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Zur sozialen Organisation der Boviden-Züchter

Dieser Essay ist ein Nachtrag zu meinen Anmerkungen "Bandkeramiker" (S. 320), " Catal Hüyük " (S. 352) und "Bovidenzüchter" (S. 394) und damit eine soziologische Ergänzung und Vertiefung meines Buches "Die Erfindung der Götter".* 

Ich gehe chronologisch vor und behandle 

 A. Catal Höyük,

 B. Die Bandkeramiker, 

 C. Die Städte der Ubaid-Kultur .

Wir haben ja davon auszugehen, dass allen Rinder-Züchtern/Bauern die Tatsache der physiologischen Vaterschaft bereits - seit mehr als 1.000 Jahren- bekannt war (vgl. *mein Kapitel IX, S. 151 ff.). Deshalb ist bei allen Boviden-Kulturen das zur "Heiligen Hochzeit " führende Fruchtbarkeits-Ritual vorauszusetzen. (vgl. mein Kapitel X , S.162 ff.).

Einer besonderen Untersuchung bedarf die Frage: In wie weit das bilineare Fruchtbarkeitsritual der Heiligen Hochzeit, das von jenen Sozialverbänden zelebriert wurde, bereits zur Herausbildung der Paarungsfamilie aus der Blutsfamilien-Organisation geführt hat. (Kapitel III. , S. 28 ff.)., d.h. wie weit "Hochzeit" und "Ehe" in den Gesellschaften bereits individualisiert wurden.

Auf der Grundlage der Fakten und Belege mache ich ein Gedankenexperiment , wie sich die Sozialverbände von Rinderbauern zwischen 7.000 v. Chr. und 3.500 v. Chr. entwickelt und verändert haben.

Mellaarts Buch : " The Neolithic of the Near East" (1975) zitiere ich nur mit Seiten-Angabe; sein voran gegangenes Buch : " Catal Hüyük. A Neolithic Town in Anatolia " (1967) zitiere ich mit "Catal Hüyük". (siehe auch das Literaturverzeichnis meines Buches).

A. CATAL HÖYÜK (ab 7.200 v.Chr.)

1) Die Zeit der urbanen Bebauung Catal Höyüks ist nach den kalibrierten C-14-Daten auf 7.200 v. Chr. anzusetzen mit einer Besiedlungsdauer bis etwa 6.400 v. Chr. ( Mellaart S. 98, 283) d.h. der Ort war mindestens 800 Jahre lang bewohnt.( aaO. S. 101), vielleicht auch 1000 Jahre bis 6.200 v. Chr. Es gab dort etwa 1.000 Lehmziegel- Häuser, und , nach Mellaarts Schätzung, ca. 5.000 Bewohner ( nach Wikipedia nur die Hälfte).

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2) Die Einwohner waren Westasiaten, gehörten sämtlich dem sogen. "europeiden" Phänotyp an , aber verschiedenen Ethnien (aaO. S .99):

(a) Über die Hälfte (59%) , d.h. bis zu 3.000 Individuen (also rd. 30 Genossenschaften von ca. 100 Individuen ) , gehörten zu einem paläolithischen Menschentyp, der uns schon im Aurignacien bekannt wurde, gefunden in der Dordogne in COMBE-CAPELLE: Eine langschädelige Ethnie , die graziler und kleiner war als die robuste , west-asiatische, homo sapiens-Ethnie der Cro Magnon , die zuvor als erste Angehörige unserer Gattung von Westasien nach Europa eingewandert waren. (b) Ein Viertel ( 24%), also etwa 1.000 Individuen (d.h. rund 10 Genossenschaften), gehörten dem sogen. rundschädeligen "alpiniden " Phänotyp an . (c) Eine weitere Minderheit (17%) , also bis zu 800 Individuen ( 8 Genossenschaften) , gehörten zum Phänotyp der langschädeligen , feingliedrigen "Proto-Mediterranen". (aaO. S. 99).

Es hatten sich also in Catal Höyük drei verschiedene , west-asiatische ("europeide") Ethnien angesiedelt, also vielleicht 40, (nach Wikipedia mindetens 20) Genossenschaften von je 100 bis 120 Individuen , die dort , wie es den Anschein hat, konfliktfrei miteinander lebten und erfolgreich im Aufbau ihrer Siedlung und zur Erhöhung ihres Wohlstandes zusammen arbeiteten und zudem eine Kult-Gemeinschaft bildeten. Ob sie verschiedenen Sprachfamilien angehörten und sich auf eine gemeinsame Verkehrssprache verständigen mussten, ist mir nicht bekannt, auch nicht, ob wir damit rechnen müssen, dass einige der Bewohner zur proto- indoeuropäischen Sprachfamilie gehörten. ( s. unten Ziffer 14)

Auf jeden Fall belegen die archäologischen Befunde, dass jene drei Ethnien eine Kultgemeinschaft bildeten; denn alle bestatteten ihre Toten unter den Häusern und alle zelebrierten in ihren Kulträumen die bilineare Fruchtbarkeit, d.h. sie alle verehrten eine Göttin u n d den Stier, wie es für alle Rinderbauern nachgewiesen ist. (s. unten Ziffer 16 ).

Die durchschnittliche Körpergrösse der Männer betrug 1,70 , die der Frauen 1,56 Meter (aaO. S. 156). Frauen starben , im statistischen Mittel, mit etwa 30 Jahren, Männer im Alter von knapp über 34 Jahren, d.h. beide lebten etwa ein bis eineinhalb Jahre länger als ihre Vorfahren im Paläolithikum. (aaO. S. 99).

3) Catal Höyük war eine voll-neolithische KERAMIK-Kultur (schon in der ältesten Schicht XII ( aaO. S 104), und die Agrikultur wurde bereits in einem einfachen BEWÄSSERUNGS-FELDBAU betrieben mit 14 Kulturpflanzen ( aaO. S.98 f. ). Den Ackerbau treibenden Frauengemeinschaften war es offenbar gelungen, auch ohne Hierarchie einfache Bewässerungssysteme zu realisieren . Erst wenn für komplexe Bewässerungssysteme, wie Kanalbau und 

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Flussumleitungen, erhebliche Erdarbeiten notwendig sind , wie wir sie später finden, ist dafür eine bereits hierarchische Gesellschaft mit hoch entwickelter sozialer Arbeitsteilung die Voraussetzung. 

Es fanden sich zudem bereits in der untersten Schicht XII Nachweise, dass (neben Kleinhornvieh) die RINDER-DOMESTIKATION gelungen war (aaO. S. 98), nach den kalibrierten Daten um 7.000 v. Chr. Dies wird belegt durch den Fleischkonsum der Bewohner: 90% des verzehrten Fleisches waren Rinder (aaO. S. 99), der Anteil an verspeistem Kleinhornvieh, den Caproviden (Schafe und Ziegen), war wesentlich geringer, (aaO. S. 105).

Mellaart hält es für denkbar, dass die vielen Gruppen sich ursprünglich deshalb in Catal Höyük angesiedelt hatten , weil dort auf den Weideflächen der Ebenen grosse Herden von Auerochsen grasten. (Mellaart: Catal Hüyük , S. 223).

Die grosse Zahl von BUKRANIEN und mit Lehm oder Gips übermodellierten Stierschädeln , die so prominent neben der - u.a. durch eben so viele anthropomorphe Skulpturen nachgewiesenen- GÖTTIN von Catal Höyük und deren Symbole - in Erscheinung treten, führen uns Kulturhistoriker zu der Annahme, dass es sich bei den Boviden-Symbolen um mehr handelt, als um die , von einem männlichen Jägerkollektiv in den Kulträumen angebrachten Trophäen der Rinder-JAGD. Es gibt nämlich nirgends Hinweise oder Belege dafür, dass Boviden-Jäger, die es ja seit paläolithischer Zeit gab , solche Trophäen zu einer derartigen kultisch-sakralen Prominenz hätten aufwerten können.

Es ist daher keine Überraschung, dass Mellaart uns in seinem Nachtrag von 1975 ("Neolithic") seinen endgültigen Befund mitteilt, es habe sich um eine voll entwickelte Rinderbauern-Kultur gehandelt. Mellaart weist auch ausdrücklich auf seinen Befund hin, dass in Schicht VI, (unkalibriert 6.000 v. Chr. , kalibriert ca. 6.700 v.Chr. ) also rd. 500 Jahre nach dem Beginn der Domestikation, die Rinder (durch die Züchtung) bereits erheblich kleiner geworden waren als die ursprünglichen Auerochsen. (aaO. S. 98).

Durch Hodders weitere Grabungen und von Archäozoologen wurde auf Grund der Untersuchung gefundener Rinderknochen bestätigend nachgewiesen , dass in Catal Höyük bereits das fortgeschrittene Stadium der Rinder- ZUCHT, erreicht war, und dies spätestens um 6.000 v. Chr. (so Wikipedia: " Catal Höyük" unter Verweis auf Hodder,-- (Frage: Datierung Kalibriert ? Nach Mellaart bereits ca. 6.700 v. Chr. ).

Zur Datierung ist zu bedenken, dass die Rinder-DOMESTIKATION der regelrechten ZUCHT natürlich vorausgeht. Es dauert lange, bis sich die von den Archäozoologen festgestellten, auf Züchtung zurück zu führenden, Knochenveränderungen entwickeln. Wir können deshalb weiterhin davon ausgehen, dass die Domestikation, wie Mellaart angibt, bereits um 7.000 v. Chr. gelungen war.

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Mellaart hatte bereits 1975 vermutet, dass die Rinderbauern auch Milch, Joghurt, Käse und Butter hergestellt und gegessen hätten, obwohl dafür die Belege noch ausstünden. Mellaarts Annahme wurde unlängst bestätigt: R.P. Evershed et al. haben in NATURE v. 25.9.2008 (vol. 455, p. 528 ff. ) auf Keramikfunden die Rückstände von Milch, auch von RINDER-Milch , untersucht und festgestellt, dass Catal Höyük und Akarkay Tepe in Südost-Anatolien die ersten (und ältesten) Siedlungen waren , an denen bereits vor 6.500 v. Chr. Rückstände von Rindermilch auf KERAMIK- Bruchstücken nachgewiesen wurden. ( vgl. besonders Evershed´s Tabelle auf S. 528 und zur Datierung S. 531 ).

4 ) Catal Höyük war demnach eine voll entwickelte Rinderbauern-Kultur, die ich als Modus III des Neolithikums beschreibe. ( vgl. Kapitel VIII, S. 137 ff. , sowie S. 321 ff.).

In den Schichten V. und III. hat Mellaart auf Wandmalereien in Kulträumen auch die Darstellung von Stier-Spielen (bull games) gefunden. Leider habe ich davon bisher keine Abbildung gesehen, so dass ich nicht weiss, ob eine Ähnlichkeit mit den in der späteren Boviden-Kultur Kretas zelebrierten Stierspielen gegeben ist.

Zeitgleich mit Catal Höyük gibt es um 7.000 v. Chr. auch in AIN GHAZA, südöstlich von Jerichow, durch 24 Tonfiguren Hinweise auf einen Rinderkult. (so K. Schmidt, S. 38).

Zu Catal Höyüks Rinderbauern-Kultur des Modus III passt der Fund der Skulptur eines menschlichen Sexualaktes , die jener ältesten Sexual-Skulptur von AIN SAKHRI ( Natufien, Jordanien 8.200 v.Chr. ) sehr ähnlich ist . Dieser Fund ist ein bisher nicht widerlegtes und kaum widerlegbares Indiz dafür, dass in Catal Höyük die " Heiligung der Sexualität" erfolgt und Gegenstand des Kultes war, was ja immer bedeutet, dass damit der männlichen Sexualität ein Fruchtbarkeitsbeitrag zugeordnet wurde. (vgl . mein Kapitel IX, S. 151 ff,).

Wir haben damit gute Gründe, in Catal Höyük einen bilinearen Fruchtbarkeitskult anzunehmen, der also bereits mit Sexualität verbunden wurde. Jene sakrale Skulptur eines menschlichen Sexualaktes führt uns auf Grund der vorgenannten Erwägungen zur Annahme, dass hier bereits der traditionelle unilineare Fruchtbarkeitskult der urgeschichtlichen Göttin ergänzt und ein bilinearer Fruchtbarkeitskult zelebriert wurde , welcher der Keim ist für das spätere Ritual der "Heiligen Hochzeit" . (vgl. mein Kapitel X. , S. 163 ff.).

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Der mit dem neuen (bilineren !) Fruchtbarkeitskult verbundene STIERKULT tritt also als neues Element zum traditionellen Kult der GÖTTIN. ( siehe unten Ziffer 16).

5) Der Schluss allerdings, dass mit dem bilinearen Fruchtbarkeitskult von den Männern auch die neue Familienform der Paarungsfamilie bereits durchgesetzt worden wäre , kann nicht ohne weiteres gezogen werden, sondern eine derartige Annahme bedürfte besonderer Belege, die es nicht gibt : 

Da es keine direkten archäologischen Hinweise auf die Existenz von Paarungsfamilien gibt, sondern der Bestattungskult , sowie die Bauweise der Häuser , viel mehr deren Nicht- Existenz belegen , gehe ich von folgenden Überlegungen aus.

Die aus Lehmziegeln oder Lehm errichteten Häuser mit Dacheinstieg (die ja eine frappierende Ähnlichkeit mit den Häusern der Pueblo-Indianer aufweisen) , werden , wie bei den Blutsfamilien jener amerikanischen Ethnien üblich, auch in Catal Höyük als Gemeinschaftseigentum derjenigen matrilinearen Blutsfamilie gehört haben, welcher die Bewohnerin ( d.h. Besitzerin eines Hauses , nicht Privat-Eigentümerin) angehörte. (vgl. dazu meine Essays S. 329 ff. und S. 352 ff.). Die von Mellaart festgestellte regelmässige Marginalisierung der Männer im Bestattungskult unter dem Fussboden des Hauses wirft die Frage auf: Wer war dieser Mann ?

Genetische Untersuchungen, die belegen, ob es sich bei jenen, marginal bestatteten, Männern um einen blutsfremden, also exogamen, Sexualpartner der "Frau des Hauses" (Mellaart nennt sie "mistress of the house"), handelt, oder um einen Blutsverwandten, z.B. um ihren Bruder oder den Bruder ihrer Mutter, sind m.W. bisher (auch von Hodder) nicht veröffentlicht worden. Wir haben deshalb beide Alternativen in Betracht zu ziehen:

Zur ersten Alternative

Wäre der bestattete erwachsene Mann ein Blutsverwandter der Frau, so würde dadurch ein matrilinearer Ahnenkult belegt. In einem matriliearen Verwandtschaftssystem ist es nicht unwahrscheinlich, dass der Bruder oder der Bruder der Mutter jener "Frau des Hauses " dort bestattet wird, wo seine Mutter ihn einst zur Welt brachte. Dies entspräche einem matrilinearen Ahnenkult. Im Falle des Bruders hätte dessen Schwester , der matrilinearen Nachfolge entsprechend , das Haus von beider Mutter übernommen; im Falle des Mutterbruders wäre die matrilineare Grossmutter der jetzigen Bewohnerin zuvor die "Herrin des Hauses" gewesen, in welchen sie sowohl die Mutter der jetzigen Bewohnerin als auch den Bruder der Mutter , also den Mutterbruder der aktuellen Besitzerin , zur Welt gebracht hätte.

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Bei der erwogenen Alternative hätten wir also einen weiteren Beleg für ein ausgeprägtes Verwandtschaftssystem von Matrilinearität. Der nicht blutsverwandte Sexualpartner einer "Frau des Hauses" würde bei diesem Brauchtum nicht in deren Haus , sondern im Haus seiner Mutter oder seiner matrilinearen Schwester seine letzte Ruhe finden, d.h. in einem Haus , das seiner matrilinearen Blutsfamilie gehört.

Zur zweiten Alternative:

Sollten andererseits genetische Untersuchungen belegen , dass jener, abseits, am Rande, bestattete erwachsene Mann ein Blutsfremder, also wohl ein exogamer Sexualpartner der Frau des Hauses , gewesen wäre , so könnte ja aus einem solchen Befund nicht geschlossen werden, dass dieser Sexualpartner der "Ehemann" oder auch nur Erzeuger aller Abkömmlinge jener Frau des Hauses gewesen wäre und sein ganzes Erwachsenenleben in jenem Hause verbracht haben müsse. Wer solche Trugschlüsse zieht, hat die heutige Ehe so tief internalisiert, dass ihn eine Denkhemmung befallen hat.

Die Tatsache, dass die Hausbesitzerin denjenigen ihrer männlichen Mitbewohner, der in ihrem Haus verstarb, dort auch -zmindest seinen von Totenvögeln exkarnierten Gebeinen- eine letzte Ruhestätte einräumte, lässt ja, nicht den Schluss zu, dass es sich um ihren "Ehemann" gehandelt haben müsse und dass dort bereits die Paarungsfamilie vom Mann durchgesetzt worden wäre. (Zur "Ehe" vgl. meinen Essay S. 306 ff. , zu den evolutions-biologisch unaltbaren Hypothesen einer bereits paläolithischen monogamen Paarbindung meine Essays S. 238 ff. , 273 ff., 294 ff.).

Es muss indessen der Schluss gezogen werden, dass in keinem der beiden Fälle der Mann , neben der "mistress of the house" der "master of the house" (wie Mellaart schreibt) gewesen sein kann: Dass ein "Herr des Hauses" in seinem eigenen Haus nicht prominent, sondern nur in der Abseite bestattet würde, ist nicht plausibel und daher unglaubwürdig. Logischerweise kann es sich nur um einen Mann handeln, dem die Frau des Hauses als GAST aufgenommen hat.

Dass in Catal Höyük die erwachsenen Frauen ein "eigenes" Haus bewohnten, wird uns nicht überraschen; denn die Ethnologie liefert uns viele Belege ( Trobriander, Pueblo-Indianer, Mosuo u.a.) dafür , dass die Frauen natürlich den Wunsch haben, sich vor allem um ihrer sexuellen Freiheit willen in ihrem eigenen Reich entfalten zu können und nicht von den Verwandten ihrer Blutsfamilie kontrolliert zu werden. Genau dies ist ja der Grund, warum die Frauen einer matrilinearen Blutsfamilie bei den Mosuo für ihr Liebesleben über ein dafür eingerichtetes "eigenes " Haus , oder zumindest über einen eigenen Raum, das sogen. "Blumenzimmer", verfügen.

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Die Kulturgeschichte liefert uns eine Reihe von Indizien für die Möglichkeit , dass auch in Catal Höyük der männliche Mitbewohner eines Hauses von der Frau des Hauses als ihr Sexualpartner eingeladen worden war, dort -zumindest vorübergehend - als Gast zu wohnen , der von ihr aber jederzeit verabschiedet werden , und natürlich auch von sich aus gehen, konnte.

Angemerkt sei noch, dass um 7.000 v. Chr. die Sekundärbestattung der Gebeine unter dem Haus auch in den neolithischen SESKO- , STARCENO- und KAARANOWO - Kulturen üblich war. Dort allerdings wurden regelmässig niemals Männer, sondern immer nur Frauen und kleine und heranwachsende Kinder unter dem Haus bestattet. ( Gimbutas aaO. S. 331). Zutreffend schliesst Gimbutas aus diesem Befund, dass auf diese Weise die besondere Beziehung einer Frau( und deren Abkömmlinge ) zu ihrem Haus dokumentiert werde.

Dass die Frauen in Catal Höyök statistisch gesehen vier Kinder hatten, hat Mellaart archäologisch und demographie-statistisch nachgewiesen (aaO. S. 99). Wir finden also hier, im Modus III des Neolithikums , noch die biologischen Verhältnisse des Paläolithikums, mit langen Zwischengeburtszeiten, vor. 

6) Vor allem aber ist in Betracht zu ziehen, dass die egalitäre Haus und Wohnkultur in Catal Höyük weder die Annahme einer hierarchischen Sozialstruktur, noch den Schluss auf ein Privateigentum an den Häusern mit Paarungsfamilien zulässt: Häuser wurden nie individuell, sondern immer "en bloc" gebaut, also ein ganzes "Wohn-Viertel" gemeinsam errichtet, abgerissen oder umgebaut (aaO. S. 101). Eine solche Praxis folgt logisch aus der Vorstellung von Gemeinschaftseigentum, und passt in keiner Weise zum Privat-Eigentum der Paarungsfamilie. 

Zwar gab es bei den Grablegungen vereinzelt, wenn auch geringe, "Status-Unterschiede", die z.B. durch den Kult oder auch durch das Alter bestimmt worden sein könnten . (aaO. S. 102). Diese Statusunterschiede sind allerdings nie geschlechtsspezifisch, sondern sie finden sich unter Frauen ebenso wie unter Männern. Das könnte zusammenhängen mit dem höheren Alter, das einige Individuen in Catal Höyük erreichten: einige wurden älter als 60 Jahre (aaO. S. 99) , oder, wie Mellaart annimmt, vielleicht auch mit dem Beginn einer sozialen Arbeitsteilung, z.B. unter den Handwerkern (aaO. S. 105), oder auch mit Individuen, die im Kult, d.h. im Göttinnen-Stierkult, eine hervorragenden Rolle gespielt hatten.

Auch ist in Catal Höyük eine hoch entwickelte Weberei nachgewisen : es wurde sowohl Schafwolle gesponnen und verwebt , als auch Flachs. ( aaO. S. 105). Auch der Fernhandel ist archäologisch belegt, vor allem mit Obsedian,

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der für die elaborierten Steinwerkzeuge, auch für die Pfeil- und Speer-Spitzen, verwendet wurde (aaO. S. 94) , und bereits in Ebene VIII. fand Mellaart Kupfer-Perlen. ( aaO. S. 105), was allerdings nicht bedeutet, dass es eine chalkolithische Kultur mit eigener Metallurgie war. 

Die hohe handwerkliche Qualität der Artefakte lässt Mellaart auf eine beginnende soziale Arbeitsteilung schliessen , und auch der Beginn einer SIEGEL-Kultur (aaO. S. 105) lässt eine solche Annahme möglich erscheinen. Sollte es also in Catal Höyük bereits erste Anzeichen einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung gegeben haben, so hat dies demnach äusserst geringe Folgen für den sozialen Status eines Menschen gehabt.

Für eine "von oben" , d.h. von einer Herrschafts-Elite, hierarchisch organisierte Gesellschaft indessen , fehlen in Catal Höyük noch alle Anzeichen.

7) Im Wikipedia-Artikel wird -leichtfertig wie so oft- ohne Beleg behauptet, in Catal Höyük hätten die einzelnen "HAUSHALTE" jeder für sich allein "autark" gewirtschaftet , und zwar sowohl im Ackerbau als auch in der Viehzucht. Dieser kühne Schluss wird daraus gezogen, dass jedes Haus einen eigenen Vorratsraum hatte. Ein Fehlschluss; denn logisch ist klar, dass das Eine nicht notwendig aus dem Anderen folgt: Die Tatsache, dass jede Hausbesitzerin in ihrem Haus für sich, ihre Kinder und ihre Gäste, eigene Vorräte hielt, besagt ja nicht, dass jene Vorräte von ihr oder ihrer kleinen Hausgemeinschaft auch autark erwirtschaftet worden wären. Im Gegenteil: Kulturhistorisch und auch nach den archäologischen Befunden spricht alles dafür, dass diejenigen Frauen , die zu derselben matrilinearen Blutsfamilie gehörten , ihre Agrarflächen gemeinsam, als Produktions-Gemeinschaft , bewirtschafteten ( so wie sie vor der Sesshaftigkeit als Sammlerinnen-Kollektiv kooperiert hatten) und dass die Erzeugnisse entsprechend den Bedürfnissen ihrer Angehörigen von der Blutsfamilie auf die einzelnen Häuser aufgeteilt wurden. Dass jeder Haushalt auch seine eigenen Rinder züchtete, wie Wikipedia behauptet, erweist sich von der Kulturtechnik her als unsinnige Annahme, weil verkannt wird, dass die anfängliche Rinderzucht der Herdenhaltung bedurfte. (vgl. dazu unten Ziffer 8 ) . Belege dafür, dass jeder Haushalt seine eigenen Rinder züchtete, gibt Wikipedia nicht an; eine haltlose Vermutung, die von modernen Verhältnissen ausgeht.

Eine wirtschaftlich "autarke Hausgemeinschaft" ist also nicht nur nicht nachgewiesen, sie ist sogar auf Grund der Befunde als ausgeschlossen zu betrachten: Wie sollten Menschen, die ihre Häuser nicht individuell, sondern als Gemeinschaft bauen, auf die Idee kommen, als Hausgemeinschaft autark, so zu sagen "auf eigene Rechnung", zu wirtschaften ?

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Eine solche Behauptung ist nicht plausibel. Im Gegenteil: Sie wird widerlegt durch den archäologischen Befund Mellaarts, dass in den Wohnquartieren, also bei den Häusern, (ausser Hunden) keine Nutztiere gehalten wurden. (aaO. S. 101).

Es gibt also keinen einzigen Beleg dafür, dass sich als neue Wirtschafts -Gemeinschaft hier bereits die "Hausgemeinschaft" oder "Kernfamilie", soziologisch die Paarungsfamilie, herausgebildet hätte oder von den Männern durchgesetzt worden wäre . 

Auch die häufig vorgebrachte Annahme, dass ein Mann, der sich auf eine Sexualgemeinschaft mit einer Frau einlasse, dazu nur bereit wäre, wenn er Monogamie (also die Paarungsfamilie) durchsetze und für die Kinder seiner Sexualpartnerin ( die er für seine Abkömmlinge hält) auch nur dann ein "väterliches Investment" zu leisten bereit wäre, ist nicht zwingend und leicht zu widerlegen ( vgl. insbesondere meine Essays S. 238 ff. , S. 273 ff. , S. 294 ff. und meine zusätzliche Anmerkung in diesem Blog: "Zum "Darwin-Code").

Viele Ethnien, u.a. die MOSUO liefern den Gegenbeweis: Auch wenn das Faktum der physiologischen Vaterschaft bekannt ist, folgt daraus keineswegs notwendig, dass die "Väter" deshalb auch die Paarungsfamilie durchsetzen, weil sie unbedingt ein "väterliches Investment" für ihre -vermeintlichen- Abkömmlinge erbringen wollen. Jener männliche "GEN-EGOISMUS" auf den hier zur Begründung verwiesen wird, kann ja, wie uns Geschichte und Gegenwart zeigen, durchaus auch mit dem "Investment" des Mutterbruders für die Kinder seiner uterinen Schwester, also durch das AVUNKULAT, erbracht und befriedigt werden. (vgl. u.a mein Kapitel V , S. 77, 91 und meinen Essay S. 336). Wie tief doch die Ehe in den patriarchalen Köpfen steckt, ist immer wieder verräterisch. 

Es gibt mithin keine Hinweise und keine überzeugenden Argumente für die Existenz der Sozialform der Paarungsfamilie als "autarke" Wirtschaftsgemeinschaft, weder was die hackbäuerliche Agrikultur der weiblichen Produktionsgemeinschaften angeht , insbesondere aber nicht für die gerade eben erreichte Domestikation und ZUCHT von Rindern. Die Rinderdomestikation wirft allerdings ein soziologisch sehr interessantes Problem auf, das gründlich durchdacht werden muss:

8) Die als Lebensgemeinschaft gemeinsam wirtschaftenden Genossenschaften, die sich in Catal Höyük niedergelassen haben, bestanden -nach heutigen Erkenntnissen- ursprünglich , neben den 40 (oder vielleicht nur 20) agrarischen Produktionsgemeinschaften von Frauen , aus eben so vielen Jäger-Kollektiven, zu denen jeweils 30 Jäger gehörten. Haben wir anzunehmen, dass jedes dieser Jägerkollektive auf eigene Faust die Rinder-Domestikation 

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betrieb, oder dass sich die Jägerkollektive zu mehreren stammesartigen Gruppen oder gar zu einer Gross-Gruppe zusammenschlossen, um die Domestikation einer Rinder-Herde ins Werk setzten ? Sicher wäre ein solcher Zusammenschluss von etwa 600 erfahrenen Jägern, die am gleichen Ort wohnten , der Erfolg versprechendste Weg , eine Herde in der Weise zu treiben und einzukesseln, dass die Kälber isoliert, herausgefangen , von der Herde separiert und eingepfercht werden konnten. Aber auch 90 Männer wären wohl ausreichend: Die Männer verfügten ja über , zu diesem Zweck von ihnen abgerichtete , Hirten-Hunde (aaO. S. 68). Wie auch immer die Männer die Domestikation erreicht hatten : Aus dieser über-genossenschaftlichen Domestikation ergab sich das folgende neue Problem:

In der alten Ordnung galt: Da die exogamen Männer , des matrilinearen Verwandtschafts-Systems wegen, jeweils jener Blustfamilie angehören, die ihre Geburtsfamilie ist, d.h. jener Blutsfamilie, der ihre Mutter angehört, bildeten sie- und dies im Gegensatz zu den Produktionsgemeinschaften der Frauen !- unter einander keinen Blutsfamilien-Verband. Wir haben es also mit der schwierigen Frage zu tun: Wem wurden, nach damaligem Konsens , die von den Männern domestizierten Rinder-Herden zugerechnet ? 

(a) Allen Einwohnern von Catal Höyük als Gemeinschaftseigentum?

(b) Allen 20 ( oder gar 40 ) Hirten-Kollektiven , also allen Männern gemeinsam, als deren Gemeinschaftseigentum?

(c) Wurden die Tiere der domestizierten Herde alsbald nach einem Konsenssystem aufgeteilt auf die einzelnen Hirten-Kollektive , indem jede der 20 (oder 40) Genossenschaften eine bestimmte Kopfzahl erhielt , und sie diese als Gemeinschaftseigentum ihrer genossenschaftlichen Wirtschaftsgemeinschaft betrachteten?

(d) Wurden die Tiere aufgeteilt auf einzelne Jäger-Hirten ? Und wenn ja, betrachtete ein Mann die ihm von der Gemeinschaft zugeteilten Tiere als sein persönliches Privat-Eigentum, oder als das Gemeinschafts-Eigentum seiner Genossenschaft , oder seiner Blutsfamilie?

Welche der Massnahmen des männlichen HIRTEN-Kollektivs sind auf Grund der Traditionen und Gepflogenheiten wildbeuterischer Jägergemeinschaften, die wahrscheinlichsten ?

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, rufen wir uns zunächst in Erinnerung, wie das Aneignungs- und Aufteilungssystem bei den Wildbeutern , also in der alten Ordnung , war:

Die als Sammlerinnen kooperierende Gemeinschaft der Frauen mit ihren Abkömmlingen beschaffte mindestens Zwei Drittel der Gesamtnahrung ihrer , als autarke Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft nomadisierenden, Genossenschaft, der etwa 30 geschlechtsreife Frauen/Mütter mit deren 60 Abkömmlingen, d.h. Kindern und Heranwachsenden, angehörten, sowie 30 

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geschlechtsreife exogame Männer. Diese 30 , aus anderen Wildbeuter-Genossenschaften stammenden und von den Frauen in die Genossenschaft aufgenommenen, Männer beschafften durch die Jagdbeute des Jägerkollektivs im Durchschnitt ein Drittel der Gesamtnahrung, je nach Jagdglück manchmal weniger , manchmal mehr.

Da die 30 erwachsenen Frauen/Mütter alle mit einander blutsverwandt waren, d.h. derselben konsanguinealen Geburtsfamilie entstammten, bildeten sie mit ihren Kindern eine matrilineare Blutsfamilie, zu welcher also, mit Ausnahme der "fremdblütigen" Männer, etwa 90 Individuen der Genossenschaft von 120 Köpfen gehörten. 

Die 30 geschlechtsreifen Männer, die als "Familien-Fremde" von jener gemeinsam lebenden und sammelnden Blutsfamilie in ihren (biologischen) Sozialverband aufgenommen wurden, waren die exogamen Sexualpartner der Frauen ( und biologischen Erzeuger der Kinder) und betrachteten deren Blutsfamilie als ihre neue Lebensgemeinschaft, nachdem sie , sobald geschlechtsreif geworden, ihre eigene matrilineare Blutsfamilie, in die sie hineingeboren worden waren, zu verlassen hatten, um Platz zu machen für die fremden, exogamen, Männer, die von ihren Müttern Schwestern, Cousinen, in ihre Wirtschaftsgemeinschaft aufgenommen wurden.( vgl. mein Kapitel II, S. 22 ff.) 

Die Männer waren also für die Frauen Fremde ; denn sie mussten Familien-Fremde sein. Sie waren aber durch Sexual- und Liebesbeziehungen mit den Frauen ihres neuen Sozialverbandes eng verbunden. 

Da die Frauen die Männer in ihre Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft aufgenommen hatten, war es selbstverständlich, dass sie diese genau so gut versorgten, wie ihre Familienangehörigen, d.h. dass der Verzehr der von den Frauen gesammelten Nahrung natürlich nicht auf ihre Blutsfamilien-Angehörigen beschränkt war, sondern dass die geliebten und sexuell begehrten männlichen "Gäste" gleichberechtigt an der "Familientafel" ihren Platz fanden. 

In gleicher Weise, wie das Frauenkollektiv alles Sammelgut als Gemeinschaftseigentum ihrer Genossenschaft betrachtete -schon um das ständig wechselnde Sammler-Glück auszugleichen- betrachtete das Jägerkollektiv die Jagdbeute, die es zum Lagerplatz brachte, nicht etwa als eine Art "Sonder-Eigentum" der Jäger-Gemeinschaft, sondern die Beute wurde, oft wohl als "Festessen", eben so selbstverständlich von der gesamten Genossenschaft verzehrt, wobei der Egalität und Akephalität der Wildbeuterverbände entsprechend, jedes Individuum nach seinen Bedürfnissen teilnahm, genau so, wie es mit dem Sammelgut üblich war, das ja die Grundernährung der Männer sicher stellte, und zwar auch dann, wenn -wie häufig- der Jagderfolg trotz grösster Anstrengungen ausblieb. (vgl. auch meinen Essay S. 273).

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Ich suche eine Antwort auf die obigen Alternativen:

Die über mindestens einhunderttausend Jahre gepflegte Tradition des Gesamthands-Eigentums legt uns die Annahme nahe, dass ein HIRTEN-Kollektiv, zu dem sich, vielleicht, alle ehemaligen JÄGER-Kollektive vorübergehend zusammen geschlossen hatten, mit grösster Wahrscheinlichkeit, nach der gelungenen Domestikation , die Herde in wirtschaftlich sinnvolle Segmente aufteilte, in der Weise dass jede der angestammten 20 (oder 40) JÄGER/HIRTEN-Kollektive den ihm zugeteilten Herden-Anteil, bewirtschaftete, hütete, züchtete und die Nutzniessung (Milch und Fleisch) hatte. Ich entscheide mich also für die vorgenannte Alternative (c), weil die Alternativen (a) und (b) dem Denken fremd und zu theoretisch wären und (d) zu sehr von der Tradition des Gemeinschaftsdenkens abweichen würde.

Dass das vormalige JÄGER- und jetzt HIRTEN- Kollektiv einer bestimmten gemeinsam wirtschaftenden Genossenschaft "ihre" Herde nicht als nur den Hirten-Männern gehörendes Gemeinschaftseigentum betrachteten, sondern die Früchte ihrer Hirten-Arbeit mit den Frauen ihrer Genossenschaft genau so selbstverständlich teilten, wie die Frauen ihre arbeits-gemeinschaftlich erzeugten Feldfrüchte mit den Männern , ist ein Schluss, den der gesunde Menschenverstand gebietet. Alles andere wäre nicht plausibel und bedürfte konkreter Beweise.

Die Beweislast obliegt immer dem, der etwas behauptet, das nicht plausibel ist.

Ausgeschlossen werden kann auch , dass bereits einige "Haushalte" gemeinsam einzelne Tiere aus der Herde ihrer Genossenschaft aussonderten und als "Haus-Kuh" zum Melken im Stall hielten. Mellaart hat durch seine(von Hodder verifizierten) Grabungen festgestellt, dass bei den Häusern, innerhalb der Wohnquartiere (ausser Hunden) keine Nutztiere gehalten wurden. (aaO. S. 101). Es gibt also keine Hinweise dafür, dass hier der erste Schritt zu einer Privatisierung von Bovideneigentum auf eine Hausgemeinschaft getan worden wäre, vergleichbar dem griechischen oikos oder der römischen familia Jahrtausende später.

9 ) Antropomorphe Abbildungen von Männern kommen in Catal Höyük (abgesehen von sechs Skulpturen - Catal Hüyük , S. 203-) nur auf Wandgemälden vor, auf denen die Männer als Jäger dargestellt werden, und das obwohl die Jagd , wie wir sahen, für die Ernährung kaum noch eine Rolle spielte. Der archäologische Befund ist: Die Männer jagten mit Pfeil und Bogen vor allem Raubtiere, die den Herden gefährlich werden konnten: 

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Wölfe , Felinen (grosse Wildkatzen, wie Leoparde etc.) und Bären. Daneben , wohl zur Abwechslung des ewigen Rindfleisches, auch Cerviden und Wildschweine (aaO. S. 110) , sowie den Wildesel ONAGER. (aaO. S. 99). (Equus hemionus).

Dies finde ich deshalb besonders interessant, weil die Onager-Jäger in Catal Höyük ja bereits ein Hirten-Bewusstsein entwickelt hatten und sicher auch die Möglichkeit einer Onager-Domestikation bereits erwogen haben. Dies aber scheint mit besonderen Schwierigkeiten verbunden gewesen zu sein; denn nach dem gegenwärtigen Forschungsstand gelang dessen Domestikation (wie auch die des Pferdes) , erst um 4.000 v. Chr. Fest steht, dass die Sumerer, die ab 3.300 v.Chr. mit ihren Onager-bespannten Streitwagen die Ubaid-Städte eroberten, diese besonders störrischen Equiden schon lange vorher domestiziert hatten. Es handelt sich um den sogen. asiatischen Esel, "equus hemionus", der im Alten Orient verbreitet war, vom Iran über Syrien bis Anatolien. (Equus hemionus anatolensis ). Der kleine afrikanische Esel, ("equus asinus asinus" ) , von dem die uns heute bekannten LAST-Esel abstammen, wurde um 4.000 v. Chr. von den Ägyptern domestiziert, wie uns die Kulturgeschichte lehrt; genetische Zucht-Beweise gibt es ab 3.000 v. Chr. (so Albano Beja Pereira et al., SCIENCE, Bd. 304, S. 1781). 

Wie aber ist die Prominenz der JAGDBILDER zu erklären ? 

Der Archäologe Klaus Schmidt zeigt sich überrascht durch den Befund , dass die in Catal Höyük nachgewiesene Rinder-Zucht dort "keine Repräsentation in der Symbolwelt fand" (S. 56) und darüber , dass Rinder in den Wandmalereien der Jagdszenen fehlen. Er erklärt dies damit, dass die Männer offenbar in der neuen Realität noch nicht angekommen seien und noch ihren alten Jäger-Träumen anhingen. (S. 56).

Eine Erklärung , die mich nicht überzeugt: Erstens: Eine prominentere Repräsentation als durch die alles dominierenden Bukranien konnte der Rinderzucht in der Symbolwelt der Siedlung nicht gegeben werden.

Zweitens: Die Rinder fehlen , logischerweise, in den Jagdbildern deshalb ,weil sie nicht mehr gejagt wurden. Die Zeit der Rinder-JAGD war vorbei. 

Ferner war dem Rinder-Kult ja in höchstem Grade Genüge getan, weil deren Schädel und Bukranien mit den höchsten Ehren bedacht und zu Kultgegenständen erhoben worden waren. Einer weiteren Darstellung in Wandmalereien bedurfte es daher nicht.

Folgen könnte ich Schmidt nur in dem Gedanken, dass die Männer, die ja jetzt nur zu einer Art "Tier-Verwalter" geworden waren, mit dem wandmalerischen Jäger-Kult sich ein Denkmal setzen wollten, das sie in ihrer 

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wilden, heroischen Zeit im Bild festhält, denn als Nahrungsquelle spielte die Jagd auf die in den Bildern dargestellten Tiere , wie die Funde belegen, praktisch keine Rolle mehr. War das Hirtendasein ohne Wanderung langweilig? Eher wohl: Jagen macht bestimmten Männern Spass; würden sonst alle späteren Könige jagen ?

10 ) Zu bedenken sind ferner die vielfältigen Konsequenzen der neolithischen Siedlungsweise auf die Praxis der Exogamie.

Selbst wenn die Einwohnerzahl von zunächst angenommenen 5.000 Personen auf nur 2.500 zu revidieren wäre (so Wikipedia) , würde es sich um mindestens 20 vormals wildbeuterische Genossenschaften von etwa jeweils 120 Individuen, gruppiert um eine Blutsfamilie, handeln , die sich hier angesiedelt haben. (vgl. Kapitel III, S. 28 ff. meines Buches).

Da wir ja mit phylogenteisch verankerter Exogamie zu rechnen haben, ist folgendes zu überlegen und zu berücksichtigen:

10.1. Ob die Exogamie, wie vorher üblich, nur praktiziert wurde innerhalb eines Stammes, also als Stammes-Endogamie oder auch zwischen den verschiedenen ETHNIEN , lasse ich dahin gestellt. Da die Menschen einer einheitlichen Kult-Gemeinschaft angehörten , in Frieden mit einander lebten und es zu einer hohen Kooperation brachten, ist auch die nicht auszuschliessen. Wie die Exogamiepraxis realisiert wurde, liesse sich indessen nur durch genaue Genanalysen der dort geborenen und gefundenen Individuen nachweisen.

Auf jeden Fall stellt ja die Sesshaftigkeit und das Zusammenleben am gleichen Ort die Menschen vor neue Probleme der Exogamie-Praxis: Während unter der "alten Odnung" , den Wildbeuterbedingungen z.B. Mutter und Sohn, Bruder und Schwester, von einander örtlich getrennt wurden, so verblieben jetzt , nach der "neuen Ordnung" diese engen Blutsverwandten am gleichen Ort und begegneten einander ständig. Der vorher mit der Exogamie verbundene Wechsel des Ortes , der LOKALITÄT, entfällt nunmehr oder wird beschränkt auf einen Orts-Teil der gemeinsamen Siedlung . Durch diesen Umstand wird die Beachtung, die Observanz, der biologisch verankerten Exogamieregeln sehr viel komplizierter und bedarf eines immer komplexeren kulturellen Überbaus. Was unter den Lebensverhältnissen des Paläolithikums sehr einfach und überschaubar war, wird im Neolithikum, sobald alle Blutsverwandten am gleichen Ort bleiben, im Laufe der Zeit immer unübersichtlicher, komplizierter. 

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Nichts ist deshalb verfehlter, als aus solch späteren kulturellen "Mutationen " von Exogamie-Regeln Schlüsse auf das Paläolithikum zu ziehen, wie es z.B. der geschichtsfeindliche Ethnologe C. Lévy-Strauss zum Verhängnis der Wissenschaft getan hat. (vgl. Kapitel IV., S. 57 ff. meines Buches).

Da es sich höchstens um etwa 40, vielleicht nur um 20 , Blutsfamilien gehandelt hat, die Catal Höyük bewohnten, blieben die Exogamieregeln dort aber wohl noch überschaubar. Allerdings ist davon auszugehen, dass die ökonomischen Veränderungen einen revolutionierenden Einfluss auf die Praxis und die Auswirkung der Exogamie haben.

10.2. Jeder junge Mann einer paläolithischen Lebens- und Wirtschafts-Gemeinschaft wird nach seiner Pubertät den Tag mit Ungeduld erwarten, an dem er seine Geburtsgenossenschaft verlassen kann, weil dort ja alle weiblichen Wesen , der Blutsfamilien-Exogamie wegen, für ihn sexuell tabu sind. Wenn er als junger JÄGERS-Mann aufgenommen wird in eine andere blutsfremde Wildbeutergenossenschaft , eröffnet sich ihm die Chance, seine gerade erwachte Sexualität auszuleben, sofern eine (oder mehrere) der Frauen ihn zum Sexualpartner wählen. 

Regelmässig wird der junge Mann in diejenige Genossenschaft eingeführt werden, in welche der Bruder seiner Mutter oder sein älterer (matrilinearer) Bruder zuvor bereits aufgenommen worden waren , und diese blutsverwandten Männer initiieren ihren jungen matrilinearen Blutsverwandten in ihr Jägerkollektiv und sorgen für seine Ausbildung . 

Den paläolithischen Frauen ist eine vergleichbare sexuelle Wartezeit und Einschränkung fremd: Da alle erwachsenen d.h. geschlechtsreifen Männer, die innerhalb jener Wirtschaftsgemeinschaft leben , nicht dort geboren wurden, sondern von aussen, , aus anderen widbeuterischen Blutsfamilien stammen, kommt jeder der mit den Frauen lebenden Männer, ob jung ob alt, für sie , tabu-frei, als Sexualpartner in Betracht. Die mit den Frauen blutsverwandten Männer, waren ja mit der Geschlechtsreife emigriert in eine andere Genossenschaft.

Der Sachverhalt war also: Ein Jung-JÄGER verliess, der Exogamie wegen, seine konsanguineale Geburts-Genossenschaft, in der seine Mutter als Mitglied der Sammlerinnen-Gemeinschaft für den Lebensunterhalt der Genossenschaft sorgte, und damit verliess er zugleich seinen ( ihm unbekannten) Erzeuger, der als Mitglied des Jägerkollektivs seine soziale Arbeit leistete. Die Gruppe der Frauen kooperierte in kollektiver geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung mit der Gruppe der exogamen Männer. Frauen und Männer, die sich zu einer zeitweiligen Sexualpartnerschaft gefunden hatten, arbeiteten und wirtschafteten niemals ALS PAAR " separat", d.h. sie bildeten über ihre Sexualbeziehung hinaus keine Paarungs- FAMILIE , sondern jedes 

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Individuum wirtschaftete (modern ausgedrückt) für die "Gemeinschafts-Kasse" und nicht für den eigenen "Geldbeutel" ; denn der Gedanke an Privat-Eigentum, Privat-Vermögen oder Geld lag noch in weiter Ferne.

Mit dem , durch die matrilokale Exogamie bedingten, Genossenschafts-Wechsel waren also für den Jäger Mann ,in der alten Ordnung, keinerlei ökonomische Nachteile verbunden.

10.3. Unter den Bedingungen der Sesshaftigkeit vieler verschiedener Blutsfamilien am gleichen Ort, wie es in Catal Höyük der Fall war, erübrigt sich , um der Exogamie zu genügen, ein solcher Wechsel der Wirtschaftsgemeinschaft. Um eine Sexualpartnerin zu finden, müssen sich Männer und Frauen nur an ihrem Wohnort umsehen , und ein junger Mann muss nicht mehr in eine entfernt nomadisierende blutsfremde Wirtschaftsgenossenschaft hinüber wechseln; denn er findet seine Sexualpartnerin am Wohnort, in Catal Höyük, wo hunderte von Frauen lebten, die einen Sexualpartner suchten. Der Mann genügt der Exogamie-Notwendigkeit vollständig dadurch, dass er zum Schlafen und Beischlafen im Haus seiner jeweiligen Sexualpartnerin geht oder lebt. Die hergebrachte Praxis der Matrilokalität wird also beschränkt auf das Sexualleben, indem der Mann seine Partnerin im Wohnviertel ihrer Blutsfamilie , in ihrem Haus aufsucht. Er geht zu ihr, nicht sie zu ihm. ( So wie es noch lange bei den Pueblo-Indianern , den Mosuo und anderen der Brauch war.) Der Mann kann sich am Morgen von dort problemlos weiterhin "zur Arbeit" in seine Geburtsgenossenschaft begeben. Die Männer werden es so halten aus folgenden ökonomischen Gründen:

Ein junger Hirten-Mann , der die genossenschaftliche Wirtchaftsgemeinschaft seiner matrilinearen Blutsfamilie unter diesen neuen wirtschaftlichen Verhältnissen verliesse, würde damit die Familien-Herde verlassen und verzichten auf seinen ideellen Anteil an jener Herde, über die seine Geburtsgenossenschaft zur "gesamten Hand" verfügt (d.h. es gibt keine Einzelverfügung irgendeines Mitgliedes der Gesamthands-Gemeinschaft).

Würde der Hirten-Mann, statt bei seiner "Familien-Herde" zu bleiben, in jene Wirtschaftsgenossenschaft als Mitarbeiter eintreten, der, durch ihre Geburt , jene Frau angehört, die ihn als ihren geliebten Gast in ihr Haus aufgenommen hat, so würde er die Herde seiner konsanguinealen Familie aufgeben, die er schon als Hüte-Junge so genau kennen gelernt hat. Dort wurde er von seinen männlichen Blutsverwandten ausgebildet für seine Arbeit als Hirte, wozu im besonderen auch der Umgang mit den Hirten-Hunden gehörte, die der Junge schon seit frühester Jugend kennen lernte. Er würde praktisch "anteilslos", also "arm", in die Wirtschaftsgemeinschaft der Familie seiner Sexualpartnerin eintreten und damit in ihre ökonomische Abhängigkeit geraten. 

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Er kann sich gut vorstellen, welche Folgen das für ihn hat, wenn die Frau ihre Gast- und Sexualfreundschaft beendet, er ausziehen müsste und mit leeren Händen da stünde.

Die ökonomische Vernunft, die viel beschriebene "Hirten-Rationalität", rät also den Männern, ihr durch die Rinderdomestikation "gewonnenes Vermögen" ( g a n a d o heisst in spanisch sowohl das "Gewonnene " als auch das "Vieh") , nicht aufzugeben, d.h. auf keinen Fall die angestammte Wirtschaftsgemeinschaft zu verlassen. Die jetzt möglich gewordene Beschränkung der Exogamie auf die Sexualität ermöglicht ein solches Beibehalten des Aufenthalts-Ortes. . 

Die neue Sozial-Struktur in Catal Höyük ist also folgende: So wie eine Frau ihre soziale Arbeit weiterhin in der Arbeitsgemeinschaft der blutsverwandten Frauen leistet, und zwar jetzt in der hack-bäuerlichen Agrargemeinschaft der Frauen, die gemeinsam die Familienäcker bewirtschaften, so leisten jetzt in ihrer Wirtschaftsgemeinschaft auch ihre Söhne, Brüder, d.h. alle ihre matrilinearen männlichen Bluts-Verwandten, ihre Hirten-Arbeit. Wenn jede Frau über ihr eigenes Haus verfügt, gibt es, der Exogamie wegen, keinen Grund mehr, ihre männlichen Blutsverwandten aus der Wirtschaftsgenossenschaft auszuschliessen, der sie durch ihre Geburt angehören.

Exogamie hat keine Auswirkungen mehr auf den Aufenthalts-Ort des Mannes und auf seine ökonomischen Verhältnisse.

10.4. Es könnte der Einwand erhoben werden, ein junger Hirten-Mann könnte ja nach wie vor seine Geburtsgenossenschaft verlassen haben unter Mitnahme oder Mitgift einer bestimmten Kopfzahl an Rindern aus der Familien-Herde, Rinder , die er -nach einer solchen Privatisierung von Gemeinschaftseigentum zu seinen Gunsten - als Einstand in diejenige Wirtschaftsgenossenschaft einbrächte, der seine Sexualpartnerin angehört.

Ein solcher Gedanke ist zu verwerfen aus folgenden Erwägungen:

Bei einer derartigen Regelung würde ein ständiger Austausch von Vieh die Tiere und die Zusammensetzung der Herden immer wieder durch einander würfeln und grösste Unruhe in die Herden bringen. Jede Hirtengenossenschaft würde nach und nach alle von ihr gezüchteten und gehüteten Rinder durch eine solche Abwanderung verlieren und dafür immer neues, von den neu eintretenden exogamen Männern eingebrachtes, Vieh erhalten, die nicht immer die besten Stücke sein werden. 

Die in die Hirtengenossenschaft eingewanderten Männer, die vielleicht unvereinbare Zucht-Vorstellungen aus ihren Geburtsgenossenschaften mitbringen, müssten zudem mühsam lernen, mit einander zu kooperieren und hätten immer wieder das Problem, die Tiere an einander und sich selbst an neue Hirtenhunde zu gewöhnen.

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Eine solche Lösung wäre , in der historischen Anfangsphase der Rinderzucht, nicht praktikabel, der Aufwand lohnt sich nicht. Der durch die Rinderdomestikation zu Ansehen und erhöhtem Selbstwertgefühl gekommene Mann, wird ein solch ökonomisches Opfer der traditionellen Exogamie nicht bringen wollen, schon deshalb nicht, weil es unter den neuen Siedlungsbedingungen gar nicht mehr notwendig ist.

Abschreckend sind vor allem aber die Probleme, die eine solche Regelung mit sich brächte, wenn die frei wählende Frau ihren Sexualpartner " vor die Tür setzt". Was geschieht dann mit den Rindern ? Schwierige Auseinandersetzungen mit den anderen Hirten jener Wirtschaftsgenossenschaft wären vorauszusehen.

Welche Probleme ein solches Modell für den Mann mit sich bringen würde, mag uns ein Blick auf die Regelung bei den Pueblo-Indianern deutlich machen:

In dieser matrilinearen Blutsfamilien-Organisation bewohnt jede Frau, als Besitzerin, nicht als Eigentümerin, ein eigenes Haus. Häuser und Ackerflächen, Grund und Boden, werden als Gemeinschaftseigentum der Blutsfamilie der Frau angesehen. Selbst dann, wenn ihr jeweiliger Sexualpartner, den sie als Gast in ihr Haus aufgenommen hat, auf jenem Grund mit eigenen Mitteln ein Haus baut, so gehört auch dies zum Gemeinschaftseigentum der Blutsfamilie seiner Sexualpartnerin und nicht etwa ihm. Wenn de Frau von ihren traditionellen Recht Gebrauch macht , irgendwann ihren Sexualpartner verabschiedet , was sehr einfach geht ( vgl. im einzelnen meinen Essay, S. 329 ff.), dann geht der Mann leer aus. Ohne Entschädigung muss er das von ihm erbaute Haus aufgeben und sich Unterkunft in Häusern suchen, die auf dem Grund und Boden stehen, über den die Frauen seiner Blutsfamilie verfügen, d.h. er muss bei seiner Mutter, einer seiner Schwestern oder matrilinearen Tanten anklopfen und um Unterkunft in einem ihrer leer stehenden Häuser oder einem "Männerhaus" nachsuchen. 

Es ist also für die Hirten-Männer von höchstem wirtschaftlichen Interesse, dass sie sich an ihre Herden halten: 

 "Der Mann bleibt dort, wo das Vieh ist" , ist die Regelung, die der Hirten-Rationalität entspricht.

10.5. Jeweils 30 erwachsene Frauen, die derselben Blutsfamilie und Wirtschaftsgemeinschaft angehörten, bewohnten 30 Einzel-Häuser ihrer Blutsfamilie , die an einander gebaut einen Block bildeten , d.h. die wie ein Gemeinschafts-Haus-Block gebaut wurden. Während ihr jeweiliger Sexualpartner sich am Morgen zu seiner Genossenschafts-Herde begab, versammelten sich die Frauen mit ihren Kindern und gingen als 

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Arbeitsgemeinschaft auf die Felder ihrer Blutsfamilie , um diese gemeinsam zu beackern und zu bewirtschaften. Von dort, ihrem "Familien-Acker", konnten die erwachsenen männlichen Blutsverwandten der Frauen , die männlichen Heranwachsenden , die ja ihre nächsten Blutsverwandten waren, abholen und mit zur Familien-Herde nehmen, um sie von klein auf in die zukünftige Arbeitswelt des Hirten einzuweisen.

11) Mit der beschriebenen Wirtschaftsweise, der Herdenhaltung und Rinderzucht , tritt ein neues psychologisches Problem auf: Es entwickeln sich ökonomische Unterschiede am gleichen Siedlungsort, die allen Bewohnern ins Auge fallen und bewusst werden: 

Zwar sind die Wohnhäuser der Menschen noch alle gleich, was die Egalität der in Catal Höyük siedelnden Genossenschaften beweist, aber es entstehen Ungleichheiten bei den Rinderherden:

Welche Hirtengenossenschaft züchtet die besten Kühe, die die meisten und gesündesten Kälber werfen und am meisten Milch geben ?

Mit dieser Frage kommt unter den Menschen, wohl zunächst unter den Männern, ein gefährlicher Gedanke auf: Es werden Reichtum und Armut unterschieden. Die uns selbstverständliche Vorstellung, dass ein Heer von Armen einen privilegierten Reichen bewundert, ein Thema, das in späterer Zeit gesellschaftlicher Hierarchie und noch in unseren Märchen als Archetyp vom Prinzen und der Prinzessin immer wiederkehrt , tritt jetzt, im Modus III des Neolithikums, zum ersten Mal in das Denken der Menschen. In paläolithischen Wildbeutergenossenschaften gibt es keinen "REICHEN" und folglich auch keine "Armen". Alle waren gleich reich oder gleich arm, je nachdem, was die Natur ihnen gab. (Auch bei den Kleinbauern des Modus II des Neolithikums sind die ökonomischen Unterschiede gering und noch ohne Bedeutung).

Das neue psychologische Problem entsteht mit der neuen Realität beginnender wirtschaftlicher Ungleichheit in Catal Höyük, an einem Ort und in einem Land, in dem Milch und Honig fliessen. Mit diesem ÜBERFLUSS befällt einige Individuen die GIER nach mehr, auch dann, wenn anfangs noch alle Hirtengenossenschaften gleich reich sind.

Sobald Reichtum für alle da ist, wie es in Catal Höyük der Fall war, besteht die Gefahr, dass einige Individuen versuchen, die mühsam entwickelte traditionelle Solidarität innerhalb der Blutsfamilie aufzukündigen, und es kommt bei einigen das Verlangen auf, den genossenschaftlichen Reichtum zu privatisieren, d.h auch das biblische Beispiel des Vieh-Züchters Jakob , das über 6.000 Jahre später von jüdischen Schriftgelehrten beschrieben wurde: 

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Nachdem Jakob seinen Bruder Esau um dessen Erbrecht betrogen hatte, floh er und trat in den Dienst seines Mutter-Bruders (!) LABAN, (Genesis , 29,10) der sein Schwiegervater wurde. Jakob forderte schliesslich von seinem Mutter-Bruder (Oheim) einen Anteil an dessen Reichtum, an der grossen Herde von Kleinhornvieh, zu deren Vermehrung Jakob im Dienste Labans als Hirte und Züchter beigetragen hatte. ( Genesis , 30 , 25 bis 43). Der Oheim gab ihm: 

"Daher wurde Jakob über die Maßen reich, dass er viele Schafe, Mägde und Knechte, Kamele und Esel hatte." ( Genesis , 30; 43).

Ob die Hirten-Männer von Catal Höyük gedanklich diesen Schritt zum Egoismus, zur "Privatisierung", und damit zum Reichtum, schon erwogen haben, bleibt offen. Fest steht: Es gibt keine Anzeichen dafür, dass ein solch egoistisches Verlangen bereits aufgekommen, oder gar in die Realität umgesetzt worden wäre. 

Dies hätte ferner zur Voraussetzung, dass es zunächst dem egoistischen Hirten-Mann gelänge , die traditionelle Sozialordnung der Bluts-Familie zu zerstören und diese Ordnung zu zersetzen und zu ersetzen durch die Paarungs-Familie mit ihrem Privateigentum. ( vgl. Kapitel III. , S. 28 ff. meines Buches). Weder die Bewohner Catal Höyüks , noch die Bandkeramiker (vgl. unten B. haben diesen Schritt getan oder tun können, sondern erst im Chalkolithikum wird die traditionelle Sozialordnung aufgelöst. (s. unten C.)

12) Da den Hirten-Männern Catal Höyüks die Tatsache der physiologischen Vaterschaft bekannt war, ist die Frage zu klären nach der Vater-Sohn- Beziehung : Wie steht der Hirten-Mann in Catal Höyük zu seinem Sohn ?

Selbst wenn dem Mann das biologische Faktum der Vaterschaft bekannt ist, bleibt es, wie die Kulturgeschichte uns erkennen lässt, ein langer Weg , bis er seine (vermutete!) Vaterschaft als bestimmenden Faktor in der Sozialordnung geltend machen und durchsetzen kann. 

Da es keinen wissenschaftlichen Vaterschafts-Nachweis gab, konnte Vaterschaft mit öffentlicher Wirksamkeit allein dadurch "festgestellt" werden, dass die Mutter eines Kindes ein öffentlich abgelegtes Vaterschafts-Anerkenntnis abgibt. 

(Ein verbales Anerkenntnis, das natürlich nicht der Realität entsprechen muss).
Die dargelegten Befunde in Catal Höyük sprechen dafür, dass die Frauen dort noch ihr naturgegebenes Recht der freien Wahl ihres Sexualpartners behalten hatten, so wie es seit paläolithischer Zeit immer gewesen ist: Die Frau allein entschied, welchen der Männer sie jeweils als Liebhaber zum Wohnen in ihr Haus einlud , und wie lange sie dort einen Mann beherbergen wollte.

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Sie konnte ihren Sexualpartner jederzeit auffordern, ihr Haus zu verlassen , und ( das ist entscheidend): sie wurde vor unerwünschten Nachstellungen und männlicher Gewalt geschützt durch ihre Blutsfamilie , in deren Wohn- Bereich sie ihr Haus hatte und die in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft wohnten. Es gab auch keine wirtschaftlichen Erwägungen für ihre Wahl und daher keine ökonomischen Druckmittel des Mannes.

Zu berücksichtigen ist ferner das naturgegebene , genetisch verankerte, Bedürfnis der Frauen, ihren Sexualpartner zumindest so häufig zu wechseln, dass sie jedes ihrer vier Kinder von einem anderen Erzeuger empfing. (vgl. meinen Essay, * S. 272), sowie in diesem Blog: "Reflexionen zur Fruchtbarkeitssymbolik ....") .

Wenn der Hirten-Mann in der Wirtschafsgenossenschaft seiner Blutsfamilie bleibt und nur sexuell der Blutsfamilie seiner Sexualpartnerin zur Verfügung steht, wird jeder in eine Genossenschaft hineingeboren, der sein Erzeuger nicht angehört. Die Folge ist: Ein Mann hat zur Wirtschaftsgemeinschaft , welcher ein von ihm gezeugter Sohn angehört, genau so wenig Beziehungen, wie der Sohn zur Hirtengenossenschaft seines Erzeugers. Was die ökonomische Basis betrifft, gibt es mithin von Geburt an keine Gemeinsamkeit zwischen Vater und Sohn. 

Der Sohn wächst auf in der Wirtschaftsgenossenschaft seiner Mutter und wird dort von seinen älteren männlichen Blutsverwandten, z.B. seinem Oheim, dem Bruder seiner Mutter , oder von seinem eigenen, älteren, matrilinearen Bruder als Hüte-Junge angestellt und zum Hirten ausgebildet, sowie unterrichtet im so wichtigen Umgang mit den Hirten-Hunden. Sein Oheim, der "avunculus", steht dem Jungen also -neben der Blutsverwandtschaft- durch die tägliche Zusammenarbeit viel näher, während der Erzeuger in einer anderen Hirtengenossenschaft arbeitet und dort seinen Lebensmittelpunkt hat.

Es erscheint den Menschen dadurch natürlich, dass es der Schwestern-Sohn ist, der in der mütterlichen Wirtschaftsgemeinschaft den Patz seines Mutterbruders einnimmt, ihn , modern gesprochen, "beerbt" und nicht der "eigene", von seinem Oheim gezeugte, Sohn. 

In dieser Hinsicht bleibt es bei der paläolithischen Regel: Ein Junger Mann wird in die Arbeitswelt eingeführt vom Bruder seiner Mutter: Im Paläolithikum in seines Oheims Jägerkollektiv, jetzt in dessen Hirtengenossenschaft.

Welche soziale Bedeutung also hatte, kulturwissenschaftlich betrachtet, in Catal Höyük die Vater-Sohn-Beziehung ? 

Wird ein Mann, der als Genossenschaftsmitglied zur " Gesamthand " über eine grosse Rinderherde mit-verfügt, nicht den "natürlichen" Wunsch haben, statt dem Sohn seiner Schwester, seinem (vermeintlich) leiblichen Sohn den von ihm , dem Vater , gemeinschaftlich erwirtschafteten Herden-Reichtum , das Kapital (" capites") , den "livestock", zu überlassen ?

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Auf diese Frage, die besonders die Urvater-Gemeinde bewegt, suchen wir eine Antwort:

Vater wie Sohn würden an einer solchen Nachfolge-Regelung nur ein Interesse haben, wenn ein solcher Wechsel für den Sohn ökonomische Vorteile brächte. Vaterschaft hin oder her.

In Catal Höyük aber steht derjenige, der sich für den Vater hält, vor eiem grossen Problem: Woher nimmt ein Mann die Gewissheit, dass er der Erzeuger eines bestimmten Sohnes seiner Sexualpartnerin ist ? Wir wissen ja, dass selbst im streng patriarchalischen Rom, mit eingesperrten und vom Mann ökonomisch und sexuell versklavten Ehe-Frauen, noch der Rechtssatz galt: Pater semper incertus. 

Wie sollte ein Hirten-Mann in Catal Höyük mit freien, sexuell nicht versklavten, Frauen, auf seine Vaterschaft vertrauen können.

Jeder Mann ist hingegen auf der sicheren Seite, wenn er seinem angeborenen Gen-Egoismus dadurch dient, dass er ein "Mutter-Bruder-Investment" für den Sohn seiner Schwester leistet. Ob das "väterliche Investment" (wenn ich diesen heute so gern auf menschliche Beziehungen übertragenen finanztechnischen Terminus persiflierend verwende) für seinen mutmasslichen Sohn seinem Gen-Egoismus eben so gut dient, kann er nie wissen.

Nach der Logik und ökonomischen Vernunft, nach der unsentimentalen Hirten-Rationalität , bleibt es deshalb bei der sogen. "matrilinearen Erbfolge", d.h. statt auf seinen vermeintlichen Sohn, setzt der Hirten-Mann zu dieser Zeit noch auf Sicherheit und damit auf den Sohn seiner matrilinearen Schwester, auf einen beweisbaren Blutsverwandten. Nur auf diese Weise bleibt das gemeinschaftliche Eigentum an der Herde "in der Familie", die des Mannes matrilineare Blutsfamilie ist.

Jeder Mann sorgt also für die Abkömmlinge seiner Schwestern. Ein Erzeuger braucht bei dieser Regelung für die Kinder seiner jeweiligen Sexualpartnerin nichts beizutragen, selbst wenn die Frau und der Mann annehmen, dass er der Erzeuger ist. Da die Beziehung von Mann und Frau keine ökonomische Beziehung ist , sondern auf die Sexualität beschränkt bleibt, ist es natürlich, dass die Mutter und ihre blutsfamiliäre Wirtschaftsgemeinschaft für die Kinder sorgen, und zwar unabhängig davon, wer die verschiedenen Väter ihrer (durchschnittlich) vier Kinder sind. Wie gut und effektiv ein solches System funktioniert können wir u.a. noch heute bei den Mosuo sehen.

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13) Während die Wildbeuter-Populationen durch das Ovulationshemmungs-Gen und die langen Zwischengeburtszeiten von vier Jahren vor "Kinderreichtum" geschützt waren, können unter den neuen ökonomischen Verhältnissen des Modus III mit seiner Überfluss-Produktion, viele Kinder durchaus "Reichtum" bedeuten: Mädchen und Frauen als zusätzliche Arbeitskräfte erhöhen die Agrarproduktion, Jungen können als zusätzliche Hirten das weitere Herdenwachstum begünstigen.

In späterer Zeit wurde ja durch (wahrscheinlich ernährungsbedingten) Wegfall der Ovulationshemmung die Geburtenzahl drastisch erhöht. In Catal Höyük war dies indessen, wie archäologische Befunde beweisen, noch nicht der Fall. Es blieb bei den alten, paläolithischen Verhältnissen, dass eine Frau im Mittel nicht mehr als V I E R Kinder zur Welt brachte . (aaO. S. 99) . Die archäologische Statistik zeigt gegenüber einer Geburtenrate pro Frau von 4,2 eine weibliche Sterberate von 1,8 . Es gab damit einen Geburtenüberschuss von 2,4 Kindern. (aaO. S. 99). Unter den Bedingungen der Sesshaftigkeit weist dies auf ein erhebliches Bevölkerungswachstum hin, was wohl während der 800 Jahre andauernden Besiedlung Catal Höyüks immer wieder zu Abwanderungen von Hirten-Genossenschaften geführt haben muss. 

14) Die mit der neu entwickelten RINDER-ZUCHT und HERDEN-HALTUNG , in Verbindung mit einem stärkeren Bevölkerungswachstum , sich ergebenden Probleme könnten auch eine Erklärung dafür liefern, warum Catal Höyük um 6.000 v. Chr. (unkalibriert: 5.400 v. Chr,) als Siedlung aufgegeben wurde:

Stellen wir uns vor, dass die Herden, die ja -nach Jägertradition- von den Hirten so bewirtschaftet wurden, dass alle Kühe geschont, vom Verzehr ausgeschlossen, und -mit Ausnahme einiger Zucht-Stiere- alle männlichen Tiere geschlachtet und verspeist wurden, schon bald so an Kopfzahl zunahmen, dass zu ihrer Unterhaltung das Weideland nicht mehr ausreichte. Dies Problem stellt diese , auf die Fleisch- und Milchwirtschaft erpichten Hirten-Genossenschaften vor die Frage des Abwägens zwischen den erzeugten Agrar-Produkten und den Erträgen an Milch und Fleisch. War es ergiebiger , sich auf die lebendige Nahrungsquelle auf vier Beinen zu verlassen, der Herde auf der Futtersuche zu folgen und die Siedlung deshalb aufzugeben ?

Ich halte diesen Zusammenhang für wahrscheinlich:

Ein Tier, wie das Rind, dem eine solche sakrale Bedeutung im Kult beigemessen wurde, muss im Bewusstsein der Kultgemeinschaft als existenzbestimmender ökonomischer Faktor gegolten haben.

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Hinzu kommt die Tatsache, dass vielleicht schon ab 7.000 v.Chr., spätestens aber vor 5.800 v. Chr. , Rinder-Nomaden von Anatolien aus nicht nur nach Süden, bis nach Afrika, sondern auch nach Norden , über den Kaukasus in die eurasischen Steppen migrierten, wo sie ausreichend Weideland und Wasser für ihre Rinderherden fanden. Die Linguisten GREY und ATKIN (University Auckland) publizierten im November 2003 in NATURE eine Forschungsarbeit mit der These, dass die Proto-Indoeuropäer aus Anatolien stammten und bestätigten damit die These des Archäologen RENFREW. Diese von Anatolien in die eurasischen Steppen eingewanderten indo-europäischen Rinder-Züchter waren es, die später in Zentralasien , um 4.000 v Chr. , nach etwa 3.000 Jahren Erfahrung mit der Domestikation und Zucht von Boviden, auch das Wildpferd domestizieren konnten, das nur nördlich des Kaukasus heimisch war. (vgl. zu Einzelheiten meine Anmerkung in diesem Blog: "Indoeuropäer und Kurgan".)

Die indoeuropäischen Kurganvölker, die, wie jetzt nachgewiesen, ab 3.500 v.Chr. von dort nach Europa eindrangen, waren also Nachfahren jener zuvor aus Anatolien zugewanderten Rinder-Bauern, die sich zu Pferdezüchtern und Streitwagen-Kriegern entwickelten. 

Ob auch die sogen. Bandkeramiker, die ab 5.600 v. Chr. aus eben jenem Gebiet aufbrechend als Rinderbauern Europa kolonisierten, Nachfahren jener anatolischen Proto-Indoeuropäer waren, bleibt zu prüfen. (vgl. unten B.).

Zu erwägen ist aber auch, dass viele Bewohner Catal Hüyüks schwere gesundheitliche Schäden aufwiesen : Sie litten an Hyperpostose, einer Wucherung des Knochengewebes des Schädels , was dessen Durchblutung verschlechterte und was zu anämischen Erkrankungen führte. (aaO. S. 100). Diese endemische Gesundheitsverschlechterung kann sowohl auf einseitige Ernährung, als auch auf Malaria zurückgeführt werden. (aaO. S. 100). 

Vielleicht waren beide der genannten Faktoren der Grund für die Aufgabe der blühenden und wohlhabenden Siedlung Catal Höyük. Die Frage ist indessen: Warum bleibt nicht ein einziger Stamm, nicht einmal eine Wirtschaftsgenossenschaft in Catal Höyük zurück? Da schwer anzunehmen ist, dass die Solidarität unter den Genossenschaften so gross war, dass sich alle dem Exodus anschlossen, spricht doch manches für das ungesunde Klima und die Malaria als Ursache des gemeinsamen Exodus.

15) Kehren wir zurück zur Emigration der Rinder-Nomaden aus Anatolien:

Zu überlegen ist, ob die multitribale und multi-genossenschaftliche Einwohnerschaft Catal Höyüks für die Wanderung wieder zerfiel, d.h. sich ihre traditionellen, angestammten Segmente von 20 (oder 40 ) jetzt konsanguinealen Genossenschaften wieder verselbständigten, und jeweils 

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separat mit den von ihnen bewirtschafteten Herden auswanderten, ob sie vereint zu Stammes-Verbänden , oder ob alle als eine GROSS-GRUPPE von mindestens 2.500 (oder gar 5.000 ) Individuen gemeinsam das Nomadenleben erneut begannen und alle Herden-Segmente zu einer grossen Herde versammelten, die von allen Hirten, mit ihren Hirten- Geisseln und den Hirten-Hunden , gemeinsam getrieben wurde ?

Die Hirten-Nomaden führten dabei ja ihren Hausrat, Saatgut der gezüchteten Pflanzen, Arbeits- und Jagdgeräte und anderes auf ihren aus Holz hergestellten Land-Schlitten mit sich: denn es ist nachgewiesen, dass sie Rinder auch zu Zugtieren abgerichtet hatten. (aaO. S. 99, 105).

Eine Wanderung von 2.500 bis 5.000 Individuen mit einer Herde von Hunderten von Rindern erscheint sehr unwahrscheinlich; denn das Treiben und Hüten geschah ja noch zu Fuss , wenn auch mit gut ausgebildeten Hirten-Hunden ( aber noch ohne die Hilfe von Pferden).

Unwahrscheinlich ist aber auch, dass die einzelnen blutsverwandten Wirtschaftsgenossenschaften von 30 erwachsenen Hirten-Männern und 30 erwachsenen Frauen mit deren 60 Kindern, also die traditionelle (paläolithische) Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft von 120 Individuen, sich allein auf die Wanderschaft machten, weil bei einem solchen Vorgehen ja die erwachsenen Männer und Frauen ihre jeweiligen Sexualpartner hätten aufgeben müssen. 

Ich gehe deshalb davon aus, dass sich für die Wanderung mehrere der konsanguinealen Hirtengenossenschaften, und zwar diejenigen, die unter einander Exogamie praktizierten, zu einem , zugleich endogamen, STAMM zusammenschlossen und die risikoreiche Emigration als Stamm antraten: Bei drei konsanguinealen Wirtschaftsgenossenschaften ergäbe das 90 erwachsene Hirtenmänner mit ihren Hirten-Hunden, 90 Frauen mit ihren 180 Abkömmlingen, also ein Stamm von 360 Individuen. Auf diese Weise wäre zugleich das Problem der sexuellen Exogamie gelöst, weil wir ja mit Stammes-Endogamie zu rechnen haben. (vgl. mein Kapitel IV. , S. 57 ff.).

Vielleicht kann uns auch die Transhumanz-Praxis der Rentiere züchtenden Samen noch Hinweise geben, was unter Hirten-Gesichtspunkten das Vernünftigste ist.

Fest steht indessen folgendes: Während dieser Wanderungen verloren die Arbeitskollektive der Frauen vorübergehend ihre Agrar-Produktion und damit ihren eigenen ökonomischen Beitrag für ihre Genossenschaft.. Sie mussten sich notgedrungen beschränken auf Hilfsarbeiten , wie Melken, Holz- und Wasserholen , Nahrungszubereitung etc. 

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Die Männer hingegen, die mit ihren Geisseln und Hunden die Herde trieben, und planen mussten, in welche Richtung, gewannen durch die ihnen zugewachsene enorme ökonomische Verantwortung an Bedeutung, Profil und Selbstwertgefühl. Da ihnen, inzwischen -jetzt seit fast 2000 Jahren - auch die Tatsache ihrer physiologischen Vaterschaft bekannt war, kommt es durch die Kombination dieser Fakten zu einer kaum zu überschätzenden Neu-Gestaltung der ökonomischen und sozialen Geschlechterrollen . ( Wie diese sozialen Veränderungen die Wahrnehmung und Erfahrung der eigenen Sexualität bei Mann und Frau verändert, habe ich in einem Essay in diesem Blog ausgeführt: "Reflexionen zur Fruchtbarkeitssymbolik und zur kulturellen Entwicklung der menschlichen Sexualität".)

Auch wenn die Hirtennomaden-FRAUEN nach der Rodung neuer Ackerflächen 

in der neuen Heimat ihre Agrarproduktion wieder aufnehmen (für die sie ihr Saatgut und ihre Zuchtpflanzen mitgeführt haben), wird ihr ökonomischer Beitrag doch nie wieder das alte Gewicht erhalten , womit sie selbst nachhaltig ihre soziale Bedeutung einbüssen. 

Der Mann wächst als RINDER-HIRTE und PLANER in die soziale Führungs-Rolle hinein.

16) Dies neue männliche Selbstbewusstsein findet seinen Niederschlag auch im STIERKULT , den wir regelmässig in allen Boviden-Kulturen vorfinden. Dieser Stierkult tritt aber nie allein, sondern immer bilinear , verbunden mit dem Kult einer Göttin auf : In Catal Höyük ebenso wie in den Städten El Ubaids, in der Harappa-Kultur, Kreta, Ägypten usw.

Dies zeigt dem Psychohistoriker und Psychoanalytiker : Die Hirten-Männer hatten sich, im gerade gewonnenen Bewusstsein ihrer Zeugungs-Kraft , jetzt an die Seite der Göttin gestellt , anfangs noch in der Verkleidung des Stiers, mit dem sie sich selbst identifizierten, danach als anthropomorpher phallischer Fruchtbarkeits-Gott. 

Die Geschichte zeigt uns ferner, dass es regelmässig , in allen Kulturen, der Mann ist, der mit seinem Stier-Kult alsbald auch die "Heiligung der Sexualität" und danach die "Heilige Hochzeit" als neuen Kult durchsetzt

16.1. Die Befunde sprechen dafür, dass dieser , vor allem die männliche Sexualität heiligende , Kult in Catal Höyük nur als ein bilinear erweiterter Fruchtbarkeitskult zelebriert wurde , und dass dies Gemeinschaftsritual, das zwar die PAARUNG heiligte, noch nicht sozial nachgelebt wurde in einzelnen Paarungsfamilien und Ehen.

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Ich neige zu der Annahme, dass es zunächst einer vom Mann betriebenen und schwer durchzusetzenden individuellen Privatisierung des vormaligen Gemeinschaftseigentums, und das heisst für Rinder-Hirten vor allem der Genossenschafts-Herden, bedarf , bevor die alte Struktur von Blutsfamilien mit Gemeinschaftseigentum ersetzt und zersetzt werden kann, in der Weise, dass fortan die einzelnen Paarungsfamilien als "Privateigentümer" angesehen wurden .

In Catal Höyük gibt es für einen solch radikalen Wandel der sozialen Ordnung , wie eingangs gezeigt, noch keine Hinweise oder Anzeichen. 

16.2. Mit allen uns bekannten Rinderbauern-Kulturen sind Artefakte und Skulpturen eindeutig anthropomorph-weiblicher Symbole verbunden, die - (in der Absicht, ihre Bedeutung herunter zu spielen) - von der Urvatergemeinde als "Figurinen" bezeichnet werden. Dennoch wurden diese Symbole, genau so , wie die sogen. "Venusfigurinen" immer als GÖTTIN interpretiert.

Es ist also nicht zu leugnen, dass der Stier-Kult als neues Element neben den älteren Kult einer Göttin tritt und nicht etwa umgekehrt.

Seit den achtziger Jahren ( als Reaktion auf das Erstarken einer feministischen Bewegung) hat die Urvatergemeinde jedoch das strikte Verbot aufgestellt und mit akademischem Druck durchgesetzt, solche Artefakte der Weiblichkeit weiterhin als "GÖTTIN" zu interpretieren.

Dies Interpretations-VERBOT (dem u.a. auch Wikipedia folgt) wurde , das ist unübersehbar, offensichtlich in der Absicht erlassen, dem -so gefährlichen- Gedanken entgegen zu wirken, es könne in der Urgeschichte der Menschheit je eine andere Vorstellung von Göttlichkeit gegeben haben, als die eines männlichen VATER-GOTTES.)

"Religion" muss -koste es was es wolle- die unangefochtene Domäne des Mannes bleiben. 

Hier zeigt sich die "paulinische Indoktrination" unserer heutigen akademischen "Urvater-Gemeinde.

Dass es sich bei diesem Interpretations-Verbot um Ideologie und nicht um Wissenschaft handelt, geht hervor aus der Fadenscheinigkeit und Unhaltbarkeit der Argumente, die dafür ins Feld geführt werden.( vgl. meine Essays S. 373 ff. und S. 381 ff. , sowie meine zusätzliche Anmerkung in diesem Blog: "Anti-Gimbutas-Kampagne : Der Kampf gegen die Göttin".)

In seinem Buch " The Pagan Religions of the British Isles" hatte 1991 der Archäologe Ronald Hutton behauptet, James Mellaart sei von seiner Interpretation der weiblichen Artefakte als "Göttin" in seinem Buch von 1967 "Catal Hüyük. A Neolithic Town in Anatolia", abgerückt und hatte ihn ausdrücklich dafür gelobt

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 " dass Mellaart 1975 in seinem Buch ' The Neolithic in the Far East ' infolge der Warnung Uckos, die von der akademischen Welt übernommen worden ist, statt von einer "Göttin" nur noch von "weiblichen Figurinen" spricht, von denen einige auch durchaus Puppen sein könnten. "

(so Hutton wörtlich in englisch ).

Da jener von Hutton mit Unfehlbarkeit ausgestattete Peter UCKO derjenige war, der als erster das besagte Interpretations-Verbot aufstellte, ein Verbot, nach welchem sogar die sogen. paläolitischen "Venusfigurinen" auf keinen Fall als "Göttin" (immer in Anführungszeichen) interpretiert werden durften, sind die Verlautbarungen seines Nachbeters Hutton besonders bemerkenswert:

Hutton , der schon damit beginnt, dass er den Titel von Mellaarts zweitem Buch falsch zitiert, indem er aus dem " NEAR East" ein "FAR East" macht, hat , wie ich belegen werde, Mellaarts Buch auch gar nicht richtig gelesen; denn er lobt Mellaart zu unrecht. Richtig ist das Gegenteil: Mellaart bleibt bei seiner -kulturhistorisch ja durchaus zutreffenden - Interpretation, dass die Menschen in Catal Hüyük eine GÖTTIN verehrten. Schliesslich hatte Mellaart dort nicht nur die weltberühmte, "Göttin auf dem Leopardenthron" gefunden, sondern 33 (!) eindeutig weibliche , meist breitbrüstige Kultstatuetten ausgegraben und an den Wänden der Kulträume , in Verbindung mit Bukranien und Stierschädeln, immer wieder Relief-Figuren mit gespreizten Beinen gefunden, die er auf der Grundlage der Skulpturen als wiederkehrendes schematisches Symbol jener Göttin ansah.

Hinzu kam dass in allen 12 Nah-Ost-Regionen , deren archäologische Befunde Mellaart untersucht hatte, allerorten ganz ähnliche weibliche Statuetten, wie zuvor in Catal Höyük, gefunden worden waren, nämlich in den Regionen Levante, Zagros-Gebiet, Anatolien, Zypern, Mesopotamien, in den Iran-Hochland-Kulturen, in Transkaukasien und Azerbaidjan, in den Transkaspischen Tiefland-Kulturen, den Kulturen der Ägäis, Kretas, des Balkans ( Südost-Europa) bis hin zum südöstlichen Mittelmeer-Raum (Nordafrika, Ägypten)

Ein Gebiet mit über 100 Grabungsstätten, die Mellaart auf S. 283 - 288 akribisch auflistet..

Dieser unbestreitbare kulturgeschichtliche Sachverhalt bringt Mellaart dazu , seinen inzwischen auf den Plan getretenen Gegnern, die ihm das von ihnen erlassene Interpretations-Verbot oktroyieren wollten, wörtlich folgendes entgegen zu halten, was Hutton offensichtlich entweder nicht gelesen hat oder mit Absicht verschweigt . Mellaart schreibt:

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" Wer die religiöse Natur jener besonderen Kult-Räume leugnet, steht damit vor der völlig unerklärlichen und nicht plausiblen Annahme, dass die Menschen in Catal Hüyük Masochisten gewesen sein müssten, die ihre Wohnräume so unbequem wie möglich erbaut und eingerichtet hatten, dass sie darin weder sitzen noch schlafen konnten". (aaO. S. 108).

"In den Stuckreliefs an den Wänden jener Kult-Räume erscheint die GÖTTIN immer in anthropomorpher Form, die männliche Gottheit hingegen ist immer nur repräsentiert durch das Symbol des Stiers, seltener auch eines Widders" ( aaO. S. 108).

Hutton liefert uns also ein weiteres hervorragendes Beispiel dafür, wie die Herren Gelehrten der Urvater-Gemeinde , die selbsterklärten Hoch-"Akademiker" "Wissenschaft" betreiben: Von ihnen verlangt ihre "akademische Welt" nicht einmal, dass sie korrekt zitieren.

Voll angekommen ist dies INTERPRETATIONS-VERBOT indessen beim deutschen Archäologen K. Schmidt vom DAI: 

Er versucht, in seinem Göbekli Tepe - Buch ( "Sie bauten die ersten Tempel") das schematische Symbol der Göttin , das als Wandrelief in den Kult-Räumen Catal Höyüks immer wiederkehrt, als simples REPTIL zu interpretieren , weil er ja schliesslich in Göbekli Tepe einige auf den Pfeilern als Kriechtiere abgebildete Reptilien gefunden habe.

Schmidts Ansatz ist gleich doppelt unsinnig und unlogisch, wie ich zeigen werde. 

Vorweg: Selbst wenn er stringente Argumente vortragen würde, die Mellaarts Interpretation jener schematischen Figuren mit abgespreizten Beinen als ein Symbol der Göttin, widerlegen könnten, so könnte daraus immer noch nicht der Schluss gezogen werden, dass mithin überhaupt keine Göttin in Catal Höyük verehrt worden sei; denn die eindeutig weiblichen Skulpturen , 33 an der Zahl, die Mellaart ausserdem ausgegraben . mit Abbildungen belegt und akribisch aufgelistet hat ( Catal Hüyük , S. 202 f.), können ja unter keinen Umständen als " Reptil" interpretiert und somit als GÖTTIN aus der Welt geschafft werden.

Aber abgesehen von diesem gravierenden Denkfehler und Trugschluss ist auch Schmidts Angriff auf die symbolischen Wandreliefs ein untauglicher Versuch:

Was der Archäologe Schmidt übersieht und nicht bedacht hat, ist ein , für jeden Kulturhistoriker wesentliches, Detail: Der betonte BAUCHNABEL , der das Göttinnen-Symbol in Catal Höyük kennzeichnet und der Schmidts Reptilien natürlich fehlt. 

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Schmidt offenbart dadurch, dass ihm die Bedeutung, die seit archaischer Zeit dem NABEL beigemessen wird, nicht bekannt ist., einmal mehr seine mangelhaften kulturwissenschaftlichen Kenntnisse. Schon dem paläolithischen homo sapiens wird bewusst : Der Bauchnabel ist das prominente MUTTERMAL, das jeden Menschen auf seine Geburt und seine Abstammung von seiner Mutter, auf seine Matrilinearität , hinweist. Das zeigen uns bereits die paläolithischen Ur-Mütter, die sogen "Venus-Figurinen", sei es die "Venus vom Hohle Fels", die "Venus von Willemdorf" und andere.

In dieser paläolithischen Tradition wurde von den Bewohnern Catal Höyüks z.B. die Skulptur einer Frau geschaffen, die mit den Händen ihre Brüste hält und deren Brustwarzen durch ein LOCH in jedem Busen dargestellt wurde, und zwar in gleicher Weise als Loch , wie der Bauchnabel . Diese Skulptur fand Mellaart im Kultraum VI, A. 61. (Catal Hüyük , Abb. Plate 79 , S. 145).

Der Bauchnabel ist auch betont bei der nackten breitbrüstigen "Göttin auf dem Leopardenthron" ( Catal Hüyük, Abb. Colour Plate IX , S. 157) , oder bei der Skulptur einer ihre Brüste haltenden Frau im Kultraum A II, 1 ( Catal Hüyük, S. 184 Abb. 53). Alle drei sind mit Sicherheit kein "Reptil" !

Dieser bei den Skulpturen vielfach belegte "Nabel-Kult " kehrt wieder bei den schematischen Symbolen (der Göttin) , die Schmidt so liebend gern in ein "Reptil" verwandeln möchte. Bei einer dieser Symbol-Figuren mit abgespreizten Beinen ist der Nabel sogar als KLEINES DREIECK ausgearbeitet ( und erinnert an das "Schossdreieck " oder "Schamdreieck", die sogen. Pudenda) und wird darüber hinaus noch dadurch hervorgehoben, dass um dieses Muttermal zwei Rötelkreise gesetzt wurden. ( Catal Hüyük, S. 76, Colour Plate VII). 

Weitere Symbole mit Nabel sind abgebildet auf Seiten 47, 116, 127.

Auch in HACILAR fand Mellaart eindeutig weibliche Ton- Statuetten mit betonten Brüsten und prominentem Bauchnabel (aaO. S. 115) und ebenso in der HALAF-Kultur (aaO. S. 166) und an vielen weiteren Fundstätten. 

Es gibt also eine erdrückende Evidenz, und es gibt jedem Sachkundigen zu denken, dass der Archäologe Schmidt all dies (geflissentlich oder beflissen ?) übersehen konnte. Zugleich macht dies deutlich , welche Gefahren der Wissenschaft drohen, wenn Archäologen, denen es nicht nur an kulturwissenschaftlichen Kenntnissen, sondern auch noch an Selbstkritik fehlt, sich zu kulturhistorischen Themen äussern.

Schmidt muss sich mithin die Frage gefallen lassen: Ignoranz oder Ideologie ?

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Mellaart ist also auf der sicheren Seite und gegen eine Kritik, die so unbedarft daher kommt, wie die von Klaus Schmidt, bestens gewappnet.

Schmidts Interpretation, die Menschen in Catal Höyük hätten in ihren Kulträumen neben Bukranien ein heiliges REPTIL MIT BAUCHNABEL! verehrt, ist so absurd, dass man solche Phantasien keines Kommentars würdigen müsste, wenn solcher Unsinn nicht begierig von der Urvater-Gemeinde aufgegriffen worden wäre, so dass Wikipedia schlicht und gehorsam verkündet: Mellaarts Göttin- Interpretation "entbehrt jeder Grundlage".

Hinzu gefügt sei noch, dass Mellaart in Catal Höyük selbst noch keine unzweifelhaften Phallus-Symbole vorfand (aaO. S. 107) , sondern dass dies erst ein Jahrtausend später , und nur vereinzelt, archäologisch nachweisbar ist : In seinem zweiten Buch von 1975 (Neolithic) führt er im Register nur v i e r Fundstellen für "Phallus" an, welche sind:

5.800 v. Chr. in TEPE GÜRAN (aaO. S. 87).

5.800 v. Chr. in SARAB (aaO. S. 89). ( aaO. S. 151)

5.500 v. Chr. in TELL-es SAWWAN (aaO. S.151).

5.000 v. Chr. in der HALAF-Kultur (Phallus-Amulette) (aaO. S. 167).

Bemerkenswert: Diese seltenen Phallus-Symbole treten nie für sich allein, sondern immer in Verbindung mit Statuetten der Göttin auf. Solche weiblichen Kultstatuetten und deren Abbildungen sind , wie schon das Register zeigt (aaO. S. 298) , so zahlreich, dass eine Einzelerwähnung hier unterbleiben kann. Es wäre wünschenswert, wenn auch ein Archäologe vom DAI dieses Buch eimal rezipieren würde , bevor er Aussagen zu Fragen der Kulturwissenschaft macht. 

So leicht darf es sich heute also die "Wissenschaft" machen, solange sie der patriarchalen Ideologie dient. Als Beleg möchte ich noch auf ein weiteres symptomatisches Beispiel hinweisen:

Es gibt im Kultgebäude Göbekli Tepe nur eine einzige Darstellung eines Menschen: Die Ritzzeichnung einer nackten Frau mit Brüsten und gespreizten Beinen und einer stark betonten Vulva. (Abbildung bei Schmidt S. 238). Es gibt hingegen keine einzige Darstellung eines Mannes. Trotz dieses eindeutigen und bemerkenswerten Sachverhalts bringt der Archäologe Schmidt es fertig, in seinem Buch zu schreiben: 

"Darstellungen von Weiblichkeit fehlen so gut wie vollständig". (S.218) 

Ein verräterischer Satz, der schlagend deutlich macht, mit welcher Art von Vorurteil Schmidt an seine Arbeit herangegangen ist. (Zur detaillierten Kritik an Schmidt vgl. meinen * Essay, S. 358 ff.). 

Zu diesem Verfahren passt , dass an keiner Stelle gesagt wird, als was denn die, von Mellart ausgegrabene, dicke nackte Frau auf dem Leopardenthron zu deuten sei.

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 Hierzu darf nach dem "Interpretations-Verbot" nichts mehr gesagt werden. Weil ja vor 9.000 Jahren niemand dabei war, kann das niemand wissen , so das leider modern gewordene, aber dümmliche , Argument. (vgl. dazu in diesem Blog: "Venus vom Hohlefels. 'Ahnungslosigkeit' des Archäologen"). 

Nur das es sich auf keinen Fall um eine "Güttin" handeln kann, das wissen dann unvermittelt doch diejenigen, die damals nicht dabei waren, sofern sie weiter von der Urvater-Gemeinde anerkannt werden wollen.

Für Kulturhistoriker hingegen ist unverkennbar, dass es sich um den Kult einer Göttin handelt. Das hat u.a. schon E.O. James in seiner grossen archäologischen Studie "The Cult of the Mother-Goddess" in allen Einzelheiten nachgewiesen. ( Zu E.O. James vgl. meinen Essay S. 390 ff.).

Ein letztes -erschütterndes- Beispiel: 

Ein in Catal Höyük gefundenes sogen. "Bärensiegel", auf dem "DER BÄR" ( selbstverständlich darf es auf keinen Fall eine BÄRIN sein!) eine ähnliche Körperhaltung zeigt, wie die von Mellaart ebenfalls als Göttin interpretierten RELIEF-SYMBOLE an den Wänden der Kulträume in Catal Höyük, mache deutlich, "dass Mellaarts Deutung falsch ist".

So belehrt Wikipedia , ebenso einfach wie einfältig, seine Nutzer. Die Quelle dieser schlichtweg falschen Aussage ist eine Archäologin namens Marion Cutting, die sich im Begleitprogramm zu einer Ausstellung im Badischen Landesmuseum: "Die ältesten Monumente der Menschheit" in einem Aufsatz : "Die Bilder von Catal Höyük" (S. 126 - 134) wegen dieses einen Siegels zu der aberwitzigen Behauptung versteigt: 

" Die Theorie der Muttergöttin, die Mellaart aufstellte, wird durch ein in Jahr 2005 gefundenes Stempelsiegel in Tiergestalt - wahrscheinlich eines Bären- endgültig widerlegt".

ENDGÜLTIG WIDERLEGT ?

Die Ignoranz und Arroganz , die die Verfasserin durch einen solchen Satz offenbart, und dies , ohne dass es dem Kuratorium des Museums auffällt und von dessen Leitung unterbunden wird , ist wahrhaft Besorgnis erregend:

Zum einen war es nicht Mellaart, der " die Theorie der Muttergöttin aufstellte". Um dies zu wissen, hätte Cutting z.B. nur die detailreiche archäologisch-historische Studie von E.O. James lesen müssen : "The Cult of the Mother-Goddess".

Zum anderen: Wie kann ein Stempel-Siegel in Tiergestalt mit ähnlicher Beinhaltung wie die Wandreliefs in den Kulträumen, beweisen, dass jene schematischen Stuckfigurinen deshalb kein Symbol der Göttin von Catal Höyük sein könnten ? Nicht nur mit gleichem, sondern mit grösserem Recht , könnte behauptet werden : 

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Die Tatsache, dass auch auf einem Stempelsiegel eine Bärin mit ähnlicher Beinhaltung und mit betontem Bauch-Nabel wie bei den Darstellungen des Symbols der Göttin , abgebildet ist, bestätigt, dass die Göttin von Catal Höyük nicht nur mit Leoparden, sondern auch mit Bären in Verbindung gebracht wurde.

Zum Dritten: Selbst wenn Mellaarts Interpretation jener symbolisch-schematischen Stuckreliefs als GÖTTIN jemals schlüssig widerlegt werden sollte, wofür bisher nicht ein einziges haltbares Argument vorgetragen wurde, würde daraus ja nicht gefolgert werden können: 

"Die Theorie der Muttergöttin wird durch ein Stempelsiegel endgültig widerlegt".

Was vermag ein Stempelsiegel gegen die nackte breitbrüstige Frau mit ausgeprägter Vulva auf dem Leopardenthron und 33, dreiunddreissig!, weiteren eindeutig weiblichen Skulpturen auszurichten ? Sind diese etwa alle Bären ?

( Zur Kritik an der Leichtfertigkeit der Marion Cutting , die uns einen solchen Bären aufbinden will, vgl. meinen Essay , S. 370 ff.) Zur "Göttinnendämmerung" von Roeder/Humel/Kunz, die ebenfalls erfolglos versuchen , Mellaarts Grabungsergebnisse anzugreifen, vgl. meinen Essay, S. 373 ff.). 

Der britische Archäologe I. HODDER, der durch nachträgliche, jahrelange Grabungen in Catal Höyük gehofft hatte , Mellaarts Befunde zu korrigieren, bekannte schliesslich (was Roeder/Hummel/Kunz nicht wussten) :

 "Alles in allem hat die gegenwärtige Feldarbeit (1993 -2006 ) Mellaarts Ergebnisse bestätigt. Seine Erkenntnisse konnten eher erweitert statt widerlegt werden".

(Zitiert nach dem Katalog des Badischen Landesmuseums , Karlsruhe : " Die ältesten Monumente der Menschheit", S. 125 ).

FAZIT:

Ich denke, die Unhaltbarkeit der Argumente, mit denen die Urvater-Gemeinde ihr Interpretations-Verbot durchzusetzen versucht, mit Belegen nachgewiesen zu haben.

Die entscheidende Frage, auf die Mellaarts Kritiker bisher die Antwort schuldig geblieben sind, eine Frage, auf die die Urvater-Gemeinde eine plausible und überzeugende Antwort geben muss, lautet:

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Warum sitzt eine Frau auf dem Leopardenthron und nicht ein Mann ?

Wie ist es zu erklären, dass die Bewohner Catal Höyüks auf den Leopardenthron keinen Mann mit Phallus setzten, obwohl es ja die Männer waren, die mit Pfeil und Bogen die Leoparden und andere Felinen jagten , sondern eine nackte, breitbrüstige Frau mit betonter Vulva ? Und : Was hat sie mit den Felinen zu tun ?

Bei der Beantwortung dieser Frage muss auch das folgende historische Faktum Berücksichtigung finden: Als etwa fünf Jahrtausende später die indoeuropäischen Hethiter als Pferdezüchter und Streitwagen-Krieger die Herrschaft in Anatolien übernahmen, bildeten sie ihre "Sonnen-Göttin von Arinna" HEPAT , die den Titel trug : " Königin von Himmel und Erde und Königin des Landes" , als Gebieterin auf einem Leoparden stehend ab. 

Diese schriftlich überlieferte Mythologie wurde abgebildet auf einem Relief im "Neujahrsfesthaus" in Hattusa. ( vgl. B. Brandau /H. Schickert: Hethiter , S. 71).

Da diese "Frau" auf dem Leoparden nach den hethischen schriftlichen Quellen als die HÖCHSTE GÖTTIN der Hethiter verehrt wurde, kann das Interpretations-Verbot der Urvater-Gemeinde hier kein Unheil anrichten. 

Für den Kulturhistoriker, der die Kult-Symbole des Menschen in einem geschichtlichen Zusammenhang betrachtet, ist dies ein weiterer Beleg für die Absurdität jenes Interpretations-Verbotes, das jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt . Jenes absurde Interpretationsverbot (niemand kann etwas wissen, weil ja niemand dabei war), erweist sich als durchsichtige Schutzbehauptung, um die , uneingestandene, religiöse Ideologie der Urvater-Gemeinde durchzusetzen:

Wo es um GOTT geht, darf es nur um den VATER, den UR-VATER , gehen. 

Eine als GOTTHEIT vorgestellte und verehrte UR-MUTTER darf es nicht gegeben haben.

Eine solche Irrlehre ist nicht nur im Interesse der monotheistischen Theologen, sondern ebenso im Interesse der, die patriarchalische Gesellschaft verteidigenden, Urvatergemeinde mit ihrer notorischen Geringschätzung alles Weiblichen.

Das allein schon durch die Skulpturen archäologisch nachgewiesene und eindeutige Übergewicht der göttlichen Weiblichkeit lässt nur den einen Schluss zu : 

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In Catal Höyük wurde die Weiblichkeit auf den Thron gehoben und nicht der Mann, weil das rituelle, das religiöse Denken der Menschen immer noch ausgefüllt war von der paläolithischen Vorstellung einer "Grossen Mutter", der UR-MUTTER.

Aus diesem nicht zu leugnenden Tatbestand kann logisch und plausibel nur der Schluss gezogen werden, das die grosse, ja ausschlaggebende, ökonomische Bedeutung , welche die Gemeinschaft der Hirten-Männer durch die Rinderzucht gewonnen hatte, in Catal Höyük noch nicht zu einem entsprechenden Übergewicht des Mannes im Kult und im religiösen Denken der Menschen geführt hatte. Wäre das der Fall gewesen, hätten wir auf dem Leopardenthron einen Mann gesehen. 

B. EUROPÄISCHE RINDERBAUERN: Die BANDKERAMIKER 

 (5.600 v. Chr.) (vgl. hierzu auch meinen Essay S. 312 ff.)

1) Vier bis sechs Jahrhunderte , nachdem die Rinderbauern Catal Höyüks ihre Siedlung verlassen und in einem Exodus vollständig aufgegeben hatten, brachen um 5.600 v. Chr. , ebenfalls aus Anatolien , sowie aus den Regionen nördlich des Kaukasus, u.a. aus Südrussland, Rinderbauern mit ihren Herden , Saatgut und ihren Habseligkeiten , nach WESTEN auf, und wanderten die Donau entlang über Mähren , Böhmen, Österreich, Ungarn und Süddeutschland nach Europa ein bis zur Nordsee und nach Frankreich und besiedelten ganz Europa. (mit Ausnahme des Nordens).

Diese Rinderbauern waren gekennzeichnet durch eine gemeinsame KERAMIK-Kultur, die "Linear-Bandkeramik", LBK, und werden deshalb in der Fachliteratur unter dem Begriff "Bandkeramiker" zusammengefasst und beschrieben.

2) Die Wanderbewegung von Rinderbauern aus Anatolien und den eurasischen Steppen nördlich des Kaukasus in Richtung Europa ist auch deshalb bemerkenswert, weil ja inzwischen Nachweise vorgelegt wurden, dass spätestens um 5800 v. Chr., (also 200 Jahre vor dem Aufbruch der Bandkeramiker , aber wahrscheinlich schon früher ( frühestens um 7.000 v. Chr.) , Rinderbauern aus Anatolien, also z.B. aus Catal Höyük, mit ihren Herden nach Norden über den Kaukasus gezogen waren, die von Linguisten als "Proto-Indo-Europäer" , also als Angehörige der indo-europäischen Sprachfamilie bezeichnet werden. (so Grey und Atkins in NATURE , Nov. 2003).

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Das bedeutet, jene Rinderbauern aus Anatolien waren es, die ihre indoeuropäische Sprache in die eurasischen Steppen nördlich des Kaukasus mitbrachten. (vgl. auch meine Glosse "Indoeuropäer und Kurgan-Populationen" in diesem Blog ). Dort in ihrem neuen Siedlungsgebiet wird es eben jenen anatolisch-indoeuropäischen Rinderbauern ,nach fast 3.000 Jahren Erfahrung mit der Rinder-Herdenhaltung, gelingen, auch das , in den eurasischen Steppen beheimatete, PFERD zu domestizieren, etwa ab 4.000 v. Chr., vielleicht schon um 4.500 v. Chr. Bereits um 3.500 v. Chr. werden diese Pferde-züchtenden Indo-Europäer, nachdem gerade das RAD und der KARREN erfunden worden waren , mit ihren pferde-bespannten STREITWAGEN und gut bewaffnet als Eroberer ausschwärmen: U.a. als griechische Achaier nach Europa, als Arier über den Iran (Elam) nach Indien, als Kassiten, Churriter und Hyksos in den Nahen Osten und von dort bis nach Ägypten, und als Hethiter zurück nach Anatolien, um überall mit militärischer Überlegenheit ihre Herrschaft aufzurichten.( vgl. hierzu auch meinen * Essay S. 394).

Da also nach den Forschungen der Linguistik die ersten Indo-Europäer genau zu jener Zeit aus Anatolien in die Steppen Eurasiens, u.a. nach Südrussland eingewandert waren, als die Populationen von Rinderbauern mit Bandkeramik von dort aufbrachen nach Westen, ist die Frage zu erörtern, ob etwa unter jenen Populationen solche waren, die zu den Indoeuropäern gehörten , oder ob die Bandkeramiker Ethnien waren, welche von den aus Anatolien kommenden indoeuropäischen Rinderbauern nach Westen abgedrängt wurden ?

Die Bandkeramiker waren zwar durch eine gemeinsame Keramik-Kultur verbunden, aber allein daraus kann ja nicht gefolgert werden, dass auch alle Genossenschaften derselben Sprachfamilie angehörten. Es könnte sich durchaus um eine Wanderung multi-tribaler Hirtengenossenschaften gehandelt haben, also um Genossenschafts-Verbände, d.h. um Stämme, die vielleicht sogar verschiedenen Ethnien (wie in Catal Höyük) und verschiedenen Sprachfamilien angehörten. Dem Phänotyp nach gehörten -nach den mir bisher vorliegenden pauschalen Informationen- die Bandkeramiker (alle ?) zu den sogen. "Grazilen Mediterranen" (Gimbutas aaO. S. 37 f.) , das bedeutet, zu jener Ethnie, die in Catal Höyük die Minderheit von 17% der Einwohnerschaft darstellte. (s. oben A. ) und sie werden bezeichnet als Angehörige der sogen. uralischen Sprachfamilie , die in Regionen südlich des Ural ihren Ursprung hat.

Da die Basken die einzige Population Europas sind , die sich der späteren Sprach-Überlagerung durch die indoeuropäischen Eroberer widersetzten, die ja ab 3.500 v.Chr. als Streitwagen-Krieger nach Europa eindrangen in auf einander folgenden Wellen (später um 900 v.Chr. als Reiter-Krieger die Kelten), bleibt die Frage, ob die Basken mit ihrem "euskerra" noch die 

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Sprache der "uralischen" Bandkeramiker beibehalten haben. Da dies nach dem gegenwärtigen Forschungsstand der Linguistik verneint wird, bleibt vorerst nur die Annahme, dass die Basken eine der Ur-Sprachen der Wildbeuter-Populationen (vielleicht sogar der Ethnie der Cro Magnon ?) beibehalten und fortentwickelt haben, ohne sich von den neolithischen Bandkeramikern sprachlich kolonisieren zu lassen , genau so, wie sie sich später auch, als einzige, der Sprachkolonisation durch die Indoeuropäer widersetzten.

3) Jene neolithischen Rinderbauern aus Zentralasien stiessen in Europa auf nomadisierende Wildbeuter, d.h. auf epi-paläolithische Genossenschaften, die immer noch davon lebten, dass die Gemeinschaft der Frauen Nahrung sammelte, das Kollektiv der Männer auf Jagd ging, die also, auf archaische Weise, "von der Hand in den Mund" lebten. Wir können uns vorstellen, dass die eindringenden Rinderbauern die Eingeborenen für völlig rückständige Wilde hielten.

Die "Alteuropäer" hingegen erlebten zu ihrer grössten Verwunderung, wie völlig fremde Gruppen in ihr Gebiet eindrangen , mit grossen Rinderherden, die von Menschen mit Geisseln und Hirten-Hunden kontrolliert wurden, so dass der Mensch nicht mehr nach archaischer Jägerart den Tieren folgte, sondern die Tiere gehorchen und folgen dem Menschen . Schon dies muss ein überwältigendes Erlebnis für die Indiginisten gewesen sein. Aber es gab noch weitere Wunder zu bestaunen: Die Einwanderer, die mit den Tieren machen konnten, was sie wollten, bauten sich grosse Häuser, schlugen Bauholz, rodeten Wald-Flächen, und die Frauen begannen , die gewonnenen Flächen zu beackern und dort Pflanzen nach ihrem Belieben gross zu ziehen und zu ernten.

Für ihren Ackerbau suchten die Einwanderer vor allem ebene Lößböden , die für die einheimischen Wildbeuter uninteressant waren. . Neben Erbsen und Linsen bauten sie auch Flachs an und vor allem Körnerfrüchte, viele gezüchtete Getreidesorten, wie Emmer, Einkorn- , Zwerg- und Brot- Weizen, Dinkel, Gerste, Roggen , Hafer und Hirse. (Gimbutas , S. 38). Den Ackerbau betrieben die Frauen als Arbeitsgemeinschaften. (so u.a. Gimbutas . S. 324). Mit Ziehhacken (Vorläufer des Pfluges), die jeweils von zwei Frauen gemeinsam gezogen wurden , zogen sie die Furchen für die Aussaat , und sie schnitten das Getreide mit Sicheln aus Holz , in die Feuerstein-Klingen eingesetzt waren. (Gimbutas, S. 39). Auch die Keramik, die von den Frauen hergestellt wurde (Gimbutas, S. 330) , war ja den Einheimischen unbekannt.

Ein solches Zusammentreffen zweier Kulturstufen, die so weit von einander entfernt waren, können wir uns kaum dramatisch genug vorstellen. (Nähers unten Ziff. 9 ).

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4) Die Häuser, die sich jene wunderbaren, fast übermenschlichen, Eindringlinge mit Holz aus den Wäldern bauten, sobald sie sich wieder als Rinder-Bauern niederliessen , wurden von den einzelnen Genossenschaften in Gemeinschaftsarbeit errichtet: Es waren LANGHÄUSER .

Für meine Überlegungen ist es von entscheidender Bedeutung, wie diese Langhaus-Kultur interpretiert wird, d.h. welche Rückschlüsse aus einer solchen Wohn-Kultur auf die Struktur der Sozialverbände gezogen werden können und müssen.

Jene bis zu 45 Metern langen und 7 Meter breiten Langhäuser (Gimbutas, S. 41) , in deren Vorderteil sich manchmal auch ein kleiner Vorrats- und Lagerraum für Getreide befand ( Gimbutas, S. 330 unter Verweis auf Lüning), boten also bis zu 315 Quadratmeter Nutzfläche , vor allem Schlaf- und Wohnfläche und wurden von matrilinearen "clans" bewohnt (Gimbutas S. 331). Gimbutas meint mit "clans" konsanguineale Familien, die ich als Blutsfamilien beschrieben habe. Da im Hackbau ohne Pflug nur geringe Ernten erzielt werden konnten, war im Langhaus nur ein sehr kleiner Vorratsraum nötig; denn das Rindfleisch, Milch etc. musste ja nicht gelagert werden. 

Interpretationen, ja oft sogar die Informationen über Langhäuser selbst, sind in der sonstigen Fachliteratur - soweit ich gesehen habe- häufig ungenau und ideologisch kontaminiert. 

Zwar ist häufig die Rede davon, diese erstaunlich grossen Langhäuser wären von "Sippen" bewohnt worden, die manche Autoren als "kleinere" manche hingegen als "grössere Sippe" bezeichnen, aber ohne jede Erklärung, was jeweils unter dem, in der Fachliteratur schillernden , Begriff "Sippe" verstanden wird , oder was mit "kleiner" oder "grösser " gemeint ist. (vgl. meine Kritik ,* Essay S. 314 ff.). Wir stossen hier also wiederum auf eine Ungenauigkeit der Begriffe und eine Beliebigkeit der Interpretation, so dass von Wissenschaft kaum die Rede sein kann. Ebenso ist zu lesen, die Langhäuser wären von "Familien" bewohnt worden ( so z.B. Lüning , nach Wikipedia). Auch diese Angabe bleibt ohne Erklärung, was die jeweiligen Autoren unter dem soziologischen Terminus "Familie" verstehen wollen. Es bleibt also den LeserINNEN verborgen, ob sich jene Passagen auf eine Blutsfamilien-Organisation beziehen oder auf eine Organisation von Paarungsfamilien, oder z.B. auf die international sogen. "extended family", eine "erweiterte Familie", ein Zusammenarbeiten weniger Paarungfamilien. 

Der gravierende gesellschaftswissenschaftliche Unterschied zwischen den beiden Sozialverbänden ist also den betreffenden Autoren offensichtlich nicht bekannt. Sie fabulieren somit über Dinge , von denen sie nichts verstehen, oder sie wollen etwas verschleiern. Aus dem Zusammenhang können die LeserINNEN aber meistens erraten, dass fast immer wenn von "Familie" die 

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Rede ist, an die uns heute geläufige "Kernfamilie" oder "Klein-Familie" von "Vater-Mutter-Kind" gedacht wurde, die einzeln , oder zu mehreren, jene Langhäuser bewohnt haben sollen. Jene Autorinnen und Autoren haben wohl ein modernes Märchen im Kopf : 

Das verehelichte TRAUM-PAAR der Steinzeit: DER Jäger und DIE Sammlerin.

Wissenschaft herunter gekommen auf Illustrierten-Niveau. 

All diese Ungenauigkeiten, die Verwirrung stiften, aber kulturwissenschaftlich wertlos sind, werden dann jedoch ergänzt durch die - zutreffende- Angabe , dass jene "Sippe", die ein solches Langhaus bewohnte, nicht nur eine Lebens- sondern auch eine WIRTSCHAFTS-Gemeinschaft bildete, was ja bedeutet, dass jede Langhaus-"Sippe" eine Wirtschaftsgenossenschaft von Ackerbäuerinnen und Rinderzüchtern war.

Immerhin machen somit diese , teils ungenauen, teils widersprüchlichen , Angaben und Interpretationen , sofern man sie kulturhistorisch einordnet, deutlich, dass es sich bei der "SIPPE" um eine Lebensgemeinschaft von Blutsverwandten handelt, die als "Wirtschaftsgenossenschaft" das Langhaus gemeinsam bewohnt. Und : Eine bandkeramisch-rinderbäuerische Wirtschafts-Gemeinschaft setzt sich ja immer zusammen aus den Ackerbäuerinnen und den Rinderzüchtern.

Die gesellschaftswissenschaftlich zutreffende Definition findet sich bei Gimbutas (siehe oben), die im englischen Original die Langhausbewohner als matrilineare "clans" bezeichnet, womit sie konsanguineale Familien meint.

Bevor ich dies soziologisch so bedeutsame Thema im einzelnen abhandle, halte ich zum besseren kulturwissenschaftlichen Verständnis einen Blick auf die Kultur des Langhauses im Allgemeinen für angebracht:

4.1. Vorläufer des Langhauses, das ja nicht nur bei den Bandkeramikern, sondern seit dem Neolithikum weltweit von Menschen errichtet worden ist, war ein LANG-ZELT , das archäologisch bei Kostenki belegt ist , und das schon im paläolithischen Magdalénien (ca 12.000 v. Chr. ) von Wildbeutern errichtet wurde. : Es war 35 Meter lang und ca. 6 Meter breit, bot also 200 Quadratmeter Schlaf- und Wohnplatz. Wenn wir den etwa 5.000 Jahre späteren Raumbedarf in Catal Höyük zum Vergleich heranziehen, also die Schlaf- und Wohnkultur von wohlhabenden Rinderbauern, dann ergibt sich , dass dort etwa neun bis zwölf Quadratmeter Schlaf/Wohnfläche für sechs Personen die Regel war, also etwa 1,50 , maximal 2,00 qm pro Person. Nach diesem Maßstab hätten in jenem Langzelt 120 Personen ausreichend SCHLAF- und Wohnplatz gefunden, wobei wir zu berücksichtigen haben, dass "Wohnen" damals vor allem "Schlafen" bedeutete, denn tagsüber hielten sich die Menschen als Sammlerinnen und Jäger ja überwiegend im Freien auf. 

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Ich sehe also -neben den evolutionsbiologisch und soziologisch gut begründeten Indizien- in jenem Langzelt einen überzeugenden weiteren Beleg dafür, dass paläolithische Wildbeuter-Genossenschaften in der Regel aus 100 bis 120 Individuen, d.h. etwa 30 Müttern mit ihren etwa 60 Kindern und 30 exogamen männlichen Sexualpartnern das Zelt errichteten und nutzten. Aber selbst , wenn die Anzahl der Kinder etwas grösser gewesen oder geworden wäre, hätte für sie alle der Schlafplatz in einem so grossen Zelt gereicht. Sie hätten ja zum Schlafen bereits eben soviel Platz zur Verfügung gehabt, wie später die reich gewordenen Bewohner Catal Höyüks.

In jenem Langzelt gab es vielleicht mehrere Feuerstellen (so der Urgeschichtler K.J Narr), was andere Archäologinnen nicht für erwiesen halten. Ich halte eine Auseinandersetzung darüber soziologisch für unergiebig. Jene Meinungsverschiedenheit geht ja im Kern nur darum, ob jede der 30 erwachsenen Frauen, d.h. ob die Mütter für ihre kleine sogen. "Familie" , d.h. für sich und ihre Kinder , (und vielleicht ihren jeweiligen Sexualpartner) separat kochte (Alternative 1 ), oder ob die Frauen jener, das Langzelt bewohnenden , "Sippe", verstanden als konsanguineale Familie , gemeinschaftlich für die gesamte Genossenschaft kochten. (Alternative 2 ).

Aus jenem Streit um die Zahl der Feuerstellen, soll vor allem ideologischer Honig gesaugt werden: Der Urvatergemeinde ist natürlich an Alternative 1 gelegen: Sie möchte die Interpretation verbreiten: Aus der Tatsache, dass jede Frau separat gekocht habe, sei zu folgern , es müsse also bereits eine Paarungsfamilie, d.h. ein festes Ehepaar mit seinen Kindern, gegeben haben.

Dass ein solcher Schluss indessen ein Trugschluss wäre, geht ja daraus hervor, dass ebenso gut denkbar wäre, jede Frau hätte für sich und ihre Kinder gekocht . Durch das separate Kochen kann ja mitnichten bewiesen werden , dass sie nicht nur für ihre Kinder und vielleicht Brüder, sondern auch für ihren jeweiligen Sexualpartner gekocht haben müsse. 

Aber selbst wenn sie auch für ihren jeweiligen Sexualpartner gekocht haben sollte, so folgt daraus wiederum nicht, dass dieser etwa ihr monogamer "Ehemann" gewesen sein müsse, noch dass die beiden Sexualpartner eine Paarungsfamilie als separate Wirtschaftsgemeinschaft gebilde hätten. Dies sei hier ausdrücklich klargestellt, um immer wiederkehrenden Kurzschlüssen der beschriebenen Art entgegen zu wirken. 

Kurz: Für die Urvatergemeinde wäre bei Alternative 1 nicht ein einziges Argument gewonnen , bei Alternative 2 ja ohnehin nicht. 

Wenn es also in dem Langzelt mehrere Feuerstellen gab, kann daraus nur geschlossen werden, dass offenbar eine oder einige mit einander eng verwandte Frauen, z.B. Schwestern, gemeinsam für sich und ihre Kinder, die 

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Nahrung zubereiten wollten , oder dass es einfacher war, als die Nahrung für die gesamte Genossenschaft von 120 Personen auf nur einer Feuerstelle zuzubereiten, was die plausibelste Erklärung wäre.

Für die aus kulturhistorischer Sicht völlig unwahrscheinliche und durch nichts belegte Annahme, damals habe es bereits "Ehepaare" oder gar separat wirtschaftende "Paarungsfamilien" gegeben , gibt also weder die eine, noch die andere Alternative irgendetwas her.

Ob es nur eine oder mehrere Feuerstellen in jenem Langzelt gab, ist indessen in volle Übereinstimmung zu bringen mit dem Befund, dass jenes Langzelt von einer Wildbeutergenossenschaft von 60 Erwachsenen mit mindestens ebenso vielen Kindern benutzt wurde, wie auch mit der kulturwissenschaftlich gewonnenen These, dass sich diese Genossenschaft zusammensetzte aus einer konsanguineal-matrilinearen Blutsfamilie von 30 Müttern mit ihren Kindern und den 30 blutsfremden, exogamen , Sexualpartnern der Frauen .

4.2. HAUDENSAUNEE, und das heisst übersetzt : "Menschen des Langen Hauses" nennen sich die sechs, vorher selbständigen, Stämme oder "Nationen" im Nordosten Amerikas, die sich nach 1.350 zu einer Stammes-Vereinigung der von uns so genannten "Irokesen" zusammenschlossen. Die einzelnen Ethnien oder Stämme dieser Langhausbewohner waren organisiert in sogen. " clans" , und das waren Blutsfamilien mit einem matrilinearen Verwandtschafts-System , die unter einander die naturgegebene Exogamie durch Matrilokalität praktizerten. Die Langhäuser wie auch die Ackerbauflächen unterstanden der Verfügung der matrilinearen Blutsfamilie, also der bäuerlichen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft der Frauen. Ein Langhaus wurde jeweils als "Gesamthandseigentum" einer Blutsfamilie betrachtet, wie dies ja auch bei den Pueblo-Indianern und anderen Völkern ausserhalb Amerikas der Fall war . (vgl. meinen *Essay , S. 329 ff). 

Da die Wirtschaftsgemeinschaften überwiegend vom Ackerbau lebten, hatten die Frauengemeinschaften auch sozial eine starke Position behalten. Ähnlich wie bei den chinesischen Mosuo die DABU, meist eine der älteren Mütter der matrilinearen Blutsfamilie, in ökonomischen und sozialen Fragen ein starkes Gewicht hatte , so war es auch bei den Ethnien der Irokesen eine Frau, die als Sprecherin ihrer blutsfamiliaren Wirtschaftsgemeinschaft in Erscheinung trat. Wikipedia nennt sie die "Klan-Mutter". Ob dieser Begriff richtig ist, sei dahin gestellt. Auf jeden Fall war es die Blutsfamile der Frau, die im Konsens über "ihr" Langhaus und "ihr" Ackerland verfügte. Es sei noch einmal wiederholt, dass es sich nicht um "matriarchy " gehandelt hat, denn die Frauen "herrschten" nicht über die Männer, wie bei "patriarchy" die Männer über die Frauen. Eine "Herrschaft" im Sinne von weiblicher "oligarchy" gab es nicht, ganz zu schweigen von "monarchy" .

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Ferner ist zu bedenken, dass auch die Jäger-Männer der Stämme der amerikanischen Ureinwohner sich schon in vorkolumbianischer Zeit zu kriegerischen Stämmen entwickelt hatten. Es gab jetzt ja Ländereien und Häuser zu verteidigen gegen Übergriffe fremder Krieger. Krieg hatte unter den Männern zu einem Häuptlingswesen geführt, mit einem "chief" , der wohl anfangs als Truppen-Chef von den Kriegern durch Wahl auf den Schild gehoben wurde , und der sich in der Folgezeit zu einer patriarchalisch erblichen Position entwickelte.

Die LANGHÄUSER der Irokesen waren meist 25 Meter lang und 6 Meter breit und boten damit 150 Quadratmeter Schlaf- und Wohnraum. Auch hier sind die Interpretationen in der Fachliteratur meist ungenau. Es ist z.B. die Rede davon, dass die Häuser bewohnt wurden von " ca. 20 Familien, die eine gemeinsam wirtschaftende Sippe bildeten". 

An einer soziologisch unverzichtbaren Begriffsklärung, was hier mit "Familie" und was mit "Sippe" gemeint ist , fehlt es bei solchen Beschreibungen regelmässig. Fest steht ja, dass sich Paarungs-Familien, also einander blutsfremde Ehepaare, niemals zusammenschliessen können zu "einer Sippe", d.h. einer Blutsfamilie, weil , der Exogamie wegen , jeder der beiden Sexualpartner einer anderen " Sippe" angehören muss. Hinzu kommt, dass es in Sozialverbänden mit matrilinearem Verwandtschafts-System und matrilokaler Exogamie-Praxis (ein männlicher Sexualpartner begibt sich in das Langhaus der Familie seiner Sexualpartnerin) Mann und Frau regelmässig keine separat wirtschaftende Paarungs-Familie bilden. (vgl. im einzelnen meinen *Essay S. 329).

Als plausible Interpretation kommt auf der Grundlage kulturwissenschaftlicher Überlegungen nur folgende in Betracht:

Die zuvor genannten " 20 Familien" jener Langhausgruppe sind keine Familien in unserem heutigen Sinne, sondern 20 Mütter mit ihren Kindern , und sie sind Frauen , die alle mit einander blutsverwandt, also Angehörige derselben Bluts-Familie sind. Diese 20 Mütter und ihre Kinder gehören derselben matrilinear-konsanguinealen Familie an , oft "Sippe" oder "clan" genannt, die ich als " Blutsfamilie" beschrieben habe. 

Wenn wir zu den 20 Müttern mit ihren zwei bis drei Abkömmlingen, 20 exogame und Matrilokalität praktizierende männliche Sexualpartner hinzu rechnen, ergeben sich etwa 40 erwachsene Langhaus-Bewohner mit 40 bis 60 Kindern, also 80 bis 100 Bewohner, die leicht in einem solchen Langhaus Unterkunft finden konnten. 150 Quadratmeter für 80 Personen ist nach Catal Höyük - Maßstäben angemessen und realistisch. Auch hier wiederum Belege für eine Genossenschaftsgrösse um 100 Individuen.

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4.3. Auch in Asien, u.a. in Korea, gab es noch 1000 v. Chr. 30 Meter lange Langhäuser, die denen der Irokesen sehr ähnlich waren: Manche jener Sippen-Langhäuser hatten im Inneren kleine Schlafbereiche separiert durch Trennwände . Hier erkennen wir wiederum das Bedürfnis jeder der im gemeinschaftlichen Langhaus lebenden Frauen, sich mit ihrem jeweiligen Sexualpartner, den sie, der Exogamie entsprechend, aus einer blutsfremden Langhaus-Sippe ausgewählt hatte, zurückziehen zu können, so wie wir es schon in Catal Höyük bemerkt hatten und auch von den chinesischen Mosuo kennen. Auch dieses offensichtliche "Frauengemach" wird in der Fachliteratur , von den VertreterINNEN des Urvater-Dogmas als "Beweis" dafür herangezogen, dass es folglich dort bereits die soziale Organisation der monogamen Ehe und Paarungsfamilie gegeben haben müsse.

Immer wieder der gleiche Trugschluss:

Es wird verkannt , dass eine solche Paarungsgemeinschaft ebenso gut, den kulturwissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge sogar sehr viel einleuchtender, eine vorübergehende Sexualpartnerschaft gewesen sein kann , in der die Frau frei bleibt, weil sie die Dauer jeder Sexualbeziehung bestimmt. Für die Annahme einer "Ehe" geben jene Trennwände also absolut nichts her, und die Annahme einer Paarungs-Familie scheidet schon deshalb aus, weil eine separate Wirtschaftseinheit von "Vater-Mutter-Kind" innerhalb der als gesamthänderisch verfassten Langhaus-Wirtschaftsgenossenschaft nicht denkbar ist. Schlüssig und widerspruchsfrei ist mithin nur die Interpretation, dass es sich bei den abgeteilten " separés" um einen Frauenbereich handelte, in welchem die Mutter mit ihren Kleinkindern schlief , oder wo sie ihren jeweiligen Sexualpartner, unbeobachtet von den Mitbewohnern, zum Beischlaf empfangen konnte ,wenn dies denn überhaupt im Haus und nicht "im Busch" srattfand.

Mit der trickreichen (oder ignoranten) Einführung ungeklärter Begriffe von "Familie" werden unerfahrene LeserINNEN indoktriniert, sollen glauben, es habe "natürlich schon immer" eine formale Ehe und Monogamie gegeben.

Die Langhäuser auf der Insel Neuguinea (nördlich von Australien) sind am Boden bis zu 80 Meter lang , und es gibt bis heute Langhäuser unterschiedlicher Grösse auch auf Bäumen, z.B. bei den Koruwai.

Einige jener Langhäuser waren der ganzen Länge nach durch eine Trennwand in zwei Hälften geteilt: Auf der einen Seite wohnen die Frauen mit ihren Kindern, auf der anderen Seite die Männer.

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4.4. Langhäuser gab es auch noch beim germanischen Stamm der Wickinger. Dort erreichten sie die formidable Länge von bis zu 83 Metern ( wie in Neuguinea!) und waren 9 Meter breit, die kleineren massen immer noch 12 mal 5 Meter.

Dies zeigt uns: Das Langhaus, in welchem eine Blutsfamilie mit ihren exogamen Sexualpartnern eine Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft von etwa 100 Köpfen bildete, ( gerade so wie es bei den noch nicht sesshaften paläolithischen Wildbeutern die Regel war), war global verbreitet.

5. Zu dieser Langhaus-Kultur gehörten also die bandkeramischen Rinderbauern. Die Maße ihrer Häuser aus Holz, Lehm und Zweigwerk waren mindestens 20 Meter mal 7 m, und bis zu 45 Meter mal 7 m. Die Schlaf/Wohnfläche betrug also zwischen 140 und 315 Quadratmetern.

Da archäologisch erwiesen ist, dass die Langhäuser der bandkeramischen Rinderbauern reine Wohnhäuser waren, dass dort also keine Viehhaltung, z.B. in Ställen, betrieben wurde , können wir daraus ausserdem schliessen, dass bei ihnen noch die gleiche Herdenhaltung üblich war, wie bei den Rinderbauern Catal Höyüks, die ja nachweislich ihre Rinder auch nicht im Stall als Haus-Tiere hielten. (vgl. oben A.).

Angemerkt sei hier, dass das "Wohn-Stall-Haus" der Germanen mit einer Länge von bis zu 60 Metren und 8 Metern Breite, ein Langhaus , in dem Menschen und Vieh unter einem Dach untergebracht waren , erst in der Bronzezeit, ab 1.600 v. Chr. in Gebrauch kam.

5.1 Wie viele Menschen bewohnten ein Langhaus der Bandkeramiker ?

Wenn wir ausgehen von Catal Höyük , würden im grossen Langhaus der Bandkeramiker mindesten 140 Individuen, im kleinsten Haus noch 70 Personen Unterkunft , d.h. vor allem Platz zum Schlafen, finden; denn den ganzen Tag über waren die Frauen und deren Kinder auf ihren Äckern und die Männer bei der Herde.

Wenn wir uns eine Blutsfamile (= Sippe) von 30 jungen Müttern, oder Schwangeren, vorstellen, die vielleicht erst 10 oder auch 20 Kinder haben, so kommen wir auf eine konsanguineale Familie von 40 bis 50 Köpfen, dazu kämen 30 exogame Männer , und damit hätten wir 60 Erwachsene und 10 bis 20 Kinder, die auch im kleinsten Langhaus von 140 Quadratmetern ausreichend Platz zum Übernachten finden würden. Es ist auch belegt, dass solche Langhäuser nach Bedarf einfach verlängert wurden, wenn die Zahl der Kinder durch weitere Geburten zunahm.

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Natürlich waren nicht alle Blutsfamilien gleich gross. Wie ich in meinem Buch ausgeführt habe, ist evolutions- und sozio-biologisch davon auszugehen, dass eine paläolithische Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft bis auf 140 Individuen anwachsen und dabei noch den sozialen Zusammenhalt bewahren konnte. In der Regel blieb es bei 100 bis 120 Personen, d.h. 50 bis 60 Erwachsenen, womit sich zugleich erwies, dass diejenigen Genossenschaften, die nahe an die soziobiologische Obergrenze herankamen, den grössten Selektionsvorteil hatten, d.h. ihre Überlebens- und Fortpflanzungs-Chancen waren besser als die der kleineren Gruppen , und deshalb wurden jene Gemeinschaften selektiert, die es auf eine Zahl von mindestens 50 Erwachsenen, Männern wie Frauen , brachten.

Unter den Bedingungen der Sesshaftigkeit, wenn mehrere Blutsfamilien in der gleichen Siedlung oder im gleichen Dorf lebten, konnte es auch kleinere Sozialverbände geben, ohne dass dies Überlebens-Nachteile mit sich brachte: Auch eine halb so grosse Gruppe von 30 Erwachsenen, 15 Müttern mit 30 Kindern und 15 Hirtenmännern, war als Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft noch effektiv: 15 Frauen und deren heranwachsende Töchter konnten als Agrargemeinschaft erfolgreich arbeiten, 15 Hirtenmänner mit den heranwachsenden Jungen (ihren Schwestersöhnen) als Hütejungen konnten mit ihren Hirtenhunden auch eine grössere Herde gut bewirtschaften, konnten sie "im Griff behalten". Entsprechend ihrer Grösse, ob 50 oder 120 Köpfe, wurde von jeder blutsverwandten Wirtschaftsgemeinschaft das Langhaus gebaut.

Wenn wir den Raumbedarf für Schlafen und "Wohnen" von Catal Höyük als Maßstab zugrunde legen, teilen wir die Nutzfläche durch zwei (qm) und erhalten damit die angemessene und wohl zutreffende Bewohnerzahl eines Langhauses.

Auch hier gibt es in der Fachliteratur unausgegorene, ja die wildesten "Schätzungen": Einige behaupten , dass nur 30 Personen ein solches Haus mit 300 Quadratmeter Wohnfläche bewohnt hätten, also zehn Quadratmeter pro Kopf. Das wäre für ein einziges Kind eben soviel , wie in Catal Höyük eine Mutter mit vier Kindern zur Verfügung hatte. Eine Schätzung also ohne jede Plausibilität und bemerkenswerter Weise auch ohne Belege.

Nach Wikipedia (Bandkeramische Kultur, Siedlungswesen) behauptet der von Wikipedia fleissig zitierte Jens Lüningsogar, ein Langhaus mit 300 qm Wohnfläche sei nur von "einer Kleinfamilie von 6 bis 8 Personen" bewohnt worden, was im Klartext heisst: von einem Ehepaar mit vier bis sechs Kindern; denn "Kleinfamile" heisst "Paarungsfamilie" Es ist diese Version von "Keinfamilie", die Wikipedia zu den Bandkeramikern verbreitet, wobei den LeserINNEN etwaige Belege Lünings für eine solch unglaubwürdige Behauptung vorenthalten werden, sofern es denn welche gäbe.

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Ich halte eine solche "Schätzung" für erklärungs- und beweisbedürftig : 35 qm bis 50 qm Nutzfläche pro Person, d.h. auch für jedes der Kinder, ist nicht plausibel und nicht glaubhaft . Ich habe mir erspart, die Richtigkeit dieses Wikipedia-Zitats nachzuprüfen, weil die Unsinnigkeit offensichtlich ist.

Mir scheint, hier taucht aus dem gedanklichen Dunkel wieder einmal das Phantom der, so heiss ersehnten , urgeschichtlichen monogamen Paarungsfamilie von "Vater-Mutter-Kind" auf. Ich halte dies , wie ich in meinem Buch eingehend dargelegt habe, für reines Wunschdenken ohne historische Grundlage: Träfe die Schätzung zu, so stünden wir vor dem -erklärungsbedürftigen- Phänomen, dass sich die Wohnverhältnisse von Rinderbauern seit Catal Höyük explosionsartig verbessert hätten. Wo nach Catal Höyük- Maßstäben 150 Personen ausreichend Raum gefunden hätten, sollen jetzt nur 6 oder 8 Personen im Luxus gewohnt haben ? Statt 1,5 qm bis 2 qm mehr als das ZWANZIGFACHE ?

Eine Paarungsfamilie als Wirtschaftsgemeinschaft kommt auch aus ökonomischen Erwägungen nicht in Betracht: Solange ein "EHE-PAAR" nicht Knechte und Mägde beschäftigen kann (dazu vgl. unten Ziffer 9) , könnte eine Frau mutterseelenallein weder erfolgreich ein Getreidefeld bestellen, noch die Ernte einbringen , und der Mann könnte seine weidenden Rinder und das Kleinhornvieh allein weder hüten, noch bewirtschaften , vor allem nicht ausreichend schützen ; nachweislich wurden ja keine Tiere im Stall gehalten.

Kurz eine solche Schätzung, die eine Paarungsfamilie (wenn auch verschleiert) ins Gespräch bringt, ist unglaubhaft und steht deshalb unter Ideologie-Verdacht. Sie ist inakzeptabel, solange Lüning, den dafür eine schwere Beweislast trifft, nicht stichhaltige Belege präsentiert.

Im krassen Widerspruch zu jener "Schätzung" steht zudem Lünings andere Interpretation, die Bewohner eines Langhauses wären eine "lineage" gewesen (aaO. S.181, 188). Das ist ja eine völlig andere Version und klingt überzeugend. "Lineage" ist soziologisch eine konsanguineale Familie ( häufig als "Sippe" bezeichnet und das, was Gimbutas "clan" nennt), also jener Sozialverband, den ich als "Blutsfamilie" in meinem Buch eingehend beschrieben habe. (Kapitel III, S. 28 ff.). Lüning lässt offen, ob er an die "lineage" mit matrilinearem Verwandtschaftssystem denkt (wie Gimbutas und ich) oder an einen Sozialverband wie die römische, patrilineare "gens ". Letzteres ist kaum anzunehmen wegen Lünings Hinweis (der sich mit meinem Befund deckt) , die Bewohner eines Langhauses hätten eine Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft gebildet. Die römische gens hingegen war weder eine Lebens- noch eine Wirtschaftgemeinschaft , sondern nur ein patrilinearer Verwandtschaftsverbund. 

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Es ist beklagenswert, dass man/frau in der sogen. "etablierten Fachliteratur" immer wieder auf solche Ungenauigkeiten und Widersprüche stösst.

5.2. Die Siedlungsform in einem genossenschaftlichen Langhaus, dessen Bewohner eine Wirtschaftsgemeinschaft bildeten, die archäologisch erwiesene Tatsache, dass die Rinder nicht als Haustiere , sondern als HERDEN-Tiere, gehalten wurden, sind allesamt Indizien dafür, dass die Herden noch als Gesamthands-Eigentum der Genossenschaft angesehen wurden und dass bis dahin keine Privatisierung jenes Gemeinschaftseigentums stattgefunden hatte.

Auszugehen ist ferner davon, dass die Hirten-Männer einer Genossenschaft gewohnt waren, gemeinschaftlich die Jungstiere ihrer Herde zu überwältigen und diese , mit ihren Steinäxten oder Obsidianklingen, kastrierten; denn es ist ja erwiesen, dass auch die Bandkeramiker Zugtiere, wohl regelmässig Ochsen, nutzten, wie schon die anatolischen Rinderbauern ein Jahrtausend zuvor. (s. oben I.).

Die Zugochsen benötigten sie , um auf den langen Wanderungen auf ihren Landschlitten den Hausrat, ihre Keramikgefässe für die Milch und das Melken , zum Wasserholen und Kochen , sowie ihre Werkzeuge zur Rodung, Bodenbearbeitung und zum Hausbau, ihr von den Frauen mühsam gezüchtetes Saatgut und andere Habseligkeiten zu transportieren.

Nach der Landnahme und erneuten Sesshaftigkeit in Europa begannen Rodung und Holzschlag für den Langhaus-Bau , und auf den gewonnenen Anbauflächen konnten die Frauen als hackbäuerliches Kollektiv alsbald die Arbeit auf den Feldern wieder aufnehmen. Sie mussten wieder ganz neu anfangen. Auf den Äckern zogen sie u.a. mit Ziehhacken die Furchen für die Aussaat von Körnerfrüchten. Die Arbeit war schwer, denn Pflug und Rad waren noch nicht erfunden. Die Zieh-Hacke war deshalb mit einem Griff versehen, so dass jeweils zwei Frauen sie ziehen konnten. (Der OCHSEN-PFLUG ist in Europa erst über ein Jahrtausend später nachweisbar in der Trichterbecher-Kultur -Grünert, S. 254 - ). Ausserdem waren die Frauen sicher weiter zuständig für die Hauswirtschaft und auch für die Zubereitung der Milchprodukte, vielleicht auch für das Melken. Auch die Keramik wurde von Frauen hergestellt.( Gimbutas aaO. S. 330).

Die Keramik ist ja ein eindeutiger Beleg für die erfinderische Kreativität der Frauen: Denn, sie sind es , die als Ackerbäuerinnen alles über Böden und Erden wissen, natürlich auch über Ton-Erden. Sobald sie ihre ersten luftgetrockneten Ton-Gefässe ins Feuer stellen, um Nahrung für ihre Kinder zuzubereiten, entdecken diese "Herd-Mütter", welch überraschend positiven Effekt das Brennen für die Keramik hat.

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Es ist typisch, dass eine patriarchale Wissenschaft auch die Erfindung der Keramik am liebsten dem Mann, diesem "Alleskönner", zuschreiben möchte. Wegen fehlender Plausibilität ein weiterer untauglicher Versuch, der solche AutorINNEN der Lächerlichkeit preisgibt.

Von den Frauen war ferner das Verarbeiten von Schafwolle, Spinnen und Weben, so wie auch von Flachs zu besorgen. Dass sie auch weiterhin, wie seit eh und je, ihre Steinwerkzeuge selbst herstellten, ist ebenso klar, für alle, die ideologiefrei forschen , denken und arbeiten.

Die Männer waren nach der Ansiedlung ausreichend beschäftigt mit der Rinderzucht, dem Errichten von Zäunen und Pferchen auf den Weideflächen und der komplexen Bewirtschaftung der Herden, neben ihren Rindern hielten sie , im geringeren Umfang auch Schafe , Ziegen und Schweine ( Gimbutas, S. 38) . Sie mussten ständig ihre Herden hüten und sie schützen vor Raubtieren, sie schlachteten männliche Kälber und Ochsen zum Verzehr. Sie bewirtschafteten das kostbarste Vermögen der Genossenschaft. Ausserdem gingen einige Männer auch zeitweilig gemeinsam auf die Jagd und erlegten Elche, Hirsche und Wildschweine, die in geringem Maße für Abwechslung der Ernährung sorgten. (Gimbutas , S. 38). Auch galt es ja , ihre Jagdwaffen technisch zu verbessern, die Bögen und vor allem die Flugeigenschaften der Pfeile , sowie auch die Pfeilspitzen aus Feuerstein und immer bessere Schneidewerkzeuge zum Zerlegen der geschlachteten Tiere herzustellen.

Zu bedenken ist ferner , dass es ab 5.000 v. Chr. auch zu Konflikten mit anderen Siedlungs- Genossenschaften von Rinderbauern oder den dort nomadisierenden Wildbeutern kommen konnte. ( s. Ziffer 7 ).

5.3. Die Siedlungen, oder Dörfer, der europäischen Rinderbauern bestanden aus mindesten zwei , in der Regel aus fünf bis acht Langhäusern , oft unterschiedlicher Länge, die in einem Abstand von etwa 20 Metern von einander errichtet wurden. Meist gab es auch ein Kult-Haus, einen "Tempel", in der Siedlung, ein kleineres Langhaus, das mit Wandmalereien und besonders kostbarer Keramik ausgestattet war. ( Gimbutas aaO. . S . 331). 

In einer Siedlung lebten bis zu 500 Menschen ( Gimbutas aaO. S. 39) . Die kürzesten Langhäuser mit geringerer Wohnfläche waren wohl erwachsenen Männern vorbehalten. (aaO. S. 331) . Warum diese Interpretation die grösste Wahrscheinlichkeit für sich hat , und weshalb diese "Männerhäuser" notwendig waren, werde ich unter Ziff. 6 erläutern. 

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Wenn wir annehmen, dass von acht Langhäusern drei kleinere Häuser besonderen Zwecken dienten, Tempel, Männerhaus, Vorratshaus , können Gemeinschaften von je 100 Personen die fünf grösseren Langhäuser einer Siedlung bewohnt haben, wie wir oben sahen. In Siedlungen mit nur zwei Langhäusern können wir von etwa 200 Bewohnern ausgehen.

Es ist bemerkenswert, dass mindestens zwei -sicher einander blutsfremde- konsanguineale Langhausgemeinschaften gemeinsam eine Siedlung gründeten, womit das Exogamie-Problem gut geregelt war. (s. Ziffer 6 ).

In den grösseren Siedlungen werden demnach mindestens fünf konsanguineale Wirtschaftsgemeinschaften , d.h. etwa 200 bis 250 Erwachsene, 100 bis 125 Frauen mit ebenso vielen Männern gelebt haben und mit 250 bis 300 Kindern.

Die Nutzflächen um die Siedlungen betrugen zwischen 125 und 500 Hektar (Gimbutas, S. 39) . In der Regel waren die Siedlungen jeweils etwa fünf bis sechs Kilometer von einander entfernt ( im Durchschnitt alle 32 qKM ein Dorf) (Gimbutas, S . 39), so dass in etwa einer Stunde eine Nachbarsiedlung zu Fuss erreichbar war.

Die ersten 500 Jahre blieben die Siedlungen der Bandkeramiker offen und unbefestigt , (Gimbutas , S. 39), nach 5000 v.Chr. gehen Bewohner dazu über, sie zu befestigen : Mit Wällen, Gräben und Abwehrzäunen , Palisaden. ( Gimbutas, S. 365 ). Furcht vor Überfällen hatte die Menschen ergriffen; denn in das zuvor friedliche Europa hatten die Rinderbauern nicht nur ihre Herden, sondern auch kollektive Gewalttätigkeit mitgebracht. (Gimbutas, S. 365 ). ( Einzelheiten unten Ziff. 7 ). 

6) Ich komme jetzt zu der interessanten Frage der EXOGAMIE- Praxis. Die Klärung dieser Frage wird uns weitere Einsichten zu den Sozialverbänden dieser ersten europäischen Rinderbauern ermöglichen.

6.1. Im Falle Catal Höyük (oben A.) bin ich davon ausgegangen, dass sich bei Rinderbauern die Blutsfamilie auch als Wirtschaftsgenossenschaft durchsetzte.

Dies war der fundamentale Unterschied zu den Genossenschaften der Wildbeuter, bei denen die Notwendigkeit der sexuellen Exogamie auch einen Wechsel der Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft für die Männer mit sich brachte. Jede Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft bestand aus einer matrilinearen Blutsfamilie , zu welcher sich , der Exogamie wegen, blutsfamilien-fremde Männer gesellt hatten, als Mitglieder jener Wirtschafts-Gemeinschaft. 

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Das war die "alte Ordnung" , die abgelöst wurde durch eine "neue Ordnung". Bei den sesshaften Rinderbauern lag es im ökonomischen Interesse der Menschen, dass die Männer nicht mehr, der Sexualität wegen, emigrieren mussten , sondern im Sozialverband ihrer Geburts- und Blutsfamilie bleiben konnten , genauer gesagt , in deren Wirtschaftsverband, nach der Regel : 

"Der Mann bleibt dort, wo das Vieh (das Kapital!) seiner Blutsfamilie ist."

Eine solche Regelung war sicher nicht nur im Interesse der Männer, sondern auch der Mütter, die es begrüssten, dass nicht nur ihre Töchter, sondern auch ihre Söhne und ihre Brüder, fortan in der Wirtschaftsgemeinschaft der (Bluts) Familie blieben; schliesslich war auch den äusserst realistisch und ökonomisch denkenden Frauen der unvergleichlich hohe Wert der Rinderherden klar.

Die tiefgreifende Änderung der wirtschaftlichen Verhältnisse , in meinem Buch beschrieben als Modus III des Neolithikums ( Kapitel VIII, S. 132 ff.), verbunden mit Sesshaftigkeit und Ortsfestigkeit, führte dazu, dass der HIRTEN-Mann für seine eigene Blutsfamilie arbeiten konnte, während ein wildbeuterischer JÄGER-Mann seinen ökonomischen Beitrag leistete für die Blutsfamilie seiner Sexualpartnerin. Auf diesen tiefgreifenden sozio-kulturellen Wandel bin ich bei Catal Höyük bereits näher eingegangen. (oben A).

Bei einer solchen Umstellung musste eine Neu-Regelung gefunden werden, wie die naturgegebene, unabdingbare, Exogamie bei der Wahl des Sexualpartners aufrecht zu erhalten war: Wenn der Mann auch nach seiner Geschlechtsreife den Sozialverband seiner Wirtschaftsgemeinschaft nicht mehr verliess , musste er zumindest seine Sexualität aus dem Haus der Familie entfernen, musste seine sexuellen Aktivitäten in eine blutsfremde, exogame, Langhausgemeinschaft verlegen.

Bei den Einwohnern Catal Höyüks war dies Problem einfach zu lösen gewesen: Da jeder erwachsenen Frau von ihrer Blutsfamilie ein eigenes kleines Haus zur Verfügung gestellt wurde, konnte sie den von ihr gewählten Sexualpartner dort bequem zur Beiwohnung und Wohnung empfangen. Sie hatte bei Tag und Nacht ihr "eigenes Reich". ( oben A.).

Wie lässt sich das Problem in einer Langhaus -Kultur lösen ?

6.2. Soziobiologisch wie kulturhistorisch ist klar, dass es ausgeschlossen war, dass ein Mann, sobald er geschlechtsreif geworden war, weiterhin die Nacht mit seiner Mutter und seinen geschlechtsreifen matrilinearen Schwestern unter einem Dach verbracht hätte. Es war durch genetische Verankerung (bei den Frauen) und durch ein , daran anknüpfendes, mit Tabus belegtes Brauchtum aller homo sapiens- Populationen seit fast 200.000 Jahren eine pure 

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Selbstverständllichkeit . Den Frauen wäre es als schwerer Verstoss gegen die Natur und gegen die Sittlichkeit erschienen, wenn ihre erwachsenen Söhne, Brüder und sonstigen engen matrilinearen männlichen Blutsverwandten die Nacht in ihrem Haus zugebracht , geschweige denn dort, im Mutterhaus, ihre Sexualität ausgelebt hätten. . Ausserdem waren die Frauen des Langhauses gewohnt, ihre jeweiligen Sexualpartner auch des nachts dort zu empfangen; für ihre Liebhaber hielten sie bei sich einen Schlafplatz frei, auch wenn sie dort vielleicht nicht vor aller Augen und Ohren ihre Sexualität auslebten.

Die Männer einer Langhaus-Gemeinschaft hatten deshalb keine andere Wahl, als entweder die Nacht in dem gerade zu diesem Zweck im Dorf gebauten "Männerhaus" zu verbringen ( siehe oben Ziff. 5.3.), oder im Langhaus der Blutsfamilie ihrer jeweiligen Sexualpartnerin, die ja selbstverstndlich einer fremden Blutsfamilien angehören musste. Wir können davon ausgehen, dass die Exogamie-Regeln genau beachtet wurden , und dass eine Frau nie einen ihr matrilinear blutsverwandten Mann als Sexualpartner gewählt hätte. 

Die Männer waren es also gewohnt und gehalten, zur Schlafenszeit das Langhaus ihrer Blutsfamilie zu verlassen, das ihnen , um ihre Angehörigen zu besuchen oder deren Einladung zum Essen zu folgen , nur tagsüber offen stand, nachts hingegen tabu war. Da das benachbarte exogame Langhaus nur wenige Schritte entfernt war, machte dies keine Schwierigkeiten, sich dorthin zur Nachtruhe zu begeben. ( s. oben Ziff. 5.3.). Es blieb also bei der urgeschichtlichen Matrilokalität, aber beschränkt auf die Sexualität.

6.3. Dass hingegen eine Frau sich des nachts, noch dazu mit einem Säugling, den sie mindestens drei Jahre lang stillte, in das Langhaus ihres Sexualpartners begeben hätte (sogen. "Patrilokalität" oder "Virilokalität") , kann nur jemand annehmen, der das tief verwurzelte Exogamie-Denken jener Zeit nicht verstanden hat. Wie dargelegt, war es ausgeschlossen, dass sich ein Mann überhaupt im Hause seiner Mutter und Schwestern hätte sexuell betätigen können. An eine sogen. Virilokalität der Exogamie war also in solchen Langhausgemeinschaften nicht zu denken, sondern es bleibt bei der traditionellen Matrilokalität der Exogamie-Praxis.. 

Bei einer solchen Regelung ist es natürlich unvermeidlich, dass Männer, die eine zeitlang ohne Sexualpartnerin sind, sei es , sie wurden bisher von keiner der Frauen eingeladen, sei es sie waren von ihrer Sexualpartnerin vor die Tür gesetzt worden, sei es, sie selbst waren ihrer Sexualpartnerin überdrüssig geworden, weder im Haus ihrer Blutsfamilie, noch im Haus einer der blutsfremden Frauen einen Schlafplatz gefunden hätten . Genau zu diesem Zweck gab es die kleinen Langhäuser, die "Männerhäuser". (s oben Ziff. 5.3.) 

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Die Frauen hatten immer ihren angestammten Schlafplatz im Familienlanghaus, die Männer hingegen waren als eine Art "nächtliche Vagabunden", abhängig von einer Einladung ihrer (jeweiligen) Sexualpartnerin, in ihrem Haus die Nacht zu verbringen , wenn sie nicht im Männerhaus schlafen wollten; denn ihr eigenes Familienlanghaus war ja für sie des nachts tabu.

Dies ist die plausibelste Erklärung dafür, dass es in jeder Siedlung ein kleines Männerhaus gab. Die Männer selbst hatten daran das grösste Interesse: Es diente den , in sexueller Hinsicht , "Single"-Männern als sicherer Schlafplatz und als Ausweichquartier, auch um von den Launen ihrer jeweiligen Sexualpartnerin unabhängig zu sein. Das Männerhaus ist also auch ein Beleg für die Matrilokalität der Exogamie.

Auch wenn die Frauen ihre Liebhaber einluden, die Nacht bei ihnen im Langhaus zu verbringen, folgt daraus allerdings nicht zwangsläufig, dass sie dort auch , "halb-öffentlch" , mit einander Geschlechtsverkehr hatten. Es ist ja durchaus denkbar, ja sogar wahrscheinlich , dass es den Frauen nicht angenehm war, dabei von ihren, Müttern, Kindern , Schwestern , oder den anderen Männern beobachtet und gehört zu werden, so dass die Paare außerhalb des Langhauses einen Ort aufsuchten, wo sie ungehört und ungestört Liebe machen konnten. Wenn ich an die Frauen in Catal Höyük oder der Mosuo denke, halte ich dies für wahrscheinlich..

Im anderen Fall, müsste angenommen werden, dass jede Frau es von Kindheit an gewohnt war, dass ihre Mutter, Tanten , Schwestern etc. des Nachts vor aller Ohren ihre Liebhaber zum Sexualakt empfingen , und dass sie deshalb keine Scham empfand , es ebenso zu halten, wie es der Brauch war. Das halte ich für ausserordentlich unwahrscheinlich.

Die Tatsache allerdings, dass ein Mann ziemlich regelmässig im Haus seiner (jeweiligen) Sexualpartnerin übernachtete, d.h. bei seiner Geliebten, die ihm vor dem Schlafengehen , zurückgezogen, "im Busch" noch ihre Liebe geschenkt hatte, darf nicht dahin interpretiert werden, dass solche Bande einer sozial institutionalisierten EHE, geschweige denn einer Paarungsfamilie, gleichkämen. Zu einer solchen, auf "monogame" Ausschliesslichkeit und "Unauflöslichkeit" angelegten Sexualpartnerschaft, fehlten (wie ich dargelegt habe) jegliche sozialen und ökonomischen Voraussetzungen und Gegebenheiten , und auch "von Natur aus" kommt eine ehelich-monogame Sexualpartnerschaft nicht in Betracht, wie ich nachgewiesen habe, ( vgl. Essays 4, 4a, 6a, 6b ).

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6.4. Durch diese hohe Mobilität sorgten die Männer , evolutionsbiologisch gesehen, zugleich dafür, dass sie ihre Gene matrilokal in blutsfremde Langhausgemeinschaften einbrachten. Es blieb mithin bei der traditionellen Matrilokalitäts-Regelung, wenn auch eingeschränkt auf die Sexualität, wie dies noch heute bei den chinesischen Mosuo der Fall ist, die ja auch Viehzüchter sind. 

Es versteht sich, dass unter diesen Lebensbedingungen die Entwicklung einer "Vater-Sohn-Beziehung" eben so wenig eine Chance hatte , wie in Catal Höyük. ( oben A ). Es bleibt, (genau so , wie es bei den Mosuo noch heute ist), bei der Sozialbeziehung des Avunkulats , d.h. jedes Kind hat , statt einer Vater-Beziehung , als männliche Bezugsperson den Bruder seiner Mutter , und jener Mutter-Bruder betrachtet die Kinder seiner Schwester, mit denen er den Tag verbringt, als "von meinem Blut", "von meinem Bein und Fleisch", kurz als Angehörige "seiner Familie". (s. auch unten Ziffer 6.7.).

6.5. Wenn Lüning, der zum einen die Hypothese aufstellt, selbst ein grosses Langhaus sei von " einer Kleinfamilie von sechs bis acht Personen" bewohnt worden (oben 5.1.), womit ja ein Ehepaar mit seinen Kindern gemeint ist , zum anderen aber behauptet, dass die Exogamie der "lineage" eines Langhauses durch "Patrilokalität" geregelt worden wäre, ( Lüning aaO. S. 183) so erscheint das undenkbar und unhaltbar. Lüning gibt für seine Annahme auch keine Belege oder Begründungen an. Ich bin sicher, er wird sie nicht liefern können . Was soll man von einem Wissenschaftler halten, der die gleichen Langhäuser das eine Mal von einer Paarungsfamilie ("Kleinfamilie" ) bewohnt wissen will, das andere Mal von einer Blutsfamilie. "Lineage" (= Blutsfamilie) und "Kleinfamilie" (= Paarungsfamilie) sind soziologisch einander entgegen gesetzte Begriffe. Wenn es das eine ist, kann es nicht das andere sein. Dass Patrilokalität der Exogamie unter den gegebenen Wohnverhältnissen undenkbar ist, habe ich dargelegt.

6.6. Solange und sofern sich die beschriebene Exogamie-Praxis innnerhalb derselben Siedlung abspielt, können wir von einer "Siedlungs- oder Dorf- Endogamie" sprechen, weil die mit einander Exogamie praktizierenden Blutsfamilien (lineages oder clans) , repräsentiert durch eines der Langhäuser, derselben Siedlungs- oder "Dorf"-Gemeinschaft angehören. Wir können davon ausgehen, dass die , einander blutsfremden(!) , Langhausgemeinschaften sich deshalb am gleichen Ort angesiedelt haben, weil sie eine Kultgemeinschaft bildeten und sich eben wegen des Kultes und gewisser Bräuche, z.B. einer gleichen Keramik-Kultur wegen, allesamt als Angehörige eines Stammes empfinden und verstehen.

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Wie ich in meinem Buch ausgeführt habe, ist eine solche "Stammes-Endogamie" regelmässig der Rahmen , innerhalb dessen verschiedene Blutsfamilien ihre Exogamie praktizieren. (vgl. Kapitel IV. , S. 57 ff.).

Wenn Gimbutas von einer " endogam matrilokalen Wohnstruktur " der Bandkeramiker spricht ( S. 331) , kann damit nur die "Endogamie" innerhalb der Siedlung gemeint sein, nicht innerhalb einer Langhaus-Blutsfamilie. 

Auch wenn sie von einem "Fortbestehen der matrilinearen endogamen Sozialsysteme des Paläolothikums " redet ( S. 324) , kann mit "Sozialsystem" nur der endogame Stamm gemeint sein, nicht aber eine matrilineare Blutsfamilie, die ja immer einen exogamen, also von Sexualität freien , Sozialverband darstellt.

"Tribe" und "clan" werden leider von Gimbutas nicht zutreffend unterschieden.

Das Gleiche gilt, wenn sie , sehr ungenau, Endogamie als "Heirat innerhalb einer Abstammungslinie" ( S. 335) bezeichnet . Mit dem missverständlichen Begriff "Ab-STAMMUNGS-Linie" kann wiederum auf keinen Fall die "Abstammung" aus derselben "lineage" , also derselben Blutsfamilie, gemeint sein , sondern nur die Zugehörigkeit zum gleichen Stamm ; denn ich bin sicher , Gimbutas will nicht sagen, dass innerhalb einer matrilinearen "lineage" , einer Blutsfamilie, Endogamie praktiziert worden sei, d.h. dass die naturgegebene Exogamie einer Blutsfamilie bei den Bandkeramikern ausser Kraft gesetzt worden und Inzest zwischen Bruder und Schwester, oder Mutter und Sohn , der Brauch gewesen wäre. 

An manchen Stellen beschreibt Gimbutas den Sachverhalt auch einigermassen zutreffend , z.B . " Exogame Heiraten gab es zwischen kleinen nomadischen Familienverbänden, die alle einer grösseren Sippe oder Stammesverbänden angehörten " (S. 395). Sie übersieht : Nicht nur zwischen "kleinen nomadischen" Blutsfamilien wurde Exogamie praktiziert, sondern jede Blutsfamilie war sexuell exogam. Im Klartext müsste es heissen :

Die Blutsfamilien-Exogamie wurde allgemein innerhalb eines Stammes, also im Rahmen von Stammes-Endogamie, praktiziert. 

Wenn Gimbutas also von "Endogamie der Gesellschaft" spricht ( die durch Blutgruppen-Untersuchungen belegt werde, S. 335 ), ist dies äusserst unglücklich , aber immer auf den Stamm , oder eine Siedlung, nicht hingegen auf eine Blutsfamilie zu beziehen. Die Verwendung dieser soziologischen Termini sind also durchgehend sehr ungenau, womit grobe Missverständnisse ermöglicht werden.

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Ungenau ist auch , dass eine "Sippe" sich aus "Familienverbänden" zusammengesetzt hätte. Die "Sippe" , oder nach Gimbutas , der "clan", ist kein "Familien- VERBAND", , der sich aus anderen Sozialverbänden zusammensetzt, sondern EINE Familie auf konsanguinealer Basis, also von (matrilinearen) Blutsverwandten, mithin die Blutsfamilie.

Alle diese Hinweise sind also kritisch zu lesen. Bedauerlich ist, dass Gimbutas im Glossar (S. 432) die Begriffe "Endogamie " und "Exogamie" dann eindeutig falsch beschreibt: 

"EXOGAMIE : Heiratsordnung nach der vor allem Frauen vorgeschrieben ist, sich außerhalb ihrer Abstammungsgruppe zu verheiraten." (S. 432).

Hier zeigt sich deutlich, dass Gimbutas leider der Irrlehre von C. Lévy-Strauss aufgesessen ist, nach welcher Exogamie kein von der Natur genetisch verankertes Verhalten sei (wie uns indessen die Paniden zeigen), sondern dass es sich dabei um eine kulturelle Errungenschaft der patriarchalen Gesellschaftsordnung handle. Wie ich in meinem Buch dargelegt habe, gilt das Natur-Gebot der Exogamie gleichermassen für Männer wie für Frauen. (Kapitel IV. , S. 57 ff.).

Bedauerlich ist, dass eine sonst zu zuverlässige Archäologin wie Gimbutas , diese, von dem , mit patriarchalischen Vorurteilen beladenen oder an patriarchaler Denkhemmung leidenden, Autor Lévy-Strauss etablierte Irrlehre verbreitet. Vor allem aber dass sie , mangelnder soziologischer Kenntnisse wegen, die falsche Auffassung verbreitet , dass "Exogamie" immer mit "Heirat" verbunden sei, d.h. dort, wo wir Exogamie vorfinden, (und die ist ja naturgegeben !) müsse es also auch die (wohlmöglich noch monogame ! ) Ehe gegeben haben. Dass ist ja ein verbreiteter Irrtum ; denn wie schon die Paniden zeigen : Keine Ehen, aber fest verankerte sexuelle Exogamie . Das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun.

Ich halte fest : Der STAMM , ( der nicht gleich zu setzen ist mit einer "Sippe" wie Gimbutas es leider tut), ist ein Sozialverband, oft eine Kult- und Sprachgemeinschaft, dem verschiedene Blutsfamilien angehören. Die einzelnen Blutsfamilien des Stammes sind die ständig zusammen lebenden Wirtschaftsgemeinschaften, welche die, fest verankerte , sexuelle Exogamie ihrer Angehörigen innerhalb des Stammes praktizieren. Wenn die einzelnen Blutsfamilien eines Stammes-Zusammenschlusses, ihre "Ab-Stammung" auf eine gemeinsame "Stamm-Mutter" oder in späterer, patriarchaler, Zeit auf einen "Stamm-Vater" imaginativ zurückführen , so handelt es sich dabei um gemeinsame "AHNEN", die verehrt und die in ferner Vergangenheit 

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mehr vermutet werden, als wirklich bekannt sind. Diese Stamm-Verwandtschaft ist fiktiv, während die Verwandtschaftbeziehungen innerhalb einer Blutsfamilie für jeden Angehörigen eindeutig ist: Grossmütter, Mütter, Töchter und Söhne , Schwestern und Brüder, Nichten, und Neffen etc. Nur "Väter" haben in einer Blutsfamilie keinen Platz., kommen nicht vor . 

6.7. Die von Gimbutas gestiftete Verwirrung von "Endogamie" innerhalb einer "Abstammungslinie" , für die es biologische Blutgruppen-Belege gäbe, zwingt mich zu einer weiteren Klarstellung:

Gimbutas lässt offen, ob sie an eine "Abstammungs-Linie" , wohl "lineage" , mit einem unilinear-matrilinearen oder mit einem bilinearen Verwandtschafts-System denkt.

Was unserem heutigen Denken, das von einem "bilinearen" , d.h. sowohl matri- als auch patri-linearen, Verwandtschafts-System als selbstverständlich ausgeht, als "endogame " Sexualbeziehung erscheint, weil ja heute auch ein patrilinearer Verwandter als "Bluts"-Verwandter gilt, wird nur in einem solchen bilinearen Verwandtschafts-System als Blutsverwandtschaft , und damit als ENDOGAMIE , gewertet.

Solange hingegen einer patrilinearen Verwandtschaft keine soziale Bedeutung beigemessen wird, weil Blutsverwandtschaft einzig und allein "von der Mutter her " gedacht wird, was regelmässig der Fall war in den historisch nachgewiesenen Verwandtschaftssystemen, welche die ursprüngliche, urgeschichtliche, unilineare Matrilinearität des Verwandtschaftsdenkens tradiert haben, gelten selbst Sexualbeziehungen zwischen Partnern, die patrilinear eng mit einander verwandt sind, n i c h t als "endogam" . Trotz dieser patrilinearen Verwandtschaft genügen sie der von Natur vorgegeben Exogamie.

Zwei Beispiele mögen genügen, um Gimbutas' Irrtum aufzuklären:

Cousine und Cousin, deren Mütter matrilineare Schwestern sind (also von derselben Mutter abstammen) , womit Cousin und Cousine dieselbe matrilineare Grossmutter haben , gelten natürlich als Blutsverwandte, für die eine endogame Sexualbeziehung ausgeschlossen ist.

Cousin und Cousine hingegen, deren Mütter unterschiedlichen matrilinearen Blutsfamilien entstammen , können durchaus denselben patrilinearen Grossvater haben, ohne als Blutsverwandte zu gelten. Sie gelten selbst dann nicht als blutsverwandt, wenn sie denselben Erzeuger/"Vater" haben, also patrilineare Halb-Geschwister sind. Deshalb können sie eine Sexualbeziehung eingehen, ohne gegen die übliche Exogamie-Praxis zu verstossen .

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Was uns heute ( und auch Gimbutas in unserem bilinearen Verwandtschaftssystem als endogame Sexualbeziehung erscheint, (was es biologisch ja auch ist), galt in den damaligen unilinear-matrilinearen Verwandtschaftssystemen eben nicht als Endogamie unter Blutsverwandten . 

Ein solches , nur auf die Mutter fixiertes, Verwandtschaftsdenken dauert noch Jahrtausende nach den Bandkeramikern fort und blieb im kulturellen Gedächtnis bis in die hohe Zeit der biblischen PATRIARCHEN, d.h. bis in die patriarchalische Zeit der priesterlichen Niederschrift des Alten Testaments: Nach dem damaligen Verwandtschaftsdenken durfte Abraham logischerweise seine Schwester Sarah heiraten , weil sie nur seine patrilineare Schwester war : 

" Sie ist meines Vaters Tochter, aber nicht meiner Mutter Tochter" (Genesis 20 ; 12 ).

Abraham und Sarah hatten zwar denselben Vater, aber eben nicht dieselbe Mutter; und das allein war entscheidend: Sie waren -nach damaliger Sicht- als nur patrilineare Halbgeschwister nicht mit einander blutsverwandt. Hingegen , so macht die Bibel deutlich, wäre eine Ehe Abrahams mit einer Tochter seiner eigenen Mutter, mit einer matrilinearen Schwester, als verbotene Endogamie , als schwerer Exogamie-Verstoss, angesehen worden.

Diesem matrilinearen Verwandtschaftsdenken der Bibel entsprechend darf auch Jakob, der Sohn der "schönen Syrerin" Rebekka (Genesis 26;7) (und des Isaak) , die Töchter seines Mutterbruders (des "avunculus") Laban ehelichen, weil deren Mutter, Labans Frau, keine Blutsverwandte des Jakob war und damit auch deren Töchter nicht. . (Genesis 29 ; 10 bis 21 ).

Zwar gehören der Mutterbruder und dessen Schwesternsohn derselben Blutsfamilie an, und aus diesem Grunde sagt Laban zu seinen Neffen Jakob

"Du bist mein Bein und Fleisch" und nennt ihn "Bruder" (Genesis 29;14 und 15 ).

Aber: Diese Blutsverwandtschaft der beiden Männer wirkt sich, nach damaligem Denken, nicht auf Labans Töchter Lea und Rahel aus: Ihr "Cousin" und Ehemann , Jakob, gilt mit seinen "Cousinen" als n i c h t blutsverwandt, eben weil Labans Töchter nicht der Blutsfamilie ihres Vaters zugerechnet werden, sondern sie gehören allein der Blutsfamilie ihrer Mutter an, also einer für Jakob fremden Familie.

Das bedeutet: Obwohl Labans Töchter biologisch mit Jakob blutsverwandt sind, gelten sie , dem damaligen Verwandtschaftsdenken nach, als Blutsfremde. Sie durften deshalb mit Angehörigen der Blutsfamilie ihres 

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Vaters sexuelle Beziehungen eingehen, ohne dass dies als "Endogamie" (die es ja biologisch gesehen war) , angesehen wurde. Im Gegenteil: Nach dem damaligen Denken praktizierten beide Seiten Exogamie , weil sie sich ja Sexualpartner von ausserhalb ihrer Blutsfamilie gewählt hatten.

Hier wirkt, bis in biblische Zeit, das traditionelle, urgeschichtliche, Verwandtschaftsdenken nach, demzufolge die biologischen Akömmlinge eines Mutterbruders , die dieser ja regelmässig in eine blutsfremde Blutsfamilie hinein gezeugt hatte, von den Schwesterskindern als Sexualpartner gewählt werden durften.

Biologisch betrachtet liegt zwar "Endogamie" vor; im Denken der Bandkeramiker hingegen handelte es sich nicht um endogame, sondern um exogame Sexualbeziehungen.

Wenn also Gimbutas sich auf Blutgruppen-Untersuchungen bezieht , die "endogame Sexualbeziehungen" belegen , so finden diese eine Erklärung durch die biologisch- patrilineare Verwandtschaft von Sexualpartnern, die im Denken der Bandkeramiker keine soziale Rolle spielte und deshalb kein Sexual-Hindernis darstellte. Aus diesem Tatbestand kann aber nicht geschlossen werden, die Exogamie zwischen den Angehörigen derselben Blutsfamilie wäre nicht eingehalten worden. Das Endogamie-Verbot galt eben nur innerhalb einer Blutsfamilie und die wurde von den Bandkeramikern anders definiert. Es ist zu bedauern, dass Gimbutas versäumt hat, dies klar zu machen. Immerhin aber bietet dieser Tatbestand einen weiteren Beleg dafür, dass das Verwandtschaftsdenken der Bandkeramiker gekennzeichnet war durch unilineare Matrilinearität.

Dies allein auf die Mutter,(Matrilinearität) fixierte Verwandtschaftsdenken hat ja auch sonst im kulturellen Gedächtnis bis heute tiefe Spuren hinterlassen: Als Relikt des Übergewichts jenes matrilnearen Verwandtschaftsdenkens gilt für die Angehörigkeit zum Staat Israel heute noch: Jude ist , wer eine jüdische Mutter hat.

Der Vater spielt dabei , selbst in einer streng patriarchalischen Gesellschaft, wie der biblischen, keine Rolle . Ein bemerkenswertes Relikt, das so seine Erklärung findet.

Bei dem beschriebenen unilinear-matrilinearen Verwandtschafts-System war es mithin sogar erlaubt , dass der Erzeuger einer Tochter, die ja mit ihm nicht als blutsverwandt galt, ( weil sie nur mit den Angehörigen der Blutsfamilie ihrer Mutter als blutsverwandt galt), mit der von ihm gezeugten Tochter eine Sexualbeziehung eingehen konnte , ohne dass dies als verbotene Endogamie angesehen worden wäre. Der Mann hätte nichts anderes getan, als seine Sexualität in einer ihm blutsfremden Gemeinschaft erlaubt auszuleben.

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Ein solcher biologisch realer Vater-Tochter-Inzest wurde sozial nicht als solcher wahrgenommen und es hätte sich nicht um verbotene Endogamie gehandelt. Das galt auch für die Bandkeramiker. 

Dennoch gibt es Dreierlei zu bedenken, wodurch das Vorkommen eines solchen biologisch gegebenen "Inzests" eingeschränkt wird , und dies auch schon bei den paläolithischen WidbeuterINNEN: 

Zum einen: Dass eine gerade geschlechtsreif gewordene junge Frau von 14/15 Jahren einen doppelt so "Alten Mann", der , bei der durchschnittlichen männlichen Lebenserwartung von 34 Jahren, kurz vor dem Tod stand, als ihren Sexualpartner auswählte, war äusserst unwahrscheinlich. Junge Männer gab es in der Siedlung genug. Sie wusste , dass dieser "alte" Mann ein Freund ihrer Mutter war und Nachts auch im Langhaus ihrer Familie geschlafen hatte. Denkbar ist auch, dass sich die in ihren Genen verankerte Inzest-Aversion, wie ihrem matrilinearen Bruder gegenüber, instinktiv auswirkte auch auf ihren Erzeuger, d.h. "dass sie ihn nicht riechen konnte". 

Zum Zweiten: Dass bei der geringen Lebenserwartung ein Erzeuger die Geschlechtsreife seiner Tochter noch erlebte, war ein Ausnahmefall und nicht an der Tagesordnung.

Zum Dritten: Zu rechnen wäre auch damit, dass die Mutter eine sexuelle Beziehung ihres gegenwärtigen oder ehemaligen Sexualpartners mit ihrer Tochter ablehnte und unterband.

Kurz zusammen gefasst, was für die Bandkeramiker galt:

Die Mütter zweier Sexualpartner dürfen nicht mit einander matrilinear blutsverwandt sein. d.h. Frau und Mann, die sexuelle Beziehungen haben wollen, dürfen auf keinen Fall dieselbe matrilineare Grossmutter haben.

Hingegen ist es unerheblich, ob sie denselben patrilinearen Grossvater haben; denn selbst wenn sie denselben biologischen Vater haben, ist dies sozial ohne Bedeutung. Ihre Sexualbeziehung gilt nicht als endogam, sondern als exogam.

Diese fundamentalen Unterschiede im Verwandtschaftsdenken müssen genau begriffen und verstanden werden, um die historischen Sozialverbände richtig interpretieren zu können. Leider wird der so bedeutsame Unterschied zwischen Unilinearität des Verwandtschaftsdenkens einerseits und Bilinearität andererseits , immer wieder übersehen oder verkannt , und dies auch in der Fachliteratur. Deshalb habe ich dem Thema in meinem Buch ein ganzes Kapitel gewidmet. ( Kap. VI., S. 106 ff. ).

Für die globale Verbreitung des urgeschichtlichen matrilinearen Verwandtschaftsdenkens zum Abschluss noch ein Beispiel aus der Geschichte der Yukatan- MAYA : Die Maya -Adligen, d.h. die Maya-Krieger, die viele andere Stämme unter ihre Herrschaft gebracht hatten , nannten sich "ALMENHENOOB", d.h. "Personen , die Vater und Mutter haben".

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Da ja jeder, auch die unterworfenen Bauern, ja sogar die Sklaven, eine MUTTER hatten, kann logischerweise diese Titulatur nur bedeuten : Ein Adliger hatte nicht nur eine Mutter, sondern auch einen VATER. Angehörige des Adels zeichneten sich demnach gegenüber dem Volk dadurch aus, dass sie diejenigen waren , DIE AUCH EINEN VATER HABEN , d.h. sie waren zu einem bilinearen Verwandtschaftssystem "fortgeschritten" .

Die reine, unilineare, Matrilinearität des Verwandtschaftsdenkens , die , zum Unterschied des Adels, beim unterworfenen Volk die Regel war, ( wie z.B. die AYLLU , die matrilinearen Blutsfamilien der von den Inka unterworfenen Bauern) , galt demnach als etwas "Niederes", weil der Adel sein Verwandtschaftssystem um die Patrilinearität ergänzt hatte , d.h. ein Adliger führte seine Herkunft auf ein bilineares Verwandtschaftssystem zurück. Es ist keine Überraschung , dass eine solch patriarchale Kriegergesellschaft den göttlichen Vater als "SÖHNEZEUGER" verherrlicht, denn was taugen Töchter schon für den Krieg ? Die Mutter-Göttin wird "ERBAUERIN" genannt , und der Glaube an die Mutter-Göttin, MAMA, bleibt auch in Amerika erhalten.

7) Die Genossenschaften der Bandkeramiker waren neben ihren Jagdwaffen, Pfeil und Bogen etc. auch bewaffnet mit STEIN-ÄXTEN , und wir wissen, dass sie nicht immer friedfertig waren, wie wir es von paläolithischen Wildbeutern anzunehmen haben, und wie es auch noch die Bewohner von Catal Höyük und die anatolischen Rinderbauern ein Jahrtausend zuvor waren.

Die bandkeramischen Rinderbauern waren die ersten Menschen, die archäologische Spuren von kollektiver Gewalttat hinterliessen, Vorboten des Krieges , für den es ja in der Urgeschichte des homo sapiens , keine Hinweise gibt. (vgl. meinen * Essay S. 320 ff.) 

Das sogen. TALHEIM-Massaker hat Skelette als archäologische Beweise hinterlassen, dass dort um 4.900 v. Chr. 34 Menschen mit Steinäxten die Schädel eingeschlagen worden waren: 18 Erwachsene, 9 Frauen und 9 Männer, sowie 16 Kinder waren die Opfer, deren Gebeine dort achtlos in einer Grube innerhalb der Siedlung wild durcheinander verscharrt wurden. (Gimbutas , S. 365). Es wird angenommen, dass die Gewalttäter , wie auch deren Opfer , Bandkeramiker waren, weil die Schädelknochen-Verletzungen auf die von ihnen benutzen Steinäxte zurückzuführen sind. In der Grube wurden zudem Scherben der LBK gefunden. (Gimbutas, S. 365) . Ferner gibt es Indizien, dass die Opfer von hinten erschlagen worden sind, so dass angenommen werden kann, dass sie auf der Flucht erschlagen wurden. (Gimbutas, S. 365). Wahrscheinlich gab es Streit bei der Landnahme; denn auch die Opfer gehörten ja zu den Bandkeramikern(Was inzwischen erwiesen ist). Wenn diese Annahme zutrifft, wäre daraus zu folgern, dass die Genossenschaften der Rinderbauern bereits zu jener Zeit mit einander 

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rivalisierten , und dass sich bei ihnen eine Art "kriegerisches" Verhalten, d.h. eine organisierte Gewalttätigkeit, entwickelt hatte, die nicht nur zwei streitende Personen und damit Einzelne betraf, sondern, dass von einer grösseren Gruppe 34 Personen niedergemacht wurden. Es handelt sich um die ältesten archäologischen Belege einer kollektiven Gewaltanwendung gegen eine andere Menschengruppe . Ich gehe davon aus, dass diese kollektive Gewalttat nicht von Frauen ausgeübt worden ist. Diese, als neues historisches Phänomen , durchbrechende kriegerische Brutalität und die Erhöhung des Potentials an Gewalttätigkeit , ist wohl damit zu erklären, dass es jetzt um Besitz, um ökonomische Vorteile ging : Welche Genossenschaft würde welches Land , welche der begehrten Lößböden, für sich in Anspruch nehmen ? Auf jeden Fall hat dieses Verhalten, dass ja mit ständiger Angst vor kriegerischen Überfällen einhergeht, die gesamte Kultur der bandkeramischen Rinderbauern, in der Zeit nach jenem Massaker , vergiftet; denn nur so ist die Tatsache zu erklären, dass die einzelnen Siedlungen der Bandkeramiker ab 5.000 v. Chr. von den Bewohnern befestigt wurden durch Wälle, Gräben und Abwehr-Zäune, Palisaden. (Gimbutas, S.. 365 ). 

7.1. Mit Verwunderung und Skepsis betrachte ich die Interpretation, die der Archäologe Dirk Husemann, an die Skelett-Funde knüpft. Er ordnet die 34 Erschlagenen auf befremdliche Weise "Grossfamilien" zu (Spiegel- online 28.5.2006): Er schreibt:

" An die statistischen Maße unserer heutigen Gesellschaft angelegt, lebten dort 3 bis 4 Grossfamilien".

Husemann gibt damit "statistisch" nur zu erkennen, dass zu einer "Grossfamilie" für ihn 9 bis 11 Personen gehören.

Zu einer solchen "Schätzung" ist folgendes zu bemerken:

Zum einen : Was können "statistische Maße unserer heutigen Gesellschaft" , die ja in der Struktur separat wirtschaftender Paarungsfamilien mit Privateigentum organisiert ist, aussagen über jene Sozialverbände, in denen die Rinderbauern vor 7.500 Jahren lebten ? Ein solch platter Komparatismus mag Archäologen anwendbar erscheinen, für Kulturhistoriker ist er inakzeptabel. Wir begegnen hier einem Komparatismus von solcher Beliebigkeit und Geschichtsfeindlichkeit, dass die Aussage wissenschaftlich wertlos ist; ohne Plausibilität ist zudem.

Zum anderen ist zu fragen: Was versteht Husemann unter dem kolloquialen , aber schwammigen, Begriff "Grossfamilie" ?

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Meint er vielleicht damit -wie der Terminus zuweilen verwendet wird- eine "konsanguineale Familie" , die manchmal auch als "Sippe" bezeichnet wird, also die Blutsfamilie ? Dass Husemann diese gemeint hat, ist unwahrscheinlich; denn nach soziohistorischen Erkenntnissen wäre sie mit 10 Individuen , d.h. 4 Erwachsenen und 6 Kindern, zu klein, wie ich zuvor dargelegt habe.

Man darf deshalb annehmen, dass Husemann mit seiner "Grossfamilie" , das meint, was in der Gesellschaftswissenschaft , dem internationalen Terminus "extended family" folgend, als "erweiterte Familie" bezeichnet wird. Mit diesem Begriff wird ein Zusammenschluss von 2 bis 3 Paarungsfamilien (Ehepaaren) zu einer Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft bezeichnet , z.B. ein älteres Eltern-Paar , das mit beider Sohn und dessen Ehefrau, sowie vielleicht auch noch mit beider Tochter und deren Ehemann unter einem Dach leben und gemeinsam wirtschaften.

Will Husemann mit seiner "Statistik" also behaupten, dass in Talheim die 18 Erwachsenen identifiziert werden konnten als 9 Ehepaare mit ihren Kindern ? Und dass diese 9 Ehepaare drei oder vier "erweiterten Familien" , "Grossfamilien", angehört hätten ? Wenn ja, welche Belege hat er ?

Woher weiss Husemann, dass die erschlagenen Männer und Frauen "Ehe-Paare" waren? 

Husemann lässt den Leser im völligen Dunkel, überlässt ihm die Qual der Wahl . Sollte er "erweiterte Familien " meinen, so hätte Husemann zu belegen, woraus er schliesst, dass es um 5.000 v. Chr. -genau wie heute- bereits die Institution der Paarungsfamilie gab ; und woraus er schliesst, dass es sich bei den 18 Erwachsenen zum einen um Elternpaare handelte, und zum anderen , dass sie sich zu einer Grossfamilie zusammengeschlossen hatten. ? 

All dies lässt der Archäologe offen und ohne Belege, so dass seine kulturhistorisch höchst unwahrscheinliche Behauptung wissenschaftlich ohne Wert ist ; ohne Erklärungswert ist sie ja ohnehin.

Auch Husemann setzt sich damit einem Ideologie-Verdacht aus, weil er die LeserINNEN , gegen die kulturhistorische Evidenz, unterschwellig auf die Existenz von bandkeramischen Ehepaaren und Paarungsfamilien einzustimmen versucht.

Dass es für einen solchen gesellschaftlichen Wandel zu jener Zeit noch keine Hinweise gibt, habe ich oben ausgeführt.

7.2. Anzumerken zum Talheim-Massaker bleibt noch, dass dieser kriegerische Überfall, des Fehlens weiterer archäologischer Hinweise wegen, wohl eher ein wenig häufiges Ereignis war, und offensichtlich nicht an der Tagesordnung. Jedenfalls bleibt die Gewalttätigkeit der bandkeramischen 

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Rinderbauern weit hinter der kriegerischen Gewalt zurück, die etwa 2.000 Jahre später ( ab 3.500 v. Chr.) über sie selbst hereinbricht, als indoeuropäische Equiden-Krieger schwer bewaffnet auf ihren mit Pferden bespannten Streitwagen nach Europa einfallen und jetzt die Rinderbauern das Fürchten lehren , danach trachtend, diese unter ihre Herrschaft zu bringen und sie tributpflichtig zu machen. Bei Rinderbauern ist ja "Viel zu holen". (vgl. auch meinen * Essay S. 394 ff.).

8) Welche KULTE zelebrierten die europäischen Rinderbauern?

8.1. Der Toten-Kult der Bandkeramiker unterschied sich erheblich von Catal Höyük. Die Toten wurden nicht mehr unter den Häusern bestattet, sondern es wurden Friedhöfe angelegt, mit 20 bis zu 200 Gräbern ( Gimbutas, S. 331) und zwar mindesten 100 Meter, oder sogar 500 Meter, ausserhalb der Siedlung. (Gimbutas aaO. S. 41).

Folgende Schlüsse lassen sich ziehen aus den Grabbeigaben: Es fällt auf, dass die Beigaben in Frauen-Gräbern um so wertvoller waren, je älter die Verstorbene war. Es gab dort z.B. kostbare Keramik. Einer 50 bis 60 Jahre alten Frau (was ja bei einer statistischen Lebenszeit von nur 30 Jahren ein ungewöhnlich hohes Alter war) , wurde sogar ein Keramikgefäss randvoll mit kostbarem roten Ocker in die erstarrte Hand gegeben. (Gimbutas, S. 334). Die Befunde lassen eindeutig erkennen, dass manchen Frauen die höhere gesellschaftliche Achtung erwiesen wurde als Männern; denn , sofern Männer-Gräber Beigaben erhielten, waren es Gebrauchsgegenstände, z.B. Pfeilspitzen, und nie Rang-Objekte irgendwelcher Art. (Gimbutas, S. 334).

Insgesamt belegen die Grabfunde , dass es in den Siedlungen der Bandkeramiker noch keine Hierarchie gab, sondern der Totenkult weist auf Egalität hin , wie in vor-neolithischer Zeit. (Gimbutas, S. 324, 333). Auf Jens Lüning , der meint, im Grabkult erste Zeichen einer Hierarchisierung gefunden zu haben, gehe ich unter Ziffer 9 ein. 

8.2. Die Kulthäuser , oder "Tempel", dienten aber wohl nicht nur für Heil-Zeremonien oder Totenkult; denn von den Bandkeramikern wurde auch ein Ahnen-Kult von Priesterinnen und Priestern zelebriert. ( so Gimbutas, S. 336, 338 , sowie Lüning, S. 188). Ich folgere daraus, dass die alte Frau mit dem roten Ocker, dem ja seit der Urzeit rituelle Qualität beigemessen wurde, mit grosser Wahrscheinlichkeit kultische Funktionen als Priesterin wahrgenommen hatte, und deshalb besonders geehrt wurde, während es in Männergräbern keine Hinweise auf Priesterschaft gibt, weil Ritualgegenstände fehlen. Woraus Gimbutas und Lüning schliessen, dass trotz fehlender Grab-Hinweise auch "Priester" am Ahnenkult beteiligt gewesen wären, ist mir unklar. 

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Es ist zu berücksichtigen, dass der bisher älteste Beleg eines Grabes, das seiner Beigaben wegen als "Priester- oder Schamanen- Grab" angesehen wird, das Grab einer etwa 50 Jahre alten Frau der Natufien-Kultur ist, das auf 10.000 v. Chr. datiert wurde. Das Grab befand sich in der Höhle HILAZON TACHTIT im -heutigen- westl. Galiläa und enthielt als Beigaben u.a. 50 Schildkrötenpanzer, ein Leoparden-Skelett, einen Adlerflügel u.a. (vgl. dazu in diesem Blog: "Priesterin und Schamanin vor 12.000 Jahren").

Es ist der älteste Grabfund der auf eine "Priesterin" - "Heilerin" hinweist.

Angaben darüber, ob von den Bandkeramikern weibliche und/oder männliche Ahnen kultisch verehrt wurden, habe ich bisher nicht gefunden. Um eine Erklärung zu finden, stelle ich folgende Überlegungen an :

In Sozialverbänden, die sich (wie im Paläolithikum weiterhin) in matrilinearen Blutsfamilien organisiert hatten, und die in grosser Zahl überwigend weibliche Kult-Statuetten hersellten (Gimbutas ,S. 222 ff.), können wir mit guten Gründen davon ausgehen, dass auf jeden Fall auch ein matrilinearer Ahnenkult zelebriert und dass, dem Kult der "Grossen Mutter", der Göttin allen Lebens und des Todes entsprechend , eine "Gross-Mutter" , eben die Ahne, verehrt wurde.

En solcher, auf die Matrilinearität konzentrierter Ahnen-Kult, muss indessen nicht zwangsläufig nur von "Priesterinnen" zelebriert worden sein: denn auch die Männer gehörten ja zur Blutsfamilie jener "AHNE" , ihrer Stamm-Mutter. 

Es kann daher nicht ausgeschlossen werden , dass neben " Priesterinnen" auch 

(wie dies Gimbutas und Lüning annehmen) immer einige " Priester" rituelle Funktionen ausübten; Dies logischerweise allerdings nur in ihrer Eigenschaft als SÖHNE der Ahne und nicht etwa als Stamm-Väter. Der Grund ist vielleicht auch darin zu finden, dass manche Frauen keine Tochter, sondern nur Söhne hatten.

Für das, was ich meine, liegt uns folgendes Exempel vor: 

Bei den, in matrilinearen Blutsfamilien organisierten, Pueblo-Indianern gab es neben weiblichen auch männliche Priester, die die heiligen Kultgegenstände, sowie die Liturgien für Rituale von ihrer Blutsfamilie zu treuen Händen und Wissen erhielten, um dem Ahnenkult ihrer matrilinearen Blutsfamilie zu dienen. Ein Mann erhielt diese heiligen Objekte jeweils von seinem Mutter-Bruder, und nach seinem Tode gingen sie auf einen seiner Schwestern-Söhne über; denn diese sakralen Gegenstände sollten in der Blutsfamilie bleiben. 

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Ein Mann ist dort also regelmässig am Kult seiner matrilinearen Blutsfamilie beteiligt , die, dem Glauben nach, von jenen Ahnen begründet worden war. 

Es kann sich mithin nur um seine matrilinearen Ahnen, also DIE AHNE handeln, denn sein "Vater", wenn er denn bekannt oder anerkannt wäre, gehörte ja einer anderen Blutsfamilie an, mit ein von ihm gezeugter "Sohn" nichts zu tun hat und an deren Ahnenkult er nicht teil nimmt. Vater und Sohn können ja, der Exogamie wegen, nie derselben matrilinearen Blutsfamilie angehören. Auch an dem Ahnenkult seiner (jeweiligen ) Sexualpartnerin hat ein Mann keinen Anteil, weil sie ja ebenfalls einer fremden Blutsfamilie angehört. (vgl. auch meinen *Essay, S. 329). 

Bei den matrilinear-konsanguinealen Sozialverbänden der Bandkeramiker ist der dort belegte Ahnenkult daher logischerweise mit Sicherheit ein Kult der Stamm-Mutter. Es gibt daher gute Gründe für die Annahme , dass die überall und immer wiederkehrenden Symbole von Weiblichkeit , die von den Blutsfamilien als "Geheiligte Ur-Mutter", als "Göttin" , adoriert wurde, zugleich die Verehrung jener Stamm-Mutter einschloss.

Selbst H. Grünert, der im allgemeinen den Dogmen der Urvater-Gemeinde folgt, räumt ein, dass die vielen "Idole der Grossen Mutter" in der LBK-Kultur darauf hinweisen, dass es bei den Bandkeramikern einen entsprechenden Kult der "Grossen Mutter" gegeben habe. (aaO. S. 248).

Dass neben der "AHNE", auch schon ein "Stamm-Vater" verehrt wurde, ist durch nichts belegt , und ich halte es für ausgeschlossen: Da sich unter den bei den Bandkeramikern gegebenen psycho- und sozio-ökonomischen Bedingungen noch keine Vater-Sohn-Beziehung entwickelt hatte, weil dies dem damaligen Verwandtschaftsdenken nicht entsprach, kann logischerweise auch die Verehrung eines "Stamm-Vaters" n i c h t angenommen werden:

Aus der vorherigen Analyse des Verwandtschaftsdenkens ergibt sich logisch, vernünftig und plausibel: In einem unilinear-matrilinearen Verwandtschaftssystem kann es keine Verehrung eines Stamm- VATERS geben. Wie sollten Menschen auf die Idee verfallen, einen Stamm-Vater zu verehren, wenn im sozialen Verwandtschaftssystem für einen "VATER" kein Platz ist , er keine Rolle spielt. Eine solche Idee wäre absurd. Ferner entspricht es menschlicher Vernunft, dass der Kult einer Stamm-Mutter von den Müttern der Blutsfamilie zelebriert wird. Es ist ja für alle offenbar, dass es nicht der Sohn, sondern die Tochter ist, die das BLUT der Stamm-Mutter in sich trägt und weitergibt.

Erst Jahrtausende später, nach höchster Vollendung der "normativen Inversion" wird es umgekehrt sein: Der Kult des VATER - Gottes wird ausschliesslich von Männern zelebriert; Frauen sind ausgeschlossen.

Apostel Paulus belehrt die Korinther : 

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"Lasset eure Weiber schweigen in der Gemeinde: denn es soll ihnen nicht zugelassen werden, dass sie reden." (1. Korinther, 14;34)

"Es steht den Weibern übel an , in der Gemeinde zu reden" (1.Korinther,14;35).

Über den Grund dieses Redeverbotes belehrt Paulus die Korinther so:

"Christus ist eines jeden Mannes Haupt, der Mann aber ist des Weibes Haupt, Gott aber ist Christi Haupt (1. Kor. 11,3)

Und dann kommt der patriarchale Klartext:

" Der Mann ist nicht vom Weibe, sondern das Weib ist vom Manne."(1. Kor. 11;8).

Verräterisch ist, dass jener Kult des VATER-GOTTES gerade von Männern zelebriert wird, die keine Väter sein dürfen. Das mag jedem zeigen, wie unnatürlich dieser Kult ist.

Sollte trotz dieser Evidenz die Urvater-Gemeinde ihren Glauben an einen bandkeramischen "Stamm-Vater" nicht aufgeben, so haben die Gläubigen einer schweren Beweislast zu genügen: Warum gab es keine sakralen Statuetten eines Stamm-Vaters, sondern nur einer MUTTER , und warum gab es , wie der Bestattungskult zeigt, ganz offensichtlich nur weibliche Priesterinnen und keine männlichen Priester ?

8.3. Ich gehe davon aus , dass es auch einen Fruchtbarkeits-Kult gab, und zwar aus folgenden Gründen: Auch wenn in den Siedlungen der europäischen Rinderbauern bisher keine Skulptur eines menschlichen Sexualaktes gefunden worden ist (wie in Catal Höyük) , ist es nicht vernünftig, daraus den Schluss zu ziehen, es sei dort kein bilinearer Fruchtbarkeitskult zelebriert worden. Die Abwesenheit eines solchen Kultes würde ja bedeuten, dass der Sexualität , im Gegensatz zu AIN SAKHRI und CATAL HÖYÜK, von den europäischen Rinderbauern keine Heiligkeit beigemessen wurde. (vgl. dazu Kapitel IX.S. 151 ff. meines Buches*). Ich halte dies für sehr unwahrscheinlich: Schliesslich war ihnen die Tatsache bekannt, dass der Mann an der Fruchtbarkeit beteiligt ist, dass er deren "Auslöser" war. Ich kann mir deshalb schwer vorstellen, dass die stolz gewordenen Rinder-Hirten-Männer auf ein Ritual verzichtet hätten, in welchem sie die Sakralität der männlichen Sexualität so vorzüglich zur Geltung bringen konnten.. Es war doch für die Männer zu verlockend, die im urgeschichtlichen Glauben verankerte, von der Ur- Mutter monopolisierte, unilineare , Fruchtbarkeit durch eine Zeremonie umzuwerten zur bilinearen Fruchtbarkeit.

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Ob vielleicht die Wandmalereien in den tempelartigen Kulthäusern Hinweise geben auf ein solches Ritual, habe ich bisher nicht geprüft.

Aber auch wenn wir annehmen, es sei Brauch gewesen, dass Liebespaare sich im Alltag zum Sexualakt absonderten und zurückzogen, "in die Büsche" gingen, schliesst das nicht aus, dass die Menschen zu bestimmten Festtagen, nach kulturhistorischen Erkenntnissen wohl alljährlich am ersten Neumond oder Vollmond nach Frühlings-Equinox, gemeinsam ein mit Sexualität verbundenes Fruchtbarkeitsritual feierten, und alle Liebespaare der Siedlung in einem karnevalsartigen, festlich-sakralen Fruchtbarkeitsritual an einem heiligen Ort dasselbe taten, um damit die Fruchtbarkeit ihrer Herden und Äcker zu beschwören.

Es ist ja dieser Fruchtbarkeitskult, der später erweitert wird zur "Heiligen Hochzeit". ( vgl. *Kapitel X. S. 163 ff. meine Buches). Deshalb ist hervorzuheben, dass es bei den Bandkeramikern noch keine Hinweise auf eine "Hochzeit" als "Ehe-Schliessung" , geschweige denn auf Heirat oder Ehe gibt. Ein kollektiver Fruchtbarkeitskult, der nur die Siedlungsgemeinschaft als Kollektiv betraf, hatte auf die individuelle Ebene noch keine Auswirkungen ; das zeigt uns -neben fehlenden Belegen- auch die gegebene Sozialordnung: 

Die Lebensform der Langhäuser als Wirtschaftsgemeinschaft schloss es aus, dass ein Paar jeweiliger Sexualpartner als Ehe- und Elternpaar hochzeitlich institutionalisiert wurde. Da es keine Paarungsfamilie als separate Wirtschafts- und Eigentumsgemeinschaft geben konnte und gab, wäre die soziale Institutionalisierung völlig überflüssig und unangebracht gewesen: Das wichtigste Kennzeichen einer institutionalisierten EHE fehlte : 

Es gab keinen Unterschied zwischen ehelichen und unehelichen Kindern, weil alle Kinder einer Mutter , gleichgültig von welchem Erzeuger sie sie empfangen hatte, völlig gleichberechtigte Angehörige der mütterlichen Blutsfamilie waren. (Zur EHE vgl. auch meinen *Essay, S. 306 ff. , zu Max Weber ).

Ferner ist davon auszugehen, dass alle Angehörigen einer Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft alle Kinder ihrer Gruppe als "unsere Kinder" ansahen , und dass die Kinder das Glück genossen, sich ihre "Lieblings-Erwachsenen" frei nach Sympathie zu wählen. 

Ich gehe ferner davon aus, dass es auch einen "Stier-Kult" als "Opfer-Kult" gab . Dass die zum Verzehr geschlachteten Stiere achtlos, wie in einem heutigen urbanen Schlachthaus geschäftsmässig, abgestochen und zerlegt wurden, erscheint mir eine völlig unvernünftige Annahme.

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Wenn wir die urgeschichtliche "Blutscheu" des Jägers bedenken und in Betracht ziehen, wie sehr noch im Alten Testament diese "Blutscheu" nachwirkt, so dass das "Schlachten" oft nur rituell und von Priestern vollzogen werden durfte, und wie Moses das Schlachtblut verspritzt, sollten wir den Bandkeramikern nicht unterstellen, dass sie Riten dieser Art nicht kannten.

9. Zum Abschluss noch ein soziologisches Gedanken-Experiment:

Wie können wir uns das Aufeinandertreffen von Rinderbauern des Modus III mit epi-paläolithischen Wildbeutergenossenschaften, die noch nicht einmal den Modus I des Neolithikums erreicht hatten, vorstellen ? Menschen , die nach urgeschichtlicher Art noch als Sammlerinnen und Jäger von der Hand in den Mund leben, die sich vollständig an die Natur anpassten, sehen plötzlich Einwanderer, die nicht mehr den Tieren nachlaufen, sondern ganze Herden kontrollieren, die ihnen gehorchen . Sie sehen Menschen Äcker anlegen und dort ihre pflanzliche Nahrung einsammeln und die sich grosse Häuser bauen. Menschen aus einer anderen, fremden Welt.

Die Rinderbauern wiederum werden hochmütig diese "armen Wilden" für rückständige Menschen niederer Art gehalten haben.

Es ist aber vor allem festzuhalten, dass jene europäischen Rinderbauern nicht auf Wirtschaftsgemeinschaften stiessen, die als sesshafte "Pflanzerinnen" und Jäger bereits Ackerbau betrieben (Modus I ) , geschweige denn den Modus II erreicht und als Kleinbauern wenigstens Schafe und Ziegen domestiziert hatten, wie dies später bei den nahöstlichen Rinderbauern der Fall sein wird, die die Ubaid-Kultur begründen. (s. unten C ). Dies ist ein fundamentaler Unterschied. Wie mögen sich die Beziehungen der bandkeramischen Rinderbauern zu jenen "viehlosen Wilden" entwickelt haben ? Wie müssen wir uns den Prozess der nach und nach fast vollständigen "Neolithisierung" der alt-europäischen Wildbeuter-Genossenschaften vorstellen ?

Sofern es nicht zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen jenen beiden Kulturen kam, die ja nicht auszuschliessen sind, auch wenn uns dafür keine Belege oder Hinweise vorliegen, mag es zu unterschiedlichen Formen der Kooperation gekommen sein.

Falls es die "primitiven" einheimischen Genossenschaften den Rinderbauern gleich tun wollten, wie kamen sie zu den Nutzpflanzen und den Rindern der Fremden ?

 Dass die Wildbeuter durch gezielte "Vieh-Diebstähle " ( so nur aus der Sicht der Eigentümergemeinschaft) sich nach und nach eigene Rinderherden züchten konnten, halte ich für wenig wahrscheinlich; auch dann nicht wenn wir davon ausgehen, dass die Wildbeuter dies nicht als "Diebstahl" betrachtet hätten, sondern als ihr natürliches "Jagdrecht". Logischer erscheint, dass die 

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Bandkeramiker, die ja auch gelernt hatten, Handel zu treiben, Einheimische zu Dienstleistungen verpflichteten, die sie mit Vieh und Saatgut entlohnten. Alle anderen Güter, wie Wildbret, Honig und Ähnliches , konnten sich die Rinderbauern selbst beschaffen. Was immer begehrt war, waren billige und willige Arbeitskräfte. Eine gewisse Wahrscheinlichkeit spricht also dafür, dass sich einige der einheimischen Männer und Frauen als Mägde und Knechte bei den Bauern verdingen mussten, um bei ihnen zu lernen und mit einer oder einigen Kühen , Ziegen oder Schafen entlohnt zu werden, um selbst als Viehzüchter sehr klein beginnen zu können.

Die befestigten Siedlungen boten den Bauern ja auch Schutz gegen Angriffe der Wildbeuter, wenn es denn solche Angriffe gab, was ich für nicht wahrscheinlich halte. Da Wildbeuter ja gewohnt waren, den Nachbargruppen, zu denen ihre matrilinearen weiblichen Blutsverwandten gehörten, auszuweichen, ist wahrscheinlicher, dass sie sich zurückzogen in ihre Sammel- und Jagd-Gebiete , dort aber , angesichts der Rinderbauern-Invasion , immer weiter an den Rand gedrängt wurden, ähnlich wie es Jahrzigtausende zuvor den Neanderthalern ergangen war.

Wäre es denkbar, dass einige der Wildbeutergenossenschaften den Kultursprung nicht schafften und dauerhaft in Lohnabhängigkeit der Rinderbauern gerieten, ihre Knechte und Mägde blieben? Dass würde bedeuten, dass es hier erstmals die sozio-ökonomische Situation gab : "Der Hirte ist Dein Herr", wie wir es später als "gottgewollt" in den Mythen der Herren in Mesopotamien kennen lernen.

Für eine solche Entwicklung fehlen indessen archäologische Belege: Die Totenbestattung weist auf Egalität hin. (s. oben Ziff 8.1.) Wenn Lüning meint, aus einem Grabfund bei Schwanfeld , wo im Grab eines Mannes "kostbare Pfeilspitzen" als Beigabe gefunden wurden, auf erste Zeichen von Hierarchie schliessen zu können (aaO. S. 184 f.) so ist das nicht sehr überzeugend. Pfeilspitzen sind ja nicht eben ein Symbol für einen bäuerlichen "Herrn"; da wäre eine kostbare Steinaxt, Sichel, oder ein anderes grossbäuerliches Rangabzeichen, wie eine kostbare Geissel, schon ein überzeugenderer Hinweis gewesen.

Das Denken von "Oberschicht" und "Unterschicht" war mithin den Bandkeramikern noch fremd. Es gab nur eine Schicht.

Natürlich heisst Egalität nicht, dass alle Menschen gleich gewesen wären; sie hatten nur gleiche Rechte und Pflichten. In ihrer individuellen Veranlagung waren sie von Natur aus unterschiedlich. Einige von ihnen hatten deshalb besondere künstlerische Talente, andere Familienangehörige konnten brillieren als SchauspielerINNEN , denen das Talent als "Priesterin" in die Gene gelegt worden war , und sie wurden von ihren Verwandten damit betreut oder gewählt, als Zeremonial-Meisterin, die Kulte zu zelebrieren , z.B. mit Gesang, Tanz und ähnlichem. 

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Wenn es also "Herren und Knechte" bereits zur Zeit der Bandkeramiker gegeben haben sollte, müssen wir annehmen, dass nach ihrem Tode Knechte und Mägde nicht anders, vor allem nicht schlechter , behandelt wurden, als ihre bäuerlichen Herren und Herrinnen.

Diese uns seit paläolithischen Zeiten bekannte Egalität , das Fehlen von Hierarchie, die zwischen Herren und Knechten unterscheidet, und deren Abwesenheit auch hier auffällt, wird sich nachweislich erst rund ein Jahrtausend später, im Chalkolithikum, ändern. 

Dies wird sich im nächsten Abschnitt C. zeigen.

C. RINDER-HIRTEN-BAUERN auf der Suche nach Sesshaftigkeit 

(6.000 v. Chr.) 

Schon bevor die Bandkeramiker sich auf den Weg nach Europa gemacht hatten , zu jener Zeit, als die in Catal Höyük sesshaften Rinderbauern mit ihren Herden nach Norden über den Kaukasus zogen, trieben Hirten ihre Rinderherden, ( sowie einige Caproviden), von Anatolien aus auch nach Süden und nomadisierten, oder siedelten, in SYRIEN , ELAM (Iran) MESOPOTAMIEN , und einige Gemeinschaften zogen in das INDUS-TAL , in die ÄGÄIS und bis nach NORD-AFRIKA. Es ergab sich also zu jener Zeit eine bemerkenswerte Wanderbewegung von Rinderhirten von Anatolien aus in alle Richtungen. 

I. Ein kurzer Überblick:

1) NORDAFRIKA:

Schon um 6.100 v. Chr. hatten sich südwest-asiatische Rinderbauern, die aus dem Nahen Osten kamen, in Nordafrika niedergelassen. (Mellaart, S. 263, 268). In ihren sehr naturalistischen Bildern stellen diese Einwanderer sowohl Rinder-Herden dar, als auch Frauenarbeitsgemeinschaften beim Ackerbau. (Mellaart, S. 268 f.).

Dies lässt uns erkennen, dass die urgeschichtliche geschlechtsspezifische kollektive Arbeitsteilung noch fortbestand. Allerdings ist den Darstellungen eindeutig zu entnehmen, dass die Rinderzucht für die Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaften bereits bedeutender war, als der Ackerbau. (Mellaart, S. 268).

Ein Blick in die sich anschliessende Zeit, die Frühzeit Ägyptens:

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1.1. Es sind ebenfalls südwestasiatische Rinder-Züchter , bewaffnet mit Beilen und Pfeil und Bogen, die ab 5.100 v. Chr. die Merinde- Kultur begründen. Je stärker dort die Rinderzucht zunimmt, desto mehr nimmt die Schafhaltung ab. STIER-Plastiken spielen eine wesentliche Rolle in der Keramik. Diese südwestasiatischen Einwanderer , sogen. "Kaukasier" , vermeiden über ein Jahrtausend die Endogamie mit den einheimischen Afrikanern. Erst ab 4.000 v. Chr. lässt sich eine stärkere Vermischung mit afrikanischen Einflüssen feststellen. 

(Auch die nordafrikanische Fayum A- Kultur wird von südwestasiatischen Rinderbauern um 4.500 v. Chr. begründet.)

1.2. Es sind ebenfalls aus Asien eingewanderte Rinderbauern, die sich um 4.500 v. Chr. im Nildelta als sogen. Badari- Kultur ansiedeln.

Auch die Rinderbauern der bereits chalkolitischen Naqada (Nagade)-Kultur in Oberägypten , bei Luxor, sind Südwestasiaten vom Phänotyp der "Grazilen Mediterranen", sogen. "Afro-ASIATEN".

Es sind diese Angehörigen der hamito-semitischen Sprachfamilie, die um 4.500 v. Chr. Naqada I begründen und durch allmähliche Eroberung und Unterwerfung immer weitere Abschnitte des Niltals unter ihre Kontrolle bringen und schliesslich ganz Oberägypten beherrschen (Assmann: "Ägypten" -Sinngeschichte, S. 46). Bereits in Naqada II ( 3.900 - 3.500 v. Chr.) haben sie dort Städte mit hierarchischen Strukturen erbauen lassen: In ihrer sogen. "Falken-Stadt" ( von den Griechen später "Hierakonpolis" genannt) fand sich auf dem Friedhof der Eliten ein bemaltes Fürsten-Grab mit einem Bildmotiv, das bereits das Erschlagen von Feinden zeigt, ähnlich wie einige Jahrhunderte später auf der Schminkpalette des Pharao Narmer. (Assmann, aaO. S. 47 f.). 

In Naqada III ( 3.300 - 3.100 v. Chr.) gab es dann bereits mehrere befestigte Städte, deren Herren in Zitadellen (Forts) residierten. (Assmann aaO. S. 51).

Da die Herrenschicht, eine "leisure class" , weiterhin der Jagd, aber jetzt als "prestigeträchtiger Aktivität " nachging (so Assmann), wurde von den älteren Ägyptologen irrig angenommen, es habe sich um eine "Jäger-Kultur" mit "Häuptlingen" gehandelt. Heute ist erwiesen, dass sie Rinderbauern waren, deren Herrscher- Eliten andere Menschen für sich arbeiten lassen konnten und die grosse Handelsnetze aufbauten. (Assmann aaO. S. 46). 

In dieser Kultur kommt es zu den ersten von Stadt-Fürsten regierten hierarchischen Stadt-Staaten und schliesslich sogar zu zwei vor-pharaonischen ägyptischen Flächenstaaten, je einem Königreich in Unter-Ägypten (im Delta) , wie zu einem gegnerischen Reich in Oberägypten.

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Assmann weist zu recht darauf hin, dass die durch Hierarchien hervorgebrachten Stadt-Königtümer ebenfalls "nicht organisch zu einem ägyptischen Flächenstaat zusammenwuchsen", sondern dass der territoriale Flächenstaat mit Gewalt durchgesetzt wurde. (Assmann aaO. S. 51). Oberägyptens Herrscher Narmer führte dann um 3.100 v. Chr. mit brutaler kriegerischer Gewalt die "Reichs-Einigung" von Unter- und Oberägypten herbei. Der Name NARMER war zwischen zwei Bukranien gesetzt und begleitet von dem Schriftzeichen für "Palast" (oder Grosses Haus) , der als Herrschaftszeichen galt, wie auch das Falkenzeichen ( für HORUS ) und der STIER Grundsymbole des Königtums sind. (Assmann aaO S. 48). Aber auch die Grosse Mutter-Göttin HATHOR lässt Narmer neben dem Stier (und den zehn Erschlagenen mit dem Kopf zwischen den Beinen) auf seiner Schmink-Palette abbilden. Er war also schon in seinem ober-ägyptischen Reich ein grosser zeremonialer Priester-König gewesen. Sein militärisches Potential von Bogenschützen konnte Narmer fortlaufend dadurch vergrössern, dass er die Krieger aus den unterworfenen Städten in seine Truppen eingliederte. Je mehr Städte er einnahm, desto stärker wurde er militärisch , so dass er sich , nachdem er mit Gewalt die Städte Oberägyptens zu einem Flächen-Staat "geeinigt" und sich zum König dieses Reiches empor gekämpft hatte, zum grossen Angriff auf das Reich in UNTER-Äypten ansetzen konnte. Er ruhte also nicht , bevor er nicht ganz Ägypten seiner Oberherrschaft unterworfen hatte.

Ganz offensichtlich identifiziert sich der Hirten-Mann mit dem Stier nicht nur wegen dessen sexueller Potenz und Fruchtbarkeit , sondern auch wegen seiner physischen Stärke insgesamt, wegen seiner Gewalt-Ausbrüche und Angriffslust .

Dies macht deutlich, welch dominante Rolle diese asiatisch-kaukasischen Rinderbauern (Modus III) , zu denen ja nicht nur die Rinderzüchter von Catal Höyük und die Bandkeramiker gehörten, sondern auch die pharaonischen Herrscher, für die Entwicklung hierarchischer urbaner Kulturen spielten und welch kriegerischen Charakter sie bereits im Chalkolithikum entwickelten. 

2) MERSIN:

Bereits um 6.000 v. Chr. wurde MERSIN, südlich von Catal Höyük an der anatolischen Mittelmeerküste gelegen, von Rinderbauern gegründet.

Später, im Chalkolithikum (nach 5.000 v. Chr. ), bauten diese Rinderzüchter Mersin zu einer Festung mit zwei Türmen aus. Die Bewohner waren bewaffnet mit Stein-Schleudern und mit Kupferbeilen; sie verfügten bereits über eine Metallurgie. Ihre Keramik ist der von El UBAID sehr ähnlich. (Mellaart, S. 126).

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3) ERIDU:

Um 5.500 v. Chr. wurde in Mesopotamien die Siedlung Eridu gegründet von Rinder-Hirten, die - wie üblich- ihre Herden mithilfe ihrer Hirten-Hunde trieben und kontrollierten ( Mellaart, S. 172 f.). Anfangs lebten in Eridu nur etwa 100 Personen (Mellaart, S. 174). Dies ist ein weiterer Beleg dafür, dass wir auch bei einer Genossenschaft von Rinderhirten anfangs immer noch mit der in der Urgeschichte üblichen Grösse einer Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaft von 100 bis 120 Personen zu rechnen haben. In späterer Zeit (Ubaid) gibt es in Eridu erste Anzeichen einer Bewässerungs- Agrikultur. (Mellaart, S. 174).

4) HALAF-Kultur:

Zeitgleich mit Eridu , um 5.500 v. Chr. tritt die Halaf-Kultur in Erscheinung. Diese Rinderbauern sind bewaffnet mit Doppel-Äxten. (Mellaart, S. 161 f.).

Die weiblichen Tonstatuetten, die -wie bei allen Rinderbauern - in dieser Kultur auftauchen, sind Frauen (d.h. Göttin), die nicht nur durch einen betonten Bauchnabel auffallen, , sondern "Frauen, die ihre Brüste pressen". (Mellaart, S. 166). Die grosse Zahl archäologisch erfasster Figurinen, die mit beiden Händen ihre Brüste präsentieren, wird von kulturwissenschaftlich ungebildeten Interpreten häufig als "sexuelle Herausforderung" abgewertet. Eine typisch "maskuline" Verkennung der immer wiederholten Symbolik der nährenden Qualität der Ur- und Erd-Mutter. "Männerphantasien".

Nachgewiesen ist ferner, dass die HALAF- Rinderbauern auch den Wildesel ONAGER jagten. (Mellaart, S. 161 f.). Dass die Männer, die ja bereits erfolgreich die Rinder domestiziert hatten, versuchten , ebenfalls den Onager zu domestizieren, kann angenommen werden. Allerdings hatten sie damit noch keinen Erfolg, was auf die Schwierigkeiten einer solchen Unternehmung hinweist. Die Onager-Domestikation sollte noch ein ganzes Jahrtausend auf sich warten lassen. 

Bereits vor der Überlagerung der Halaf-Kultur durch andere Rinderbauern, um 4.500 v. Chr., (Mellaart, S. 167), hatten sie , also etwa 4.600 v. Chr. , noch die Stufe des Chalkolithikums erreicht, und die Metallgewinnung und -Verarbeitung begonnen. (vgl. ferner in diesem Blog: "Das Land Hatti" im Aufsatz : "Das Thronerbrecht der Hethiter").

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II. RINDERBAUERN UND CHALKOLITHIKUM 

Es sind die Rinderbauern , die die neolithische Stein-Werkzeug-Kultur ergänzen durch Metall-Gewinnung und -verarbeitung: Das "Chalkolithikum" oder "Äneolithikum", die sogen "Kupfersteinzeit", ist die erste sogen. "Zivilisations"-Stufe mit einer Metallurgie, die in nennenswertem Umfang Metalle verhüttet und verarbeitet. Zwar gab es als Schmuck Kupferperlen bereits um 7.000 v. Chr. in Catal Höyük und auch andernorts , aber erst ab 5.000 v. Chr. gibt es archäologische Belege für einen geplanten Bergbau, (zunächst in offenen Gruben) , und für eine Verhüttung von Kupfererzen, für die Temperaturen von 1.200 Grad notwendig waren, und dafür mussten die traditionellen Keramik-Brennöfen zu Windöfen technisch verbessert werden.

1. Früheste Hinweise auf Metallurgie dieser Art haben wir in der Warna-Kultur, einer Rinderbauern-Kultur westlich des Schwarzen Meeres, also in Südost-Europa. Diese Kulturstufe des Chalkolithikums, d.h. eine arbeitsteilig geplante Metallurgie, wurde organisiert und kontrolliert von einer kriegerischen Oberschicht, die in der Lage war, Lohn- oder Fron- Arbeiter ins Bergwerk zu schicken und die technisch befähigte Spezialisten ( die märchenhaften "Schmiede") in ihren Dienst nehmen und entlohnen konnten.

Zwei , von der neolithischen Egalität im Tode weit entfernte, HERREN- Bestattungen belegen dies: Ein Grab von 4.500 v. Chr., in dem ein Mann mit Waffen und Goldschmuck, auch mit einer Penis-Kapsel aus Gold beigesetzt wurde, in dessen Grab sich aber auch eine Skulptur der neolitischen Göttin fand, die mit einem kostbaren Kupfer-Armreif geschmückt war. In einem etwas älteren Warna-Grab waren dem Herrscher reiche Goldbeigaben mitgegeben worden. (vgl. auch meine *Anm. , S .317).

2. Auch in Arsan- Tepe in Anatolien wurde um 4.500 v. Chr. der Fürst (Der ("FIRST", der "ERSTE" oder "OBERSTE") einer kriegerischen Gesellschaft von Rinderbauern mit einem kostbaren Kupfer-Schwert bestattet, dessen Metall bereits mit Arsen gehärtet war; d.h. wir befinden uns schon am Beginn der Bronze-Zeit.

3. In Mesopotamien hatte die späte Halaf-Kultur bereits vor 4.500 v.Chr. das Chalkolithikum erreicht . (oben Ziff. 4 ). 

4. Ab 4.500 v. Chr. sind auch andere ost-europäische Kulturen ( Vinca, Tripolje-Cucuteni), die auf die Bandkeramiker folgen, chalkolithisch. In Mitteleuropa ist die metallurgische Kultur ab 4.300 v. Chr. nachgewiesen.

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Der Tatbestand, dass alle chalkolithischen FÜRSTEN oder HERREN nicht nur mit Gold und Kupfer-Schmuck, sondern mit Metall-Waffen , bestattet wurden , mag uns daran erinnern, dass die Überschichtungen von Boviden-Hirten über Kleinbauern des Modus II , nach 5.000 v. Chr., nicht immer friedlich abliefen. Wir hatten ja schon gesehen, dass auch die vor-chalkolithischen Bandkeramiker ihre ökonomischen Interessen mit brutaler kollektiver Gewalt durchsetzten, wenn sie auf Widerstand stiessen. (vgl. oben B. , Ziffer 7 ). Die blosse Drohung mit Gewalt mochte genügen, dass sich die durch und durch friedfertigen Kleinbauern des Modus II den mit ihren Hunden einwandernden , bewaffneten, "Stier-Bändigern" ängstlich fügten.

III. Die Rinderbauern von El UBAID

Ab 5.200 v. Chr. begründeten nach Mesopotamien eingewanderte Rinder- HIRTEN auch die El UBAID- Kultur. (Mellaart, S. 176, 237: kalibriert 5.200 v. Chr. , unkalibriert 4.500 v. Chr ). Es gibt Hinweise, dass diese Bovidenzüchter aus dem Osten kamen, d.h. aus iranischen Regionen; denn sie sind gekennzeichnet durch starke Einflüsse der ELAM- Kultur. ( Mellaart, S.178).

Auch diese ubaidianischen Rinderbauern sind (wie die Bandkeramiker und die Begründer der Naqada-Kultur und des Pharaonen-Reiches) - sogen. "Grazile Mediterrane" , die ja in Catal Höyük nur eine Minderheit waren. Sie waren "Südwest-Asiaten" ( wie ja auch die "Afro-Asiaten", die aus Asien nach Nordafrika eingewandert waren) , und S.N. Kramer hält die Ubaidianer auch für Angehörige der hamito-semitischen Sprachfamilie.

Diese ubaidianischen Rinderbauern, die Vorläufer der Sumerer, sind deshalb von so grosser historischer Bedeutung, weil sie als erste TEMPEL-STÄDTE erbauten (Mellaart, S. 176,, 178), was ja ein hohes Maß an gesellschaftlicher Arbeitsteilung voraussetzt. Die Grösse dieser TEMPEL nahm im Laufe der Zeit zu , und zu Beginn des Chalkolithikums hatten sie bereits eine Grösse von 20 Metern mal 12 Metern erreicht und waren ausgestattet mit einem Opfertisch (Mellaart, S. 179). 

Es ist demnach erwiesen: Die Rinderbauern der Ubaid-Kultur waren bereits in der Lage, den Bau imposanter Tempel-Städte zu planen, die Realisation zu organisieren und solche urbanen Zentren zu verwalten. Es gab auch hier eine Oberschicht, welche die HERRSCHAFT, ausübte. Wir stehen plötzlich vor dem Phänomen einer urbanen hierarchischen Gesellschaft, die gekennzeichnet ist, durch eine hochspezialisierte soziale Arbeitsteilung und eine bürokratische Stadt-Verwaltung, die u.a. Stempelsiegel und Zählmarken einführte. 

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Auch waren die neuen rinderbäuerlchen Herren, dank ihrer Planung und Befehlsgewalt, fähig, ein sehr komplexes und technisch durchdachtes Feld-Bewässerungs-System zu realisieren und zu kontrollieren, was ihnen einen Zuwachs an Wohlstand und Macht einbrachte. 

In der Fachliteratur werden Ursache und Wirkung dieser Koinzidenz oft verwechselt , so das ich dies klassische "hysteron proteron" korrigieren muss: Es ist nicht die straffe Organisation der Wasser-Wirtschaft , die ursächlich zur Entstehung von Herrschaft führt, sondern es ist umgekehrt: Herrschaft ist die Voraussetzung für die Planung, Organisation und Kontrolle einer solchen komplexen Wasser-Bewirtschaftung mit arbeitsintensivem Kanalbau wie auch für die Metallurgie.

Im ubaidianischen Chalkolithikum , d.h spätestens ab 4.500 v. Chr. , förderten die mesopotamischen Stadt-Herren die aufblühende Kupfer- und später die Bronze-Metallurgie mit besonderer Intensität. Sie organisierten die Arbeitskräfte für den Kupferbergbau. Ferner bedurfte es der urbanen Spezialisten, die fähig waren, die herkömmlichen Keramik- Brennöfen fachgerecht so zu verbessern, dass sie Temperaturen von 1.200 Grad erreichen konnten. 

Das Kennzeichen dieser urbanen hierarchischen "Zivilisation" ist also die ausgeprägte gesellschaftliche Arbeitsteilung: Neben Knechten und Mägden , die den Rinderbauern als billige Hilfskräfte dienten, entwickelten sich , infolge der Nachfrage, Handwerker, vor allem Spezialisten für Haus- , Palast-und Tempel-Bau, für Metallurgie, Holzverarbeitung und Wagenbau, Keramik und Textilverarbeitung usw. Schliesslich war es in jenen Städten der Ubaid-Kultur, in denen spezialisierte Handwerker um 4.500 v. Chr. auch das RAD entwickelten und den traditionellen Landschlitten der Rinderhirten zum Ochsen- KARREN umbauten , sowie die traditionelle Zieh-Hacke durch die Erfindung des PFLUGES überflüssig machten..

Diese bahnbrechenden Erfindungen der Rinderbauern sollten nicht nur den traditionellen Ackerbau revolutionieren, sondern das gesamte traditionelle Wirtschaftssystem, das ja auf geschlechtsspezifischer kollektiver Arbeitsteilung beruhte, aus den Angeln heben.

Es gilt festzuhalten: Schon ein Jahrtausend , bevor die SUMERER als kriegerische Eroberer die ubaidianischen Städte unter ihre Herrschaft brachten, hatten die Rinderbauern El Ubaids die "führende und wirklich urbane Zivilisation Mesopotamiens" hervor gebracht. (Mellaart, S. 179): Es waren diese Rinderbauern, die Städte wie Eridu, Nippur, Uruk, und Ur gründeten. Sie gaben den Städten diese Namen, die später von den Sumerern beibehalten wurden. Bemerkenswert ist auch, dass die Tempel-Städte der Ubaid-Kultur noch nicht befestigt waren. Auch deshalb hatten die Sumerer später leichtes Spiel. 

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Dies mesopotamische Beispiel der Gründung hierarchisch-herrschaftlicher Stadt-Staaten mit einer reichen Oberschicht kann uns zeigen, welche Voraussetzungen gegeben sein mussten, damit sich eine solche wegweisende Siedlungsform und Abschaffung der traditionellen Egalität durchsetzen konnte.

Überlegen wir, wie und warum es zu einem solchen Übergewicht und zur Herrschaft der aus dem Osten eingewanderten Rinder-Hirten kommen konnte.

1. Hirten ( Modus III) überschichten Kleinbauern (Modus II).

Von entscheidender Bedeutung ist die Tatsache, dass jene Rinder-Hirten (Bauern) , die von Osten her nach Mesopotamien eindrangen, dort nicht (wie die Bandkeramiker in Europa) auf Wildbeuter stiessen, sondern die Einheimischen waren Kleinbauern des Modus II, die bescheiden lebten vom Hack-Ackerbau und die einige Caproviden, d.h. Schafe und Ziegen, als Haus-Tiere hielten, aber noch nicht als Herden-Tiere.

In dieser Wirtschaftsorganisation, in der die Männer regelmässig noch weiter auf die (Gazellen)-Jagd gingen und die Ackerbau treibenden Frauen zugleich gemeinschaftlich das wenige Kleinhornvieh als Haustiere bewirtschaften konnten , hatten die Arbeitsgemeinschaften der Frauen noch ihr, urgeschichtliches, ökonomisches Übergewicht bewahren können.

Ganz anders bei den Rinder-Hirten: Dort gewann die Hirtengemeinschaft der Männer ein so grosses ökonomisches Übergewicht, wie es zuvor in der Menschheitsgeschichte nie der Fall gewesen war. Die Männer hatten einen vierbeinigen Protein-Lieferanten ohnegleichen unter ihrer Kontrolle: Milchprodukte und Fleisch waren zur Ernährungsgrundlage geworden. Selbst bei den sesshaften Rinderbauern hatten die Agrarprodukte der Frauen nur noch den Rang eines Zubrots. Auch den Rohstoff für die Milchprodukte, die die Frauen herstellten, hatten sie den Männern zu verdanken; sie waren praktisch zu deren Handlangern geworden . 

Ans Teilen gewöhnt, hatten sie es offensichtlich versäumt, ( oder nicht durchsetzen können), zu fordern, an der ökonomischen Kontrolle über die Rinderherden angemessen beteiligt zu werden. . 

Hinzu kam, dass den STIER-MÄNNERN während der vorausgegangenen grossen Wanderungen, bei denen sie die Herde mit ihren Hunden und Geisseln trieben , eine Rolle zugefallen war, die sie zu einer hohen, existentiellen, Verantwortung erzog, womit sie eine besondere Planungs- und Entscheidungs-Fähigkeit entwickelten, die sogen. "Hirten-Rationalität". (vgl. A. Rüstow, "Ursprung der Herrschaft" , S. 46). 

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Da sich die einzelnen konsanguinealen Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaften für ihre Wanderungen zusammengeschlossen hatten zu Stämmen, ist es möglich, dass durch Konsens bereits eine Art männlicher Stammes-Führung eingerichtet wurde, um den Gefahren einer solchen Unternehmung besser begegnen zu können. Es ist ferner anzunehmen , dass die waffenfähigen und bewaffneten Hirten- Männer sich in der Weise organisiert hatten, dass sie jederzeit darauf vorbereitet waren, die Stammesgenossenschaft und ihre Herden koordiniert zu verteidigen. Dass sich hier einer der Hirtenmänner durch seine Erfahrung, seine Entscheidungs- und Führungsqualitäten und seinen Mut zur Vorstufe eines "Herzogs" entwickelte und als "Fürst", d.h. als "Erster" oder "Oberster" , in eine, zumindest temporäre, Führungsrolle hineinwuchs , ist sehr wahrscheinlich Auch müssen wir ja davon ausgehen, dass ihr kämpferisches Gewaltpotential so gross geworden war, dass sie nicht davor zurück schreckten, ihre ökonomischen Interessen mit kollektiver Gewalt durchzusetzen. (vgl. oben , A., Ziffer 7 - Talheim- und C , I , 1.2. -Naqada ).

2. Soziale Dominanz der reichen Rinderbauern. Herren und Knechte.

Überall dort, wo Rinder-Hirten oder -Bauern des Modus III Kleinbauern des Modus II - mehr oder weniger friedfertig- überschichten, erreichen sie eine erhebliche soziale Dominanz, und zwar durch ihren Reichtum , ihre Hirtenrationalität und ihre Kampfbereitschaft. Von ausschlaggebender Bedeutung aber ist, dass jene Überschichtungs-Situation zu einer ausgeprägten gesellschaftlichen ARBEITSTEILUNG führt. Die reichen Rinderbauern können es sich leisten, andere Menschen für sich arbeiten zu lassen, aus ihrem Überfluss Hilfskräfte zu entlohnen. Wie die Nachfrage, ist auch das Angebot da : Die Genossenschaften der einheimischen Kleinbauern, die jetzt -nach der neolithischen Abschaltung des Ovulationshemmungs-Gens - einen erheblichen Bevölkerungszuwachs erfahren, geraten dadurch in Schwierigkeiten, dass die besten Weide- und Anbauflächen von den dominnaten Rinderbauern in Anspruch genommen und besetzt worden sind.

Die Überschichtung zwingt deshalb eine zunehmende Zahl kleinbäuerlicher Abkömmlinge , sich als Knechte und Mägde bei den reichen Rinderbauern zu "ver-dingen". Die damit eingeführte gesellschaftliche Arbeitsteilung, bei der nicht mehr jede der Frauen und jeder der Männer dasselbe macht, wird ausgeweitet auf immer weitere Dienstleistungen: Auch um ihre urbanen Siedlungen zu errichten, benötigen die Rinderhirten die Hilfe einheimischer Arbeitskräfte.

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Auf diese Weise qualifizieren sich Handwerker, Spezialisten für Hausbau, Stein- und Holzverarbeitung, Keramikherstellung, Textilverarbeitung und vor allem Fachkräfte für Bewässerungsfeldbau und Metallurgie, die sich in den urbanen Zentren niederlassen und mit einander in Wettbewerb treten. Das von "Arbeitgebern" geplante und organisierte Bewässerungs-System kanalisiert zunächst den Regen-Feldbau , danach wird es ausgebaut zu einem komplexen System mit Fluss-Bewässerung. Die erforderlichen Erdarbeiten werden von den rekrutierten Arbeitnehmern ausgeführt, aber die Arbeitgeber üben selbstverständlich die Kontrolle über ihr Bewässerungssystem aus.

Es sind auch die urbanisierten Spezialisten , die im Auftrag der neuen Arbeitgeber die Metallurgie weiterentwickeln und im Auftrag ihrer neuen Herren den Bergbau und die Erzsuche durchführen und an der Verhüttung arbeiten.( vgl. oben II. Chalkolithikum).

Um 4.500 v. Chr. wird von Ubaid-Handwerkern der vom Ochsengespann gezogene PFLUG erfunden und spätestens 3.600 v. Chr. auch die Töpferscheibe und das RAD , womit die Spezialisten jetzt den traditionellen Landschlitten zum KARREN umbauen können. 

Mit der Erfindung der Töpferscheibe wurde nun auch die Keramikherstellung zu gewerblichen Zwecken ausgebaut. Jetzt, wo Keramik nicht nur für den Eigenbedarf hergestellt, sondern als Ware und Handelsgut quasi-industriell , in Manufakturen, produziert wurde, scheinen sich männliche Handwerksspezialisten diese traditionelle Frauenarbeit angeeignet zu haben; denn es waren ja die Männer, die zur Metallverhüttung die Brennöfen umgerüstet und unter ihrer Kontrolle hatten.

Die STÄDTE wachsen schnell: Eridu, als erste, hatte 4.000 Einwohner und es wurden immer mehr . Die Zahl der Bewohner ohne eigenes Land und Vieh stieg beständig , und sie konnten nur ihre Arbeitskraft verkaufen, eine Neuerung, die die bisherige Sozialstruktur revolutionierte: Der Wechsel von der urgeschichtlichen geschlechtsspezifisch-kollektiven zu einer individuell- sozialen Arbeitsteilung bedeutete, dass jetzt immer mehr Menschen ihren Lebensunterhalt "auf eigene Faust" verdienen mussten, und damit wurden sie aus ihrer traditionellen konsanguinealen Wirtschaftsgemeinschaft herausgelöst. Die Folge der Individualisierung : Die matrilineare Blutsfamilie verlor ihre Funktion als Wirtschaftsgemeinschaft, als ökonomische Einheit, und schrumpfte auf einen reinen Verwandtschaftsverband.

Aber nicht nur bei den einheimischen Kleinbauern, von denen die meisten absanken zur Unterschicht von Tagelöhnern, Knechten und Mägden, oder die als Handwerker arbeiteten , änderten sich die sozialen Strukturen, sondern auch bei den , die Oberschicht bildenden, bei den Rinderbauern .

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3. Der Ochsenpflug " setzt die Frauen frei " .

Nachdem um 4.500 v. Chr. ubaidianische Handwerker aus der traditionellen Zieh-Hacke den von einem Ochsengespann gezogenen PFLUG erfunden hatten, führte dies nicht nur zur Erhöhung der Produktivität , sondern auch zu einer fundamentalen gesellschaftlichen Veränderung: Da das Rinder-Treiben und der Umgang mit Stieren und deren Kastration zu Ochsen von Anbeginn Männersache war , wird der Ochsen-Pflug vom Hirten-Mann geführt , wenn er die Arbeit nicht seinen Knecht tun lässt. Eine völlig neue Situation : Ein einziger Mann kann mit dem Ochsenpflug ein grösseres Feld beackern, als es die Arbeitsgemeinschaft der Frauen mit ihren Ziehhacken je konnten . Und einige Jahrhunderte später können die immer reicher werdenden Ernten mit dem Ochsen-Karren, den der Mann sich ebenfalls nicht aus der Hand nehmen lässt, eingefahren werden.

Infolge dieser Neuerungen konnten die Rinderbauern jetzt die Frauen ihrer Lebensgemeinschaft von der körperlich schweren Ackerarbeit "befreien"; eine Befreiung, die sich im weiteren Verlauf der Geschichte für die meisten Frauen verhängnisvoll auswirken wird. 

Durch den Verlust ihrer Gemeinschaftsarbeit in der Agrikultur sind es fortan nicht mehr die Frauen, die für die Feldfrüchte, vor allem für den Getreideanbau sorgen, und dadurch ist die Urproduktion der Nahrungsmittel nahezu vollständig in Männer-Hand übergegangen. Selbst dann, wenn die Frauen noch das Melken, die Herstellung der Milchprodukte, das Getreidemahlen und Brotbacken besorgen, so sind sie nur die Verarbeiter , die Männer hingegen die Produzenten aller Grundnahrungsmittel. Diese wirtschaftliche Dominanz bietet den Männern erstmals in der Menschheitsgeschichte die Gelegenheit, sich selbst aus den archaischen Banden und Bindungen der urgeschichtlichen Blutsfamilie zu befreien.

Es erscheint offensichtlich, dass, unter diesen neuen ökonomischen Bedingungen, die Frauen entweder nicht daran dachten, angemessen an der Kontrolle der neuen Produktionsmittel beteiligt zu werden, oder dass sie eine solche Forderung gegen ihre Brüder nicht durchsetzen konnten. Ich halte Letzteres für wahrscheinlicher, wie die folgenden Ausführungen zeigen werden.

4. Privatisierung des Gemeinschafts-Eigentums und die Zersetzung der 

 Blutsfamilie als Wirtschaftsgemeinschaft

Schon die Sesshaftigkeit in Städten schwächt die Bedeutung der Blutsfamilie als Wirtschaftsgemeinschaft, weil die Angehörigen weniger auf einander angewiesen sind. Die Männer, die ja als Rinderhirten ihr Selbstwertgefühl gesteigert hatten, konnten sich jetzt aus den urgeschichtlichen Banden ihrer 

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Blutsfamilie befreien und können, unabhängig von ihren Brüdern, Mutter-Brüdern und sonstigen matrilinearen Blutsverwandten, selbständig ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen verfolgen. Die Gemeinschaft der Blutsfamilie brachte dem einzelnen keine wirtschaftlichen Vorteile mehr, wurde eher als Nachteil, als Fessel empfunden. Die Männer können jetzt den Reichtum ihrer Herde nutzen und das traditionelle Gemeinschafts-Eigentum ihrer Blutsfamilie privatisieren, d.h. die Rinderherde unter einander aufteilen. Jeder Hirten-Mann kann jetzt , mithilfe von Knechten, die auf ihn entfallene Teil-Herde auf eigene Rechnung bewirtschaften.

Sobald sich die mit einander verwandten Männer einer matrilinearen Blutsfamilie, d.h. Brüder, Mutterbruder und Neffe, Vettern usw. einigen, das Vieh der Hirten-Gemeinschaft zu privatisieren, steht dem Entschluss nichts mehr im Wege; denn seine Mutter oder Schwestern werden ihn kaum daran hindern können. Jeder Mann kann mit seinen Knechten und Mägden, die sich jeder der reichen Rinderbauern leisten kann., als neue Wirtschaftseinheit seine Privat-Wirtschaft begründen. Es stellt sich das neue erhabene Gefühl ein, andere Menschen für sich arbeiten zu lassen und ihnen Befehle erteilen zu können. Die urbane arbeitsteilige Gesellschaft bringt etwas ganz Neues:: 

Es gibt Reiche und Arme, Herren und Knechte.

Hier liegen die historischen Wurzeln der Sehnsucht nach Reichtum, der etwa drei Jahrtausende später in der Bibel seine Heiligung erfährt und als Lohn für die Gottes- Furcht beschrieben wird. Über ABRAHAM heisst es:

"Und er hatte Schafe, Rinder, Esel, Knechte und Mägde, Eselinnen und Kamele".( Genesis, 12;16).

Über JAKOB:

"Daher ward der Mann über die Maßen reich, dass er viele Schafe, Mägde und Knechte, Kamele und Eselinnen hatte." (Genesis, 30;43).

5. Privateigentum, Paarungsfamilie, Patrilokalität, Patrilinearität.

Als Privateigentümer von Haus und Hof, mit eigener Rinderherde und vielen Knechten und Mägden kann fortan jeder einzelne Hirtenmann seine "Hauswirtschaft" oder "Haushalt" betreiben, eine Privatwirtschaftsform, die die Griechen später oikos und die Römer familia nennen werden.

Ein solch selbständiger und wirtschaftlich unabhängiger Mann muss zwar weiterhin die Exogamie-Regeln beachten, aber da er für seinen privaten Wirtschaftsbetrieb auch eine Frau braucht, wird er sich die Freiheit nehmen, eine Frau seiner Wahl "heim zu führen" als "seine" Frau in sein Haus . Der Mann muss sich nicht mehr als zeitweiliger Sexualpartner in das 

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Haus seiner Partnerin begeben, denn er ist jetzt selbst Herr des Hauses und kann nunmehr die Patrilokalität , oder genauer, die Virilokalität , durchsetzen. Lag das Verfügungsrecht vorher bei der Frau, so liegt es jetzt beim Mann.

Sobald die Blutsfamilie ihre Funktion als Lebens- und Wirtschafts-Gemeinschaft eingebüßt hat, weil die agrarische Frauen-Arbeitsgemeinschaft ihr produktives Tätigkeitsfeld durch den Pflug verloren und der Mann sich als Hofeigentümer selbständig gemacht hat, ist die Frau wirtschaftlich so geschwächt, dass sie froh ist, von einem reichen Rinderbauern "heimgeführt" zu werden. Mit der neuen Viri- oder Patrilokalität kann der Mann jetzt auch die Paarungsfamilie durchsetzen, die ihm ja ganz besonders am Herzen liegt: Um seiner Vaterschaft sicher zu sein, muss der Mann die Frau, die Mutter "seiner" Kinder werden soll, in seinem Haus, oder Palast, "domestizieren", d.h. beständig unter seiner Kontrolle halten. Es ist deshalb allein das Interesse des Mannes, "seine" Frau in einer monogamen EHE und Paarungsfamilie zu isolieren.

Die der Virilokalität entsprechende Paarungsfamilie kann von den Rinderbauern leicht institutionalisiert werden, weil durch deren bilinearen Fruchtbarkeits-Kult die Heilige Hochzeit der Götter, durch die ja die Sexualität des Mannes bereits geheiligt und die Bedeutung des Mannes als "Befruchter" rituell herausgestellt worden war, nur noch übertragen werden muss auf das Paar menschlicher Sexualpartner. Es wird , um es salopp zu sagen, die von den kollektiven Lebensgemeinschaften zelebrierte symbolische Hochzeit der Göttin mit dem Fruchtbarkeits-Gott einfach privatisiert. Im Interesse des Mannes wird dies Fruchtbarkeitsriutal nunmehr als irdischer EHE-Kult, besiegelt durch Heirat und Hochzeit, sozial institutionalisiert. 

Mit der neuen Institution der Paarungsfamilie verlieren die Blutsfamilien-Bande an Bedeutung. Aber jeder Hofbesitzer wird sicherlich seine Mutter, seine matrilinearen Schwestern und deren Kinder in seine Hauswirtschaft aufnehmen , sofern sie nicht unter dem Dach eines anderen Hofbesitzers als Ehefrauen Zuflucht finden.

Ein reicher Rinderbauer, der sich sein eigenes Haus oder sogar einen Palast in der Stadt hatte bauen lassen und einen grossen Hof sein eigen nennt, wird der erste sein, der so sehr an seinem Reichtum hängt, dass er vermeiden möchte, dass sein Vermögen (und seine Machtpositionen) nach seinem Tode an die Angehörigen seiner Blutsfamilie zurückfällt, von deren Mitspracherecht er sich ja gerade durch die Privatisierung befreit hatte. Er wird nicht mehr für seine Geschwister, seine Schwestern und deren Kinder, sein Vermögen vermehren wollen, sondern den Wunsch haben, seinen Wohlstand den eigenen Abkömmlingen zu vererben. 

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Dass die von ihm heimgeführte Frau den gleichen Wunsch hat , dass ihr Sohn und nicht des Mannes Schwestern-Sohn der Erbe ist, erscheint klar. Das alte kollaterale Erbrecht wird deshalb ersetzt durch das "Erbrecht nach Stämmen", wie es ja im berühmten " Mythos vom Thronfolgeprozess zwischen Horus und Seth" von den Mythographen eindringlich als Entscheidung der Götter beschrieben wird. Nach dem kollateralen Erbrecht hätte Seth den Thron seines Bruders Osiris geerbt, nach dem neuen Erbrecht nach Stämmen ist der Sohn des Osiris, Horus, der Erbe.

Welche Wahl blieb den durch den Ochsen- Pflug und -Karren von der Agrarproduktion freigesetzten Frauen, nachdem die Männer aus der gemeinsamen konsanguinealen Wirtschaftsgemeinschaft ausgeschieden waren? 

Die Frauen sind dadurch gezwungen, bei der Wahl ihrer Sexualpartner ökonomische Gesichtspunkte ins Kalkül zu ziehen: Gibt es einen Mann , den sie gefühlsmässig als Sexualpartner wählen würden, der zugleich in der Lage ist, wirtschaftlich optimal für "seine" Frau zu sorgen , und natürlich ist sie auch bestrebt, ihren Kindern ein schweres Arbeitsleben und Armut zu ersparen. Sie wird , schon um ihrer Kinder willen, deshalb meist geneigt sein, dem virilokalen Ruf eines reichen Rinderbauern zu folgen, auch wenn sie dafür emotionale und sexuelle Opfer bringen muss. 

Die urgeschichtliche Freiheit der Frauen, sich ihre Sexualpartner nach Belieben wählen und entlassen zu können, gehört damit der Vergangenheit an. 

Der reiche Rinderbauer hat zwar die von ihm geehelichte Frau von der Feldarbeit befreit, hat sich verpflichtet, sie zu versorgen, aber um welchen Preis ?

(a) Durch die virilokale Domestikation verliert die Frau ihren von der Gemeinschaft anerkannten Produktionsbeitrag, d.h. sie verliert ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit, weil ihre Arbeitskraft vom Ehe-Mann privatisiert wird.

(b) Sie wird herausgerissen aus ihrer Blutsfamilie und verliert dadurch deren Schutz gegen Übergriffe ihres Sexualpartners.

(c) Die Frau wird als "EHE-Frau " sexuell versklavt und verliert de facto ihre urgeschichtliche Freiheit der Wahl ihrer Sexualpartner. 

(d) Sie verliert das Verfügungsrecht über ihre Kinder, das vorher bei ihr und ihrer Blutsfamilie lag und das in der Paarungsfamilie auf den Mann übergeht. Wenn wir die Begriffe "Mutter-Recht" und "Vater-Recht" einschränken auf das Familienrecht , (auf das Sorge- und Verfügungsrecht), können wir sagen : In der urgeschichtlichen matrilinearen Blutsfamilie wurde das familienrechtliche Verwandtschaftsdenken bestimmt durch Mutter-Recht:

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In der Blutsfamilie hatte jede Mutter das Verfügungsrecht über ihre Kinder, und zwar völlig unabhängig davon, wer deren Erzeuger waren. Es gab kein Recht des "Vaters" und keinen Unterschied zwischen ehelichen und nicht-ehelichen Kindern.

In der ehelichen Paarungsfamilie setzt der Mann eine normative Inversion dieser Rechtslage durch: Das Vater-Recht . Jetzt hat der Vater, oder genauer der Ehe-Mann , der als Vater gilt (auch wenn er in Wahrheit nicht der Erzeuger ist), das volle Verfügungsrecht über die Kinder seiner Ehefrau. Die Mutter (und deren Blutsfamilie) sind rechtlos gestellt. Eine Frau, die ihre Kinder nicht verlieren wollte, hatte damit keine andere Wahl, als sich dem Willen ihres Ehemannes unterzuordnen. 

Eine tiefgreifende Änderung, die auf rein wirtschaftlichen Motiven beruht und die Frauen in höchstem Maße benachteiligt. Im Klartext: Solange Kinder eine Last und ohne wirtschaftlichen Nutzen waren (wie bei den Wildbeutern) , blieb das urgeschichtliche familienrechtliche "Mutterrecht" unangetastet und damit auch die sexuelle Freiheit der Frau. (Wenn ich vom "Mutterrecht" spreche, verstehe ich darunter etwas völlig anders als Bachofen mit seiner "Gynaikikratie" : vgl.meinen Essay 24 , S.487 ff.) 

Jetzt , bei den reich gewordenen Rinderbauern, in einer Wirtschaftsordnung, in der Kinder ein ökonomisch nützliches Investment geworden waren und von Kinder-Reichtum die Rede ist, setzt der Mann das "Vaterrecht" durch. 

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich rede nur vom Familienrecht. 

Im Erbrecht, Eherecht u.a. gilt weiter Bilinearität, d.h. sowohl Vater- als auch Mutterrecht: Ein Kind erbt auch von seiner Mutter, und ein Mann darf nicht seine matrilineare Schwester heiraten.

Die Patrilinearität, die ja immer nur in einem bilinearen Verwandtschafts- System vorkommt, wird in der Folgezeit von den Paarungsfamilien-Vätern übertragen auf die Blutsfamilien, die die Römer "gentes" nennen werden: Die urgeschichtliche matrilineare Blutsfamilie , "lineage" , wird -ebenfalls durch normative Inversion- umgewandelt zu einer unilinear-patrilinearen Blutsfamilie, wie es später die "gens" der Römer sein wird, in welcher die Blutsverwandtschaft allein vom Vater hergeleitet wird. Dass eine solch unilinear-patrilineare gens kein urgeschichtlicher Sozialverband sein kann, zeigt uns die Logik: Da nur Frauen Kinder zur Welt bringen können, war die Mutterschaft immer unübersehbar: Mater semper certa , wie die römischen Juristen formulierten, während selbst in Rom noch der Rechtssatz galt: Pater semper incertus. Es ist also ausgeschlossen, dass es jemals ein unilinear-patrilineares Verwandtschafts-SYSTEM hätte geben können, allein schon der Exogamie und des Eherechts wegen nicht.

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Nur innerhalb eines bilinearen Verwandtschaftssystems , wie dem römischen, konnte als Binnenstruktur ein Sozialverband , wie die patrilineare gens , konstituiert werden. (Einzelheiten in meinem *Essay, S. 346 ff.).

Fazit: Die traditionelle Sozialordnung von egalitär-konsanguinealen Lebens- und Wirtschafts-Gemeinschaften mit Gemeinschaftseigentum "zur gesamten Hand" wird, durch die veränderten sozio-ökonomischen Verhältnisse jener frühen Stadt-Kulturen , umgewandelt in urbane, hierarchische, Gesellschaften, in denen patriarchale Paarungsfamilien als Wirtschaftseinheiten mit Privateigentum die Funktion der Gemeinschaften übernehmen. Hier also liegen die Wurzeln unserer heutigen sozialen Verfassung.

6. Plutokratische Oligarchie 

6.1. Sesshaftigkeit und Reichtum mit Knechten und Mägden hatten den Rinderbauern die Privatisierung der Gemeinschafts-Herden ermöglicht , und die Männer konnten ihre neue ökonomische Vormachtstellung gegenüber den Frauen nutzen, und sich aus den traditionellen Bindungen ihrer Blutsfamilien befreien und eine Paarungsfamilie unter ihrer Dominanz durchsetzen. Ein Mann der Oberschicht hatte jetzt zum ersten Male "seine" Kinder, und die Kinder hatten nicht nur eine Mutter und einen Mutterbruder, sondern auch einen Vater. Einer solchen Paarungsfamilie zu entstammen, war also zunächst ein Privileg der reichen Oberschicht. Es waren die Aristokraten , "die Vater und Mutter hatten" . Nicht von ungefähr nannten sich so die Angehörigen des MAYA-Adels (s. oben B. Ziffer 6.7. ), weil ja in den Unterschichten viel länger das urgeschichtlche Verwandtschaftsdenken nachwirkte, und die Menschen nur eine Mutter hatten. Da es beim überschichteten einfachen Volk nichts zu vererben gab, blieb die Rolle des Vaters dort länger sozial unerheblich.

6.2. Die Privatisierung der Herden hatte die Männer derselben Hirtengemeinschaft wohl zu gleichen Teilen mit Rindern versorgt, aber da die vielen verschiedenen, einander blutsfremden , Hirtengemeinschaften, die sich am gleichen Ort in Mesopotamien angesiedelt hatten, über verschieden grosse Herden verfügten, war schon bei den Startbedingungen der Privatisierung unter den einzelnen Rinderbauern Ungleichheit gegeben.

Natürlich sind auch die Talente zur Viehzucht, die individuelle Intelligenz und das persönliche Glück der nunmehr "Selbständigen" nicht egalitär verteilt. 

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So ist es unvermeidlich, dass sich einige der Rinderbauern nicht nur, wie es jedem von ihnen möglich war, ein eigenes Haus in der Stadt bauen lassen konnten, sondern ein "Grosses Haus", d.h. einen Palast . Diese "Superreichen" waren die grossen "Arbeitgeber", investierten in die Metallurgie und das Bewässerungssystem, das ihnen wichtige Kontrollrechte verschaffte. Die ökonomisch Erfolg- Reichsten der reichen Herren konnten bereits in der Ubaid-Kultur die Tagesgeschäfte einem "Gross-Knecht", d.h. einem tüchtigen Verwalter anvertrauen und gewannen dadurch ausreichend Zeit, sich nur noch auf die Planung und Kontrolle ihrer Vermögens-Vermehrung zu konzentrieren. Diese plutokratischen Aristokraten können sich der Stadt-Politik widmen, gehen Koalitionen mit einander ein, um die politischen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass ihre oligarchische politische Führungsrolle, die zugleich der weiteren Reichtumsvermehrung dient, institutionalisiert wird. 

Die oligarchische Aristokratie einer ubaidianischen Stadt wird sich in politischen Koalitionen organisieren, um die Herrschaft effektiver ausüben zu können. Da die führenden Männer mit grosser Wahrscheinlich aus verschiedenen Blutsfamilien stammen , ist auch damit zu rechnen, dass jene Aristokraten, die Angehörige derselben Blutsfamilie sind , sich in "Gentil-Verbänden" zusammenschliessen und ihre speziellen gemeinsamen polit-ökonomischen Interessen , auf der Basis der Verwandtschaft, von einen "Gentilvorstand" vertreten lassen. Da alle Aristokraten aber der gleichen Stadt zugehören, werden sie einen der aristokratischen Gentilvorstände mit dem Amt des städtischen Fürsten beauftragen , der den übrigen Bewohnern gegenüber die Interessen der plutokratischen Oberschicht durchsetzen und absichern kann . Häufig wird sich für ein solches Amt der "Reichste" qualifizieren. 

Wie uns die archäologischen Belege beweisen, lässt diese chalkolithische Aristokratie, die ja neben der Wasser-Wirtschaft auch die Metallurgie und den Fernhandel kontrolliert, sich nicht nur Paläste in der Stadt bauen, um sich als Herren-Schicht deutlich abzuheben, sondern auch Tempel.

Dort wird als politische Theologie auch verkündet, dass es der Wille der Götter sei , dass es auf Erden Herren und Knechte gäbe, und die überschichteten unteren Volksschichten den von den Göttern berufenen Hirten Gehorsam schuldeten, gerade so , wie auch die Götter die Menschen zu dem Zweck geschaffen hätten, ihnen zu gehorchen und zu Diensten zu sein. Wie uns der -später durch die Sumerer schriftlich überlieferte- "Mythos von Emesh und Enten " , zeigt, lautet die Botschaft des Tempels: 

"Die Götter haben entschieden, dass der Hirte der Herr des Ackerbauern sei".

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Die herrschende Elite wird also ihren "Obersten", den "Ersten" , nicht nur zum Fürsten, (the first) sondern auch zum obersten Priester wählen , weil ja die Herrschaft von den Göttern gewollt ist . Wenn Herrschaft und Heil himmlischer Natur sind, dann ist der Fürst natürlich auch den Göttern der Nächste und bei den Göttern "Der Erste" . Diese Logik erfordert das, was wir den "Priester-Fürsten", das Priesterfürstentum nennen.

Es versteht sich , dass hier nicht etwa, wie Naive meist annehmen , ein Priester zu Fürsten aufsteigt, sondern der Fürst besetzt in Personalunion auch die Position des Oberpriesters ; denn niemand kann den Göttern näher sein , als er.

Der Ursprung der Herrschaft zeigt sich in diesen Rinderbauern-Kulturen: Nachdem die biologische egalitäre Selbstorganisation in Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaften auf der Basis von Blutsfamilien ihre ökonomische Funktion verloren hatte und zunehmend zerfiel, wurde jene bio- soziale Organisation ersetzt durch eine territoriale gesellschaftliche Organisation "VON OBEN" , d.h. durch die Elite der plutokratischen Oligarchie. 

Aber der TEMPEL hatte nicht nur eine theologische, sondern auch eine irdische Funktion; denn er war aus dem Nahrungsmittel-Speicher hervor gegangen.

7. Die Tempel-Wirtschaft

Es ist sicher, dass die Sumerer, bei denen eine bedeutende Tempelwirtschaft nachgewiesen ist, nicht die Erfinder dieses Systems waren, sondern, dass sie die Tempelwirtschaft bereits in den von ihnen eroberten Städten Ubaids vorfanden. Das können wir daraus schliessen, dass noch das babylonische Gilgamesh-Epos uns Hinweise gibt, dass dieser Uruk-König bereits um 2.700 v. Chr. -wenn auch vergeblich- versuchte, den Tempel seiner ökonomischen Funktion (die ja politische Macht verlieh) zu berauben und das produktive Grund- und Vieh-Vermögen zugunsten der Krone zu enteignen. Aber erst 300 Jahre später gelang es dem sumerischen König Lugalanda, 2.300 v. Chr, den Tempel von Lagasch zu seinen Gunsten zu enteignen.(Vgl. im einzelnen meinen *Essay, S. 483 ff.). Die Tempel, die ja hervorgegangen waren aus dem Vorratsspeicher der vormaligen konsanguinealen Wirtschafts-Gemeinschaften, waren also in der urbanen Ubaid-Kultur, auch unter den veränderten sozialen Strukturen, ein gewichtiger Wirtschaftsfaktor geworden.

Untersuchen wir die interessante Frage: 

Warum war die Tempelwirtschaft den sumerischen Königen ein Dorn im Fleisch ?

Die Erklärung ist darin zu sehen, dass die Tempel in sumerischer, ja sogar bis in akkadische , Zeit verwaltet und kontrolliert wurden von einer weiblichen Elite

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Die Mutter des Königs Gilgamesch, Nin.Sun , war, der Legende nach, die Nin.Dingir, die Hohepriesterin, des Inanna-Tempels in Uruk. Sie herrschte auch über die Tempelwirtschaft, dessen Grossgrundbesitz, Herden, Olivenöl-Produktion, Bierbrauerei etc. und befehligte hunderte von Arbeitskräften. Neben dieser wirtschaftlichen Macht im Stadtstaat war sie es, die als Nin.Dingir des Inanna-tempels jeden sumerischen König durch die Heilige Hochzeit mit Inanna theologisch legitimierte. So auch ihren eigenen Ehemann, König Lugalbanda von Uruk, den Nachfolger des Königs En.Merkar. Diese theologische Legitimation ändert indessen nichts an der Tatsache, dass Lugalbanda König aus eigenem Recht war .

Zwei Jahrhunderte später wurden im Tempel von Lagasch , nach Angaben schriftlicher Buchhaltungsquellen, 1.200 Arbeitskräfte im Wirtschaftsbetrieb beschäftigt, häufig "Fremdarbeiter aus den Bergregionen".

Das Besondere in den hierarchischen chalkolithischen Rinderbauern-Kulturen ist darin zu sehen, dass die aristokratischen Frauen durch die neue Paarungsfamilien- Struktur zunächst noch nicht völlig rechtlos gestellt wurden, sondern die Damen des Adels konnten sich, in jener patriarchalen Anfangszeit , einen Teil der ökonomischen Bedeutung der urgeschichtlichen Frauen bewahren als "HERRINNEN" des TEMPELS. Sie waren es ja zudem , die als PRIESTERINNEN den Kult der Grossen Göttin (Inanna, später Ishtar) zelebrierten , das politisch so bedeutsame Ritual der "Heiligen Hochzeit", durch das jeder priester-fürstliche Stadt-HERR seine Herrschaft durch die Göttin legitimieren liess ; und das hiess in der politischen Realität : durch den Tempel.

Der in Sumer dominante Tempel der INANNA wurde von einer Hohepriesterin , NIN.DINGIR, verwaltet, die oft in Personalunion auch die LUKUR war, jene Inanna-Priesterin, mit der ein sumerischer König, als Stellvertreterin der Göttin , sexuell die Heilige Hochzeit vollzog, die seinem Königtum die Legitimation durch die Grosse Göttin verschaffte. Zumeist war es die Ehefrau des Königs, die Königin, die das Amt der LUKUR innehatte , auch dann, wenn sie nicht die NIN.DINGIR war. Die sumerischen Schriften aus der Frühzeit belegen, dass die höchsten Tempel- und Priester-Ämter ausschliesslich von Frauen besetzt wurden; denn von einem männlichen Hohepriester ist nirgendwo die Rede. 

Selbst der akkadische Streitwagen-General, der als König SARGON um 2.300 v. Chr. alle sumerischen Stadtstaaten eroberte und sie seinem "Reich von Sumer und Akkad" einverleibte, liess das Königtum legitimieren durch die Heilige Hochzeit mit der semitischen Inanna-Nachfolgerin ISHTAR . 

Auch ein patriarchalischer Equiden-Krieger und Militarist wie Sargon konnte noch nicht umhin, eine Frau als Hohepriesterin an die Spitze des gesamten Tempelwesens seines Reiches zu berufen. Er übertrug das Amt seiner 

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Tochter EN.KHEDUANNA. Als Hohepriesterin des Inanna-Tempels in Uruk übte sie zugleich die pontifikale Oberhoheit über alle Inanna-Tempel aus, die es in jeder Stadt gab, und spätestens ab 2.250 v.. Chr. auch über das gesamte Tempelwesen des Reiches. Sie war damit Inhaberin eines königlichen Amtes.

Auch der Enkel Sargons, König Naram Sin, übertrug die Tempel-Oberherrschaft in seinem "Reich der vier Weltgegenden" seiner Tochter EN.MENANNA. 

Auch wenn die politisch, wie ökonomisch mächtige Hohepriesterin in den meisten Fällen die Ehefrau oder Tochter des Stadt-Königs war, so dass de facto der König die Kontrolle über den Tempel-Reichtum ausübte, so blieben diesen aristokratischen Priesterinnen doch grosse politische Mitwirkungsrechte und durch die Tempel-Wirtschaft auch ökonomische Unabhängigkeit erhalten: Die Ernten, die auf dem , von Knechten gepflügten, beackerten und abgeernteten Grossgrundbesitz produziert und im Tempel auf Vorrat gehalten wurden, die Öl- und Bier-Poduktion, die Milch- und Fleischprodukte der Herdenbewirtschaftung, all dieser Reichtum blieb unter der Kontrolle und Verfügungsmacht der Tempel-Hierarchie, wenn auch in Absprache mit dem König. Bei Bedarf konnte der Tempel als eine Art "Sozialamt" Güter auch an Bedürftige verteilen, d.h. der Tempel blieb , ein halb-öffentlicher , noch nicht privatisierter , Sektor , ein Relikt des vormaligen Gemeinschafts-Eigentums; ein "Ministerium" für Religion , Soziales, Gesundheit und Kultur.

Wie ist es zu erklären, dass zumindest den Frauen der aristokratischen Oberschicht noch solche Machtbefugnisse verblieben, dass sie der Domestikation, der Isolierung , Einkerkerung und Privatisierung als "Haus-Frau" entgingen und zunächst noch eine öffentliche Rolle behielten ?

Dies ist plausibel nur zu erklären mit der überragenden Bedeutung, die der urgeschichtlichen göttlichen Ur-Mutter bis in ubaidianische Zeit von den patriarchalen Herrschern nicht genommen werden konnte , wie ich im folgenden darlegen werde.

8. Die Grosse Göttin ist der Schutz der Frauen 

8.1. Erinnern wir uns : Die urgeschichtliche, paläolithische, Göttin der Wildbeuter war eine Göttin der ERDE. Eine UR-Mutter alles Lebens , des pflanzlichen. tierischen, menschlichen. Sie war die fürsorgliche, freigebige Nahrungsspenderin. Jene urgeschichtliche Göttin " herrscht" nicht , erdrückt die Menschen nicht durch ihre Übermacht; denn in den herrschaftsfreien Gemeinschaften gab es weder "Herrinnen" noch "Herren". 

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Diese Ur-Mutter wird deshalb nicht riesengross und erdrückend dargestellt, wie etwa die monumentalen Götterbilder des Pharaonen-Reiches.. Diese urgeschichtliche Göttin war nicht zum Fürchten , wie später der gestrenge VATER-GOTT. Die UR-MUTTER war es ja, die den Menschen, ihren Kindern, alles gab. Was sie zum Leben brauchten , kam ja offensichtlich aus dem SCHOSS DER ERDE : Pflanzen wie Tiere , und deshalb gaben die Menschen auch ihre Toten, zumindest deren Gebeine, der MUTTER ERDE zurück.

Dass es auch den paläolithischen Männern (noch) keine Schwierigkeiten bereitete, an eine fürsorgliche, freigebig Nahrung spendende Ur-Mutter zu glauben, ist psychohistorisch einleuchtend : Schliesslich hatte jeder paläolithische Mann am eigenen Leib eine nährende, fürsorgliche und Schutz gewährende Mutter erlebt, die ihren Sohn mindestens drei Jahre lang gestillt und bis zu seinem vierten Lebensjahr ausschliesslich für ihn gesorgt hatte. Diese, leicht nachvollziehbare, psychologische Erkenntnis macht uns zugleich folgendes deutlich:

Es setzt eine andauernde, penetrante, patriarchalisch-priesterliche Indoktrination der Menschen voraus, um ihnen eine Abwertung und Geringschätzung des weiblich-mütterlichen Prinzips, und damit der GÖTTIN, einzubläuen und an die Stelle der urgeschichtlichen Verehrung zu setzen.

8.2. Bei den Sumerern, die ab 3.300 v.Chr. die Ubaid-Kultur überlagerten, absorbierten und tradierten, ist in der dynastischen Frühzeit die "Göttin des HIMMELS und der ERDE ", INANNA, die Haupt-Gottheit; denn welche Gottheit kann höher stehen, als jene Göttin, die über den Himmel = "AN" , sowie die Erde = "KI" , und somit über das AN.KI , das "ALL" , gebietet . 

Dies ist auch der Grund dafür , dass jene "Göttin des Grossen OBEN " zugleich die "Göttin des Zepters und der Krone" ist, und ein sumerischer Stadt-HERR (EN.SI) oder Stadt-KÖNIG (LU.GAL) die göttliche Legitimation seiner Herrschaft nur durch das Ritual der "Heiligen Hochzeit" mit INANNA herbeiführen konnte. Nur INANNA hat in allen sumerischen Städten ihren Tempel, das E.ANNA, während selbst der sumerische Wind- und Wetter- Gott EN.LIL nur in Nippur, als STADT-Gott , einen Tempel hatte , und EN.KI, der Gott des Süsswassers und -so ein späterer Mythos- der von Enlil eingesetzter Himmelsgott "AN", oder "ANU ", in der dynastischen Frühzeit,( d.h vor 2.700 v. Chr.), noch gar nicht in Erscheinung getreten waren.

(Einzelheiten in meinem *Essay, S. 398). 

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Während die männlichen Götter der Sumerer in den schriftlichen Quellen erstmals nach 2.700 v. Chr. erwähnt werden und archäologische Belege fehlen, ist INANNA bereits um 3.200 v. Chr, archäolgisch nachgewiesen: Auf der berühmten KULTVASE von URUK ( WARKA) steht Inanna im Zeremonialgewandt ganz OBEN , und nackte Männer bringen ihrer Göttin Opfergaben : Feldfrüchte, Erstlinge der Herden u.a. Auch der sterbende und wieder auferstehende Gott der Vegetation und männlichen Fruchtbarkeit, Inannas Liebhaber DUMUZI , legendärer König von Uruk, ist zwar König von INANNAS GNADEN , hat aber theologisch keine Bedeutung.

Auch diese Darstellung zeigt uns , dass in der Frühzeit Sumers die Männer ebenfalls noch keine Schwierigkeiten hatten, an eine grosse "Göttin des Himmels und der Erde" zu glauben und sie als Höchste zu verehren. Die Vorstellung einer "Göttin des ALLS" war im kulturellen Gedächtnis der Sumerer noch zu tief verankert, als dass patriarchalische Priester (z.B. des EN.LIL-Tempels) diese Vorstellung hätten mythographisch angreifen können. Sie waren dazu auch deshalb nicht in der Lage, weil die pontifikale Oberhoheit noch in der Hand der Frauen lag, wie wir oben (Ziffer 7 ) sahen. 

Der historische Grund ist uns bekannt: Die Sumerer waren ja selbst eine hierarchische Rinderbauern-Kultur , deren Männern es gerade gelungen war, auch den Onager zu domestizeren und diesen Wild-Esel um 3.500 v. Chr. vor ihre -aus dem Ochsenkarren entwickelten - Streitwagen zu spannen , um als chalkolithische Equiden-Krieger (Modus IV ) ihr Glück durch Eroberungen zu suchen. Sie waren deshalb mit der Bovidenkultur Ubaids bestens vertraut, auch mit der Spitzenposition einer Göttin. 

Folgerichtig stellten die Sumerer INANNA, die " Göttin des Grossen OBEN", regelmäßig auf einer BERG-Spitze stehend dar, also auf dem höchsten Punkt der Erde, wo Erde und Himmel sich vereinten. Sie ist daher auch eine BERG-Göttin, wie NIN.KHURSAG, ist das Bindeglied zwischen Erde und Himmel, die sie als EINHEIT verkörpert.

8.4. Die Vorstellung einer "GÖTTIN DES ALLS", des Himmels wie der Erde, blieb, das ist bemerkenswert, auch bei den semitischen Akkadern noch lange im kulturellen Gedächtnis: Als König Sargon , der 2.300 v. Chr. alle Stadtstaaten der Sumerer eroberte, ist für die Akkader ISHTAR (Inannas Nachfolgerin) immer noch die höchste Gottheit und führt den Titel " Starke Königin der Erd-Götter, Höchste unter den Himmels-Göttern" , und sie ist ebenfalls diejenige, die die Herrschaft der akkadischen Könige durch die Heilige Hochzeit legitimiert.

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Diese hohe Stellung erklärt die Tatsache, dass Sargon seiner Hoch-Göttin ISHTAR seine historischen Siege zuschrieb und nicht etwa einem männlichen Gott. Dies macht deutlich, dass es auch in Sargons "Reich von Sumer und Akkad," noch keinen männlichen Hoch-Gott gab, dem der König seine Siege verdanken mochte/konnte. Es gab also immer noch keinen männlichen Gott, der an die Bedeutung der ISHTAR heranreichte. Es wäre undenkbar gewesen, dass Sargon seine grandiosen Siege einem sterbenden und wieder auferstehenden Gott der Vegetation und der männlichen Fruchtbarkeit wie TAMMUZ (dem Nachfolger des sumerischen Dumuzi) zugeschrieben hätte. Dass ein König seine Siege einer niederen Gottheit verdankte und nicht der Höchsten, (wie Ishtar es war) , ist undenkbar und auch kulturhistorisch in keinem Fall überliefert. Somit ist eindeutig -auch wenn dies immer wieder geleugnet wird- , dass die beiden "Göttinnen des Himmels und der Erde" in der Frühzeit jeweils die göttliche Spitzenposition einnahmen. 

Wenn also selbst noch hochmilitarisierte patriarchalische Krieger-Gesellschaften der Grossen Göttin eine so hohe politische Bedeutung beliessen, können wir mit guten Gründen davon ausgehen, dass die sanfteren "Boviden-Herren"", die weniger martialisch-kriegerisch waren ,als die Equiden-Krieger, der Göttin , und damit den Frauen, noch ein grösseres Gewicht in öffentlichen , wie in privaten, Angelegenheiten überlassen mussten , oder wollten. 

Dass ausgerechnet unter den Sumerern und Akkadern, d.h. unter der Herrschaft jener beiden chalkolithisch-patriatchalischen Equiden-Krieger-Gesellschaften , der Kult einer Hoch-Göttin urplötzlich eingeführt worden wäre oder an Bedeutung gewonnen hätte, kann niemand, der historisch denkt, für möglich halten; denn in der post-akkadischen Geschichte Mesopotamiens wird uns ja vor Augen geführt, wie eine erstarkte patriarchalische Priesterschaft mit erschreckender Brutalität andere Saiten aufzieht und Rang und Bedeutung der weiblichen Gottheit fortschreitend herabsetzt: 

Der Bedeutungsverlust der Ishtar beginnt erst etwa 500 Jahre nach dem Ende des Sargonidenreichs unter dem babylonischen Amoriter-König HAMMURABI (ca. 1.700 v- Chr.) und erreicht seinen Höhepunkt 1.100 v. Chr. , zur Zeit des babylonischen Königs NEBUKADNEZAR I. , als babylonische Priester das Marduk-Schöpfungs-Epos Enuma Elish verfassen. Dort wird beschrieben, wie der babylonische Kriegsgott Marduk die "UR-MUTTER" und "MUTTER ALLER GÖTTER" , TIAMAT, erschlägt, schlachtet und ihren verfluchten Uterus demonstrativ zertrampelt. Es lohnt sich zu lesen, mit welcher Genugtuung die Priester diese Liquidation der Ur-Göttin ausmalen. Auch der babylonische Priester Sin leque Uninni, der zur gleichen Zeit das "Gilgamesh-Epos" verfasst, kann sich in der Herabwürdigung Ishtars nicht genugtun. (vgl. meine *Essays S. 398 ff. und 456 ff.)

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Da also bei den Sumerern bis mindestens 2.700 v. Chr. INANNA unangefochten als "Göttin des Himmels und der Erde" die Hochgottheit war , kann logischerweise nur angenommen werden, dass in der Ubaid-Kultur die Bedeutung der "Grossen Göttin" nicht geringer und mindestens eben so gross, wahrscheinlich aber grösser war.

8.5. Weibliche Himmels- Göttinnen , wie sie INANNA und ISHTAR , stellten allerdings für Rinderhirten-Nomaden, besonders, wenn diese auch Equiden-Züchter und -Krieger geworden waren, eine schwer erträgliche Herausforderung dar: Für nomadisierende Rinderhirten, aber auch für Rinderbauern, ist aus ökonomischen Planungsgründen das WETTER von besonderer Bedeutung . Rinder- und Equiden-Hirten-Kulturen entwickeln deshalb regelmässig die Vorstellung einer Wetter-Gottheit, und die Vorstellung eines männlichen Wind- , Sturm- , Donner-, Blitz- WETTER-Gottes, wie EN.LIL, den "Herrn des Windes". Ein Wettergott ist natürlich kein Erd-Gott, sondern ein Himmels-Gott; denn das Wetter kommt vom Himmel. Dieser himmlische Wettergott wird von den Sumerern schliesslich seinen rinderbäuerlichen Vorgänger, dem stierig-phallischen Fruchtbarkeits-Gott, übergeordnet . Mit der Überschichtung von Rinderbauern durch Hirten, mehr noch mit der gewaltsamen Überlagerung durch Equidenkrieger, wie die Sumerer es waren, stossen zwei Glaubenskulturen auf einander: INANNA war in Mesopotamien die ursprüngliche Himmels-Göttin, und der Glaube an eine Himmels-GÖTTIN ist deshalb auch anzunehmen in den vorangegangenen Tempel-Städten der UBAID-Kultur , wie wir sahen. 

Mit dem Einbruch der sumerischen Equidenkrieger beansprucht aber , verständlicherweise, auch deren Wettergott EN.LIL den Himmel; denn schliesslich ist er der Gott der Sieger. 

Allerdings liess sich eine solche Umbuchung nicht von heute auf morgen durchsetzen; es dauerte einige Jahrhunderte bis die patriarchalischen Sumerer Inanna mythographisch entmachten konnten: Auf welche Weise das Problem schliesslich von männlichen Enlil-Priestern in patriarchalischer Weise gelöst wurde, zeigt uns ein Mythos aus der Zeit nach 2.500 v. Chr. Wir lesen :

"Vater Enlil" "trennt Himmel und Erde." Das heisst im Klartext der Politischen Theologie : Das einheitliche Reich der "Göttin des Grossen Oben", der "Göttin des AN.KI", des "ALLS", wird INANNA genommen durch diesen sogen "Schöpfungs-Akt". Als solcher wird EN.LILs "Trennung von Himmel und Erde" nun den Gläubigen verkauft . Den einen Teil des AN.KI, die ERDE, sumerisch KI, behält Enlil zunächst selbst, unter seiner Herrschaft, (erst in einem späteren Mythos überträgt "Vater Enlil" die Erde seinem Sohn EN.KI, dem "Herrn der Erde"). Statt der alten mütterlichen Erd-Göttin Inanna, haben wir jetzt in Enlil einen patriarchalischen "Vater" als Erd-Gott.

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Aber das ist nicht alles: Denn die patriarchalischen Priester wollen Inanna selbstredend auch den Himmel nehmen. Diese Umbuchung lösen sie so: Als deus ex machina, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, wurde (nach 2.700 v. Chr.) ein zuvor nie erwähnter, neuer Gott erfunden, der einfach den Namen "HIMMEL" , sumerisch "AN" , erhielt, nicht etwa EN.AN , wie EN.LIL oder EN.KI , sondern schlicht "Himmel", ohne den göttlichen Titel EN , d.h. "HERR". Diesem neuen Gott nun , der ( so S.N. Kramer) erstmals 500 Jahre nach Inanna in Erscheinung tritt , erhält vom Hochgott EN.LIL den Himmel: AN ist also der neue Himmelsgott von Enlils Gnaden. Auf diese Weise behält de facto Enlil als "Lehens-Herr" auch den Himmel unter seiner Oberhoheit: Er bleibt während der gesamten historischen Zeit der Sumerer immer der HERR, in dessen Schatten dem neu erfundenen, recht unbedeutenden, Himmelsgott AN nur ein untergeordneter Platz zugewiesen wird. Erst in späterer , post-akkadischer , vor allem babylonischer, Zeit wird dieser neue Gott "AN/ANU" aufgewertet.

Dieser verräterische " Mythos" lässt uns erkennen, dass es den priesterlichen Mythographen vor allem auf die Entmachtung Inannas ankam. Nachdem die mythographierenden EN.LIL-Priester der Göttin Himmel und Erde genommen hatten , worauf sie 500 Jahre hatten warten müssen, blieb sie immer noch die "Göttin des Zepters und der Krone" und die "Göttin der Heiligen Hochzeit". 

Deshalb blieb den sumerischen Königen nichts anderes übrig, als ihr mit Waffengewalt errungenes Königtum theologisch durch den Inanna-Tempel legitimieren zu lassen. Politisch machte das keine Schwierigkeiten, weil die Könige ihre Ehefrauen, Töchter, Schwestern oder andere weibliche Verwandte der Aristokratie in diese Ämter hoben. 

Dennoch konnte IN.ANNAs Demontage fortgesetzt werden: Sie wurde in der , ständig wechselnden, Götter-Genealogie immer mehr herabgestuft, schliesslich bis zur Tochter des Stadt-Gottes von UR, des Mond-Gottes NANNA, womit sie dann zur Enkelin Enlils herabsank. Je mehr in der Folgezeit die Heilige Hochzeit zu einem nur theatralischen Ritual ohne politische Bedeutung abgewertet wurde , desto mehr wurden später, vor allem in babylonischer Zeit, die einstigen grossen Göttinnen des Himmels und der Erde , INANNA/ISHTAR, auf Sexualität reduziert, wie später die römische VENUS, und sie wurden schliesslich zur "femme fatale" herabgewürdigt, schlampige Göttinnen der Tempelprostitution.

 (Einzelheiten in meinem *Essay, S. 598 ff).

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Diese Schwierigkeiten, der mühevolle, Jahrhunderte andauernde mythographische Prozess und das stete Bemühen der patriarchalischen Priester, den Glauben an eine geheiligte Ur-Mutter auszurotten, macht deutlich, wie tief der urgeschichtliche Glaube und der damit verbundene Kult einer Mutter-Göttin im kulturellen Gedächtnis der Menschen verankert war. Es zeigt uns aber auch, mit welcher penetranten Hartnäckigkeit die patriarchalischen Priester über Jahrhunderte daran arbeiteten, den Menschen die Verachtung alles Weiblichen einzubläuen.

 8.6. In den hierarchischen urbanen Gesellschaften der chalkolithischen Bovidenkulturen hatten die Hirten-Männer also als neue Wirtschaftsgemeinschaft die Paarungsfamilie mit Privateigentum durchgesetzt, und damit "ihre" Ehefrauen ökonomisch und sozial domestiziert. Diese Domestikation der Frauen wurde durch eine private "Heilige Hochzeit" zeremoniell überhöht: Nachdem zuvor der Göttin (wie Inanna) ein göttlicher Befruchter (wie Dumuzi) mythographisch hinzugefügt worden und dieser neolithische Fruchtbarkeitskult als "Heilige Hochzeit der Götter" alljährlich zelebriert worden war, wurde daraus der neue EHE-KULT entwickelt. 

Auf diese Weise gelang es dem Hirten-Mann, der zur Sicherheit seiner Vaterschaft seine Frau aus dem öffentlichen Verkehr ziehen wollte, der (zumindest für die Frau) monogamen Paarungsfamilie den Nimbus des Göttlichen und der Heiligkeit zu verschaffen.

Grundsätzlich wurde den Frauen dadurch das urgeschichtliche Menschenrecht der freien Wahl ihres Sexualpartners genommen und Sexualität wurde auf verhängnisvolle Weise mit ökonomischem Denken verknüpft. Dieser kulturelle Wandel begann zu dieser Zeit ; aber die Benachteiligung und Geringschätzung der Frauen und alles Weiblichen hält sich in den frühen Bovidenkulturen noch in Grenzen:

Das frühe Patriarchat ist deshalb "sanft", weil die Fortdauer des Kultes einer Grossen Göttin den Frauen zunächst noch Schutz bot vor zu starker Erniedrigung. Das wird belegt durch die prominente Rolle, die aristokratische Frauen in der Tempelhierarchie bekleideten.

Da den Frauen der Oberschicht auch im patriarchalen Königtum noch ein, durch die Grosse Göttin abgesicherter , hoher öffentlicher , politischer und sozialer Rang erhalten blieb, strahlte dies aus auf die Frauen der unteren Schichten, zumindest soweit es das Verhältnis Mann/Frau betraf.

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In allen uns bekannten frühen hierarchischen , priesterfürstlichen , patriarchalen Bovidenkulturen blieb die kulturelle Bedeutung einer Grossen Mutter-Göttin anfangs noch erhalten, und daher behielt auch die gesellschaftliche und private Rolle und Selbständigkeit der Frauen noch einen prägenden Einfluss auf das Leben. Zwar gibt es keine Königin ohne König, denn das Königtum ist eine Erfindung des Patriarchats, aber die Königin behält als Tochter königlicher Eltern und vor allem mit ihren hohepriesterlichen Funktionen als Repräsentantin der Grossen Göttin eigenes politisches Gewicht und ist mehr als ein blosses Anhängsel des Königs. ( Dies ist ja selbst noch bei den equidenkriegerischen Hethitern, bis 1.500 v. Chr. der Fall: Die " Mutter des Königs" und Königin ist die Repräsentantin der "Sonnengöttin von Arinna", der " Königin von Himmel und Erde" und übt als TAWANANNA, d.h. "Götter-Mutter", reale politische Macht aus.)

Gemeinsamkeiten und grosse Ähnlichkeit mit der Ubaid-Kultur zeigen daher auch die "sanften" Bovidenkulturen in der Ägäis, wie im minoischen Kreta, im Indus-Tal, wie in der Harappa-Kultr und auch noch die pharaonische Kultur des Alten Reiches.

In Ägypten behielten , seit der Einwanderung von Rinderbauern aus Süd-West-Asien, die dort ab 4.500 v. Chr. die NAQADA-Kultur mit Tempel-Städten gründeten und danach ganz Oberägypten beherrschten, auch im Alten Reich (3.200 v. Chr.) die grossen Mutter-Göttinen NUT-ISIS-HATHOR noch ihre hervorragende Bedeutung: Der Falkengott der Oberägypter HORUS hat zwei Mütter: HATHOR und ISIS . ISIS war auch die "Göttin des Thrones" (ähnlich wie Inanna die "Göttin der Krone und des Zepters" war). HORUS, " Sohn der Isis", wurde dann der höchste Himmels/Sonnen-Gott und galt als irdische Inkarnation des Pharao.

Damit war jeder Pharao "Sohn der Isis", und es war , neben seinem Vater, dessen Thronfolger er war, auch seine königliche Mutter, der er den Thron verdankte. ( "Isis IST der Thron"). Dies macht deutlich , dass für die Thronfolge anfangs die patrilineare Abstammung vom König nicht ausreichte , sondern auch , innerhalb des strikt bilinearen Systems, der Matrilinearität noch erhebliche Bedeutung verblieben war.

Viele Gemeinsamkeiten mit der UBAID-Kultur finden sich auch in der HARAPPA- Kultur des Indus-Tals, die um 3.300 v. Chr. von Rinderbauern gegründet wurde. Diese Kultur ist gekennzeichnet durch grosse Zitadellen-Städte mit Tempeln, einer Verwaltungsaristokratie und einem Wasser-Kult. Nach S.N. Kramer waren die Gründer der Indus-Kultur Rinderbauern der UBAID-Kultur, die aus ihren mesopotamischen Tempel-Städten um 3.300 v. Chr. über Elam in das Indus-Tal geflohen waren vor dem Einmarsch der Sumerer.

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Obwohl ihre Zitadellen-Städte, in denen die eingewanderte Aristokratie sich niederliess, von einheimischen, überschichteten Arbeitskräften gebaut wurden, blieb auch hier das hierachisch-patriarchale System sanft. 

Erst nach der Eroberung Indiens durch die Arier, mit ihren pferde-bespannten Streitwagen und ihrem kriegerischen Charakter , wird sich das Los der Frauen fortlaufend verschlechtern.

Den Beginn einer totalen, ja totalitären, Machtübernahme durch das Patriarchat, die eine Entmachtung und Herabwürdigung der Grossen Göttin zur Voraussetzung hatte und damit den priester-königlichen Männern eine Unterdrückung und Verachtung der Frauen ermöglichte, können wir historisch -wie oben gezeigt- auf 1.700 v. Chr. bis 1.100 v. Chr. datieren. Wir sehen daraus, dass sich die Rinderbauern erst zu "professionellen", martialischen Equiden-Kriegern "fort-entwickeln" mussten , bevor sie die Göttin "mit Füssen treten" konnten, gerade so, wie die babylonischen Priester um 1.100 v. Chr. den , auf der Quadriga dargestellten, Kriegs-Gott MARDUK ,nach seinem grandiosen Sieg, den verfluchten weiblichen Unterleib der "Mutter aller Götter" Tiamat zertrampeln lassen. (vgl. meinen *Essay, S. 456).

Hier sehe ich den historischen Anfang einer semitischen Theologie (die dann auch von den indoeuropäischen Herrschafts-Eliten begierig aufgegriffen wurde ) , in der uns nicht nur eine Verachtung , sondern ein pathologischer Hass auf alles Weibliche entgegen schlägt und die in der Hexenverbrennung oder in der Genital-Verstümmellung der Frauen kulminiert.

FAZIT: 

Kulturhistorisch ist die Entwicklung zu (a) hierarchischen arbeitsteiligen Gesellschaften mit (b) patriarchalen Paarungsfamilien mit Privateigentum als neuer Wirtschaftseinheit , zur (c) Patrilokalität der Exogamie und (d) zu einem bilinearen Verwandtschafts-System mit Patrilinearität , eine Errungenschaft der Rinderbauern-Kulturen des Chalkolithikums, , ist also frühestens auf 5.000 v. Chr. anzusetzen.

Es ist daher unbefriedigend, wenn eine so verdienstvolle Historikerin wie Gerda Lerner in ihrer Patriarchatsforschung feststellt:

Die Entwicklung des Patriarchats könne nicht in einem kausalen Zusammenhang mit der Viehzucht stehen, weil es Viehzucht auch schon in vor-patriarchalen Gesellschaften gegeben habe. (aaO. S. 46).

Diese Feststellung ist richtig und falsch zugleich: 

Richtig ist nur, dass die frühere Domestikation und Zucht des Kleinhornviehs (Caproviden), die ich als Modus II des Neolithikums beschreibe, und der Entwicklung zum Patriarchat kein Zusammenhang zu erkennen ist. 

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Unzutreffend ist, dass kein Zusammenhang bestünde zwischen der Viehzucht von BOVIDEN , (Modus III ) und der Entwicklung zum Patriarchat, wie ich hoffe überzeugend nachgewiesen zu haben. 

Ebenso deutlich ist der Zusammenhang zwischen der Equiden-Zucht und der Fortentwicklung zum hoch-militarisierten Patriarchat zu erkennen. Die Boviden-Kulturen liessen den Frauen noch gewisse Freiheiten, in den Equiden-Kulturen werden sie an den Zügel genommen, meist mit Kandarre.

Tiefenpsychologisch offenbart dies Verhalten der Männer eine Angstneurose vor der "Zügellosigkeit" der Frau, vor ihrer Untreue und "Unzucht" , oder "Sumpfzeugung", wie Bachofen diese Angst später nachempfindet .

Wir können auch erkennen, wie mit der Institutionalisierung von Herrschaft, einer männlichen Domäne, die Herrsch-Sucht ständig zunimmt, weil dadurch die infantilen Omnipotenzgefühle unreifer Männer bedient werden . 

Männer, die fähig waren, einen Stadt-Staat zu beherrschen und zu regieren, lernen sehr schnell: Ein Staat braucht unterwürfige und das heisst vor allem gottes-fürchtige Untertanen. Dies machte alle Furcht-Religionen so erfolgreich und attraktiv als Politische Theologien. Und wir verstehen auch, dass jene Furcht-Religionen um so notwendiger wurden, je mehr Fron-Arbeit die Herrschenden von ihren Untertanen forderten.

vgl. ferner  in dieser Website :

Reflexionen zum Fruchtbarkeitskult

Sumerer, Semiten , Indoeuropäer: Streitwagen-Krieger

Indoeuropäer und Kurganpopulationen: Streitwagenkrieger

Hyksos, Hurriter, Mitanni : Streitwagen-Krieger

Tod und Wiederaufertsehung des Dumuzi

"Sumerische"  Götter-Genealogien

Das  bilineare Thronerbrecht der Pharaonen

Streitwagen-Krieger in  China : Patriarchalisierung der  Mythen

und zur  prä-hethitischen Rinderzüchter-Kultur im Land HATTI:

Das Thronerbrecht der Hethiter : "Hethiter und das Land HATTI "

(In Kulturen ohne Domestikation der grossen Huftiere und Hirten-Gesellschaften , d.h. ohne Domestikation der grossen Huftiere  -wie in Amerika-  übernahmen  JÄGER-KRIEGER, die weniger von der Jagd , als von der Unterwerfung und Ausbeutung der Kulturen von Ackerbauern lebten, die patriarchalische  priesterfürstliche Herren-Rolle, z.B.  Real Alto-Kultur, Chavin, Moche, Olmeken , Zapoteken, Maya und in der Neuzeit Inka und Azteken).        

Hierzu in dieser Website :

Kontaminierter  "Schöpfungs-Mythos"   der MAYA

Missionarisch  kontaminerte Mythen der  INKA 

gerd_bott_die_erfindung_der_goetter_th_180

 

Im Buchhandel erhältlich und bei

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