in dieser Übersetzung verloren gegangen. ER, der VATER, schenkt Töchter und Söhne  und hat die grosse Sorge, dass seine Untertanen   UNZUCHT treiben.

Ein solches theologisches Denken ist uns zu gut bekannt, als dass wir einer solchen  "Priester-Übersetzung" Glauben schenken werden.

Erneute Warnung:  Vorsicht vor Ethnographen und kulturwissenschaftlich ungebildeten Ethnologen. !

vgl. auch in diesem Blog:

Missionarisch  kontaminerte Mythen der  INKA

Der URVATER-GOTT : Freuds patriarchalische Gottes-Definition für die Urgeschichte 

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