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J.H. Reichholf: Das Rätsel der Menschwerdung

"Die Entstehung des Menschen im Wechselspiel der Natur" - dtv-Wissen  , 8.Aufl. 2010 

Trotz einer Reihe zutreffender Erkenntnisse ist das im Jahre 1989 geschriebene Buch in wesentlichen Teilen überholt ; denn die verarbeitete  wissenschaftliche Literatur endet im Jahre   1993 (vgl. S. 286 f.), wie  der Autor seiner  "Einführung zur Neuauflage 2004 "  (S. 273 ff.) einräumt .

Richtig bleiben die  Grunderkenntnisse ,  dass der  "homo sapiens" , wie heute unsere Art genannt wird (nicht mehr  "homo sapiens sapiens") , in Afrika entstanden ist, ebenso wie die Vorgänger-Arten "homo erectus" , "homo habilis"  und die Australopithecinen.

Richtig ist auch, dass die  Australopithecinen den aufrechten Gang lange vor dem Hirnwachstum der   "homo"-Gattungen entwickelt hatten .

Zutreffend ist, dass der Neanderthaler,( heute  "homo neanderthalensis" und nicht mehr "homo sapiens neanderthalensis" genannt ) kein Vorfahr des homo sapiens ist und dass es  weder im Genom des homo sapiens , noch im Genom der Neanderthaler  irgendeinen Hinweis auf  Gen-Mischung der beiden Arten gibt .

Richtig ist, dass unsere Art  "homo sapiens" , wie auch seine Vorfahren , sich vorwiegend vegetarisch  vom Sammelgut  und nicht von der Jagdbeute ernährten . Anders ist dies bei den   Neanderthalern , die ihre Ernährung stärker der Jagd verdankten, etwa so wie die Esquimos . ( die  sich ja  zur  Hälfte ,  oder mehr , von tierischen Proteinen ernähren ).

Zutreffend ist ferner , dass  schon die Gruppen des  "homo habilis" aus  50 Individuen und damit 25 Erwachsenen bestanden (so S. 137) , also ähnlich gross waren, wie bei den Bonobos . Dass mit der Hirnvergrösserung auch die Gruppengrössen zunahmen (wie  Aiello/Dunbar evolutionsbiologisch nachgewiesen haben) war dem Autor noch unbekannt .

Richtig ist, dass die Zwichengeburtszeiten der  sapiens-Frau  4 Jahre betrugen (S. 154) , dass das  "Neotonie" -Argument verfehlt ist , (S. 158)  und dass die sapiens-Frauen ihre Geburtsschwierigkeiten durch gegenseitige Hilfe , durch  HEBAMMEN,  überwanden . (S. 159)

Unzutreffend, weil durch neuere Forschungen überholt,  sind  vor allem folgende Angaben des Zoologen und Evolutionsbiologen  Reichholf :

(1) Die Emigration des  "homo erectus" aus Afrika, zuerst nach Asien und dann auch Europa,  fand nicht erst vor 1 Million Jahren statt,   sondern  bereits vor 1,8  Millionen Jahren hatte der  "erectus" Zentralasien erreicht und vor knapp 1 Million Jahren auch Europa. Die Immigration des  "homo erectus  ANTECESOR"  nach Europa ist   durch Funde spanischer Paläoanthropologen in Atapuerca  (Gran Dolina) auf mindestens  800.000 Jahre datiert worden .

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(2) Die heute übliche Differenzierung zwischen dem  "homo erectus " und dessen Nachfahren, dem "homo heidelbergensis", fehlt noch vollständig . Jener  "homo heidelbergensis", der sich in Afrika vor etwa  1 Million Jahren aus dem  "homo erectus"  entwickelte und es zu einem Hirnvolumen von 1000 ccm zu 1.200 ccm brachte,  war  jene  "erectus"-Art , die als zweite Emigrationswelle  Afrika verliess, und zwar vor  mehr als  600.000  Jahren . Diese fortentwickelte homo erectus-Art war es, die sowohl die Vorfahren des Neanderthalers als auch des homo sapiens sind .

Ab 500.000  hinterlässt der "heidelbergensis" fossile Spuren überall in Europa  , und die Funde dieses Typs in Sima de los Huesos   (Atapuerca) zeigen , dass die  heidelbergenses   vor  300.000 Jahren auch Spanien  erreicht hatten . Es sind diese Populationen des europäischen heidelbergensis, die die unmittelbaren Vorfahren der Neanderthaler sind , wie heute anthropologisch feststeht . Nicht die Neanderthaler selbst wanderten von Afrika nach Europa, sondern deren Vorfahren.  Der Neanderthaler entstand vor rd. 200.000 Jahren in Europa.

(3) Aus  den in Afrika verbliebenen Angehörigen der Art   "heidelbergensis" wird sich der  "anatomisch moderne Mensch",  der  "homo  sapiens", entwickeln, und zwar ebenfalls vor etwa 200.000  Jahren, also etwa zur gleichen Zeit, zu der sich   in Europa der Neanderthaler  aus dem  europäischen "heidelbergensis"  entwickelt .

(4) In Bezug auf das Hirnvolumen , das ja bei den Neanderthalern grösser ist als bei den homines sapientes , übersieht Reichholf, dass  die absolute Hirngrösse  , mit  welcher der wesentlich robustere und schwergewichtige Neanderthaler ausgestattet war , nicht den Schluss auf höhere Intelligenz zulässt , weil der homo sapiens den Neanderthaler mit seinem  "Enzephallisations-Quotienten "  übertrifft . D.h. :  Selbst dann  , wenn man von den Dendriten etc. absieht, ist das  relative , auf das Körpergewicht bezogene , Hirnvolumen des Neanderthalers geringer als das des homo sapiens .

(5) Völlig unzulänglich ist das Kapitel 17  "FEUER" . Obwohl es wortreich bis zur Geschwätzigkeit ist, fehlt die so wichtige Unterscheidung zwischen der  "Nutzung" des Feuers  (die nach dem bisherigen Kenntnisstand schon dem homo erectus zuweilen gelang) und der  "Kontrolle" des Feuers; d.h. Feuer nach eigenem Belieben jederzeit entfachen zu können . Letzteres gelang nach dem bisherigen Kenntnisstand erst dem "heidelbergensis",  und zwar vor  etwa 400.000  Jahren .

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(6) Überholt ist die Angabe, dass der homo sapiens Afrika erst vor 70.000 Jahren verlassen hätte  und dass er  kein Jäger gewesen sei.

(a) Funde in den Höhlen Jebel Quafzeh und Skhul in Palestina, die auf ein Alter von    100.000  Jahren datiert werden,  sind die historisch ältesten Belege für eine menschliche Totenbestattung.  Diese von Afrika  nach  Südwest-Asien eingewanderten Menschen , die dort , lange vor Ankunft der Neanderthaler (die  nachweislich erst  40.000 Jahre später dorthin kamen ) ,  ihre Toten bestatteten, werden  u.a. von den Paläoanthropolgen Atapuercas  (Arsuaga etc,) eindeutig als Angehörige unserer Art  "sapiens" . als "anatomisch moderne Menschen"  beschrieben und angesehen .

Annahmen (u.a in Wikipedia) , es habe sich bei diesen   ersten  Totenbestattern nicht um den homo sapiens , sondern um dessen Vorfahren , den  ( dem Neanderthaler ähnlichen) homo heidelbergensis ,  gehandelt,  erweisen sich damit als unhaltbar .

(b) Dass der afrikanische  "homo sapiens"  kein  Grosswildjäger gewesen sei, wie Reichholf behauptet, ist eine unhaltbare These. Richtig ist, dass "sapiens" vorwiegend vom Sammelgut  und nicht von der Jagd lebte ,  und dass die Neanderthaler ihre Ernährung stärker der Jagd verdankten, etwa so wie die Esquimos .

(7) Ein Musterbeispiel für ideologische  Befangenheit sind die Ausführungen   des Autors , mit denen er die menschliche  "Kernfamilie" , also die  Paarungsfamilie von Mann , Frau und deren Kindern,  als naturgegebene  Familienform des Menschen hinzustellen sich bemüht .

Um die  entlarvende Argumentation deutlich zu machen, analysiere ich seine bemerkenswerten Aussagen und Schlussfolgerungen . Reichholf schreibt :

" Die Kernfamilie ist , daran kann wohl kein Zweifel sein , die Grundeinheit menschlicher Sozietät  und nicht die  Weibchengruppe , wie bei den Menschenaffen  oder den Löwen , die wegen ihres Jagdverhaltens als Modell der frühmenschlichen Verhältnisse angesehen worden sind.

Lassen wir die Menschenaffen als starke Vegetarier , die nur gelegentlich Fleisch verzehren, beiseite und wenden wir uns den Löwen zu "  (S. 153 ) .

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Hier  wird kritischen LeserINNEN  (hoffentlich ) auffallen , wie trickreich der Autor die  "Menschenaffen" , d.h. die Paniden und speziell die Bonobos (pan pniscus)  ,  "beisete" lässt , und zwar mit dem  nichtssagenden Argument, weil sie sich überwiegend vegetarisch ernährten . Genau diese überwiegend vegetarische Ernährung schreibt der Autor in seinem Buch aber ebenso immer wieder dem  "homo sapiens" zu . Es gibt also wissenschaftlich keinen Grund , die Paniden  "beiseite" zu lassen .

Reichholf hingegen hat sehr gute Gründe , sich , statt auf die   "Weibchengruppe" der  Bonobos , auf die Löwinnen  zu konzentrieren, weil er weiss, dass  dieser Vergleich sein  "Kernfamilien-Dogma" nicht , wie die Bonobos,  erschüttern kann ;  denn seine Prämisse ist ja :

" DARAN  KANN  WOHL  KEIN  ZWEIFEL  SEIN"

Alles also, was solche Zweifel könnte aufkommen lassen, muss rasch , mit einem Nebensatz   "BEISEITE" gelassen,  d.h.  entsorgt werden .

Mit Hingabe wendet sich Reichholf also lieber ausführlich  den  Löwinnen zu , damit er zu folgendem Schluss gelangen kann :

"Hierin äussert sich eingrundlegender Unterschied zum Gruppenleben der Frühmenschen , das wir zwar nie in unmittelbaren Sinne kennen werden, weil die Zeit nicht zurückzudrehen ist , für das  aber  so sichere Hinweise vorliegen, dass wir keinen Zweifel zu haben brauchen .  Die Frühmenschenhorde war kooperativ , während  im Löwenrudel beide Geschlechter  ihre eigenen Strategien verfolgen.  (S. 154).

Sehr richtig:  Der Mensch sollte nicht mit dem Löwenrudel verglichen werden, wo ja der Infantizid in gleicher Weise die Regel ist, wie beim Gorilla.

Die  wissenschaftlich zu erörternde Frage , der Reichholf ausweicht ,  ist :

Wie haben sich die Frauen bei den Paniden und den homo-Gattungen organisiert und verhalten , um den , noch beim Gorilla üblichen,  Infantizid  auszuschliessen  ? Mit dieser entscheidenden  Frage  befasse ich mich in meinem Buch * .

Ferner: Dass die   "Menschenhorden"kooperativ" waren , ist zutreffend . Allerdings lässt dieser Befund keineswegs die   Schlussfolgerungen zu , die Reichholf  daraus zieht , indem er gegen die Logik verstösst :

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"Bei Menschen liegen die Verhältnisse ganz anders (als bei den Löwen) .  Der Zusammenhalt (gemeint ist die Kooperation) garantiert den Überlebenserfolg des Nachwuchses. Verglichen mit der Löwin investiert die Frau das Sechs - bis Neunfache in das  Baby bis zur Geburt und danach mindestens das  Zehnfache.
Das geht nur , wenn die Paarbindung lange genug anhält .......
Die intensive Betreuung des Nachwuchses hat sich durchgesetzt. Wenn es dafür überhaupt biologische Gründe gibt , dann müssen sie mit der Investition beider Geschlechter in den Nachwuchs zusammenhängen. Die Basis hierzu vermittelt der  "Geschlechtervertrag", die ungeschriebene Gesetzmässigkeit ,  dass der Mann mehr von jener Nahrung beibringt, welche die Frau  nötig hat , und umgekehrt.  Diese wechselseitige Arbeitsteilung bildet einen "reziproken Altruismus" , bei dem jeder Beteiligte langfristig weitaus mehr gewinnt, als er alleine und egoistisch zustande bringen könnte .
(S. 156 f.)

Bemerkenswert ist  zunächst  die zutreffende  Feststellung: ...und umgekehrt.  Diese wechselseitige Arbeitsteilung bildet einen "reziproken Altruismus".

Diesen  Aussagen kann zugestimmt werden  mit Ausnahme des unlogischen   , und  damit verräterischen, Satzes: ...Das geht nur , wenn die Paarbindung lange genug anhält.

Wieso   sollte  ein  " reziproker Altruismus" , den es ja auch bei den Paniden gibt , beim Menschen plötzlich nicht als phylogenetisches Erbe der Gruppe, sondern nur möglich  sein auf der Basis  "lang andauernder Paarbindung"  ?  Für eine solche Annahme  bringt der Autor keinen einzigen  Beleg und auch kein Argument vor.  Er übersieht, dass ein "reziproker Altruismus", ein "Geschlechtervertrag", auf kollektiver Basis evolutionsbiologisch noch viel erfolgreicher ist, als auf   individueller . Das ist verräterisch .

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Dass der Autor sich hier in der  patriarchalischen  Monogamie-Ideologie verfangen hat, wird dann auch  deutlich durch folgende merkwürdige  Schlussfolgerung:

"Die Frauen  konnten  den Geburtsschmerz nur deshalb  in Kauf nehmen , weil sie in der Horde der hinreichenden Versorgung durch ihre Männer sicher sein konnten.

Wären sie  auf sich alleine  gestellt gewesen  oder hätten sie, wie die Löwinnen , den grössten Teil des Beutemachens selbst bestreiten müssen , wäre ein derartiger Geburtsverlauf unmöglich gewesen .  Nie hätte die schwangere Frau alleine die Strapazen ausgehalten, die mit dem Leben in der Savanne  verbunden waren".  (S. 160) .

Mit  solchen  Sätzen   macht der Autor  seine Denkfehler  deutlich

(1) Keine der Frauen war je auf sich    "ALLEINE GESTELLT" , denn zu ihrer Lebensgemeinschaft  gehörten  ja  viele weitere  erwachsener Frauen, die  ihr auch  Geburtshilfe leisteten , wie Reichholf ja zuvor auf Seite 159  selbst ausgeführt hatte . Er will hoffentlich nicht plötzlich behaupten, dass nicht die Frauen die Hebamnnen-Hilfe geleistet hätten, sondern die  Männer .

(2) Wie Reichholf zuvor immer wieder ausgeführt hatte , waren die Frauen für eine  "hinreichende Versorgung" keineswegs von der Jagdbeute der Männer abhängig:  Er bestreitet sogar, dass die Männer der afrikanischen homo sapiens Jäger gewesen seien. (s. oben S. 248 f, 234 ).  und anerkennt, dass die Gruppen sich überwiegend vom Sammelgut der Frauen ernährten .

(3) Bemerkenswert ist auch sein Satz: "Die Frauen konnten in der Horde der hinreichenden Versorgung durch ihre Männer sicher sein".

Das ist nicht falsch. Die Frauen konnten dessen genau so sicher sein , wie   "umgekehrt" die Männer der  "reziprok-altruistischen" Versorgung durch

das Kollektiv der sammelnden Frauen sicher sein konnten . Der gravierende  Denkfehler des Autors besteht darin, dass er ein  kollektives Verhalten  der Gruppe gedankenlos umdeutet in ein individuelles  Paar-Verhalten .

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Wie die soziale Organisation der Bonobos beweist, ist es der  kollektive "reziproke Altruismus" der  Gruppe .  Es gibt  absolut keine Belege dafür, dass dies bei den homo-Gruppen anders gewesen wäre ,  und einer solchen Annahme fehlt zudem  die wissenschaftliche  Plausibilität ; denn auf kollektiver Basis bietet ein  "reziproker Altruismus" für die Gruppe einen solch evidenten  Selektionsvorteil,  wie es ein   "Paar-Egoismus"  nie könnte.

Die Schlussfolgerung des Autors erweist sich also als nicht plausibel , ja als unsinnig und damit als  reine Ideologie.

In Kapitel 25 schreibt Reichhholf zutreffend, jede These  " muss auch genügend  Ansätze für kritische Überprüfungen offenhalten, sonst würde sie zum Dogma . "

An diese Erkenntnis hätte er sich  vor allem beim Thema   "Kernfamilie" und "Paarbindung" halten sollen , statt uns mit seiner  "Löwinnen-Geschiche" in die Irre zu führen .

vgl. zu diesem evolutions - und sozio- biologischen Thema  meine  *Essays

Evolutionsbiologische Thesen zu paläolithischen Sozialverbänden (S. 238 )
Unhaltbare Thesen zur monogamen Paarbindung der paläolithischen homo sapiens (S. 273)
C.O.  Lovejoy zum Ursprung der monogamen Paarungsfamilie (S. 294),

sowie in diesem Blog:

Die vergebliche Suche des Biologen Robert Trivers nach dem Urvater

Wo ist der PHALLUS des UR-VATERS ?

Anmerkung zum Artikel   " SEX FÜR BEUTE"

ZUM   "DARWIN CODE"  von  Thomas  Junker  
Nachträge zur  *Anm. 4,  S. 238 ff.  :
"Evolutionsbiologische Thesen zu paläolithischen Sozialverbänden"

Reflexionen zur Fruchtbarkeits-Symbolik
und zur kulturellen Entwicklung  des  menschlichen Sexualverhaltens

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