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Zur ORESTIE: Sieg der Paarungsfamilie
und des Vaterrechts

Dass Aischylos  unter Berufung auf Zeus und Athene das neue Dogma  unilinearer Patrilinearität verkündet  (worin ihm Paulus ein halbes Jahrtausend  später  folgen wird), ist ja selbst für den oberflächlichen Blick  unübersehbar .  Aber  in diesem Drama  sind weitere wichtige Erkenntnisse verborgen: Denn jenes Urteil des Areopag  institutionalisiert  den  Umsturz des voran gegangenen Rechtsdenkens: 

Klytämnestra  , also die FRAU , ist nach diesem Urteil  die einzige, die ein todeswürdiges Verbrechen begangen hat ; die beiden Männer,  Agamemnon und Orest, werden exkulpiert. Nach der alten Rechtsordnung wäre es genau umgekehrt gewesen:

Es geht  in dem Drama  um  drei Tötungsdelikte , und  jeder der drei Täter, die unstreitig den Tod eines Menschen verursacht haben, könnte Rechtfertigungsgründe vorbringen, die , bei Anerkennung durch das Gericht,  ihrer Tat  die   Rechtswidrigkeit nehmen  würde:

(1)  Agamemnon rechtfertigt die Tötung seiner Tochter Iphigenie mit dem "Staatswohl" , einem höheren Rechtsgut, dem ein individuelles Leben geopfert werden dürfe.

(2)  Klytämnestra rechtfertigt die Tötung ihres Ehemannes  mit dem alten. traditionellen, Recht,  ja der heiligen Pflicht,  zur Blutrache:  Sie muss und darf , nach bisherigem Recht, den Täter töten , der das Blut  ihrer Tochter,  und damit  ihrer  Blutsfamilie ,  vergossen hat.

(3)  Orest rechtfertigt die  Tötung seiner Mutter, d.h. ein Verbrechen innerhalb  seiner Blutsfamilie, damit, dass er das übergeordnete Recht hatte, seines Vaters Blut zu rächen, was nach der alten Rechtsordnung ihn nicht entlastet hätte, weil sein Vater einer anderen Blutsfamilie angehörte , als  seine Mutter und er selbst.

DREI  Delinquenten  also , die , teils nach altem, teils nach neuem Recht, Rechtfertigungsgründe geltend machen.

Da alle drei Rechtfertigungsgründe eine Berechtigung haben,  muss der Areopag eine Abwägung der hier verletzten Rechtsgüter vornehmen.

Das bemerkenswert Neue, das der Güterabwägung zugrunde liegt, ist folgendes:

zu 1) : Die Tötung der Tochter durch ihren Vater  ist  nach dem Urteil des patriarchalen Areopag keine Straftat, weil das Staatswohl ein höheres Rechtsgut ist,  als das Leben Iphigeniens.      Agamemnon ist ohne Schuld.

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zu 2) : Eben deshalb hatte  Klytämnestra  kein Recht  auf die  Blutrache, weil  die Tötung ihrer Tochter durch Agamemnon   gar kein Verbrechen war, wie sie rechtsirrig angenommen hätte.

Deshalb  beurteilt der Areopag  ihre Tötung  des Ehemannes  als  "Mord". Klytämnestra ist schuldig wegen Mordes.

zu 3) : Orest beging zwar mit der Tötung seiner Mutter, der Frau die ihn zur Welt gebracht hatte, nach den  alten Vorstellungen  des  Blutsfamilien-Rechts  ein fluchwürdiges Verbrechen  (und deshalb lässt Aischylos ihn auch nach dem Freispruch noch von den Eumeniden/Erinyen verfolgen), aber  er kann sich auf einen Rechtfertigungsgrund berufen: Da er nach dem neuen Recht der  ehelichen Paarungsfamilie   auch von seinem Vater abstammt, ist für ihn dessen Blut genau so heilig, wie das seiner Mutter.  Das ist der erste Schritt:

Die Heiligung des Vater-Blutes  wird als gleichberechtigt neben die Heiligkeit des Mutter-Blutes gestellt.

Aber damit ist das griechische Patriarchat noch nicht zufrieden: Im zweiten Schritt wird versucht, den Theaterbesuchern klar zu machen:  Das Vaterblut ist noch heiliger als das Mutterblut, weil  die Mutter das Kind ja nur austrägt und zur Welt bringt, das der Vater  allein gezeugt hat.

Ob die Begründung,  dass Vater Zeus die Tochter Athene  ja  zur Welt bringen konnte,  ohne eine solche  dienstleistende  "Leih-Mutter"  in Anspruch zu nehmen, die Zuschauer überzeugt hat, darf  bezweifelt werden.  Bei den Männern aber dürfte  die neue Güterabwägung auf fruchtbaren Boden gefallen  sein :

Da  die Mutter  durch den Mord an  ihrem Ehemann , an Orests Vater,   ein Verbrechen  an einem Unschuldigen beging, war es somit klar,  dass Orest eine solche Verbrecherin töten durfte, auch wenn sie seine Mutter war.

War nach dem alten  "Mutterrecht" die Blutschuld innerhalb der eigenen matrilinearen Blutsfamilie das schwerste Verbrechen,  d.h. die Blutsfamilie war das höchste Rechtsgut, so ist dies nunmehr, nach dem neuen  "Vaterrecht" , die Blutschuld innerhalb der Paarungsfamilie, besonders , wenn es sich um die Tötung des Gatten handelt. Da alle  Tötungsdelikte, die die Blutsfamilie betreffen, entschuldigt werden, wird die eheliche Paarungsfamilie  durch das Urteil    als höchstes Rechtsgut deklariert.

Diese  Hintergründe lassen uns erkennen , welch tief greifender Wandel  die Ersetzung der Blutsfamilie durch die Paarungsfamilie war.

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