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Streitwagen-Krieger in China
und Patriarchalisierung der Mythen

I.  Das Neolithikum in China:

Als  die Bandkeramiker  bereits  als Rinderbauern   die neolithische Kultur  (des Modus III) aus dem  Alten Orient nach Europa  eingeführt hatten,  begann in China gerade das Neolithikum (Modus I ) .  Die ersten Belege gibt es aus der Zeit zwischen 5.000  und 3.700 v. Chr. :  Im Norden Chinas  , in den Regionen des Gelben Flusses , wurde  HIRSE angebaut, im Süden , im Yangtse-Gebiet  , REIS, der zuvor in Indien kultiviert worden war und wahrscheinlich von dort nach China gelangte. ( Birrell,  S. 8 f.)  Auch die Metallurgie ist keine chinesische Erfindung, sondern eine Zivilisationsleistung, die ebenfalls von aussen nach  China gelangte.  ( Birrell, S. 9).  Die anschliessende  Entwicklung der Viehzucht  bei  den chinesischen Bauern  wird von  Birrell nicht erwähnt.

II. Zur frühdynastischen Zeit Chinas

Als die Hochkultur der Sumerer mit der post-sargonidischen  III. Dynastie von Ur bereits durch den Ansturm der semitischen Amurru endgültig untergegangen war und nur in veränderter Form im "Altbabylonischen" Reich fortlebte , zur Zeit des "Mittleren Reiches"  im pharaonischen Ägypten , als die indoeuropäischen Hethiter als Streiwagen-Krieger bereits die Städte  Anatoliens  erobert  und  dort mit dem Aufbau ihres großen Reiches begannen, als die indoeuropäischen Arier als Streitwagenkrieger an den Indus vorstießen und sich die dort ansässigen Rinderbauern untertan machten  und als die Achäer mit ihren Streitwagen gerade auf das griechische Festland vorstießen, gab es im Fernen Osten, in China, die ersten Anzeichen einer dynastischen Zivilisation. Erst jetzt gibt es Hinweise auf ein chinesisches Königtum und darauf, dass drei Dynastien einander ablösten  :

1. Die  HSIA (XIA) -Dynastie (1.994 -1.523 v. Chr.)

Aus der ca. 450 Jahre andauernden  Herrschaft dieser 1. Dynastie sind 23 Könige bestätigt, die dieser ältesten Dynastie angehören.  Weil in der ersten Dynastie der Hsia (XIA)  die Schrift fehlte,  gibt es nur wenige Informationen.

2. Die SHANG-Dynastie (1.523-1.029 v.Chr.)

Etwa 200 Jahre )nach dem Ende des  babylonischen Hammurabi-Reiches und  nach  der Invasion der Streitwagen-kriegerischen Hyksos in Ägypten, gibt es  die ersten historisch sicher nachgewiesenen Reichsgründungen in China.

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Das Herrschaftsgebiet der Shang erstreckt sich über Mittelchina.  Die Shang sind Streitwagenkrieger, herrschen über befestigte Städte, sind aber nomadisierende Herrscher ohne feste Residenz.  Aus der Shang-Zeit gibt es  die ersten Schriftzeugnisse;  aber auch diese sind nur Orakel auf Knochen und Schildkrötenschalen.  Höchste Gottheit in dieser bronzezeitlichen Kriegerkultur ist der Ahnengeist der Herrscherfamilie.

Nach Birrell  sind die SHANG  eine militarisiete Kriegergesellschaft mit einem Priester-König an der Spitze ,eine Kultur in der kein Stamm-VATER , sondern eine  Stamm-MUTTER, JIAN  DI , verehrt wird . (Birrell, S. 38).

Bei Begräbnissen der Shang-Herrscher wurden auch Menschen geopfert. (Birrell, S. 13).

Seit der Shang-zeit gibt es auch Ethnien von  KAUKASIERN in China (Birrell, S. 12).

In den  kratogonischen Mythen vom göttlichen Ursprung der Shang-Dynastie wird von der göttlichen Geburt des Herrschers berichtet:  Als das  „Schöne Bambusmädchen“  JIAN DI, Göttliche Stamm-MUTTER  der Shang, ein Bad  nahm , liess ein schwarzer   weiblicher Vogel ein Ei ins Wasser fallen.  Jian Di verzehrte es  und wurde  dadurch schwanger und brachte  den mythischen König zur Welt. (Birrell, S. 35 f. )

Ein späterer Nachkomme der Könige der Shang war KUNG fu-dse, Meister KUNG,  für uns KONFUZIUS,  geb. 550 v. Chr. zur Zeit der Zhou-Dynastie .

Die Shang-Dynastie, über die Konfuzius später schreiben wird, wurde ca. 500 Jahre vor seiner Geburt von den ZHOU abgelöst, die 1.029 v. Chr. die Shang-Herrscher endgültig  entmachteten und internierten.  (aaO.S.21).

3. ZHOU-Dynastie (auch Chou oder Dschou)  (1.123- 221 v.Chr.)

( Die Zhou-Herrschaft beginnt  zur Endzeit der Ramessiden  im Neuen Reich in Ägypten.)

Diese Dynastie, die fast 800 Jahre China beherrschte, deren Reich aber 481 v. Chr. zu zerfallen begann, waren fremdstämmige Eroberer. Als Hirten und Ackerbauern kamen sie mit ihren kriegerischen Streitwagen, oder auch schon als Reiterkrieger,  aus dem  „Fernen Westen“. Die Invasoren siedelten sich in der Ebene von Zhou an und erhielten daher ihren Namen.  Es handelte sich um eine Föderation einer Sippengemeinschaft.  Geführt wurden die Pferdezüchter von ihrem „Kriegskönig WU, der von seinem Bruder, dem „Herzog von Zhou“, unterstützt wurde.  Die fremden Invasoren eroberten im Tal des WEI HE die damalige Hauptstadt Yin und zerstörten sie.  Die Zhou-Herrscher ließen sich verehren als  „Himmelssohn“,  begründeten eine strikt

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hierarchisch verfaßte Aristokratie mit einem Lehensstaat mit starker Ungleichheit zwischen den Eroberern und den Eingeborenen (Chinesen).

Konfuzius, der Shang-Nachkomme, wird später über diese Zeit schreiben:

„Die Söhne des Ostens werden zum Dienst gerufen, die Söhne des Westens glänzen in prächtigen Gewändern“. (Konfuzius,  rororo S.16).

Diese aus dem Westen kommenden Equidenkrieger, die wohl zu den von den Kurganvölkern beeinflußten Altai-Pferdezüchtern gehörten, besiegten und unterwarfen  die bis dahin in China herrschenden  SHANG-Fürsten und brachten ihren   Himmelsgott mit sich:

Die  ZHOU-Kaiser verehrten einen  Himmelsgott SHANG-TI  als „König der Götter“.  Die übrigen  ihm unterstehenden Götter waren nach Art der Beamtenhierarchie in Klassen eingeteilt (Glasenapp, aaO, S.121, 127).

Nach den kratogonischen Mythen der ZHOU wurde der Dynastiegründer , Ahnherr  und  Stamm-Vater ,  HOU-CHI, dadurch empfangen, daß seine Mutter in die Fußspur des Himmelsgottes SHANG-TI trat.  (aaO. S.122)  Der König war also der „Sohn des Himmelsgottes“ und herrschte als dessen Stellvertreter auf Erden  (aaO. S.126).  Am Tag der Winter-Sonnenwende opferte der Kaiser seinem Ahnherren, dem Himmelsgott, im Himmelstempel südlich von Peking ( aaO. S.127).

Zum kultischen Fest des Frühlingsanfangs pflügte der „Sohn des Himmels“ den „Heiligen Acker“ und nach dem Ritual (das ja der Heiligen Hochzeit entspricht) wurden dem Himmelsgott männliche Tiere (wohl Boviden) geopfert;  die Opferung weiblicher Tiere war, natürlich,  verboten  (aaO. S.132).

Auch Birrell weist richtig darauf hin, dass auch die  ZHOU als  AHNIN eine Stamm-Mutter JIANG YUAN verehrten, die ihren Sohn, den göttlichen König  „HIRSE-HERR“ , oder den Zhou-König Tian Zi , vom Himmelsgott empfing, als seine Mutter in des  Himmels-Gottes Fuss-Spuren trat. (Birrell, S. 38),

Erinnern wir uns:  Die Herrschaft der Zhou begann  2.000 Jahre nachdem die sumerischen Streitwagekrieger in Mesopotamien eingefallen waren, fast ein Jahrtausend, nachdem die indoeuropäischen Achäer mit ihren Streitwagen Griechenland unter ihre Herrschaft gebracht und die Arier-Streitwagenkrieger sich zu Herren Indiens aufgeworfen hatten, als in Mesopotamien (lange nach dem Untergang der Sumerer) der semitische König NEBUKADNEZAR I. herrschte und  als das babylonische Schöpfungsepos Enuma Elish zu Ehren des  Himmelgottes MARDUK  verfasst wurde.

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Die ZHOU waren die ersten Herrscher, die ein Schriftsystem entwickelten, das über reine Orakelzeichen hinausging..   (Birrell, S. 14, 16).

Das älteste Zeugnis schriftlicher Überlieferung stammt erst  aus der Zeit von  600 v. Chr. das  SHI JING, das  „Buch der Lieder“.  (Birrell, S. 14).  Das  YI JING, das  „Buch der Wandlungen“  („I-Ching“ oder „I-Ging ) noch später , und erst um 400 v.Chr. kamen mit der chinesischen Naturphilosophie die Begriffe  Yin und Yang auf.

Von dieser Zeit ab wurden die göttlichen Ureltern, der Vater Himmelsgott Shang-ti mit dem Yang, dem Geist, und die Mutter Erde  mit dem Yin, dem Körper identifiziert,  und fortan pflügte im Frühlingsritual der kaiserliche „Sohn des Himmels“  Yang den Acker  Yin ( Glasenapp S.132).

(Dies geschah also etwa 150 Jahre, nachdem Pharao Shabaka mit Ptah einen Schöpfergott verkündet hatte,  der  „aus dem Geist“  zeugte.  ).

Bereits um 500 v.Chr. (z.Zt. der Geburt des Konfuzius) hatten Kämpfe zwischen den hocharistokratischen Lehnsherren des Kaisers den Zerfall des ZHOU-Imperiums eingeleitet.  Diese sogen. „Zeit der Streitenden Reiche“ von 481 bis 221 v.Chr. (dem Ende der ZHOU-Dynastie) führte zu einer Hochblüte der chinesischen Geisteskultur: Konfuzius und nach im Laozi oder Lao-tse, die großen unvergessenen Lehrer der Chinesen, traten auf , und die Naturphilosophie blühte .

4. QIN-Dynastie (auch CH´IN) (221-206 v.Chr.)

Nach der   „Zeit der streitenden Reiche“ gelingt es König ZHENG der QIN, das Reich   erneut zu einigen, d.h.  unter seine zentrale Herrschaft zu bringen.  Er nimmt den Kaisertitel an und ist jener Herrscher, der für sein Grab die uns bekannten viele tausend Tonfiguren mit   adligen Reiter-Kriegern herstellen ließ.

Da wir jetzt schon in der „Spätzeit“ sind, d.h., in der Zeit nach Alexander des Großen, sind hier weitere Betrachtungen   nicht notwendig.

III.  Kurzer Überblick über chinesische   Mythen:  (nach Birrell)

Die chinesischen Mythen lassen sich nicht historisch datieren.  Erste Aufzeichnungen gibt es  im  „Buch der Lieder“ , also aus der Zhou-Zeit ab 600 v. Chr.  (S. 16 f.). Obwohl  die Rolle weiblicher Gottheiten von den patriarchalen Schreibern oft „unkenntlich gemacht“ (S. 14) ,“durch Geschlechtervorurteile verdunkelt“ (S. 23)  und “ stetig abgewertet wurden“ ( S. 36)  durch „ eine zunehmend frauenfeindliche Tendenz“ (S. 77)  ist noch folgendes zu erkennen:

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Während die  KULTUR-HEROEN der kratogonischen Mythen durchweg männlich sind  (S. 18, 75),  sind es weibliche Gottheiten, die  mit der  KOSMOGONIE,  der Entstehung der Schöpfung, mit Sonne und Mond , der Regulierung der Jahreszeiten, mit der Nahrung  und  der Erschaffung der Menschen verbunden werden (S. 40).

Diese Göttinnen sind meist fähig, aus sich selbst heraus "parthenogentisch" zu gebären. (S. 75)   (Ich ziehe  " monogenetisch " vor.)

Zu der  Rolle der  GÖTTINNEN legt Birrell folgendes Material vor:

(1) Schöpfer- Göttin und  Mutter,  Erschafferin  der Menschheit, ist die Grosse Göttin  NÜ  GUA (Frau Gua)  (S. 19, 41).

Aus ihren Eingeweiden erschafft sie  u.a.  zehn Gottheiten (S. 23).

Sie ist es , die die Menschheit erschafft,  und zwar wie folgt:   Aus   gelbem Lehm erschafft die Göttin  die menschlichen HERREN, die Adligen,  aus Schlamm die übrigen Menschen, die Knechte , die dem Adel dienen. (S. 29).

Diese Göttin ist auch die  „Stifterin der EHE“ (S.72) . Als   erste Ehefrau muss sie die Ehe mit ihrem Bruder  eingehen, d.h. auch hier finden wir die Geschwister-Ehe. ( S. 35 f.,  112 ). Durch die  Ehe wird die Göttin dann zu einer untergeordneten Gestalt abgewertet. ( S. 71 f.).

(2) Mutter von Sonne und Mond ist die Göttin   XI HE (S. 19).   Diese  „allmächtige  SONNEN-Göttin“ ist die Mutter der zehn Sonnen   (S. 37, 41),   die im Weltenbaum geborgen, aufgehängt werden, nach der Reinigung.  (S. 91, 105).   XI HE  wird auch als  „Wagenlenkerin“ der Sonne dargestellt.  (S. 72).

Daraus wird erkennbar, dass wir von patriarchalischen Streitwagen-Kriegern kontaminierte Mythen vor uns haben, wie auch  aus der Unterscheidung von  adligen Herrin und dienenden Knechten und nicht zuletzt durch die Institution der  EHE.  Dennoch lassen diese Mythen für die Kulturwissenschaft  viele vor-patriarchalische  Glaubensvorstellungen als Relikte erkennen .

In einem späteren Mythos werden XI  („Hauch“)  und HE  („Verschmelzung“ ) getrennt und zwei männlichen Wesen übetragen. (S. 37, 71).

Dies erinnert uns sehr an die Trennung von Himmel und Erde, die sumerische Mythographen ihren  Chefgott Enlil vornehmen liessen, um auf diese Weise Inanna sowohl die Hoheit über den Himmel , als auch über die Erde zu nehmen .

(3) CHAN YI ist die   MOND-Göttin, die  „ Mutter der  12  Monde“   (S. 40 f.)  , die für  Unsterblichkeit und Wiedergeburt steht. (S. 72).

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(4)  XI WANG MU ist die  Königin-Mutter des Westens (S. 40, 72 )  MU ist das chinesische Wort für  „Mutter“.  Sie wird meist  dargestellt als grausame Göttin, und von Göttinnen der Grausamkeit gibt es dann mehr und mehr.  (S. 75).

Auch hier zeigt sich die patriarchalische Kontamination,  weil die Mythographen ja regelmässig die eigenen kriegerischen Grausamkeiten dadurch zu rechtfertigen suchen, dass sie die  vor-patriarchalen Göttinnen umschreiben zu blutdürstigen Furien.

(5)  MATRIARCHATS-MYTHOS

Es gibt auch einen  Mythos von einem  „Land der Frauen“, von einem "Matriarchat"  als  „Umkehrung der Geschlechterrollen“ (S. 109).  Es ist ein Mythos von einer   „Verkehrten Welt“ , in der  die Frauen die Männerrolle übernehmen und die Männer die Qualen der Fuss-Einbindung und –verkrüppellung über sich ergehen lassen müssen. (S.  109).

Im Land der Frauen gibt es  nach einer anderen Version  keine Männer. Die Frauen empfangen ihre Kinder durch ein Bad im Teich:   Nur ihre Töchter lassen sie am Leben, alle ihre Söhne werden von ihnen getötet.  (S. 99).

Auch hier finden wir also einen vom Patriarchat erfundenen  Matriarchatsmythos, der unübersehbar dem Zweck dient, die Frauen zu verunglimpfen.

Literatur:

H.v.Glasenapp:  „Die fünf Weltreligionen“, 1963, Düsseldorf/Köln ;

Anne Birrell (2000): Chinese Myths, British Museum Press; deutsch: „Chinesische Mythen“  in „Mythen Alter Kulturen“ Reclam 2002 ;

Richard Wilhelm (Hsg.): I GING. Das Buch der Wandlungen.  Düsseldorf/Köln 1978;

Volker Zotz :  Konfuzius ,  rororo

vgl.  ferner meinen *Essay, S. 475 : "Zum Sohnes- und Menschenopfer", sowie in diesem Blog:

Zum Wortstamm "arché" im Begriff  "Matriarchat"

Lilith  und  "Lilithisierung"

"Schöpfungs-Mythos" der MAYA

Zu den Mythen der  INKA 

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