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Zum Wortstamm "arché" im Begriff "Matriarchat"

1) Schon die ACHÄER, die nach 2.000 v. Chr. als patriarchale Streitwagenkrieger und Rinderbauern nach Griechenland eindrangen und dort ihre Herrschaft in Stadt-Königtümern aufrichteten, verwendeten das Wort "arché", wie "archon" , im Sinne von Herrschaft.

Etymologisch leitet sich archon (wie archein und archè) ab von DER/DAS ERSTE SEIN. Der ERSTE wurde aber schon von den Achäern verstanden als der OBERSTE, der Herrscher. 

Im gleichen Sinne, wie der archon der "Erste", der "Oberste" , der Herr im Staat war, so war der Patri-arch der Oberste in der Familie. Die etymologische Wurzel "Der (oder das) Erste sein ", eben arché, störte diese Verwendung des Wortes als "Herrschen" oder "Vorherrschen" keineswegs, war praktisch damit gleichbedeutend.

Wichtig ist hier ferner, festzuhalten: Das Wort oder den Begriff MATRIARCHAT gab es zur Zeit der Achaier überhaupt nicht. Sie kannten nur das Patriarchat.

2) Eine vor-achäische, d.h. "vor-patriarchalische" , "griechische" Sprache ist uns nicht bekannt. Wenn wir in die Zeit vor den Achaiern zurückgehen möchten, müssten wir deren Vorfahren unter den kaukasischen Kurganpopulationen suchen, die dort um 4.000 v. Chr. das Pferd domestiziert hatten; d.h. die vor-patriarchale Zeit der Achäer liegt im Dunkel. Ob und in welchen Sinne sie einen Begriff wie "arché" verwendet haben, wissen wir nicht. Aber wenn sie ein Wort für DAS oder DER ERSTE in Gebrauch hatten, war "Der Erste" sicher immer derjenige, der Befehlsgewalt ausübte ; denn ein chalkolitisch-patriarchales Rinderbauerntum geht ja bereits der Equidendomestikation voraus.

3) Erst um 600 v.Chr. haben wir Belege dafür, dass das Wort arché , zuerst von Thales von Milet, so zu sagen philosophisch altertümelnd, erneut in seinem etymologischen Ursprung verwendet wurde im Sinne von "Das Erste", "Das Erst-Seiende", was wir , zutreffend, auch mit Ur-Kraft, Ur-Prinzip, Ursache und Ursprung übersetzen.

Dieser archaisierende Wortgebrauch der ionischen Naturphilosophen fällt also in eine Zeit, als die patriarchalischen dorischen Reiterkrieger nach Griechenland , in das Gebiet der Achäer, eingedrungen waren und dort die Stadt-Königtümer der Achäer überlagert hatten. Die Ionier, die genau wussten, was Herrschaft war, was archon und arché politisch bedeuteten, griffen in ihrer Naturphilosophie, die nach dem "Ersten", dem Ursprung, d.h. nach der vorherrschenden Ursache des Seienden suchte , auf die archaisch-etymologische Wurzel zurück.

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Die primordiale Urkraft enthält und enthielt vor allem für die herrschaftlich straff organisierten Griechen, gedanklich immer die Idee von "Das Vorherrschende", "Das Beherrschende", das am Ur-Anfang stand. 

Dass etwas durch herrschaftfreie Selbstorganisation hätte entstehen oder zustande kommen können, war selbst den herrschaftsgewohnten Entdeckern der Geistesfreiheit noch ein fremder Gedanke. 

4) Die Mythen von der Existenz eines "Matriarchats", oder einer "Gynaikokratie" , kommen erstmals in dorischer Zeit auf: Erfunden wurde dieser Begriff und der Terminus von den patriarchalischen Mythographen, und diese verwendeten ihn seit der Prägung immer als ideologischen Kampfbegriff im Sinne von "Weiber-Herrschaft", d.h. spiegelbildlich zum Patriarchat, genau so, wie Bachofen es uns beschrieben hat.

Es gab also nie einen "vor-patriarchalen" Begriff , oder Terminus "Matriarchat", sondern dieser war eine Begriffsschöpfung des Patriarchats. (vgl. hierzu meinen Essay "Bachofen, das Mutterrecht und die Amazonen" , S. 487 ff. "Die Erfindung der Götter"*).

Folglich hat es auch keine "patriarchalisierende Umdeutung" des Begriffes gegeben, weil es ja eine patriarchalische Wortschöpfung war. 

Die Auffassung, "die Griechen" (und ebenso die Urvatergemeinde) hätten einem ursprünglich anderen, herrschaftsfreien, Begriff von Matriarchat erst die patriarchalisierende Bedeutung i.S.v. Herrschaft untergeschoben" , wie manchmal behauptet wird, ist deshalb unzutreffend und unhaltbar. 

5) Bachofen hatte ja die von den Griechen erfundene, und von ihm für bare Münze genommene, Gynaikokratie, auch als "Mutterrecht" bezeichnet. Bei Bachofen bedeutet "Mutterrecht", ebenso wie Matriarchat, Weiber-Herrschaft.

Spätere Autoren, die unter "Mutterrechtlichen Kulturen" dann nur noch Matrilinearität und Matrilokalität verstanden wissen wollten, wie -vor allen- Pater Wilhelm Schmidt und die Wiener Schule (oder auch noch K.J. Narr in seinem berühmten Anthropos-Aufsatz über "Mutterrechtliche Züge in Catal Höyük") und andere Autoren, die bei Mutterrecht an Herrschaftsfreiheit dachten, benutzten dennoch den Terminus Matriarchat und matriarchal gleichbedeutend mit Mutterrecht, obwohl sie damit keineswegs dasselbe meinten, wie Bachofen und die Griechen.

Dadurch entstand erhebliche Verwirrung darüber , was jeweils gemeint war; ein Gedankenmorast war entstanden.

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Aus diesen und anderen Gründen habe ich mich nicht nur gegen den Terminus "Matriarchat", sondern auch gegen den so kontaminierten Begriff "Mutterrecht" gewendet, sofern damit nicht einzelne, konkrete Rechtsverhältnisse, sondern eine ganze Sozialordnung beschrieben wird.

Es war also die patriarchalische Wissenschaft, die die Termini Mutterrecht und Matriarchat zeitweilig für beides benutzte: Die einen für Herrschaft (wie Bachofen), die anderen für Herrschaftslosigkeit (wie P.W. Schmidt).

Es waren also patriarchalische Wissenschaftler, die erstmals (vorübergehend) den Begriff Herrschaft aus dem Terminus Matriarchat entfernten.

Seit Beginn der 80er Jahre wurde von der Soziologie Klarheit geschaffen, um der Verwässerung des Begriffs durch die Wiener Schule und der dadurch entstandenen Verwirrung zu entkommen. Dem Begriff wurde seine ursprüngliche kulturhistorische Bedeutung, die die Wortschöpfer hineingelegt hatten, zurückgegeben, d.h. er wurde wieder, wie seit der Begriffsbildung, als Spiegelbild zum Patriarchat verwendet, genau in dem Sinne, wie er ursprünglich von den Griechen geprägt und , in polemischer Weise, verwendet worden war.

6) Den Begriff "Archetypus" prägte Platon in Anlehnung an den, zuvor erwähnten, altertümelnden Wortgebrauch der vorsokratischen Naturphilosophen. Diese Wortschöpfung kann ebenso wenig als Argument dafür herangezogen werden , dass deshalb bei den Begriffen "Patriarchat" und "Matriarchat" der Wortstamm arché in gleicher Weise nicht Herrschaft bedeuten würde , sondern als "Am Anfang die Väter" , bzw. "Am Anfang die Mütter" zu lesen sei. 

Aus einer solchen Neuprägung kann deshalb nicht geschlossen werden , die Griechen, d.h. die Achäer oder Dorer, hätten mithin "arché" nicht als Herrschaft verstanden. Die Wortwurzel DER/Das ERSTE war schon bei den Achäern längst zum Begriff " Herrschaft" (Der Oberste) geworden. ( Ziff. 1 ).

7) Wenn also von einigen AutorINNEN der sogen. "Matriarchatsforschung" versucht wird, den Begriff von "Herrschaft" aus dem Terminus Matriarchat zu entfernen und durch "Ursprung" zu ersetzen, so handelt es sich dabei um eine a-historische Neudefinition.

Der Versuch, einem historisch festgelegten Begriff eine Bedeutung zu unterschieben , die er, seinem geschichtlichen Ursprung nach , nie hatte, ist mithin ein geschichtsfeindliches Verfahren.

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Einige , sich selbst so nennende, "Matriarchatsforscherinnen" berufen sich sogar auf den Terminus "Archäologie" , um ihren Matriarchats- Begriff semantisch mit "Anfang", oder "Ursprung" und nicht als "Herrschaft" zu rechtfertigen . Dies ist als Argument besonders ungeeignet, weil der Wortstamm in diesem Terminus nicht "arché" ist , sondern "archaios", d.h. "alt". 

FAZIT:

Genau so wenig, wie Patriarchat jemals "Am Anfang die Väter" bedeutet hat, bedeutete etwa in einer urgeschichtlichen"Frauensprache," Matriarchat 

jemals "Am Anfang die Mütter" , oder "Ursprung der Mutter" oder Ähnliches . Falsch ist deshalb die Annahme, der Begriff Matriarchat wäre inhaltlich vom Patriarchat verfälscht, kontaminiert , worden, indem das archè in "Matri-archat" bösartig uminterpretiert worden wäre in Herrschaft. 

Matriarchat hätte für die griechischen Mythographen von Anfang an Herrschaft bedeutet.

Es fällt mir bei dieser Sachlage schwer, zu verstehen, warum so viele patriarchatskritische Frauen an diesem, vom Patriarchat erfundenen (und verlogenen), Kampfbegriff festhalten wollen.

Diejenigen, die sich zum Beispiel der Hoffnung hingeben,

 "dass der Matriarchatsbegriff nicht auszulöschen ist, aber irgendwann auch nicht mehr zum Fallstrick seiner Benutzer wird,"

übersehen m.E. folgendes:

Eine von der Urbedeutung abweichende Neu-definition (vor allem mit dem wissenschaftlich unhaltbaren "arché"-Argument), bleibt ein "Fallstrick" weil der Begriff "matriarchy" von der internationalen , d.h. englischsprachigen , Kulturwissenschaft immer spiegelbildlich zu "patriarchy" verstanden wird , und zwar schon wegen der etymologisch gleichen Termini wie "monarchy", "oligarchy", "hierarchy" etc. 

Das Argument der deutschen "Matriarchatsforschung" , dass "archy" zwar immer Herrschaft bedeutet , nur bei matriarchy angeblich nicht, entbehrt jeder Logik. Ein so unlogischer deutscher Sonderweg hat deshalb , auch seiner Provinzialität wegen, keine Chancen , wissenschaftlich ernst genommen zu werden. Nichts hat dies ja deutlicher gemacht als die "Anti-Gimbutas-Kampagne". (vgl. dazu meinen Essay in diesem Blog ). Dies ist auch der Grund, warum sich so bedeutende Wissenschaftlerinnen wie Marija Gimbutas und Gerda Lerner ausdrücklich von dem Begriff "Matriarchat" distanziert haben. 

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Hinzu kommt, dass jener unglückliche Terminus auch von der sogen. "Matriarchatsforschung" sehr unterschiedlich verstanden und verwendet wird: Durch den sogen. "Grundsatzartikel" auf der homepage von Göttner-Abendroth z.B. wird deutlich, dass diese Autorin unter "Matriarchat" keineswegs die matrifokalen (oder "matrizentrischen") Gemeinschaften des Paläolithikums versteht, sondern in "Kriterien der matriarchalen Gesellschaft" datiert sie die "Entstehung" des Matriarchats erst in die Zeit der technologisch hoch entwickelten PFLUG-Ackerbau-Gesellschaften mit komplexen Bewässerungssystemen, also ins Neolithikum. 

Eine kritische Patriarchatsforschung lehnt deshalb aus Gründen wissenschaftlicher Präzision den Begriff Matriarchat ab.

vgl. dazu ferner  in diesem Blog:

Die Anti-Gimbutas-Kampagne:  Der Kampf gegen die Göttin

"Mutterrecht"  versus  "Muttertum" bei Bachofen

Zur sozialen Organisation der Boviden-Züchter:
Catal Höyük , Bandkeramiker, Städte-Gründer von El Ubaid

gerd_bott_die_erfindung_der_goetter_th_180

 

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