logo

ANMERKUNG zum Artikel " SEX FÜR BEUTE "

( Spiegel online 8.4.2009)

Der Artikel lässt befürchten, dass ein Denkfehler zu einer weiteren anthropologischen Irrlehre führt: Dass männliche Paniden, die weibliche Gruppenmitglieder mit fleischlicher Jagdbeute versorgen, dafür mit Sex belohnt werden - wie Primatenforscher  vom Max Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig  nachgewiesen haben- ist keine neue Erkenntnis und soll nicht angezweifelt werden.

Der Denkfehler aber ist, dass  - so der Spiegel-  die Forscher  Cristina GOMES  und Christophe BOESCH  es deshalb für möglich halten, dass auch  "der erfolgreiche Jäger" des paläolithischen homo sapiens die Frauen durch seine Jagdbeute hätte  beeindrucken und sexuell geneigt machen und somit erhöhte  Chancen der Reproduktion hätte gewinnen können.

Diese Annahme beruht auf einem Denkfehler, weil sie die fundamentalen Unterschiede im Jäger-Verhalten ausser acht lässt:

Die Jagd-Beute eines Paniden sind kleine Säuge- und Jungtiere, die von einem einzelnen , ohne Kooperation, erjagt werden können, so dass ein Individuum allein über seine Beute verfügen und diese  gezielt verschenken kann, womit er sich als  "erfolgreicher Jäger" und tüchtiger Nahrungsbeschaffer qualifiziert, was ihm einen Reproduktionsvorteil verschafft.

Ganz anders verlief hingegen  die Jagd beim paläolithischen homo sapiens, so dass sich ein Komparatismus verbietet: Gejagt wurden grosse Huftiere, und eine solche Grosswildjagd ist nur möglich durch ein kooperierendes Jägerkollektiv, dessen Mitglieder  sämtlich mit Speeren bewaffnet sind und die das Grosswild gemeinsam angreifen und zur Strecke bringen. Ein typisches Beispiel  für das, was  Michael Tomasello " shared intentionality" nennt, eine Eigenschaft , die uns Menschen von den Paniden grundsätzlich unterscheidet.

Es mag  im Jägerkollektiv zwar besonders gute Speerwerfer geben, aber eine solche besondere Fähigkeit eines Individuums ist für den Jagderfolg der Gruppe nicht ausreichend. Die Fähigkeit eines alten Jägers , Spuren lesen und das Wild aufspüren zu können, ist für den Jagderfolg ja oft die entscheidende Voraussetzung. Jedes Individuum der Jägergemeinschaft leistet einen notwendigen und gleichwertigen Beitrag. Bei der lebensgefährlichen Grosswildjagd ist jeder vom anderen abhängig.   "Den erfolgreichen Jäger" gibt es nicht , und deshalb verfügt auch nicht ein einzelner, sondern die Jägergruppe  "ZUR GESAMTEN HAND"  über die Jagdbeute, die  ein einzelner ja nicht einmal zum Lagerplatz, wo sich die Frauen und Kinder aufhalten, verbringen könnte. Der Transport der Beute ist eine logistische Leistung, in der sich auch Gruppenmitglieder  hervortun können, die  als Speerwerfer nur mässiges Talent haben.

-  2  -

Kurz : Da der Jagderfolg eine Gesamtleistung des Kollektivs ist, tritt also , in der Wahrnehmung der Frauen, niemals ein einzelner Mann als  "der erfolgreiche Jäger" in Erscheinung,  und es ist  auch nicht ein einzelner, sondern die Gruppe , die über die Jagdbeute verfügt.

Auch sind die Frauen nicht von der  "Grosszügigkeit" der Männer abhängig.  Da das Sammlerinnenkollektiv der Frauen regelmässig zwei Drittel der Gesamtnahrung herbeischafft und damit auch die Männer der Gruppe alimentiert und grundernährt, ist es selbstverständlich, dass die Gruppe der Frauen und Kinder ebenso einen Anspruch auf ihren Anteil an der von den Männern erlegten Jagdbeute hat. Keine der Frauen ist deshalb  abhängig von der Freigebigkeit des Jägerkollektivs , geschweige denn von jener eines einzelnen Jägers.

Wenn also  einer der Männer von seinem persönlichen Anteil an der Jagdbeute  einer begehrten Frau ein zusätzliches  Geschenk macht , so erweist er sich ihr gegenüber zwar als  altruistisch-freundschaftlich,  nicht aber als   "besonders erfolgreicher Jäger".  Wenn es auch beim homo sapiens  "Sex für Beute" gegeben haben sollte , so wäre dies eine Anerkennung seines Altruismus und nicht hingegen seiner besonderen    " Jägerqualität".

Da Michael Tomasello , der die  "shared intentionality"  der homines sapientes richtig erkannt hat, am gleichen Institut arbeitet, ist zu hoffen, dass dies  auch von Gomes und Boesch verstanden und nicht eine weitere "sozialdarwinistische"   Irrlehre in die Welt gesetzt wird.

Gerhard Bott *

*Die Erfindung der Götter. Essays zur politischen Theologie.

ISBN 978-3-8370-3272-7

 

Von: Dr. Gerhard Bott 

Datum: 19. April 2009 21:18:44 GMT+02:00

An: "Prof.Dr. Christophe Boesch" 

Betreff: " Sex für Beute"

Sehr geehrter Herr Professor Boesch,

erlauben Sie mir, Ihnen als Anhang  eine Anmerkung zum SPIEGEL-Artikel zu mailen, hoffend, dass der Spiegel die Sache nicht recht verstanden hat, was die Möglickeit des Komparatismus von den Paniden zum homo sapiens angeht.

Andernfalls   wäre ich für Erwägung meiner Gegenvorstellungen dankbar.

Zusätzlich gestatten Sie mir bitte im weiteren Anhang einen Hinweis auf mein soeben erschienenes  Buch, in welchem ich mich eingehend mit den Sozialverbänden des paläolithischen homo sapiens befasst habe.

Mit verbindlichen Empfehlungen

Gerhard Bott

gerd_bott_die_erfindung_der_goetter_th_180

 

Im Buchhandel erhältlich und bei

Books on Demand (BOD)

Amazon.de

Google Books